10.Kapitel Neues Leben?

545 Words
Als wir im Lager ankamen, machten sich die Gesetzlosen sogleich daran, es wieder aufzuräumen. Zerfetzte Planen wurden genäht, Verwüstungen wurden beseitigt. Auch den Leichnam Alberts zogen sie aus dem Zelt. Trübselig schaute ich ihnen zu, jedoch musste ich mich dann doch abwenden. Mein Herz war schwer, hätte ich nicht so eine große Klappe gehabt, würde Albert noch Leben. Und Amanda wäre nicht zur Witwe geworden. Ich wandte mein Pferd um und ritt den Weg zurück. Ich trabte am Rande eines Abgrundes entlang und hielt mich an die Fährte die Clintch schonmal geritten war. Bei den zwei Felsen blieb ich stehen. Die Dosen standen immer noch darauf, einige mit riesigen Löchern in ihrem Metall. Ich stieg vom Pferd ab und stellte mich davor, hob die Pistole und zielte auf die Dosen. Mit schneller Präzision schoss ich eine Dose nach der anderen um. Ich war in Gedanken vertieft und dachte über Jim nach, über Amanda, Albert und Clintch. Und über mich selbst. ,,Lass deine Hand am Abzug locker und verkrampf sie nicht so. So bekommst du ein besseres Gefühl für dein Ziel." Ich zuckte erschrocken zusammen als ich plötzlich eine Stimme neben mir hörte. Clintch hiefte seinen Körper von seinem Schimmel und kam einige Schritte auf mich zu. Er musste mir gefolgt sein. Ich ließ die Arme sinken, doch mein Herz schlug weiter, wild und ungezähmt, ängstlich, wie ein gejagter Hase. Ich starrte Clintch mit großen Augen an. Er hob verwundert eine Augenbraue nach oben und schaute zu mir zurück. ,,Was ist?", fragte er mich schließlich grummelnd. Ich steckte die Pistole wieder zurück. ,,Gar nichts.", murmelte ich und sah zu Boden. Clintch kam einen weiteren Schritt auf mich zu und plötzlich fragte er:,, Mary, sag mal, hast du Angst vor mir?" Seine Stimme klang ruhig. Doch beim genaueren hinhören bemerkte ich einen verletzten Unterton. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich schaute Clintch eine Zeit lang an, mit halb geöffneten Mund, außerstande etwas zu sagen. Seine dunklen Augen waren ehrlich und ungewöhnlich sanft. Ich konnte sagen was ich wollte, er würde es akzeptieren. Letztendlich konnte ich seinen Blick nicht mehr ertragen und wich ihm aus. ,,Vielleicht...", nuschelte ich leise, so leise das ich bezweifelte er habe es gehört. Doch er richtete sich nach meiner Antwort wieder auf. Er nickte nur schwer und zog sich dann zurück. ,,Gut, wenn dem so ist. Dann geh.", murmelte er mit finsterem Ton und wandte sich zu seinem Pferd. Ich blinzelte seinen breiten Rücken verwundert an. ,,Ich soll gehen?", fragte ich ihn mit belegter Stimme. Er richtete seinen steinigen Blick zu mir zurück und antwortete:,, Ich weiß das du nie zu uns gehören wolltest. Und wenn du dich immer noch vor uns... oder vor mir fürchtest, dann hat es keinen Zweck. Du kannst gehen und ein eigenes Leben führen. Du musst dich nicht an uns erinnern." Ich blickte ihn verblüfft an. Ich konnte gehen. Wieder wusste ich nicht was ich sagen sollte, wieder befand sich ein fetter Knoten in meiner Kehle. Doch Clintch erwartete keine Antwort, er stieg auf sein Pferd und ritt zurück, ohne mich noch einmal anzusehen. Ich starrte ihm hinterher. Der helle Schweif seines Schimmels wehte im Wind und seine dunkle, massige Gestalt entfernte sich von mir. Ich schluckte und wandte mich ab. Ich konnte gehen. Aber wohin?
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