Kapitel 13:
Niemands Gesicht
Der Frühling kam nicht. Der Winter ging nicht. Es gab nur noch Jahreszeiten, die keine waren — Wetter, das wechselte, ohne Bedeutung zu tragen, ohne Erinnerung zu hinterlassen, ohne Schnee, der alles schön machte, ohne Schmelze, die alles sichtbar machte. Nur Nässe. Nur Grau. Nur das Vorbeigehen, das nicht mehr aufhörte.
Esther stand am Fenster ihres Apartments in Greenpoint. Die Wände atmeten nicht mehr. Sie waren — still. Nicht leer, nicht voll, nicht bewohnt. Einfach still. Die Skizzen, die sie gezeichnet hatte, die sie nicht gezeichnet hatte, die sie im Schlaf gezeichnet hatte, hingen da, ohne zu sehen, ohne gesehen zu werden, ohne zu sein.
Das Telefon klingelte. Sie nahm nicht ab. Es war nicht Noah. Nicht Levi. Nicht die Polizei. Nicht Dr. Chen. Es war — niemand. Niemand, der anrief, um zu sagen, dass niemand anrief. Niemand, der anrief, um zu sagen, dass etwas endete, das nie begonnen hatte. Niemand, der anrief, um zu sagen, dass das Gesicht, das sie suchten, das Gesicht war, das sie verloren hatten, das Gesicht war, das sie nie gehabt hatten.
Sie ging hinaus. Nicht zu Levi. Nicht zum Morgue. Nicht zur Brücke. Sie ging durch die Stadt, die nicht mehr atmete, die nicht mehr sah, die einfach — war. Durch Greenpoint, durch Williamsburg, durch Gowanus. Die Straßen waren nass, nicht von Regen, von Nichts, von dem Wetter, das keine Jahreszeit war, von dem Vorbeigehen, das nicht mehr aufhörte.
Sie fand sich vor dem Fotolabor in Williamsburg. Nicht Noahs. Ein anderes. Geschlossen. Verlassen. Die Fenster zerbrochen, die Entwicklungen vergilbt, die Gesichter, die darin hingen, die nicht mehr lebten, die nicht mehr starben, die einfach — waren.
Und dann sah sie es.
Ein Gesicht im Fenster. Nicht ihr eigenes. Nicht Levis. Nicht das von jemandem, den sie kannte. Ein Gesicht, das — niemand war. Keine Geschichte. Keine Wunde. Keine Identität. Aber auch nicht leer. Nicht voll. Nicht unfertig. Etwas anderes. Etwas, das jenseits von all dem lag. Jenseits von Voss, von Markus, von Noah. Jenseits von Esther, von Levi, von Dr. Chen. Jenseits von den Gesichtern, die sie gesehen hatte, die sie nicht gesehen hatte, die sie im Vorbeigehen verloren hatte.
Das Gesicht lächelte. Nicht asymmetrisch, nicht unvollendet, nicht schön in seiner Deformation. Einfach — lächelnd. Ein Lächeln, das keine Bedeutung hatte, keine Geschichte, keine Narbe. Ein Lächeln, das einfach — war.
Esther trat näher. Sie berührte das Glas. Kalt. Nicht mehr da. Nicht mehr fort. Einfach — kalt.
Das Gesicht verschwand. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — weg. Als ob es nie dagewesen wäre. Als ob es immer dagewesen wäre. Als ob die Unterscheidung nicht mehr zählte.
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Levi fand sie am Boden. Nicht bewusstlos. Nicht bewusst. Etwas dazwischen. Etwas, das weder noch war, das beides war, das mehr war, das weniger war, das einfach — war.
Er trug sie in sein Studio. Nicht ihr Apartment. Nicht Dr. Chens Büro. Nicht das Krankenhaus. Sein Studio. Der Ort, wo der Ton weich war, wo die Gesichter warteten, wo er unfertig blieb, wo er nicht aufhörte.
Er legte sie auf die Matratze. Er berührte ihre Stirn. Nicht die Narbe. Die Stirn. Die Stelle, wo das Gesicht begann, wo die Geschichte begann, wo die Identität begann, wo alles begann, was nicht aufhörte.
»Esther«, sagte er. Nicht laut. Nicht leise. Einfach — da. Das Wort, das sie war, das sie nicht war, das sie geworden war, das sie nicht werden wollte.
Sie öffnete die Augen. Sie sah ihn an. Nicht direkt. Nicht weg. Etwas dazwischen. Etwas, das weder noch war, das beides war, das mehr war, das weniger war.
»Ich habe es gesehen«, sagte sie. Ihre Stimme war rau, ungeübt, laut in dem stillen Raum. »Das Gesicht. Das niemand war. Das niemand ist. Das —«
»Wo?«
»Im Fenster. Im Labor. Im Vorbeigehen. Im Nicht-Aufhören. Es war —« Sie hielt inne. Das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie nicht kannte, das sie finden musste, das sie vielleicht nie finden würde. »Es war das Gesicht, das wir alle suchen. Das perfekte Nichts. Das leere Alles. Das —«
»Das was?«
»Das Ende. Und der Anfang. Und die Mitte. Alles auf einmal. Nichts auf einmal.«
Levi schwieg. Er berührte ihre Hand. Nicht die Narbe. Die Hand. Die Finger. Die Stelle, wo sie lebendig war, wo sie warm war, wo sie hier war, wo sie nicht hier war.
»Es war nicht real«, sagte er. Nicht als Frage. Nicht als Feststellung. Etwas dazwischen.
»Es war realer als alles andere. Es war — das Einzige, was real war. Alles andere war —« Esther hielt inne. Sie suchte das Wort, das sie nicht fand, das sie nicht verlieren wollte, das sie nicht halten konnte. »Alles andere war Vorbeigehen. Das war — Bleiben. Aber nicht das Bleiben, das wir kennen. Nicht das Bleiben der Narbe. Nicht das Bleiben der Geschichte. Ein anderes Bleiben. Ein Bleiben, das —«
»Das was?«
»Das vergeht, ohne zu gehen. Das bleibt, ohne zu sein. Das —«
Sie schlief ein. Nicht sanft. Nicht abrupt. Einfach — weg. Wie das Gesicht im Fenster. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
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Levi stand auf. Er ging zum Tisch. Der Ton war dort, der wartende, der atmende, der unfertige. Er berührte ihn. Nicht, um zu formen. Nicht, um zu vollenden. Einfach — um zu berühren. Um zu wissen, dass etwas da war, dass etwas warm war, dass etwas lebte, auch wenn es nicht atmete, auch wenn es nicht wartete, auch wenn es einfach — war.
Er formte. Nicht das Gesicht, das er nicht vollenden konnte. Nicht das Gesicht, das Esther suchte. Nicht das Gesicht, das niemand war. Etwas anderes. Etwas, das er nicht kannte, das er nicht verstand, das er einfach — machte.
Die Finger bewegten sich. Der Ton gab nach, verzog sich, wurde wieder glatt, wurde wieder rau, wurde wieder — etwas. Etwas, das weder noch war, das beides war, das mehr war, das weniger war.
Es wurde ein Gesicht. Nicht das von Esther. Nicht das von ihm. Nicht das von niemand. Ein Gesicht, das — alle waren. Die, die sie verloren hatten. Die, die sie gefunden hatten. Die, die sie nie hatten. Die, die sie immer hatten.
Die Augen waren hohl. Aber nicht mehr in der alten Weise. Nicht die Hohlheit des Nichts. Die Hohlheit des Alles. Der Raum, der alles aufnahm, der alles gab, der nicht mehr aufhörte.
Der Mund war grob. Aber nicht mehr in der alten Weise. Nicht die Grobheit des Unfertigen. Die Grobheit des Anfangs. Der erste Ton, der erste Laut, das erste Wort, das noch nicht gesprochen war, das immer gesprochen wurde.
Es war das Gesicht, das niemand war. Das Gesicht, das alle waren. Das Gesicht, das — war.
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Esther wachte auf. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — da. Wie das Gesicht im Fenster. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
Sie sah das Gesicht auf dem Tisch. Sie erkannte es nicht. Sie erkannte es sofort. Es war — das Gesicht, das sie gesehen hatte. Im Fenster. Im Labor. Im Vorbeigehen. Im Nicht-Aufhören.
»Sie haben es gemacht«, sagte sie.
»Nein.« Levi schüttelte den Kopf. Nicht leugnend. Nicht bejahend. Einfach — hin und her. Die Bewegung, die keine Bedeutung hatte, die alle Bedeutung hatte. »Es hat sich gemacht. Ich habe nur — zugesehen. Zugehört. Zugelassen.«
»Was ist es?«
»Es ist —« Er hielt inne. Das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie jetzt beide suchten, das sie vielleicht nie finden würden, das sie vielleicht immer schon gefunden hatten. »Es ist das Gesicht, das wir nicht machen können. Das wir nicht zeichnen können. Das wir nicht formen können. Das wir nur — sein können. Oder nicht sein. Das einfach — ist. Oder nicht ist.«
Esther stand auf. Sie ging zum Tisch. Sie berührte das Gesicht. Nicht mit Zärtlichkeit. Nicht mit Gewalt. Einfach — mit der Berührung, die sie hatte. Die, die sie war. Die, die sie nicht mehr versteckte, nicht mehr formte, nicht mehr zeichnete.
Es war warm. Es war kalt. Es war — da.
»Es hat keine Narbe«, sagte sie.
»Nein.«
»Es hat keine Geschichte.«
»Nein.«
»Es hat keine Identität.«
»Nein.«
»Aber es ist nicht leer.«
»Nein.«
»Es ist nicht voll.«
»Nein.«
»Es ist —«
»Es ist.«
Sie schwiegen. Nicht lange. Nicht kurz. Einfach — so lange, wie das Schweigen dauerte, so lange, wie es dauern musste, so lange, wie es dauern würde.
Dann ging Esther hinaus. Nicht weg. Nicht zurück. Einfach — hinaus. Durch die Tür, durch die Straßen, durch die Stadt, die nicht mehr atmete, die nicht mehr sah, die einfach — war.
Sie ging zur Brücke. Nicht weil sie musste. Weil sie wollte. Weil sie nicht wollte. Weil sie nicht mehr wusste, was Wollen bedeutete, was Nicht-Wollen bedeutete, was die Unterscheidung bedeutete.
In der Mitte blieb sie stehen. Nicht allein. Nicht mit jemandem. Einfach — da. Zwischen den Lichtern, zwischen dem Verkehr, zwischen dem Vorbeigehen, das nicht mehr aufhörte.
Sie hob ihr Handgelenk. Die Narbe war da. Im Licht der Stadt, im Schein der Laternen, im Blick von niemand, von allen, von allem, was sie überlebt hatten, von allem, was sie nicht überlebt hatten, von allem, was nicht aufhören würde, von allem, was aufgehört hatte, ohne zu enden.
Sie berührte die Narbe. Zum ersten Mal. Oder zum tausendsten. Sie wusste es nicht. Sie würde es nie wissen. Sie würde nur — weiter. Nur nicht aufhören. Nur sein.
»Ich bin hier«, sagte sie. Nicht laut. Nicht leise. Einfach — da. Das Wort, das sie war, das sie nicht war, das sie geworden war, das sie nicht werden wollte.
Die Stadt hörte nicht. Die Stadt sah nicht. Die Stadt überlebte nicht. Die Stadt war einfach — da. Wie Esther. Wie Levi. Wie das Gesicht auf dem Tisch. Wie das Gesicht im Fenster. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
Die schöne Narbe blieb.