Als sie mir den Rücken zudrehte und wegging, begann mein Gehirn sofort, über die Situation nachzudenken, die sich eben zugetragen hatte. „Hat es etwa gerade zwischen uns gefunkt?“, „Empfindet sie das Gleiche für mich, wie ich für sie?“, „War es ihr unangenehm, mir so lange in die Augen zu schauen?“, „Ist ihr aufgefallen, wie hässlich ich eigentlich bin?“
Dann kam Bruno aus dem Toilettenhäuschen gestürmt. „Sorry, das war ein Notfall.“
“Das habe ich gesehen“, antwortete ich lachend. „Herr Börner hat uns zurück zum Bus gerufen. Wir fahren weiter.“
“Alles klar.“ Bruno blickte auf den Tisch. „Aber die Reste nehmen wir schon noch mit. Ihr habt ja kaum was gegessen!“
Darauf sah er mich mit einem Grinsen an. „Wie war die Zeit nur mit Elisa?“
“Wie, was meinst du?“
“Du weißt schon. Ich weiß doch darüber bescheid, wie sehr du sie magst.“
Mein Gesicht wurde rot. „Woher weißt du das? Ich hatte dir das nie erzählt.“
Bruno lachte. „Man muss schon ein echter Vollidiot sein, um nicht zu checken, wie du sie ansiehst oder dich in ihrer Gegenwart verhältst. Da muss man nur eins und eins zusammenzählen.“
“Deswegen verwundert es mich ja so, dass Du es herausgekriegt hast“, erwiderte ich, was Bruno mit einem dumpfen Schlag auf die Schulter konterte.
„Ich bin dein Wingman Bro“, sagte er. „Ich werde dir helfen, dass du auf der Klassenfahrt deine Chance bei ihr bekommst.“
Ich wusste nicht, ob mich dies erfreuen oder eher verunsichern sollte. „Danke.. schätze ich.“
“Ich bin ein guter Wingman. Du wirst sehen! Wie Barney Stinson aus How I Met Your Mother.“
“Ja, nur ohne dem Anzug und Charme.“
„Ach, jetzt ist es aber mal gut!“
Ich lachte.
“Vertrau mir einfach. Neben mir siehst du besser aus.“
“Hmm, dafür musst du aber auch nicht so viel tun.“ Ich wusste, dass ich mit dem Feuer spielte.
Bruno kniff seine Augen zusammen. „Du kleine Ratte. Komm her!“
Wie ein tollwütiges Erdmännchen, rannte er auf mich los.
Sein zorniger Marsch wurde von Herr Börner gestoppt. „Jungs! Warum seid ihr beiden eigentlich immer die Einzigen, die eine Extraeinladung brauchen? Wir wollen weiter. Die ganze Klasse wartet mal wieder nur auf euch.“
Bruno und ich warfen uns einen amüsierten Blick zu. „Tut uns Leid“, sagte er.
“Na dann kommt.“ Herr Börner geleitete uns zum Bus.
Wir nahmen unsere gewohnten Plätze ein. Kaum hatte sich Bruno hingesetzt, ließ er seinen Kopf gegen den Vordersitz knallen und schlief. Elisa war in einer Unterhaltung mit ihrer Freundin vertieft. Es schien etwas Ernsteres zu sein. Ich bekam mit, dass Michelle Elisa wegen irgendwas kritisierte.
Wir verließen den Rastplatz und begaben uns erneut auf die Autobahn.
Herr Börner packte ein Mikrofon und ergriff das Wort: „Bekomme ich eure Aufmerksamkeit? Bitte alle Gespräche kurz einstellen.. Dankeschön.“
Bruno kommentierte die Aufforderung mit einem Schnarchen und schlief weiter.
„Also, vor uns liegen noch etwa zwei Stunden Fahrt. Ich würde sagen, dass wir die in einem Rutsch durchziehen, damit wir noch etwas vom Nachmittag haben.“
Die Klasse zeigte durch kollektives Nicken ihre Zustimmung.
„Gut. Des Weiteren wollte ich kurz die Zimmerbesetzung absprechen. Wollt ihr, dass wir diese jetzt zusammen planen oder seid ihr untereinander soweit organisiert, dass ihr das selbst hinbekommt? Ich möchte euch nicht eure Autonomie absprechen. Ich weiß, dass ihr alle erwachsen seid. Mir geht es nur darum, dass dann niemand am Ende unzufrieden mit dem Ergebnis ist.“
“Wir bekommen das hin“, sagte Michael, der Klassensprecher. „Soweit ich weiß, haben sich da schon Gruppen gebildet.“
“Okay, perfekt! Dann wünsche ich euch noch allen eine angenehme restliche Fahrt!“ Herr Börner ließ das Mikro zurück schnipsen und setzte sich wieder hin.
Elisa und Michelle führten ihr Gespräch umgehend fort. Mit zunehmendem Verlauf erhöhte sich die Lautstärke, sodass ich inhaltlich mehr mitbekam.
„Wie, du möchtest mit mir nicht mehr auf ein Zimmer?“
“Ich bin es einfach Leid, von dir nicht ernst genommen zu werden. Ich bin dir völlig egal. Das habe ich auch heute wieder gemerkt, als du dich so darüber amüsiert hattest, als Bruno seinen Fuß an meinem Gesicht hatte oder als du mich in der Pause einfach alleine gelassen hattest. Ich wäre vielleicht gerne mitgekommen?“
“Michelle, du bist meine beste Freundin. Ich kann nicht wissen, was du denkst, das musst du mir sagen! Und wegen der Sache mit Bruno habe ich dir schon mehrmals gesagt, dass du da wirklich über reagierst. Generell reagierst du sehr oft über.“
“Da haben wir‘s! Du nimmst mich schon wieder nicht ernst. Eine tolle Freundin bist du.“
“Ach.. Michelle. Im ernst. Es ist für mich auch echt anstrengend, mich permanent für alles rechtfertigen zu müssen.“
“Naja! Deswegen ist es für uns beide gut, wenn ich mit in ein anderes Zimmer gehe. Sarah und Leonie haben noch ein freies Bett.“
“Dann ist es so! Geh doch zu ihnen. Bin ich eben alleine.“
Diese Worte ließen Bruno aus seinem Winterschlaf erwachen. Euphorisch sah er mich an. „Max! Hast du das gehört?“, flüsterte er.
“Ja, Michelle und Elisa hatten einen Streit. Was kümmert es dich?“
“Elisa ist alleine!“
“Und?“
Brunos Augen vergrößerten sich. Für eine Weile sagte er nichts und dachte nach. Anschließend sagte er zu mir: „Egal. Ich ratz nochmal, bis wir ankommen.“