Prolog

1315 Words
Prolog Vorsichtig bewegte sich der große Rehbock durch das dichte Unterholz. Er blieb stehen und blickte sich um. Sein braunes Fell sträubte sich, als ein Schauder durch seinen Körper fuhr und seine Ohren zuckten, um auch jedes noch so leise Geräusch wahrzunehmen, das nicht in seinen Lebensraum gehörte. Seine großen, dunkelbraunen Augen suchten das Gebüsch nach einer Gefahr ab, die er witterte, aber nicht sehen konnte. Nach einem weiteren zögerlichen Schritt wirbelte er plötzlich herum, sprang rasch über einen Baumstamm und verschwand im Wald. Ein leiser Fluch entwich der Gestalt, die unbeweglich am Boden lag. Langsam kam der Mann aus seinem Versteck, in seiner Hand hielt er ein großes Jagdmesser. Er hatte seit drei Tagen nichts gegessen. Als er aufstand und die Blätter und Zweige von seinen Schultern wischte, traf ihn ein heftiger Schlag mitten in den Rücken, sodass er nach vorne fiel und regungslos liegen blieb, da er wusste, dass er gerade getötet worden war. „Letztes Zielobjekt erledigt“, sagte Trisha leise in ihr Mikrofon. Sie schob den Bogen wieder in den Gurt, der um ihren Körper geschnallt war und begann, den großen Baum herunterzuklettern. Selbst als sie sich bewegte, war sie fast nicht zu sehen, da sie im Schatten der Äste blieb. Sie sprang das letzte Stück und ging auf den Mann zu, der ausgestreckt auf dem feuchten Waldboden lag. Ihre Pistole fest an sich gedrückt, kniete sie sich neben ihn und begutachtete den roten Fleck, der sich auf seinem Rücken ausbreitete. Ein sauberer Schuss, dachte sie. Rückgrat durchtrennt, Pfeil direkt durchs Herz, vollkommen geräuschlos. „Gut gemacht, Kleine“, sagte eine tiefe Stimme voller Stolz. „Zehn von zehn erledigt. Ziel markieren und dann komm rein.” Mit einem Grinsen beugte sich Trisha zu der Zielperson hinunter und berührte sie. „Hab‘ dich, du bist dran“, sagte sie. Stöhnend drehte sich der Mann um und blickte in die glänzenden, dunkelbraunen Augen des Mädchens, das über ihm stand. Sein einziger Trost war, dass er als Letzter gefangen worden war. Blöd war nur, dass ein zwölfjähriges, kleines Mädchen ihn ausgeschaltet hatte. Damit würden ihn die Jungs aus seiner Staffel nun sein ganzes Leben lang aufziehen. „Daddy sagt, wir können jetzt zurückkommen“, sagte Trisha und hielt dem Soldaten, der gerade ein Intensiv-Überlebenstraining bei ihrem Vater absolvierte, eine Hand hin, um ihm aufzuhelfen. „Was hat mich verraten?“, grummelte der Mann, als er langsam wieder aufstand. „Dein Magen“, erwiderte Trisha grinsend. „Du hättest vor zwei Tagen diese Käfer essen sollen oder die Fischreste, die der Grizzlybär gestern übriggelassen hat. Die waren gar nicht so schlecht.“ Der Mann grunzte nur und ließ seine Schultern kreisen, in der Hoffnung, dass dann der Schmerz in seinem Rücken, wo Trisha ihn mit dem Pfeil getroffen hatte, etwas nachlassen würde. Die Pfeilspitzen enthielten eine Spezialfarbe, sodass die Ausbilder sehen konnten, wenn jemand getroffen wurde. Das Problem war, dass es höllisch wehtat. Er würde mindestens eine Woche lang einen Bluterguss von der Größe eines Tennisballs auf seinem Rücken haben. „Woher weißt du das mit den Käfern und dem Fisch?“, fragte der Mann und versuchte, einen Blick über seine Schulter zu werfen, um zu sehen, wie es für ihn ausgegangen wäre, wenn sie ihn mit einem richtigen Pfeil getroffen hätte. „Ach, etwa eine Stunde nachdem ihr losgegangen seid, habe ich eure Spur gefunden. Ihr habt wirklich gute Spuren hinterlassen, also war es nicht allzu schwer, euch zu folgen. Jedenfalls habe ich gesehen, wie du darüber nachgedacht hast, ob du sie essen solltest“, erwiderte Trisha, während sie über einen Baumstamm stieg. „Übrigens, ich habe dein Rückgrat durchtrennt und der Pfeil hätte dein Herz durchbohrt und dich sofort getötet.“ Erstaunt schüttelte der Mann den Kopf. Was für ein Vater brachte seinem kleinen Mädchen zum Spaß Spurenlesen, Jagen und Töten bei? Einer seiner Kameraden bei den Navy SEALs, der Spezialeinheit der US-Marine, hatte das Trainingsprogramm ebenfalls absolviert und ihm von dem Vater-Tochter-Gespann erzählt. Noch nie hatte es jemand auf Anhieb geschafft durchzukommen, ohne abgeschossen zu werden. Sehr wenige schafften es, wenn überhaupt, beim zweiten oder dritten Mal. Und wenn sie es geschafft hatten, schickte der Vater sie nochmal los und setzte seine Tochter auf sie an. Das hatte noch nie jemand überstanden. „Warum hast du mich nicht schon früher abgeschossen?“, fragte der Mann. Er folgte dem Mädchen einfach, ohne zu fragen, wo sie waren oder wohin sie gingen. „Ach, ich beobachte meine Beute gerne, um herauszufinden, wie sie denkt. Mein Daddy sagt, dass man viel über einen Menschen herausfinden kann, indem man sich ansieht, wie er auf sein Umfeld reagiert. Du hast deine Sache ganz gut gemacht, als du gemerkt hast, dass ich dich verfolgt habe. Ich fand es gut, dass du den Fluss genutzt hast, um deine Spuren zu verwischen“, sagte Trisha und bog auf einen schmalen Wildpfad ab. „Danke“, murrte der Mann erneut. Dante Rodriguez hörte aufmerksam zu, während Trisha ihm erklärte, was er richtig gemacht hatte und ihn auf einige Dinge hinwies, die er falsch gemacht hatte. Er schüttelte seinen Kopf, weil er nicht glauben konnte, dass er hier mit einer Zwölfjährigen sprach. Sie wirkte viel älter. Sie bewegte sich mit einer Geschicklichkeit und einem Selbstbewusstsein, woran man deutlich merkte, dass sie Erfahrung mit ihrer Umgebung hatte und sich dort wohl fühlte. Er dachte daran, wie er und die anderen neun Jungs in seiner Staffel gelacht hatten, als sein Kommandant ihnen mitgeteilt hatte, dass sie an einem Wildnis-Überlebenscamp von Grove Wilderness Guides, einem privaten Unternehmen in Wyoming, teilnehmen würden. Die Jungs hatten alle Witze gemacht, dass sie nach der Grundausbildung in Camp Coronado mit allem klarkommen würden. Natürlich hätten die Navy SEALs nie damit gerechnet, es mit einem äußerst talentierten, zwölfjährigen Mädchen aufnehmen zu müssen. „Daddy!“, quiekte Trisha plötzlich und rannte los. Dante sah zu, wie das schlanke Mädchen von einem großen starken Mann in die Arme geschlossen wurde. Später am Abend lag Trisha auf dem Dach vor ihrem Schlafzimmerfenster. Ihr Vater verabschiedete sich gerade von den letzten Kunden und sie wartete an ihrem Lieblingsplatz auf ihn. Ihre Augen leuchteten, als ihr großer, muskulöser Vater geräuschlos durch die enge Fensteröffnung gekrochen kam. Einen Moment später setzte er sich neben sie und sie blickten schweigend in den Nachthimmel. „Du hast das heute wirklich gut gemacht, Kleine“, sagte ihr Vater mit rauer Stimme. „Deine Mutter und ich sind stolz auf dich.“ Trisha lächelte und sah zu den funkelnden Sternen hinauf. „Auf welchem ist sie heute?“, fragte Trisha leise. Ihr Vater deutete auf einen besonders hell leuchtenden Stern. „Auf diesem dort“, erwiderte er ebenso leise. „Deine Mutter ist heute auf diesem Stern und sieht von dort aus auf dich herunter. Kannst du sie hören? Sie sagt, was für eine schöne junge Frau du geworden bist und wie stolz sie auf dich ist.“ Trisha lächelte zu dem Stern empor, auf den ihr Vater gedeutet hatte. „Das freut mich. Eines Tages fliege ich da hinauf, um sie zu suchen“, sagte Trisha und wandte sich wieder zu ihrem Vater um. „Und wenn es soweit ist, nehme ich dich mit.“ Der Blick von Paul, Trishas Vater, war fest auf den Stern gerichtet, den er heute Nacht ausgesucht hatte. Er sagte nichts, er konnte nicht. Sein Hals war wie zugeschnürt und er versuchte die Tränen zurückzuhalten, die ihm bei dem unschuldigen Versprechen seiner einzigen Tochter gekommen waren. Seit seine Frau an einem Aneurysma im Gehirn gestorben war, als Trisha ein Jahr alt gewesen war, hatte es nur ihn und sie gegeben. Jeden Abend lagen sie unter den Sternen und suchten immer einen anderen aus. Er nahm Trishas kleine Hand in seine große. „Tu das, Kleine. Tu das, ich begleite dich gerne“, sagte er schließlich.
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