Episode 15

1479 Words
Kapitel 15: Letztes Vorbeigehen Der Schnee hörte nicht auf. Er war nie angefangen. Esther stand auf der Brücke. Nicht in der Mitte. Nicht am Anfang. Nicht am Ende. An einem Punkt, der keiner war, der alle war, der zwischen den anderen lag, der sie alle verband, der sie alle trennte. Levi war nicht da. Er war überall. Im Schnee, der fiel, der nicht fiel, der einfach — war. In der Stadt, die atmete, die nicht mehr atmete, die einfach — war. In der Narbe, die sie trug, die sie nicht trug, die einfach — war. Sie hob ihr Handgelenk. Die Narbe war nicht mehr rot. Nicht mehr weiß. Nicht mehr da. Nicht mehr fort. Einfach — anders. Ein Zustand, der keiner war. Eine Farbe, die keine war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte, weil sie erzählt worden war, weil sie nie erzählt worden war, weil das Erzählen aufgehört hatte, ohne zu enden. Das Telefon klingelte. Sie nahm nicht ab. Es war nicht mehr da. Nicht das Telefon. Der Klang. Die Erwartung, dass jemand anrief, dass jemand blieb, dass jemand vorbeiging und im Vorbeigehen blieb. Es war niemand. Es war alle. Es war — --- Dr. Chen stand im Garten. Nicht der Garten hinter dem Fenster, der nicht blühte, der bereit war. Ein anderer. Ein echter. Ein Garten, den Esther nicht kannte, den sie nicht verstand, der einfach — da war, weil Dr. Chen ihn gemacht hatte, weil er sich selbst gemacht hatte, weil er gemacht worden war von etwas, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. Die Erde war schwarz. Nicht nass. Nicht trocken. Einfach — schwarz. Die Farbe des Anfangs, der keiner war. Der Farbe des Endes, das keines war. Die Farbe des Dazwischen, das alles war. »Er ist gestorben«, sagte Dr. Chen. Nicht als Einleitung. Nicht als Feststellung. Einfach — da. Das Wort, das keine Bedeutung mehr hatte, weil es alle Bedeutung hatte. »Nicht Levi. Nicht Sie. Nicht —« Sie hielt inne. Sie suchte das Wort, das sie nicht fand, das sie nicht verlieren wollte, das sie nicht halten konnte. »Nicht jemand, den wir kannten. Jemand, den wir nicht kannten. Jemand, den wir kannten, ohne zu wissen, dass wir ihn kannten.« »Wer?« Dr. Chen kniete im Boden. Ihre Hände waren schmutzig, nicht von Erde, von etwas anderem. Von dem, aus dem alles kommt, zu dem alles geht, das nicht Erde ist, das nicht Nichts ist, das einfach — schwarz ist. »Noah«, sagte sie. »Nicht der Noah, den Sie kannten. Nicht der, der Gesichter sammelte. Ein anderer. Oder derselbe. Oder —« Sie hielt inne. Sie hob ihre Hände aus der Erde. Sie waren leer. Nicht leer im Sinne von nichts. Leer im Sinne von alles. Im Sinne von dem, was bleibt, wenn alles andere vergeht. »Er hat sich fotografiert. Das letzte Mal. Nicht das Gesicht, das im Vorbeigehen bleibt. Nicht das Gesicht, das bleibt, ohne vorbeizugehen. Das Gesicht, das —« »Das was?« »Das nicht mehr ist. Das nie war. Das einfach — aufhörte, ohne zu enden.« --- Esther fand Levi im Studio. Nicht das alte. Ein neues. Nicht in Gowanus. Nirgendwo. Überall. Ein Raum, der keiner war, der alle war, der zwischen den anderen lag, der sie alle verband, der sie alle trennte. Er stand am Tisch. Der Ton war nicht mehr da. Nicht mehr weich, nicht mehr hart, nicht mehr wartend, nicht mehr atmend. Einfach — nicht mehr da. Was darauf lag, war — nichts. Alles. Das dazwischen. »Ich habe es weggeworfen«, sagte er. Nicht als Erklärung. Nicht als Entschuldigung. Einfach — da. Das Wort, das keine Bedeutung mehr hatte, weil es alle Bedeutung hatte. »Das Gesicht. Das niemand war. Das alle waren. Das —« »Ich weiß.« »Nein.« Er drehte sich um. Er sah sie an. Direkt. Nicht mehr neu. Nicht mehr alt. Einfach — da. Der Blick, der nichts verlangte, nichts bot, nur war, nur blieb, nur aufhörte, ohne zu enden. »Sie wissen nicht. Niemand weiß. Nicht ich. Nicht Sie. Nicht —« Er hielt inne. Er berührte die Stelle, wo das Gesicht gewesen war, wo der Ton gewesen war, wo das Nichts jetzt war, wo das Alles jetzt war. »Es war nicht das Gesicht, das ich weggeworfen habe. Es war das Gesicht, das mich weggeworfen hat. Das mich nicht mehr wollte. Das —« »Das aufgehört hat, ohne zu enden.« »Ja.« Sie trat näher. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. Näher als früher, weiter als in der Cabin, weiter als auf der Brücke in den Nächten zuvor, in den Nächten, die nie gewesen waren, die immer gewesen waren, die einfach — waren. »Noah ist gestorben«, sagte sie. »Ich weiß.« »Wissen Sie alles?« »Ich weiß nichts. Ich —« Er hielt inne. Er suchte das Wort, das er nicht fand, das er nicht verlieren wollte, das er nicht halten konnte. Das Wort, das alle suchten, das alle fanden, das alle verloren. »Ich spüre. Ich spüre, was aufhört, ohne zu enden. Was bleibt, ohne zu bleiben. Was vorbeigeht, ohne vorbeizugehen. Das —« »Das was?« »Das einfach — ist.« --- Sie gingen zur Brücke. Nicht weil sie mussten. Weil es keinen anderen Ort gab. Weil es nie einen anderen Ort gegeben hatte. Weil alle anderen Orte — die Cabin, das Morgue, das Studio, das Büro, das Apartment, das Labor, der Garten, das Nirgendwo, das Überall — nur Wege zur Brücke gewesen waren, nur Umwege, nur Verzögerungen, nur — In der Mitte blieben sie stehen. Nicht berührend. Nicht berührt. Nicht nur nah. Nicht fern. Einfach — da. Zwischen den Lichtern, zwischen dem Verkehr, zwischen dem Vorbeigehen, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. Der Himmel war — keine Farbe. Nicht grau. Nicht weiß. Nicht schwarz. Einfach — keine Farbe. Der Schnee fiel nicht. Er war einfach — da. Nicht fallend. Nicht liegend. Nicht schmelzend. Einfach — da. Esther hob ihr Handgelenk. Die Narbe war nicht mehr da. Nicht fort. Nicht verschwunden. Einfach — anders. Ein Zustand, der keiner war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte. Eine Identität, die nicht mehr aufhörte, die aufhörte, ohne zu enden. »Sie ist weg«, sagte Levi. »Nein.« »Sie ist anders.« »Ja.« »Was ist sie?« Esther berührte die Stelle, wo die Narbe gewesen war, wo sie nicht mehr war, wo sie immer gewesen war, wo sie nie gewesen war. Die Stelle, die warm war, die kalt war, die einfach — war. »Sie ist —« Sie hielt inne. Sie suchte das Wort, das sie nicht fand, das sie nicht verlieren wollte, das sie nicht halten konnte. Das Wort, das alle suchten, das alle fanden, das alle verloren, das alle wiederfanden, das alle wiederverloren, das einfach — war. »Sie ist Geschichte. Nicht die Geschichte, die erzählt wird. Die Geschichte, die erzählt hat. Die Geschichte, die nicht mehr erzählt werden muss, weil sie erzählt ist. Weil sie —« »Weil sie aufgehört hat, ohne zu enden.« »Ja.« Er berührte ihre Hand. Nicht die Stelle, wo die Narbe gewesen war. Die Hand. Die Finger. Die Stelle, wo sie lebendig war, wo sie warm war, wo sie hier war, wo sie nicht hier war, wo sie einfach — war. Zum letzten Mal. Oder zum ersten Mal. Oder zum einzigen Mal, der je gewesen war, der je sein würde, der einfach — war. Sie zuckte nicht zusammen. Sie zuckte nie zusammen. Sie war einfach — da. Im Vorbeigehen. Im Bleiben. Im Aufhören, ohne zu enden. --- Die Stadt sah nicht mehr. Die Stadt überlebte nicht mehr. Die Stadt war einfach — da. Wie Esther. Wie Levi. Wie die Brücke. Wie der Schnee, der nicht fiel. Wie die Narbe, die nicht mehr war. Wie die Liebe, die nicht mehr aufhörte, die aufhörte, ohne zu enden. Sie standen da. Nicht für immer. Nicht für einen Moment. Einfach — da. Für das, was zwischen dem Vorbeigehen und dem Bleiben lag. Für das, was zwischen dem Aufhören und dem Enden lag. Für das, was zwischen dem Nichts und dem Alles lag. Und dann — Sie gingen. Nicht zusammen. Nicht getrennt. Einfach — gingen. Jeder in eine Richtung, die keine war. Jeder zu einem Ort, der keiner war. Jeder zu einem Gesicht, das keines war, das alle war, das einfach — war. Esther ging durch die Stadt, die nicht mehr atmete, die nicht mehr sah, die einfach — war. Sie ging durch Greenpoint, durch Williamsburg, durch Gowanus. Sie ging zum Morgue, zum Studio, zum Apartment, zur Brücke. Sie ging überallhin. Sie ging nirgendwohin. Und überall, wo sie ging, sah sie Gesichter. Nicht die, die sie gezeichnet hatte. Nicht die, die sie wiederhergestellt hatte. Nicht die, die sie verloren hatte, die sie gefunden hatte, die sie nie gehabt hatte. Gesichter im Vorbeigehen. Gesichter im Bleiben. Gesichter im Aufhören, ohne zu enden. Und jedes Gesicht trug eine Narbe. Nicht sichtbar. Nicht unsichtbar. Einfach — da. Die Geschichte, die erzählt war. Die Identität, die gewesen war. Das Leben, das gelebt war. Die schöne Narbe. Sie blieb.
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