Kapitel 1 — Der Verstoßene
Der Regen fiel wie Nadeln auf die zerbrochenen Dächer der Unterstadt, als Kaelric das Urteil sprach.
Tristan kniete in der Mitte des Kreises, umgeben von den Ältesten des Rudels, deren Augen im schwachen Licht der Notlampen wie glühende Kohlen wirkten. Über ihnen ragten die Betonskelette der alten Stadt auf, ausgeweidete Hochhäuser, in denen einst Menschen gelebt hatten, bevor die Vampirklane sich die Nächte zurückerobert hatten. Jetzt waren sie nur noch Gerippe, in denen der Wind pfiff wie ein hungriges Tier.
„Du hast das Rudel verraten", sagte Kaelric. Seine Stimme war ruhig, aber jedes Wort traf wie ein Peitschenhieb. „Sechs Brüder sind tot, weil du die Position der Vardossa-Klan nicht gemeldet hast. Du hast geschwiegen, Tristan. Aus Angst. Aus Stolz. Ich weiß es nicht, und es spielt keine Rolle mehr."
„Ich habe nicht geschwiegen aus Angst", presste Tristan hervor. Seine Krallen gruben sich in den nassen Beton. „Ich wusste nicht—"
„Du wusstest genug." Kaelrics Blick wanderte über den Kreis der Ältesten, sammelte ihre stummen Nicken ein wie Beweisstücke. „Das Rudel kann sich keinen Zweifel mehr leisten. Nicht jetzt, wo wir kaum noch dreißig Seelen zählen. Nicht, wenn jeder von uns ein Leben wert ist, das wir uns nicht mehr leisten können zu verlieren."
Ein alter Wolf namens Ossian trat vor, sein Fell grau und schütter vom langen Krieg. „Es gibt einen Weg, das zu vermeiden, Kaelric. Er ist jung. Er könnte noch—"
„Er ist ausgestoßen." Kaelric hob die Hand, und Ossian verstummte. „Das ist das Urteil des Rats. Ab dieser Nacht bist du kein Wolf des Rudels mehr, Tristan. Kein Bruder. Kein Sohn dieser Erde, die wir mit Blut verteidigen. Du gehst allein in die Stadt, und wenn du zurückkehrst, wirst du als Feind behandelt."
Tristan erhob sich langsam. Der Regen lief ihm über das Gesicht, vermischte sich mit etwas, das er nicht als Tränen zulassen wollte. Er sah in die Gesichter der Wölfe, die er sein Leben lang gekannt hatte — Gesichter, die sich jetzt abwandten, eines nach dem anderen, als wäre er bereits ein Geist.
„Ihr werdet mich noch brauchen", sagte er leise. Es klang nicht wie eine Drohung. Es klang wie eine Prophezeiung, die selbst er nicht glaubte.
Niemand antwortete. Kaelric drehte sich um, und der Kreis der Ältesten löste sich auf wie Rauch im Wind, jeder zurück in die Dunkelheit der Ruinen, in die notdürftigen Baue, die das letzte bisschen Sicherheit boten, das dem Rudel geblieben war.
Tristan blieb allein zurück, im strömenden Regen, unter dem Skelett eines Wolkenkratzers, dessen oberste Stockwerke von einer nächtlichen Explosion vor Jahren zerfetzt worden waren. Irgendwo dort oben, in den höheren, unzerstörten Türmen der Stadt, herrschten die Vampirklane — Vardossa, Nocturne, und die anderen, deren Namen die Wölfe nur noch flüsterten. Dort oben gab es Licht, Musik, Blut, Macht. Hier unten gab es nur die Nässe und die Kälte und das Wissen, dass er ab dieser Nacht nichts mehr war.
Er dachte an die alte Schrift, die seine Mutter ihm einst vorgelesen hatte, bevor der Krieg sie geholt hatte — Worte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, halb Gebet, halb Warnung: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Als Kind hatte er sie für einen Trost gehalten. Jetzt klangen sie wie Hohn.
Er warf den Kopf zurück und heulte — nicht aus Trauer, sondern weil es das Einzige war, was ihm noch gehörte. Der Klang hallte durch die leeren Straßenschluchten, prallte von Glas und Stahl ab, bis er sich in der Stille der Nacht verlor.
Niemand kam. Niemand würde mehr kommen.
Tristan wandte sich von den Ruinen des Rudels ab und ging in die Dunkelheit der Stadt hinein, dorthin, wo die Vampire herrschten und wo, wie er bald erfahren sollte, sein Schicksal bereits auf ihn wartete — in Gestalt einer Frau, deren Macht der seinen in nichts nachstand, und deren Name er noch nicht kannte.
Lisa.