Die Fahrt - Part 3

975 Words
Die Tür des Ladens öffnete sich, gefolgt von sich nähernden Schritten. "Was ist denn los?" Ich drehte mich um. Es war Elisa. Sie sah mich fragend an. "Warum weint denn der Bruno?" Verzweifelt um den Umstand, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich ihr das vernünftig erklären sollte, kam lediglich ein kurzes Stottern aus mir heraus. "Nun... nun ja... ähm..." Sie sah mich besorgt an. "Ist es was Ernstes? Du kannst es mir ruhig sagen." Sie legte eine Hand auf meine Schulter. Mein Blick wanderte runter zu ihrer Hand. "Sie glaubt wirklich, dass sich hier gerade eine ernsthafte Tragödie abspielt." Ich riss mich zusammen und versuchte ihr, die Situation so sachlich zu schildern, wie es eben ging: "Bruno hat das riesige Schnitzelbrötchen auf dem Podest da oben entdeckt und wollte es unbedingt haben. Es ist laut dem Kassierer vom besten Koch Niedersachens gemacht worden. Als Bruno dann den Preis erfahren hat und ich die finanzielle Unterstützung abgelehnt habe, ist er nun in diesen emotionalen Zustand verfallen." Elisa sah mich mit einem irritierten Blick an. Ihre Hand wich von meiner Schulter. "Darum geht es hier?" Darauf prustete sie los. "Und ich dachte schon, jemand sei gestorben!" Ihr Lachen wurde lauter. Es war so ansteckend, dass ich mit einstieg. "Ja! Bei Bruno reicht schon wesentlich weniger aus, um eine existenzielle Krise zu erleiden." Sie ging zu Bruno, der nach wie vor am Schluchzen war. "Hey.. wie wäre es, wenn ich einen Teil mit übernehme?" Darauf sah sie mich an. "Würdest du da vielleicht doch mit einsteigen, Max? Jeder zahlt nur ein Drittel." Normalerweise hätte dies nichts an meiner Entscheidung geändert, aber es war eben Elisa, die mir das Angebot machte. Ich konnte vor ihr nicht wie ein egoistischer Geizhals dastehen. "Ja, okay. Ich bin mit dabei." "Super!", sagte sie und lächelte zu mir rüber. "Siehst du Bruno? Wir haben eine Lösung gefunden." Sie nahm ihn in den Arm, damit er sich beruhigen konnte. "Wir.. wirklich?", fragte er schluchzend. Elisa wandte sich zum Verkäufer. "Wir nehmen das Schnitzelbrötchen bitte." "Okay dokay." Er übergab es, eingehüllt in einer edlen Tüte mit Servietten. Bruno riss die Beute sofort an sich. Seine Stimmung hatte sich schlagartig gebessert. "Los Leute! Lasst uns das Biest draußen am Tisch essen!" Er stürmte aus dem Lokal. Elisa und ich warfen uns einen amüsierten Blick zu, während wir ihm folgten. Als wir beide uns gegenüber zu Bruno setzten, hatte er bereits das Festmahl eröffnet. Genüsslich biss er in sein Teil des Schnitzelbrötchens. Weitere zwei Teile hatte er gnädigerweise für uns in der Mitte des Tischs übrig gelassen. Ich reichte den einen Teil zu Elisa. "Dankeschön.", erwiderte sie. Bruno war fleißig am Mampfen. "Das... ist das Leckerste was ich in meinem Leben gegessen habe!", nuschelte er mit Fleischbrocken zwischen den Zähnen. Darauf tat auch Elisa den ersten Bissen. "Hmm! Das ist wirklich verdammt lecker! Max, probiere du auch mal!" Sie reichte mir das verbliebene Stück. Ich packte das große Stück mit beiden Händen. Überrascht darüber, wie riesig es selbst nach mehrmaligen Teilen noch war, biss ich hinein. Ich musste mir eingestehen, dass es wesentlich besser schmeckte, als ich erwartet hatte. "Wow! Das ist echt gut!" "Ja, oder?", entgegnete sie. Darauf entstand eine Geräuschkulisse seitens Bruno. Ein Magengrummeln war zu vernehmen, gefolgt von einem Geräusch, dass man beim Essen nicht wirklich gerne hört. "Entschuldigt mich! Ich muss aufs Klo!" Bruno ließ sein zerfleischtes Stück Essen fallen und rannte los. Auf seinem Weg zu den Toiletten übersah er eine ältere Dame und tackelte sie fast, konnte dies durch eine scharfe Kurve aber noch vermeiden. Die Konsequenz des Manövers war, dass er ausrutschte und auf den Boden fiel, wobei das zweite Mal das unpassende Geräusch produziert wurde. Sofort stand er wieder auf und erreichte, ohne weitere Vorkommnisse, sein Endziel. Elisa verschluckte sich vor Lachen an ihrem Essen. Auch ich konnte mich nicht mehr bremsen und lachte los. Als ihre Hustattacke kein Ende nehmen wollte und ihr Gesicht allmählich rot anlief, machte ich mir Sorgen. "Ist alles gut??" Sie hustete weitere kräftige Mahle, bis sie zu einer Antwort fähig war: "Ja.. alles gut. Jetzt konnte ich es runterschlucken." Erleichtert atmete ich aus. "Hätte auch schief gehen können. In Filmen sieht man ja häufiger, wie Leute beim Essen einfach draufgehen." Die Farbe kam in Elisas Gesicht zurück. Sie machte mehrere ruhige Atemzüge. "Dein Kumpel ist aber schon ein wahrer Entertainer, kann das sein?" Ich grinste. "Wenn Bruno eines ist, dann wohl das. Mit diesem Idioten wird einem niemals langweilig." Sie lächelte mich mit ihren lieben, braunen Augen an. "Das kann ich mir total vorstellen. Er ist schon was Besonderes." "Oh ja! Das ist er." Darauf fiel mir die Situation im Bus ein. "Hey.. sorry nochmal für seine Aktion im Bus heute Vormittag. Wenn er will, kann er ein halbwegs zivilisierter Mensch sein, aber manchmal hat er dann solche Phasen, wo er mehr einem Primaten ähnelt, der seinen stinkigen Fuß anderen ins Gesicht hält." Sie musste lachen. "Dafür brauchst du dich wirklich nicht zu entschuldigen. Meine Freundin ist da generell sehr schwierig und schnell beleidigt. Sie hat‘s nicht so mit Humor." Sie legte erneut ihre Hand auf meine Schulter. "Aber wirklich lieb von dir, dass du dich entschuldigen wolltest." Ihre wunderschönen Augen funkelten mich an. Ich spürte, wie sich ein warmes Gefühl in meinem Körper ausbreitete. Mein Mund wurde trocken. Die harmonische Stille wurde von Herr Börner beendet. „Die Pause ist vorbei! Alle Schüler bitte wieder zurück in den Bus, damit wir im Zeitplan bleiben!“ Elisa und ich merkten zeitgleich, dass wir uns nun zu lange in die Augen geschaut hatten, als dass es noch als gelegentlicher Blickkontakt gewertet werden könnte, weshalb wir sofort verunsichert in den Himmel starrten. “Ich denke, wir sollten wieder zurück in den Bus.“, sagte sie und stand auf. “Ich warte noch auf Bruno“, entgegnete ich. “Okay.“
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