Kapitel 1-1

1798 Words
1 Trisha Grove verzog das Gesicht, als sie die blassen Narben betrachtete, die ihren flachen Bauch verunstalteten. Eine große und ein halbes Dutzend kleinere verliefen kreuz und quer über ihre Haut. Sie zog das schwarze Top ihrer Uniform wieder nach unten, um sie zu bedecken und wandte sich von dem Spiegel ab. Sie stellte sich einen schönen, robusten Aktenschrank aus Metall vor. Als sie eine ganz klare Vorstellung davon hatte, legte sie all ihre schlechten Erinnerungen dort hinein, schloss ihn ab und warf den Schlüssel weg. Dieses verdammte Ding ging einfach immer wieder von alleine auf, doch zumindest dauerte es mittlerweile immer länger, dachte sie zufrieden. Trisha zog ihren Seesack mit dem Logo von Boswell International auf der Vorderseite hervor und packte zwei Outfits zum Wechseln ein, eines für die Arbeit und eines zum Spielen. Obwohl, mit dem Spielen war ja eigentlich Schluss. Ups, dachte sie mit einem tadelnden Lächeln, ganz vergessen. Nachdem sie ihre Tasche gepackt hatte, ging sie wieder zum Spiegel und flocht ihr hellbraunes Haar zu einem Zopf. Ihr Haar war vom Ansatz bis zu den Spitzen stark gelockt. Einmal hatte sie es sich kurz schneiden lassen und festgestellt, dass es ein großer Fehler war! Das Ganze hatte mit einem Afro geendet, auf den der Komiker Carrot Top hätte neidisch werden können, wären ihre Haare rot gewesen. Nach dieser katastrophalen Entscheidung hatte sie ihre Haare wachsen lassen. So konnte sie sie zumindest flechten oder zu ihrer aktuellen Lieblingsfrisur hochstecken. Seufzend betrachtete sie einen Moment lang ihr Gesicht. Sie musste zugeben, dass sie mit ihren achtundzwanzig Jahren gar nicht so übel aussah – zumindest angezogen. Sie war fast einen Meter siebzig groß und eigentlich ganz gut proportioniert. Oben herum war sie etwas breiter, aber nicht zu breit, sodass sie problemlos in ein Cockpit steigen konnte. Ihr langes schmales Gesicht wurde von ihrem fast hüftlangen Haar umrahmt. Sie hatte eine gerade Nase und ihre Lippen waren nicht zu voll und nicht zu schmal. Am liebsten mochte sie jedoch ihre dunklen, schokobraunen Augen. Sie waren so dunkel, dass ihre Pupillen meist kaum zu sehen waren. Ihr Vater pflegte immer zu sagen, dass sie nicht umsonst braun waren, wenn sie ihm mal wieder das Leben schwer machte. Beim Gedanken an ihn musste sie lächeln aber gleich darauf verdunkelten ihre Augen sich, als ihr auffiel, dass ein Besuch bei ihrem Vater schon längst überfällig war. Eigentlich hätte sie ihn letzten Monat besuchen sollen, doch ihr gingen langsam die Ausreden aus, warum sie immer noch keinen festen Freund hatte. Tut mir leid, Daddy. Ich kann dir die Enkel, die du dir so sehnlich wünschst, nicht schenken, die Ärzte sagen, es ist zu gefährlich. Nein, ich habe niemanden kennengelernt. Ich war zu sehr mit der Arbeit beschäftigt. Nein, ich habe seit der Scheidung nichts mehr von Peter gehört. Ja, ich weiß, dass es da draußen noch andere Männer gibt, die... Trisha zwang sich, innezuhalten. Das reicht, sagte sie zu sich. Es ist drei Jahre her, verdammt. Komm darüber hinweg! Trisha stellte sich ein tiefes, schwarzes Loch vor, warf die ganzen schlechten Erinnerungen hinein und verschloss es mit einem riesigen Metalldeckel. Sie dachte kurz nach und hob den Deckel gerade weit genug hoch, um auch Peter hineinzuwerfen. Dann verschloss sie das Loch wieder. Viel besser. Trisha kicherte. Trisha griff nach ihrer Tasche und blickte sich um, um sicherzugehen, dass sie auch nichts vergessen hatte. Als sie zu ihrem Geländewagen ging, schaute sie in den dunklen Himmel. Ja, er passte zu ihrer Stimmung. Sie fuhr aus der Tiefgarage unter ihrem Wohnhaus heraus und grinste. Zumindest würde sie heute fliegen können. Der Wetterbericht hatte gemeldet, dass es später etwas aufheitern sollte. Gemeinsam mit ihren besten Freundinnen, Ariel Hamm und Cara Truman, sollte sie heute mit dem Prototyp eines neuen Business-Jets, der bald in die Serienproduktion gehen sollte, eine Künstlerin auf die andere Seite des Landes fliegen. Ariel und sie hatten damit schon Testflüge in der ganzen Welt durchgeführt. Der Jet war eine Schönheit mit hochmoderner Steuerung und Ausrüstung. Das elegante Design war für hohe Geschwindigkeiten gedacht und bis jetzt hatte es verschiedenen Wetterbedingungen unglaublich gut standgehalten. Trishas Handy klingelte, als sie die Schnellstraße zu dem privaten Flugplatz von Boswell nahm. Trisha runzelte die Stirn und murrte leise, als ein Auto fast ihre linke Stoßstange abgefahren hätte. Bei schlechtem Wetter schienen auch immer die schlechtesten Fahrer unterwegs zu sein. Trisha drückte einen Knopf am Lenkrad, um den Anruf anzunehmen. „Hallo, Ariel.“ „Hey, Trish“, sagte Ariel. Trisha grinste, als sie hörte, dass Ariel etwas außer Atem war. Bestimmt hatte schon wieder ein Wecker dran glauben müssen. „Hast du deinen Wecker nicht gehört?“, fragte Trisha mit einem Grinsen. Sie hatten heute beide länger geschlafen, da sie gestern bis spät in die Nacht hinein im Trainingssimulator der Boswell Forschungsabteilung gearbeitet hatten, und es hätte Trisha nicht überrascht, wenn Ariel direkt vom Forschungslabor zu der Hundepflegestation gegangen wäre, in der sie ehrenamtlich aushalf. Ariel hätte wirklich Tierärztin werden sollen, dachte Trisha, als sie die Spur wechselte. „Meine verdammten Wecker funktionieren einfach nie. Ich weiß gar nicht, warum ich mir überhaupt noch die Mühe mache, einen zu kaufen. Sie halten sowieso immer nur eine Woche und geben dann den Geist auf“, murrte Ariel leise. „Wie auch immer, ich habe mir den Wetterbericht angesehen und wie es aussieht, können wir am frühen Nachmittag starten. Soweit ich weiß, wollte Abby so schnell wie möglich nach Hause. Ich habe noch nichts von Cara gehört, aber sie sollte auch dabei sein. Ich glaube, sie war in Detroit oder Philadelphia. Ich weiß nicht mehr genau. Jedenfalls, du weißt ja, wie sie auf Flügen so ist. Wir können froh sein, wenn sie nicht versucht, das verdammte Ding auf zehntausend Metern Höhe auseinanderzunehmen oder so. Ach, und Carmen kommt auch mit“, fügte Ariel noch schnell hinzu. Trisha unterdrückte ein Kichern. Sie wusste, dass Ariel im Moment nicht zu Späßen aufgelegt war. Carmen war ein wunder Punkt. Ehrlich gesagt, konnte Trisha verstehen, wie Carmen sich fühlte. Carmen hatte vor drei Jahren auf dramatische Weise ihren Mann verloren. Trisha fand, dass Carmen sich ganz gut schlug, wenn man bedachte, was sie durchgemacht hatte. Sie konzentrierte sich wieder, als ihr auffiel, dass es am anderen Ende der Leitung immer noch still war, weil Ariel auf eine Antwort wartete. „Das ist toll! Ich habe Carmen schon seit ein paar Monaten nicht gesehen. Glaubst du, Cara hat uns das Blind Date schon verziehen, das wir letzte Woche für sie arrangiert haben?“, fragte Trisha. Sie lächelte, bei der hörbaren Erleichterung in Ariels Stimme, als sie das Thema wechselten und über etwas weniger Belastendes sprachen. „Das hoffe ich oder wir müssen womöglich mithilfe unserer Arme nach Kalifornien flattern“, sagte Ariel lachend. Sie hatten eine wichtige Lektion gelernt – niemals, und schon gar nicht in betrunkenem Zustand, ein Blind Date für jemanden zu arrangieren, der nicht nur ADHS hatte, sondern auch klüger als Einstein war. Der arme Mann hatte mitten im Restaurant einen Asthmaanfall bekommen. Weder Ariel noch Trisha, die beide stark angetrunken gewesen waren, hatten etwas davon mitbekommen, bis er schließlich nach Luft japsend den Oberkellner gebeten hatte, einen Notarzt zu rufen. „Ich bin jedenfalls unterwegs und in etwa zwanzig bis dreißig Minuten da“, sagte Ariel. „Klingt gut, ich würde gerne noch einmal die Steuerung überprüfen. Ich weiß, dass wir diese Woche oft im Simulator waren, aber ich würde mir trotzdem gerne nochmal ein paar Dinge ansehen“, sagte Trisha. Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten und legten dann auf. Trisha wusste, dass sie noch einen Anruf erledigen musste, bevor sie losflog. Sie wollte ein Treffen mit ihrem Vater vereinbaren, um ihm endlich von ihrem Vorhaben zu erzählen. Sie wählte seine Nummer und wartete darauf, seine tiefe Stimme zu hören. „Hallo, meine Kleine“, sagte Paul Grove sanft. „Wie geht es dir?“ Trisha lächelte. Sie liebte ihren Vater so sehr. „Mir geht es gut, Daddy. Ich vermisse dich.“ Paul Grove lachte. „Okay, wann kommst du, damit wir für ein paar Tage in die Berge fahren können?“ „Wieso kennst du mich nur so gut?“, fragte Trisha mit einem Seufzer. „Wir sind vom gleichen Schlag, Kleine. Draußen in der Natur, umgeben von Frieden und Stille, können wir alle Probleme der Welt lösen“, erwiderte Paul Grove und kicherte. „Also, nun da diese weisen Worte gesagt wurden, wann kommst du?“ „Ich mache heute für Boswell International einen Testflug nach Kalifornien. Ich sollte irgendwann morgen zurück sein. Ab Montag habe ich Urlaub, also komme ich irgendwann Montag am späten Nachmittag“, sagte Trisha. Trisha benutzte das Wort „Urlaub“, anstelle von „Kündigung“, weil sie nicht wollte, dass ihr Vater sich Sorgen machte und sie keine Zeit hatte, ihm ihre Entscheidung näher zu erklären. Manche Dinge sollte man lieber persönlich besprechen. „Klingt gut. Ich habe bis zum Ende des Monats keine Kunden mehr. Ich werde meinen Kalender freihalten. Wie lange hast du denn vor, zu bleiben?“, fragte Paul etwas schroff. Er wollte nicht zugeben, wie sehr er Trisha vermisste. Er wusste, dass sie jetzt ihr eigenes Leben hatte, doch das bedeutete nicht, dass sie ihm nicht fehlte. „Ich habe bis Ende des Monats frei. Ich dachte, wir könnten uns vielleicht ein bisschen unterhalten, wenn ich komme. Es gibt da ein paar Sachen, über die ich gerne mit dir sprechen würde“, erwiderte Trisha leise. „Natürlich, Kleine. Ich kann es gar nicht erwarten, dich zu sehen.“ „Danke, Daddy, ich rufe dich an, wenn ich am Montag losfahre. Ich hab‘ dich lieb“, sagte Trisha. „Ich dich auch, Trisha“, sagte Paul Grove. „Pass auf dich auf.“ „Immer doch!“, erwiderte Trisha unbeschwert. Sie fühlte sich schon viel besser. Trisha legte auf und konzentrierte sich auf den Rest der Fahrt zum Flughafen. Da gab es viele Dinge, über die sie sich Gedanken machen musste. Sie musste mit Ariel sprechen. Trisha fand, dass es Zeit für eine Veränderung war. Sie hatte bei Boswell International gekündigt und würde zusammen mit ihrem Vater bei Grove Wilderness Guides arbeiten. Nach ihrem Unfall war ihr klar geworden, dass sie es nie in das Raumfahrtprogramm schaffen würde. Sie würde nie zu den Sternen fliegen können. Sie hatte gehofft, dass eine aktive Karriere, die etwas mit Fliegen zu tun hatte, sie glücklich machen würde, doch ihr fehlte einfach etwas. Endlich war ihr klar geworden, dass sie ihre ruhigen Nächte mit ihrem Vater und die Freiheit der Wälder und Berge vermisste. Doch, was sie am meisten vermisste, war das Gefühl, Teil einer Familie zu sein. Es war Zeit, nach Hause zurückzukehren.
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