Amanda tupfte behutsam mit einem Wattebausch um meine Wunde herum. Die Öffnung pochte unangenehm und der Schorf konnte sich nur schwer bilden. Ich saß auf einem kalten Stuhl in einer der Hütten und streckte Amanda mein verletztes Bein entgegen.
In einer Ecke, nicht weit von uns entfernt, lag Herbert, in viele Wolldecken eingewickelt. Ein lauwarmer, nasser Lappen lag über seiner Stirn, Amanda hatte für ihn Wasser aufgekocht. Doch der Alte zitterte stark vor Kälte, ich konnte seine alten Zähne bis hier her klappern hören. Er tat mir Leid. Amanda seufzte besorgt und drückte ein Stofftuch auf meine Wunde um das Blut aufzufangen das erneut herausgequillt kam.
,,Es hört einfach nicht auf zu bluten.", bemerkte Amanda frustriert und begann die Verletzung wieder mit Verbänden zu überdecken, ,,Hoffen wir das es sich nicht infiziert und sich bald der Schorf bildet." Ich nickte und berührte beschwichtigend ihre Schulter.
,,Es wird schon alles gut gehen.", versicherte ich ihr. Ein kleines Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht, als plötzlich die Tür aufsprang. Kalter Wind sauste herein und ich schlang mir Clintchs Mantel enger um den Körper. John, Karl und Clintch traten ein.
,,Die Wagen sind soweit. Wir können aufbrechen.", berichtete uns Clintch und nickte Amanda kurz zu.
Sie wandte sich wieder an mich und zog mir die Hose das Bein wieder hinauf.
,,Pass auf das du dich nicht zu viel bewegst, Mary. Die Wunde könnte problemlos verheilen, wenn sich Schorf darauf bilden kann.", sie sah mich streng an. Ich nickte und wollte aufstehen, doch Clintch hatte gehört was Amanda sagte und trat zu uns.
,,Es verheielt schlecht?", fragte er Amanda und legte seine große Hand auf meine Schulter. Ich sah zu ihm auf, doch er mied meinen Blick.
,,Ich habe nicht die nötigen Mittel um die Wundheilung zu unterstützen.", gestand Amanda, ,,Hoffen wir das sich diesmal gut der Schorf bilden kann. Mary, du sagst mir Bescheid falls es wieder mit bluten anfängt, ja? Und beweg dich bitte nicht so arg. Reiten kannst du heute aufjedenfall nicht." Ich nickte und begann einen weiteren Versuch aufzustehen, doch plötzlich schob Clintch seine starken Arme unter mich und hob mich hoch. Vor Schreck hielt ich mich an ihm fest. Er wandte sich gen Ausgang.
,,Clintch, du musst mich nicht tragen, das Stückchen kann ich auch allein laufen.", protestierte ich und ignorierte den Schmerz in meinem Bein.
,,Wir wollen kein Risiko eingehen.", entgegnete Clintch brummend. In der anderen Ecke des Zimmers, hatten sich Karl und John bereits an Herbert gewandt.
Der Alte kam nicht von selbst hoch, doch er blickte Clintch mit gläsernen Augen entgegen.
,,Lasst mich hier, Clintch. Ich bin ein alter, kranker Mann, ich nütze euch nicht viel mehr als eine Fussel. Ich halte euch nur auf.", krächzte er heißer. Clintch blieb kurz stehen, blickte zu Herbert herüber und sprach:,, Nein, du bist immer noch einer meiner Leute, ob krank oder gesund." Herbert grummelte widerwillig und ein Hustenanfall schüttelte seinen Körper. Als dieser verflogen war widersprach er mit rauer Stimme:,, Du siehst doch selbst, das ich meine besten Tage schon hinter mir habe. Ich nütze dir nichts mehr. Ich möchte euch nicht zur Last fallen.", der Alte verstummte, als seine Stimme versagte, doch nach einigen Sekunden fuhr er fort, ,,Wir wissen doch beide das ich nicht wieder gesund werde und erst mit dem Tod zur Genesung gelange."
,,Du redest wirres Zeug, Herbert.", mischte sich John ein. Er bückte sich zu dem Alten herab und half ihm sich aufzusetzen.
,,Deine besten Tage kommen erst noch, mein Lieber. Du wirst sehen, wenn wir erst einmal wieder von den Bergen herunter sind, dann wirst du auf dem Rücken eines Pferdes über die Steppe jagen, wie zu deiner Jugend." John klopfte ihm sacht auf die Schulter. Herbert schwieg, sein trübseliger Blick geriet in die Weite. Nun machten sich Karl und John daran den Kranken aus seinem Lager zu hieven und ihn in einen der Planwagen zu transportieren.
Auch Clintch setzte nun seinen Weg, mit mir, fort und er trat hinaus. Draußen standen die vier Planwagen bereits bereit. In den letzten von ihnen, brachten sie Herbert, heute sollte ihn Gustav fahren.
Die anderen Gesetzlosen waren bereits Aufbruchbereit, man wartete nur noch auf uns. Clintch setzte mich behutsam auf den Fahrerplatz von einen der Planwagen.
,,John!", rief er dem jungen Mann zu, der sich soeben auf uns zu bewegte, um an seinen Platz zu kommen, ,,Pass gut auf Mary auf. Sie wird auf der Fahrt deine Sitzpartnerin sein." Die Männer nickten sich kurz zu und Clintch begab sich zu seinem eigenen Pferd. John sprang hinauf und ergriff die Zügel.
,,Soso, dann gib mir gut Acht, das du nicht von dem Wagen fällst, sonst krieg ich Ärger.", murmelte John, leicht belustigt und trieb die Pferde an als sich der Trek in Bewegung setzte. Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht, doch ich schüttelte nur den Kopf.
Als man plötzlich starkes Husten, von weiter vorn hörte, blieb der ganze Trek wieder stehen und alle starrte sie Clintch entsetzt an. Dieser bog sich und ein mächtiger Hustenanfall durchschüttelte seinen Körper. Ich riss die Augen auf. Wird er nun letztendlich doch krank?, fragte ich mich selbst und Schuldgefühle nagten an mir. Doch als er den Hustenanfall überstanden hatte, blickte Clintch mit leicht gläsernen Augen zu den anderen zurück.
,,Was steht ihr hier denn so rum?! Habt ihr nichts zu tun?", schrie Clintch, mit heißer Stimme und wedelte mit der Hand, ,,Aufgehts!" Mit einem Mal, setzte sich der Trek wieder in Bewegung und wir fuhren aus der Siedlung. Keiner sagte mehr ein Wort, doch uns ging es allen im Kopf herum, Clintch war krank.
Wir brauchten eine Woche um von den Bergen herunter zu kommen. An den ersten zwei Tagen war die Fahrt schweigend, doch am dritten, schaute Sindy aus dem letzten Wagen heraus und rief Clintch zu sich.
,,Er ist tot.", verkündete sie leise, doch dennoch hatte es jeder gehört. Sogleich nahmen wir alle unsere Hüte vom Kopf und der Trek blieb für kurze Zeit stehen. Eine Minute schwieg die Mannschaft. Sacht rieselte der Schnee herab und man hörte die Pferde atmen.
Doch nach dieser Minute setzte Clintch seinen Hut wieder auf und trieb seinen Schimmel zum Trab an.
,,Wir haben keine Zeit zum trauern, wir müssen weiter. Werft ihn aus dem Wagen. Wir können keine Leiche mit uns herum tragen.", sagte er ungerührt, ohne mit einem Muskel zu zucken.
Karl und Gustav befolgten den Befehl. Sie zerrten die Leiche Herberts aus dem Wagen und warfen ihn in den Wald. Ich sah nicht hin. Danach setzte der Trek seinen Weg fort.
,,Der arme Herbert.", bemerkte Karl gerade, als er auf seinem Pferd neben unserem Wagen heritt, ,,Der Alte, hätte ein angemessenes Grab verdient."
,,Wenn wir wieder unten im Land sind, können wir für ihn ein Lied am Feuer singen.", schlug John vor. Karl nickte bedächtig und beschleunigte sein Pferd. Ich steckte die kalten Hände in die Taschen des Mantels, verbarg mein Gesicht halb im Kragen und beobachtete den Wagen vor uns.
,,Hattet ihr damals für Albert auch ein Lied gesungen?", fragte ich John schließlich. Dieser nickte und antwortete:,, Wir konnten ihm damals auch ein Grab herrichten." Er seufzte.
,,Es ist wirklich schwer jemanden zu verlieren den man schon über zehn Jahre kennt. Alberts tot war für uns alle ein großer Verlust.", John sah sich kurz um, ,,Allerdings besonders für Clintch."
,,Für Clintch?", ich zog fragend eine Augenbraue nach oben. John wandte seinen Blick auf den Weg und antwortete mir leise:,, Albert und Clintch waren wie Pech und Schwefel. So weit ich weiß, war Albert der erste Kandidat den Clintch in diese Bande einlud. Ihn muss es schwer getroffen haben, als Albert starb." Mit großen Augen sah ich John an. Ich hatte nie bemerkt das es Clintch irgendwie bewegt hätte.
Hätte ich damals, zu Alberts tot, mit ihm reden sollen, anstatt davon zu laufen? Offenbar fühlte er tatsächlich mehr als er vorgab. Wie ging es ihm nun?
,,Wann kamst denn du dazu?", fragte ich John, um das traurige Thema über den Tod zu wechseln.
,,Ich stieß wohl ungefähr zur gleichen Zeit wie Michah dazu.", erzählte John, ,,Nachdem meine Eltern Selbstmord begangen, saß ich auf der Straße. Allerdings war ich nicht allein, denn nach einigen Jahren traf ich auf Michah. Und kurze Zeit später begegneten wir Clintch, Albert und Gustav." Ich sah zu John herüber.
,,Deine Eltern haben sich umgebracht? Das tut mir Leid.", murmelte ich, doch John zuckte nur mit den Schultern und erwiderte:,, Wir lebten in armen Verhältnissen. Meine Mutter arbeitete für wenig Geld, als Hausfrau bei reichen Adligen und mein Vater in einer Industrie. Doch sie konnten uns dennoch nicht über Wasser halten und als die Schulden dazu kamen, brachten sie sich aus Angst vor der Zukunft selbst um und ließen ihren kleinen Sohn zurück." John begegnete meinen Blick.
,,Dir muss das nicht Leid tun. Alle, die du hier siehst, haben ähnliches erlebt. Das gehört zu unserem Leben und dafür können wir nichts, dafür muss sich keiner Entschuldigen." Kurzezeit herrschte Stille über uns beiden, doch dann stieß er mich mit den Ellenbogen freundlich an.
,,Gustav zum Beispiel.", erzählte er in einem tratschenden Ton, ,,Der hatte eine schlimmere Kindheit als ich. Seine Eltern verkauften ihn an Sklavenhändler, um an Geld zu kommen. Von seinen Erlebnissen zu dieser Zeit, hatte er nie etwas erzählt. Doch ich weiß das er es irgendwann aus den Fängen der Händler, oder seiner Besitzer geschafft hat und er geflohen ist. Über's ganze Land. Irgendwann begegnete er dann Clintch."
Gespannt sah ich John an. Diese Geschichten waren ergreifend, sie ließen mein Herz schneller schlagen.
,,Herberts Vater war Pfarrer gewesen, von seiner Mutter weiß ich nichts und auch von seiner Kindheit hatte er nie wirklich etwas erzählt. Doch in seiner Jugend, jagte er auf dem Rücken eines Pferdes, die Kühe und Bullen über die Weiden. Er meinte immer, bei dieser Arbeit hatte man sich tatsächlich frei gefühlt. Doch auch ihn traf das Leben irgendwann. Denn plötzlich warf man seinem Vater vor er sei ein Satanist. Angeblich hätte jemand gesehen wie er den Teufel anbetete. Man verweiste ihn von der Kirche. Doch mit dieser Anschuldigung konnte sein Vater nicht Leben und er nahm es sich ebenfalls." Weiter vorn entdeckte ich Clintch neben einen der Wagen herreiten und beobachtete den weißen Schweif seines Pferdes, der sanft in einen unbekannten Rythmus hin und her schwang.
,,Was ist mit Clintch? Weist du auch was von ihm?", fragte ich John leise und hielt den Schweif des Pferdes im Blick. Doch John schüttelte mit dem Kopf und berichtete:,, Über Clintch weiß keiner etwas. Doch wenn der Name ,,McKay" in der Öffentlichkeit fällt, spuckt ein jeder angewidert auf den Boden, eine Geste der Verachtung. Ich weiß, das Clintch in den Landen meist nur als Clintch bekannt ist, ohne seinen Familiennamen, das lässt danach schließen das nicht er es war, der den Namen verschmutzte." Ich wandte den Blick vom Schweif des Hengstes ab. Ob ich es selbst einmal erfahren werde, wie seine Kindheit war?
Die nächsten drei Tagen verliefen friedlich. Immer öfter hörte man von vorn ein starkes Husten. Doch danach folgte sogleich eine wütende Stimme die brüllte:,, Mir geht es gut, verdammt nochmal!"
Zweimal hatte ich ihn gefragt, ob er seinen Mantel nicht lieber wieder um machen möchte, doch immer lehnte er das Angebot wieder ab.
An den letzten Tagen wurde der Weg steiler und Clintch riet den Fahrern jedes mal, sie sollen mit den Wagen an dieser Stelle aufpassen, denn hier war es besonders glatt, oder hier war es sehr schmal, oder hier bröckelte der Stein ein wenig. Doch letztendlich schafften es alle vier Planwagen wohlbehalten und glücklich zum Fuß des Berges.
Unser nächster Weg führte durch einen dichten Fichtenwald. Ich genoss die angenehme Wärme um mich herum und den Duft der frischen Bäumen.
Hier unten angekommen, nahm Clintch auch freiwillig seinen Mantel zurück und nun schwebt der dunkle, verdreckte Stoff wieder hinter ihm her. Als wir wieder auf offenes Gelände gelangten kamen uns immer öfter auch andere Kutschen entgegen und eines Tages trafen wir einen armen Bettler, der mit krummen Rücken am Wiesenweg entlang humpelte.
Als wir ihn überholten blickte er auf. Plötzlich riss er die Augen auf und richtete sich auf.
,,Entschuldigung!", rief er uns nach und rannte hinter uns her, ,,Bist du Clintch?" Der Fremde blieb neben Clintchs Pferd stehen, doch dieser ritt einfach weiter.
,,Wer fragt danach?", entgegnete der Bandenanführer ohne den Mann anzusehen.
,,Ich bin Mitch. Ich habe Jahre lang auf dich und deine Bande gewartet und nun kommt ihr endlich bei mir vorbei! Es wäre mir eine große Ehre wenn ich ein Mitglied von euch werden kann.", berichtete der Mann, mit aufgeregter Stimme. Nun gewährte ihm Clintch doch einen abschätzenden Blick von der Seite.
Ich hörte den beiden ruhig zu. Mitch erzählte von sich selbst und wie er von Clintch und seiner Bande hörte und warum er unbedingt ein Mitglied werden möchte.
Seine Erzählungen kamen mir Aufrichtig vor und nach einiger Zeit willigte Clintch auch brummend ein, doch zu John gewandt befahl er, er solle den Neuen im Auge behalten. Nun lief Mitch neben dem Trek her.
Bald gelangten wir an eine Stelle an der Clintch das Lager aufbauen ließ und schon am Abend danach berichtete er von einem neuen Plan.
Hier in der Gegend gab es eine Stadt. Es wäre wohl eine kleine Herausforderung. Aber Clintch hatte vor, die große Bank der Stadt auszurauben. Vor Aufregung gribbelte es mir unter der Haut.
Das sollte also der Tag werden, der Tag an dem die Wahrheit ans Licht kam.