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Endstation Pjöngjang

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Blurb

Der nordkoreanische Offizier Cho Sang-wan denkt nicht daran, in seine Heimat zurückzukehren. Als er in Südkorea einen entsprechenden Befehl erhält, setzt er Himmel und Hölle in Bewegung, um das Unvermeidliche abzuwenden. Schließlich gelingt ihm zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern Tak und Yu-ja die Flucht nach Europa.

In einem beschaulichen Ort in Nordbayern bauen sich die Chos ein neues Leben auf. Sie fühlen sich wohl, sind aber stets darauf bedacht, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als ihre neue Heimat von einer Verbrechenswelle erschüttert wird, müssen die Chos ihr Prinzip der Nichteinmischung überdenken.

Die Opferzahl steigt, und mit Entsetzen müssen die Chos mit ansehen, wie selbst ihre beiden Kinder von den brutalen Übergriffen in Mitleidenschaft gezogen werden. Verbrecher gehören bestraft, finden die Chos, doch trotz aller Bemühungen bleibt der Haupttäter auf freiem Fuß.

Das Vertrauen der Chos in den Rechtsstaat schwindet zunehmend. Als schließlich Taks Freundin Monika den Machenschaften zum Opfer fällt, regeln die Chos die Dinge auf ihre Art...

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Zwischen zwei Welten
Bundang-gu, Seongnam, Südkorea. Spätherbst 2012. Cho Sang-wan schritt eilig die Straße zu seiner Wohnung entlang. Das letzte Laub fiel von den Bäumen. Es war ein Tag wie jeder andere, doch heute verspürte er eine gewisse Anspannung. Und die hatte nichts mit dem kalten Herbstwind zu tun – die Polarausläufer aus Sibirien, die den Großraum Seoul jedes Jahr aufs Neue heimsuchten, hatten seine al­te Heimat noch viel härter getroffen. Der große, schlanke Mann zog die Kapuze seines Parkas über die kur­zen schwarzen Haare. Im gedämpften Licht der Straßenlaternen eilte er mit eingezogenem Kopf zu seinem Wohnhaus. Er tippte den Zugangs­code ein und öffnete die Tür zu der kahlen Eingangshalle. Drinnen fuhr er gleich mit dem Aufzug in seine Wohnung im fünften Stock. Nach wie vor hatte er keine neuen Befehle erhalten. Seltsam – es müsste sich doch schon längst jemand gemeldet haben. Die Sache zog sich viel zu lange hin. Seit über fünf Jahren lebte Sang-wan mit seiner Familie in der Stadt. Sie hatten sich großartig integriert und einen Zugang zum erwünschten sozi­alen Umfeld erschlossen. Seine Karriere als Dozent für Englisch und Ja­panisch verlief hervorragend. Die perfekte Tarnung. Dennoch war er stets auf der Hut. In seiner Wohnung angekommen, überprüfte Sang-wan wie immer zuerst sämtliche Kommunikationska­näle. Er konnte nie wissen, auf welche Weise man ihn kontaktierte. Die technische Ausrüstung dafür war in einem fensterlosen kleinen Raum versteckt, der eher einer Abstellkammer glich. Es war so eng darin, dass nur eine Person hineinpasste. Dennoch war dies der passende Ort. Seine beiden Kinder sollten so wenig wie möglich davon mitbekommen, was er wirklich machte. Doch heute schliefen die beiden bereits. Seine Frau Jae-hui hatte sich auch schon hingelegt, wie Sang-wan feststellte, als er einen kurzen Blick ins Schlafzimmer warf. Er war vollkommen un­gestört. Da, eine Nachricht! Endlich. Gespannt hörte er sie ab. Die knappe Anweisung enttäuschte Sang-wan schwer. Er umklammerte das altmodische Handy mit so viel Kraft, dass es beinahe zerbrach. Trotz des kühlen Herbstwetters stand ihm der Schweiß auf der Stirn. Aus lau­ter Frust wurde er unachtsam. Beinahe wäre er gestolpert und gegen den sperrigen Rechner gestoßen! Die Chos fühlten sich wohl im Süden. Sang-wan und seiner Familie ging es ausgesprochen gut. Es gab immer genug zu essen; selbst für die Menschen, die nicht der Oberschicht angehörten. Der Lebensstandard war, verglichen mit dem seiner Heimat, luxuriös. Die Schulen vermittelten umfangreiches Wissen, ohne die Kinder permanent mit einem Führerkult zu infiltrieren oder sie zum Bespitzeln anderer anzustiften. Die Menschen waren hier wesentlich freier als zu Hause und mussten nicht ständig pe­nibel auf jedes Wort und jede Bewegung achten. Wo er herkam, reichten Kleinigkeiten aus, um grundlos und ohne jede Vorwarnung abgeholt und verschleppt zu werden – oder schlimmeres. Und verdammt nochmal, er war schließlich Südkoreaner! Genauer ge­sagt, der Sohn eines Mannes, der als sechzehnjähriger Junge aus seiner Heimatstadt Seoul in den Norden entführt worden war. 1951 war das ge­wesen – während des Koreakrieges. Sang-wans Vater hatte Seoul nie mehr zu Gesicht bekommen. Dafür wurde er mit vierzig auf Lebenszeit im Norden interniert, zusammen mit seiner Frau und Sang-wans zwei äl­teren Geschwistern. Sang-wan, der sich kaum noch an seine leibliche Familie erinnerte, hatte ein überwältigendes Glücksgefühl verspürt, als er die alte Heimat seines Papas zum ersten Mal betrat. Dies konnte er natürlich keinesfalls offen zugeben. Außer seiner Frau wusste niemand Bescheid über seine wahre Identität oder seine Familiengeschichte. Auch Jae-hui hatte er erst hier eingeweiht. Überhaupt waren all seine Ängste in Bezug auf seine Frau unberechtigt gewesen. Jae-hui hatte überrascht, aber verständnisvoll reagiert und ihn darin bestärkt, sein Geheimnis weiterhin zu bewahren. Auch sie wusste, was auf dem Spiel stand. Falls sie ihn denunzierte, würde man die ganze Familie in den Norden zurückholen und auch sie und ihre Kinder bestra­fen, die sie über alles liebte. Das hätte sie nie riskiert. Sang-wans Stationierung in Südkorea beinhaltete die üblichen Aufklä­rungstätigkeiten, darunter die Beschaffung von Geheimnissen aller Art sowie das Aufspüren geflohener Landsleute, damit diese zurück in den Norden verbracht und dort für Propagandazwecke ausgeschlachtet wer­den konnten. Offiziell wurde dies natürlich anders genannt - Rückführun­gen verirrter Bürger. Hier hatte Sang-wan sich bislang erfolgreich aus der Affäre gezogen. In seine Heimat berichtete er wahrheitsgemäß, dass eine nordkoreanische Herkunft im Süden schambehaftet und Diskriminierung allgegenwärtig war, weshalb praktisch niemand offen darüber sprach. Es sei nicht leicht, Abtrünnigen auf die Schliche zu kommen. Außerdem geschähe es die­sen Verrätern recht, im Süden ein elendes Dasein ohne jeglichen morali­schen Halt führen zu müssen. Diesem Pack sei eh nicht mehr zu helfen, weshalb er eine weitere Fokussierung auf Flüchtige für weniger erfolg­versprechend hielt als seine Aufklärungsaktivitäten zum Wohle und Ruhme des großen Arbeiter- und Bauernstaates. Dementsprechend müsse Letzteres unbedingt Vorrang haben. Den Funktionärssprech hatte Sang-wan längst verinnerlicht, auch wenn er insgeheim ganz anders über die Dinge dachte. Seine Landsleute konnten froh sein, wenn sie dieses heruntergewirtschaftete Freiluftge­fängnis hinter sich lassen konnten. Niemals würde er jemanden gegen seinen Willen dorthin zurückbringen. Da es in seinem paranoiden Staat üblich war, dass jeder nur Zugang zu den absolut notwendigen Informati­onen erhielt, hatte noch niemand sein Spiel durchschaut. So vieles hatte Sang-wan nicht gewusst. Fast alles, was er bei seiner Ankunft im Süden sah, überstieg seine Vorstellungen. Seit er Zugang zu Medien aus aller Welt hatte, war seine Lernkurve steil nach oben gegan­gen. Niemals hätte Sang-wan zu Hause so viel Wissen erwerben kön­nen! Ja, er war in seiner Heimat auf vielen Gebieten unterrichtet worden, von denen der Durchschnittsbürger dort nie etwas erfuhr. Auch eine Vor­bereitung auf die Lebensumstände im Süden war selbstverständlich Teil seiner Ausbildung gewesen, einschließlich des vollen Programms an ide­ologischer Gehirnwäsche. Dennoch war er bei seiner Ankunft dermaßen überwältigt, dass er keine Worte dafür fand. Allein die Unmengen von Anglizismen, die hier Eingang in die Sprache gefunden hatten, waren an­fangs eine gewaltige Herausforderung für ihn und seine Frau gewesen. Darauf konnte einen kein Sprachspezialist der Welt vorbereiten. Doch nun sollte er zurückkehren - binnen drei Tagen. Sang-wan atmete tief durch. Der Befehl war eindeutig, aber er hatte überhaupt kein Inte­resse, dem Folge zu leisten. Einfach bleiben konnte er jedoch auch nicht. Wer weiß, was dann mit uns passiert. Seine Kollegen würden ihn umgehend aufspüren. Er war sich sicher, dass auch er bespitzelt wurde, weshalb er in allen Belangen besondere Vorsicht walten ließ. In letzter Zeit machten erschreckende Geschichten die Runde. Obwohl sie ihrem Land treu gedient hatten, waren Agenten nach ihrer Heimkehr spurlos verschwunden, oft zusammen mit ihren Ehepartnern, Kindern, Eltern und sogar Geschwistern. Man hatte sie nie wieder gesehen. Sang-wan wollte sich nicht ausmalen, was mit ihnen geschehen war. Was würden sie dann erst ihm antun, falls er den Gehorsam verweigerte - und seiner Familie? Würde er nach seiner Rückkehr hingerichtet wer­den? Dank für geleisteten Dienst kannte sein Land nicht. Das war selbst unter den Auslandsagenten ein offenes Geheimnis. Er musste seine Familie beschützen; vor allem seine Kinder. Sein Ältes­ter war noch keine acht Jahre alt und seine Tochter gerade mal fünf. Was würden sie ohne ihn tun? Wo würde man sie hinbringen? Yodŏk? Hwӑsong? Sang-wan wusste längst von Nordkoreas Internierungslagern für Unzu­verlässige, wenn auch aus zweiter Hand. Wer in seinem Land offen dar­über sprach, riskierte seinen Kopf. Seit er hier war, hatte er mehr Infor­mationen sammeln können – die südkoreanischen Medien berichteten frei über Überläufer aus dem Norden und ihre Geschichten. Sang-wan ließ seinen Gedanken freien Lauf. Eigentlich wäre er prädesti­niert gewesen, in einem Lager zu landen. Allerdings hatte ihn Park Ae-ran, die Tochter eines Marineoffiziers, kurz vor der Festnahme seiner Fa­milie unter Lebensgefahr als ihren eigenen Sohn ausgegeben, da sie selbst keine Kinder bekommen konnte. Dies war nur möglich gewesen, weil ihr Ehemann zeitgleich auf einen höheren Posten versetzt wurde – in die am Ostmeer gelegene Hafenstadt Wŏnsan, die im Norden ein be­liebter Badeort war. Da dort niemand die Familie kannte, fiel der plötzli­che Zuwachs nicht auf. Ae-rans Familie hatte ihnen den Rücken freigehalten und mittels Beste­chung Papiere für den kleinen Sang-wan beschafft. Da in Nordkorea das Prinzip der Sippenhaft galt, war ihnen kein anderer Ausweg geblieben, als die Verschleierung von Sang-wans echter Identität zu unterstützen – hätten sie Ae-ran nicht gedeckt, wäre niemand aus ihrer Familie vor ei­ner Bestrafung sicher gewesen. Ae-rans Familie, die hohe Amtsträger einschloss, war sich sehr genau darüber im Klaren, was dies bedeutete. Wenngleich ihre Eltern schwer verärgert über Ae-rans gefährlichen Alleingang waren, setzten sie den­noch Himmel und Hölle in Bewegung, um die Familie zu beschützen. Was bedeutete, dass sie ab sofort einen Enkel hatten. Damals war Sang-wan erst drei Jahre alt gewesen. Dadurch blieb ihm nicht nur eine Internierung erspart, wofür er seiner Ziehmutter unendlich dankbar war. Seine Zieheltern, die für nordkoreanische Verhältnisse un­gewöhnlich aufgeschlossen und liberal waren, hatten ihn stets liebe- und respektvoll behandelt und versucht, ihm das Beste zu ermöglichen.

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