Eine zufällige Begegnung
Sharon war spät dran für ihr Treffen mit ihrem Chef und hatte es eilig. Sie sprang aus dem Taxi und rannte über den Bürgersteig zum Mayflower-Restaurant. So sehr war sie auf ihr Ziel konzentriert, dass sie den Mann im Abendanzug nicht bemerkte, der auf der anderen Straßenseite aus einem geparkten Wagen stieg und ebenfalls auf den Eingang zuging.
Beide erreichten gleichzeitig die Drehtür und stießen zusammen. Keiner von ihnen war bereit gewesen, dem anderen den Vortritt zu lassen. Sie hatten sich kaum angesehen, sondern sich nur flüchtig wahrgenommen.
Durch den Zusammenstoß klemmte die Drehtür, da sie beide darin eingeklemmt waren. Sharon blickte auf. Ihre sturmgrünen Augen trafen auf kalte, schwarze Augen, die vor Gereiztheit funkelten.
„Wenn Sie einen Schritt zurücktreten, lässt sich die Tür wieder bewegen“, sagte eine tiefe Stimme.
„Wenn Sie höflich genug gewesen wären, mich zuerst durchzulassen, wäre das gar nicht passiert. Treten Sie selbst zurück!“, fuhr sie ihn an.
Sharon missfiel sein Tonfall, und auch die Tatsache, dass sie ihm so nahe war, machte sie nervös. Nicht einmal ein hauchdünnes Blatt Papier hätte zwischen ihre Körper gepasst. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie groß und kräftig er war. Er musste fast zwei Meter groß sein, war muskulös gebaut, hatte gebräunte Haut und ein Gesicht, das wirkte, als sei es aus Granit gemeißelt.
„Wir müssen jetzt nicht darüber streiten, wer schuld ist. Wichtig ist nur, dass wir das Problem lösen. Also treten Sie einfach einen Schritt zurück“, sagte er ruhig.
„Das könnten Sie genauso gut tun“, erwiderte sie verärgert.
Sie war fast dreißig Zentimeter kleiner als er, und vielleicht glaubte er deshalb, sie wie eine hilflose Frau herumkommandieren zu können. Falls er das tatsächlich dachte, hatte er sich gewaltig geirrt.
Er blickte in ihre wütenden grünen Augen, und Sharon wurde noch zorniger. Irgendetwas an ihm erinnerte sie an ihren Ex-Verlobten, der sie kurz vor der Hochzeit verlassen hatte, um eine andere Frau zu heiraten. Fünf Jahre waren seitdem vergangen. Zwar hatte Sharon hin und wieder Männer gedatet, doch sie hatte sich nie wieder verliebt und würde es auch nicht zulassen. Ihr Herz war ihr kostbar geworden. Sie war einmal tief verletzt worden, und das würde sie nie wieder zulassen.
„Warum kannst du deinen Stolz nicht einfach herunterschlucken und einen Schritt zurückgehen? Das wäre doch die einfachste Lösung“, sagte er.
Ohne ein weiteres Wort trat sie schließlich zurück, um sich leichter aus der misslichen Lage zu befreien. Sie trug hohe Absätze, und weil sein Fuß im Weg stand, bohrte sich einer ihrer Absätze in seinen perfekt polierten Schuh.
Er sog scharf die Luft ein und fluchte leise.
„Entschuldigung“, sagte sie und blickte ihm in die funkelnden schwarzen Augen.
„Das war Absicht, oder?“, fragte er.
„Seien Sie nicht albern. Ihr Fuß stand im Weg. Woher hätte ich wissen sollen, dass Sie ihn genau dort hinstellen würden?“
Er musterte sie mit unverhohlenem Missfallen. Dann drehte er sich leicht zur Seite und glitt an ihr vorbei. Sein Körper streifte den ihren, und sein Arm berührte dabei ihre Brust.
Ungewollt durchfuhr Sharon ein prickelnder Schauer, der sie erschreckte. Sie erstarrte.
„Passen Sie doch auf!“, sagte sie scharf. Instinktiv war sie überzeugt, dass er sie aus Rache absichtlich so bedrängt hatte.
Er sah kühl auf sie hinab. Noch immer standen sie dicht nebeneinander, ihre Körper berührten sich beinahe.
„Mach dir bloß keine Illusionen“, sagte er trocken. „Das hier erregt mich ganz bestimmt nicht.“
Sharon errötete vor Wut.
„Na los“, fuhr er fort. „Wir ziehen hier bereits genug Aufmerksamkeit auf uns.“
Im Restaurant warteten Gäste darauf hinauszugehen, während draußen andere darauf warteten, hineinzukommen. Alle beobachteten die beiden mit vielsagenden Blicken. Sharon ärgerte sich darüber, ließ sich jedoch nichts anmerken. Sie schenkte den Umstehenden ein höfliches Lächeln und zuckte gelassen mit den Schultern.
Schließlich trat der lästige Mann einen Schritt zurück. Sharon schob die Drehtür auf, betrat das Restaurant, entschuldigte sich bei den wartenden Gästen, zog ihre Jacke aus und reichte sie einem Kellner.
„Ist Mr. Stanford schon hier?“, fragte sie.
„Ja, Ma’am. Er befindet sich an der Bar.“
Sie und ihr Chef trafen sich häufig mit Kunden in diesem Restaurant.
Als sie zur Bar ging, erkannte sie in der Spiegelwand die hochgewachsene Gestalt des arroganten Mannes, der ihr folgte.
Selbstbewusst betrat sie den Raum. In ihrem kurzen weißen Kleid, das ihre langen Beine und ihr dunkelrotbraunes Haar perfekt zur Geltung brachte, zog sie zahlreiche Blicke auf sich.
Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen, konnte David jedoch nirgends entdecken.
Sie hoffte, er hatte ihr gemeinsames Abendessen nicht vergessen.
Er war erst an diesem Morgen aus New York zurückgekehrt und war nicht ins Büro gekommen, sondern hatte sich zunächst zu Hause von der Reise erholt.
Normalerweise war David äußerst pünktlich. Doch seit dem Tod seiner Frau hatte er sich vollkommen in seine Arbeit gestürzt und sich kaum noch Zeit für etwas anderes genommen.
Sharon vermutete, dass er mit ihr über wichtige geschäftliche Neuerungen sprechen oder sie vielleicht einigen bedeutenden Kunden vorstellen wollte. Für solche Gespräche zog er gewöhnlich einen ruhigen Ort dem Büro vor.
Sie setzte sich auf einen freien Barhocker und wartete.
„Was darf ich Ihnen bringen, gnädige Frau?“, fragte ein Kellner.
„Nur ein Glas Mineralwasser, bitte“, antwortete sie.
Sie schlug elegant ein langes, wohlgeformtes Bein über das andere. Dabei rutschte ihr kurzes Kleid etwas höher bis zum Oberschenkel, sodass sie es wieder über das Knie glattstrich.
Als sie sich beiläufig umsah, begegnete ihr erneut der Blick jener schwarzen Augen.
Der Mann hatte beobachtet, wie sie ihr Kleid zurechtzog, und musterte nun kühl ihre Beine. Sein Gesichtsausdruck blieb völlig regungslos.
Sharon mochte solche Blicke nicht. Sie vermittelten ihr das Gefühl, lediglich als Objekt betrachtet zu werden und nicht als Mensch. Bei diesem Mann war sie sich sicher, dass seine Musterung eine bewusste Provokation war – schließlich erinnerte sie sich noch gut an seine Worte in der Drehtür.
Sie erwiderte seinen Blick mit eisiger Kälte.
Er reagierte nicht, sondern wandte sich gleichgültig ab, warf einen Blick auf seine goldene Armbanduhr, runzelte die Stirn und stand auf.
Sharon erstarrte.
Für einen Moment glaubte sie, er würde auf sie zukommen. Doch stattdessen verließ er die Bar, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen.
Während er hinausging, folgten ihm zahlreiche Frauen mit bewundernden Blicken.
Sie musste sich eingestehen, dass der Mann durchaus attraktiv war.
Vor allem seine selbstbewusste Art zu gehen fiel auf. Seine gebräunte Haut verlieh ihm zusätzlich Ausstrahlung. Außerdem besaß er einen bemerkenswert proportionierten Körper: breite Schultern, schmale Hüften und außergewöhnlich lange Beine.
Als Sharon bemerkte, worüber sie gerade nachdachte, verzog sie missbilligend das Gesicht.
„Was ist nur mit mir los?“, dachte sie.
Männer wie er waren nichts als wandelnde Katastrophen, die nur darauf warteten, Chaos anzurichten.
Seit fast einem Jahr war kein Mann mehr Teil ihres Lebens gewesen. Vielleicht lag genau darin das Problem. So hart sie auch arbeitete und so viele Stunden sie auch im Büro verbrachte – manchmal überkam sie dennoch eine tiefe Einsamkeit.
Doch Frustration und Einsamkeit mussten ihr wirklich zugesetzt haben, wenn sie diesem unverschämten Kerl überhaupt einen zweiten Gedanken widmete.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr.
„Wo blieb David nur?“