Kapitel 1: Die Unsichtbare
In den kalten Hallen des Rudelhauses von Silbermond wischte Jasmine mit einem alten Lappen über den Marmorboden der großen Halle. Ihre Knie schmerzten bereits nach Stunden des Schrubben, doch sie beklagte sich nicht. Klagen half niemandem, am wenigsten ihr. Sie war die Bastardtochter, die ohne das heilige Mondsichelmal geboren worden war, jenes silberne Zeichen auf der Haut, das jede wahre Wölfin des Rudels trug. Ohne dieses Mal war sie nichts. Unsichtbar. Wertlos.
Ihre Halbschwester Elara hingegen trug das Mal stolz auf ihrer linken Schulter, ein perfekter Halbmond, der im Mondlicht leuchtete wie flüssiges Silber. Elara war schön, mit langem goldenem Haar, smaragdgrünen Augen und einer Anmut, die selbst die ältesten Wölfe des Rudels in Ehrfurcht versetzte. Sie war die Auserwählte, die zukünftige Luna, die das Rudel in eine neue Ära führen würde. Und Jasmine? Jasmine war die Dienerin, die Elaras Kleider wusch, ihre Mahlzeiten servierte und nachts die Kerzen löschte, wenn die Prinzessin bereits schlief.
„Jasmine! Beeil dich!“, rief eine der Mägde aus der Küche. „Der Alpha erwartet, dass alles makellos ist. Der Erbe kehrt heute zurück.“
Jasmine nickte stumm und wrang den Lappen aus. Der Erbe. Lucian Blackthorn. Der Name allein ließ die meisten Wölfinnen erröten und die Männer die Zähne fletschen. Er war der zukünftige Alpha, brutal, unerbittlich und so mächtig, dass selbst der jetzige Alpha, ihr Vater Viktor, ihn mit einer Mischung aus Stolz und Furcht betrachtete. Man sagte, Lucian habe in den letzten Jahren mehr Feinde getötet als der Rest des Rudels zusammen. Seine Augen sollten die Farbe eines Sturms haben, grau und kalt wie der Winterhimmel vor einem Blizzard.
Jasmine hatte ihn nur einmal aus der Ferne gesehen, vor fünf Jahren, als er das Rudel verlassen hatte, um die Grenzen zu sichern. Damals war er bereits groß gewesen, breitschultrig, mit Haaren so schwarz wie die Nacht. Sie hatte sich hinter einer Säule versteckt, um nicht entdeckt zu werden. Bastarde wie sie durften sich nicht in der Nähe der hohen Tiere aufhalten.
Heute jedoch würde er zurückkehren, und mit ihm würde das Schicksal aller verändert werden. Es hieß, er suche eine Gefährtin. Nicht irgendeine, sondern die perfekte Luna. Und alle wussten, wer das sein würde: Elara.
Jasmine spürte einen Stich in der Brust. Nicht Neid, nein. Sie neidete ihrer Schwester nichts. Elara hatte sie immer verteidigt, wenn die anderen sie verspotteten. Elara hatte ihr heimlich Essen zugesteckt, wenn sie hungerte, und sie in den Nächten getröstet, in denen der Schmerz der Ablehnung zu groß wurde. Elara war der einzige Mensch, der je Freundlichkeit für die unmarked gezeigt hatte.
Deshalb hatte Jasmine geschworen, alles zu tun, um Elara zu schützen.
Sie trug den Eimer in die angrenzende Waschküche, als sie Stimmen hörte. Tiefe, männliche Stimmen. Sie erstarrte. Es war noch zu früh für das Festmahl. Wer war bereits hier?
Leise stellte sie den Eimer ab und schlich näher an die schwere Eichentür, die zur Bibliothek führte. Die Tür stand einen Spalt offen. Jasmine presste sich gegen die Wand und lauschte.
„... sie ist perfekt“, sagte ihr Vater Viktor mit jener öligen Stimme, die er immer benutzte, wenn er etwas wollte. „Elara trägt das Mal. Sie ist stark, gehorsam und wird dir eine würdige Luna sein.“
Eine Pause. Dann eine andere Stimme, tief, rau, wie Kies unter Stiefeln. „Gehorsam? Das ist alles, was du mir bietest?“
Jasmine hielt den Atem an. Das war Lucian.
Viktor lachte leise. „Was brauchst du mehr? Sie wird dir Erben schenken. Starke Erben. Das Rudel braucht Stabilität nach den Kriegen.“
„Erben“, wiederholte Lucian langsam. Das Wort klang wie eine Drohung. „Ja. Erben. Aber lass uns ehrlich sein, Viktor. Ich brauche keine Gefährtin, die mir das Herz erwärmt. Ich brauche eine Zuchtstute.“
Jasmine biss sich auf die Lippe, um nicht aufzukeuchen.
Viktor schien nicht überrascht. „Du weißt, wie es läuft. Die Zeremonie, die Paarung, die Markierung. Danach... kannst du tun, was du willst.“
„Genau das habe ich vor“, sagte Lucian. „Ich werde Elara nehmen. Ich werde sie schwängern. Und sobald das Kind geboren ist und das Rudel gesichert, werde ich sie entsorgen. Eine Luna, die nur zur Schau getragen wird, ist nutzlos. Ich will keine Kette um meinen Hals.“
Jasmine spürte, wie ihr das Blut in den Ohren rauschte. Entsorgen? Ihre Schwester? Elara, die immer gelächelt hatte, die immer geglaubt hatte, dass Liebe und Pflicht Hand in Hand gehen konnten?
„Sie ist meine Tochter“, protestierte Viktor halbherzig.
„Und du hast sie mir angeboten wie ein Stück Fleisch“, erwiderte Lucian kalt. „Mach dir keine Illusionen. Das ist ein Geschäft. Nicht mehr.“
Jasmine wollte weglaufen, wollte schreien, wollte etwas tun. Doch ihre Füße waren wie festgewachsen. Sie musste mehr hören. Musste verstehen.
Plötzlich ein Geräusch. Ein Schritt. Die Tür öffnete sich weiter.
Jasmine wich zurück, stolperte fast über den Eimer. Doch es war zu spät.
Stormgraue Augen trafen ihre.
Lucian stand da, größer als sie ihn in Erinnerung hatte, die Schultern breit unter dem schwarzen Mantel, das Haar zerzaust vom Ritt. Sein Blick bohrte sich in sie hinein, als könnte er durch ihre Haut hindurchsehen. Für einen Moment war alles still. Die Luft knisterte.
„Wer ist das?“, fragte er, ohne den Blick abzuwenden.
Viktor trat neben ihn, runzelte die Stirn. „Niemand. Nur eine Dienerin.“
„Niemand hat Augen wie sie“, murmelte Lucian. Seine Stimme war plötzlich leiser, fast nachdenklich.
Jasmine senkte den Kopf, das Herz hämmerte. Sie wollte verschwinden, doch ihre Beine gehorchten nicht.
Lucian machte einen Schritt auf sie zu. Der Geruch von ihm traf sie wie ein Schlag: Kiefer, Rauch, etwas Wildes, Animalisches. Ihr Wolf, der immer geschwiegen hatte, regte sich plötzlich in ihr. Ein leises Winseln tief in ihrer Seele.
Nein. Unmöglich.
„Sieh mich an“, befahl er.
Jasmine gehorchte zitternd. Ihre Augen trafen seine. Grau wie ein Gewitter. Und darin... etwas blitzte auf. Etwas Altes. Etwas Feral.
Die Welt kippte.
Ein Band. Unsichtbar, doch stärker als Eisen. Es schoss zwischen ihnen hindurch, heiß und brennend. Jasmine keuchte auf. Ihre Haut prickelte, als würde sie zum ersten Mal lebendig werden. Ihr Wolf heulte in ihrem Inneren, forderte, beanspruchte.
Lucians Pupillen weiteten sich. Er ballte die Fäuste. „Was... bist du?“
Viktor lachte nervös. „Sie ist nichts. Kein Mal. Keine Wölfin. Ignoriere sie.“
Doch Lucian hörte nicht zu. Er trat noch näher, bis nur noch eine Handbreit zwischen ihnen war. Jasmine konnte seinen Herzschlag hören, schnell, wild. Ihr eigener raste im Takt dazu.
„Das ist unmöglich“, flüsterte er.
Jasmine wusste, was er meinte. Das Band. Die Gefährtenbindung. Sie, die Unmarkierte, die Wertlose, war die wahre Gefährtin des zukünftigen Alphas.
Ein Schauer lief durch ihren Körper. Angst. Verlangen. Verzweiflung.
„Geh“, sagte Lucian rau. Doch seine Stimme klang gebrochen.
Jasmine floh. Sie rannte durch die Gänge, die Treppe hinauf in ihre winzige Kammer unter dem Dach. Dort warf sie sich auf das schmale Bett und presste die Hände auf die Brust, als könnte sie das Brennen darin ersticken.
Wie konnte das sein? Warum sie? Warum jetzt?
Unten feierten sie Lucians Rückkehr. Lachen, Gläserklirren, Musik. Doch für Jasmine hatte sich alles verändert.
Sie dachte an Elara. An das, was Lucian geplant hatte. An die Worte: schwängern und entsorgen.
Und nun... nun wollte er sie. Die Falsche. Die Unmarkierte.
Tränen brannten in ihren Augen. Sie durfte nicht zulassen, dass das passierte. Sie musste Elara schützen. Musste das Rudel vor dem schützen, was Lucian wirklich war: ein Monster.
Doch tief in ihr flüsterte eine Stimme, die sie nie zuvor gehört hatte.
Er ist dein. Und du bist sein.
Jasmine ballte die Fäuste. „Nein“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Das werde ich nicht zulassen.“
Doch als sie die Augen schloss, sah sie nur noch stormgraue Augen. Und fühlte das Band, das sie für immer verband.
Der Morgen dämmerte bereits, als sie endlich einschlief. Erschöpft. Verängstigt. Und doch... seltsam lebendig.
Unten im Saal stand Lucian allein am Fenster und starrte in die aufgehende Sonne. Seine Hand lag auf seiner Brust, dort, wo das Band pochte.
„Verdammt“, murmelte er.
Denn er wusste: Das Spiel hatte gerade erst begonnen.
Und niemand würde unversehrt daraus hervorgehen.