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1569 Words
Wochen später verstrichen in einem Nebel aus Trauer, Wut und Groll. Amelia aß und schlief kaum noch, ihr einst so fröhlicher Geist war unter der Last des Verrats gebrochen. Ihr Geist war unruhig und unkonzentriert. Eines Morgens wachte sie mit einer Welle von Übelkeit auf, die sie sich am Waschbecken festhalten ließ. Etwas stimmte nicht. Nach einem Arztbesuch bestätigte sich Amelias schlimmster Albtraum. Sie war in der zweiten Woche schwanger. Die Nachricht machte sie sprachlos, ihre Hände zitterten heftig, als sie die Testergebnisse in den Händen hielt. Sie dachte an jene Nacht in der Bar zurück, eine Nacht mit einem Mann, dessen Namen sie nicht kannte und an dessen Gesicht sie sich nicht erinnern konnte. Als sie das Haus betrat und den Umschlag fest umklammerte, riss Valencia ihn ihr plötzlich aus der Hand. „Magst du uns verraten, was in dem Umschlag ist?“, fragte sie lachend und entfernte sich von Amelia. Sie öffnete den Umschlag und runzelte neugierig die Stirn. „Was ist das?“, fragte sie und musterte den Umschlag. Ihre Augen weiteten sich, und dann breitete sich ein bösartiges Grinsen auf ihrem Gesicht aus. Amelia schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, ihr Herz pochte heftig, da sie um das Ausmaß von Valencias Boshaftigkeit wusste. „Tsk, tsk, sieht so aus, als hätte die unschuldige Amelia sich schwängern lassen“, neckte sie Amelia und grinste sie an. Ihr lautes, spöttisches Lachen zog die Aufmerksamkeit von Eileen und ihrem Vater auf sich. Amelia versuchte, den Umschlag zu greifen, aber Valencia hielt ihn außer Reichweite. „Was ist los?“, fragte ihr Vater. „Dad, wusstest du, dass deine unschuldige und perfekte Tochter schwanger ist?“, rief Valencia und wedelte mit dem Papier in der Luft herum. „Mach keine teuren Witze, Valencia“, schimpfte Henry. „Aber Dad, ich mache keine Witze. Hier, lies es selbst“, sagte Valencia und gab ihrem Vater die Papiere. Henry runzelte die Stirn und nahm das Papier entgegen, Eileen eilte zu ihm, um mitzulesen. „Was?“ Henrys Augen weiteten sich ungläubig und sein Gesicht wurde rot vor Wut. „Du bist schwanger, Amelia?“ Amelia schluckte erneut, ihre Kehle war trocken, und sie fühlte sich wie in die Enge getrieben, als Eileen noch Salz in die Wunde streute. „Du hast uns wirklich entehrt, Amelia. Wer ist der Vater? Kennst du ihn überhaupt?“ „Nein! Du kannst nicht unter meinem Dach bleiben und meinen Ruf weiter beschmutzen. Pack deine Sachen und verschwinde sofort. Du bist hier nicht mehr willkommen.“ Amelias Herz sank, aber sie weigerte sich, ihnen ihre Aufgewühltheit zu zeigen. Mit hoch erhobenem Kopf ging sie nach oben, um ihre Sachen zu packen. „Amelia ist wirklich nutzlos und schmutzig. Unehelich schwanger? Wer würde es wagen, sie noch einmal zu heiraten? Oh mein Gott.“ Eileen seufzte und rieb sich die Stirn. „Valencia, bitte sei nicht wie sie, okay.“ „Mama? Denk nicht so über mich, ich würde niemals so sein wie sie. Ich kann sie in der Öffentlichkeit nicht einmal mehr Schwester nennen.“ Als Amelia das Zimmer betrat und die Tür hinter sich schloss, brach alles über sie herein. Ihr Herz zerbrach in tausend Stücke, sie legte ihre Hand auf ihren Bauch und Tränen liefen ihr über das Gesicht. ******* Im Herzen der Stadt ragte Matteo Lior's Villa wie eine moderne Festung über die Skyline. Ein Meisterwerk aus Glas und Stahl, das sich vor dem Hintergrund eines lebhaften Sonnenaufgangs abzeichnete. Das weitläufige Anwesen mit seinen raumhohen Fenstern und Hightech-Ausstattung strahlte Macht und Reichtum aus. Matteo stand trotz der frühen Morgenstunde mit einem Glas Whiskey in der Hand an dem riesigen Glasfenster seines Penthouse. Sein dunkles Haar war leicht zerzaust, sein atemberaubendes Gesicht zeigte keine Regung. Die ersten Sonnenstrahlen tanzten über seine Gesichtszüge und das maßgeschneiderte Hemd, das sich eng an seine breiten Schultern schmiegte. Wochen waren vergangen, doch er schien das Mädchen von dieser Nacht nicht aus seinem Kopf zu bekommen. Er konnte sich noch immer an ihren Duft erinnern, an die schwache Spur auf den Laken, an den Schmerz, den er nicht für möglich gehalten hätte, als sie ihn berührte. Sie hatte etwas in ihm geweckt – etwas Urtümliches und Beunruhigendes. Nach dieser Nacht hatte er sich nicht die Mühe gemacht, nach ihr zu suchen. Er versuchte, sich nicht an sie zu binden, es war eine einmalige Sache und sollte auch so bleiben, hatte er gedacht. Aber dann drängte sich die Erinnerung an sie immer wieder in seinen Kopf. Matteo war stolz auf seine Selbstbeherrschung, seine Fähigkeit, emotional distanziert zu bleiben. Doch ihr neckisches Lächeln, ihre Verletzlichkeit, die Art, wie sie in seinen Armen geschmolzen war – all das machte ihn unruhig. Er hasste den Gedanken, dass jemand so Zierliches wie sie seine Gedanken beherrschte, fluchte leise und stellte das Glas mit einem scharfen Klirren auf die polierte schwarze Theke. Um seine Gedanken daran zu hindern, sich weiter zu verdrehen, hielt er inne, als Schritte auf dem Marmorboden des Flurs widerhallten. Instinktiv drehte er sich um und sah seinen Großvater Elias Lior mit seiner üblichen strengen Miene den Raum betreten. Die Präsenz des alten Mannes war so beeindruckend und einschüchternd wie eh und je, sein silber-schwarzes Haar war ordentlich gekämmt. Sein Gehstock klopfte rhythmisch auf den Boden, während er ging. „Matteo“, begann Elias mit ruhiger, aber ernster Stimme. „Magst du mir sagen, was dich zu dieser unchristlichen Stunde wach hält? Hat eine Frau bereits deine Aufmerksamkeit erregt?“ Matteo presste die Kiefer aufeinander. „Alter Mann, ich bin nicht in der Stimmung für Smalltalk.“ Elias lachte leise, obwohl seine Stimme keinen Humor verriet. „Wann bist du denn jemals in der Stimmung? Aber kommen wir zur Sache, ich bin auch nicht hier, um Höflichkeiten auszutauschen. Matteo, der Vorstand ist unruhig, dein Ruf wird langsam ... zu einem Problem.“ Matteo runzelte die Stirn. „Welcher Ruf?“ „Der, dass du laut Boulevardpresse Männer gegenüber Frauen bevorzugst. Das ist natürlich absurd, aber die Gerüchte halten sich hartnäckig und verbreiten sich jeden Tag weiter. Du hast nichts unternommen, um dich zu verteidigen oder die Nachrichten zu stoppen, und ehrlich gesagt, die Aktionäre werden langsam unruhig. Sie wollen Wachstum, ein familiäres Image, einen Erben.“ Matteo war von solchen Gesprächen nicht überrascht, aber er hatte es satt, sie ständig zu hören, und es ärgerte ihn. „Ich bin niemandem eine Erklärung schuldig, wie ich mein Leben gestalte“, schnauzte er fast mit eiskaltem Tonfall. Elias lehnte sich schwer auf die Theke, sein Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Ich weiß, dass du das nicht musst. Aber du hast ein Imperium aufgebaut, Matteo, und Imperien zerfallen ohne Nachkommen. Der Name Lior braucht mehr als nur Reichtum, er braucht Kontinuität. Es ist an der Zeit, dass du eine Frau findest und diese Gerüchte zum Schweigen bringst.“ „Ich brauche keine Frau, um mich zu beweisen“, sagte er trocken und griff wieder nach seinem Weinglas. Elias richtete sich auf, sein Blick unnachgiebig. „Entweder du übernimmst die Kontrolle über diese Geschichte, oder ich werde es tun. Wenn dein Vater nicht früh geheiratet hätte, wärst du dann hier, um Unsinn darüber zu erzählen, dass du keine Frau brauchst? Ich bin zu alt, um zuzusehen, wie du zerstörst, was ich aufgebaut habe. Die Entscheidung liegt bei dir.“ Mit diesen Worten drehte sich Elias um und ging, sein Gehstock klackerte entschlossen auf dem Boden. Matteo stand schweigend da, die Fäuste geballt. Er hasste solche Diskussionen, besonders mit Elias, der genauso stur und unnachgiebig war wie er selbst. Er holte tief Luft, zog sein Handy heraus und wählte eine Nummer. „Asad“, sagte er, als sein Assistent abnahm. „Du musst jemanden für mich finden. Eine Frau.“ Am anderen Ende der Leitung entstand eine Pause. „Keine Sorge, Sir. Haben Sie ihren Namen?“ „Nein“, gab Matteo zu und fuhr sich frustriert mit der Hand durch die Haare. „Ich will jedes Detail über die Frau, mit der ich eine Nacht in der Scarlett Bar verbracht habe.“ „In Ordnung, Sir, ich werde mich sofort darum kümmern.“ Er brummte und legte auf. Er tigerte im Zimmer auf und ab, seine Gedanken waren unruhig. Es war doch einfach, oder? Die Frau finden und ihr etwas Geld geben, damit sie seine Frau wird, dachte er und hasste es, wie hilflos er sich fühlte. Einige Stunden später kam Asad mit neuen Informationen zurück. „Sie heißt Amelia Harper“, begann er. „Sie ist die Tochter der Familie Harper, die einst wohlhabend war, aber vor kurzem in Ungnade gefallen ist. Sie war mit Liam Grayson verlobt, aber anscheinend ist das nicht gut ausgegangen.“ Matteo runzelte die Stirn. „Ist das alles?“ „Ähm ... sie hat kürzlich das Land verlassen, es gibt keine Spuren oder Neuigkeiten von ihr.“ Asad zögerte. Matteos Stirnrunzeln wurde tiefer. „Verschwunden? Einfach so?“ „Finden Sie sie.“ befahl er mit leiser, aber gefährlicher Stimme. „Aber ...“ „Kein Aber, finden Sie sie“, wiederholte er, ohne Raum für Widerrede oder Zögern zu lassen. Als Asad gegangen war, kehrte Matteo mit zusammengebissenen Zähnen zum Fenster zurück. Er hatte keine Ahnung, warum ihn das so beschäftigte, aber eines war sicher: Amelia Harper war durch Zufall in sein Leben getreten und hatte es durcheinandergebracht. Sie würde nicht ohne Konsequenzen davonkommen.
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