Kapitel 1Schön, aber zerbrochen
Der Bildschirm vor Jason leuchtete in einem kalten Blauton und tauchte sein Gesicht in fahles Licht. Jason Vance war in der Welt der Technologie und Wirtschaft für seinen scharfen Verstand bekannt. Er war seinen Konkurrenten stets einen Schritt voraus.
Doch die Nachricht auf seinem Bildschirm war etwas, womit selbst er nicht gerechnet hatte.
„Jason?“
Scarletts sanfte Stimme durchbrach die Stille des Arbeitszimmers.
Sie hatte Carlos und Ken gebeten, bei ihrem Vater zu bleiben. Der erklärte den Jungen gerade begeistert die Grundlagen des Tennis.
Scarlett trat an den Schreibtisch heran und musterte Jasons ernsten Gesichtsausdruck.
„Was ist los? Haben die Detektive etwas herausgefunden?“
„Nicht unsere Detektive“, antwortete Jason ruhig.
Er drehte den Bildschirm zu ihr.
Scarlett beugte sich vor. Während sie die Nachricht las, wurden ihre Augen immer größer.
Die E-Mail stammte von einer einzigen Person.
Mary Sutton.
Im Anhang befanden sich zwei Dateien – ein Krankenhausbericht aus Austin und die Kopie eines handgeschriebenen Tagebuchs.
„M... Mary?“ Scarletts Stimme versagte beinahe. „Kanes Ehefrau? Warum schickt sie dir das?“
„Weil sie Hilfe braucht“, sagte Jason. Seine Stimme blieb ruhig, doch Scarlett hörte die unterschwellige Wut darin. „Und weil sie klug genug ist zu wissen, dass wir die Einzigen sind, die ihr helfen können.“
Jason öffnete die erste Datei.
„Sieh dir das Datum an.“
Scarlett folgte seinem Finger.
Der Bericht war neun Jahre alt.
„Kane ließ sich nach unserer Scheidung untersuchen“, erklärte Jason. „Und laut diesem Bericht ist er unfruchtbar.“
Scarlett schnappte nach Luft.
Ihre Hand flog zu ihrem Mund.
„Das kann nicht sein... Er behauptet doch, Carlos und Ken seien seine Söhne.“
„Weil er die Wahrheit nicht kennt.“
Ein bitteres Lächeln erschien auf Jasons Lippen.
„Schau dir die zweite Datei an.“
Er öffnete das Tagebuch.
Die Handschrift war ordentlich und sauber.
Der Inhalt dagegen ließ Scarlett das Blut in den Adern gefrieren.
14. Oktober
Ich habe Mary wieder etwas in ihren Tee gemischt. Sie wird immer schwächer. Kane verliert langsam die Geduld mit ihr.
2. November
Kane war heute beim Arzt. Ich habe seinen Bericht ausgetauscht. Jetzt glaubt er, Mary sei das Problem. Genau wie geplant.
Scarlett spürte einen Schauer über ihren Rücken laufen.
„Jane...“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Das ist ihre Handschrift. Sie hat damals schon für Kane gearbeitet. Sie vergiftet Mary. Und sie manipuliert Kane.“
„Nicht nur das“, sagte Jason.
Seine Augen verengten sich.
„Sie kontrolliert sein gesamtes Denken. Kane glaubt, alles unter Kontrolle zu haben. In Wahrheit wird er seit Jahren wie eine Marionette geführt.“
Scarlett richtete sich auf.
Wut kochte in ihr hoch.
Zehn Jahre lang hatte sie geglaubt, sie selbst hätte versagt. Dass das Scheitern ihrer Ehe ihre Schuld gewesen war.
Jetzt kannte sie die Wahrheit.
Kane war nie das Opfer gewesen.
Er war das Problem.
„Wir müssen Mary helfen“, sagte sie entschlossen.
„Das werden wir.“
Jason trat um den Schreibtisch herum und legte die Arme um sie.
„Aber wir müssen vorsichtig vorgehen. Wir brauchen ihre Hilfe. Sie muss noch etwas länger dort bleiben.“
„Und wie?“
„Du fliegst nach Austin.“
Scarlett hob überrascht den Kopf.
„Du wirst Mary treffen.“
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Der Regen prasselte schwer auf die Straßen von Austin und ließ den Asphalt glänzen.
Mary Sutton saß in einer kleinen Ecke eines Cafés.
Ein Mantel, eine Mütze und eine große Sonnenbrille sollten sie unauffällig wirken lassen.
Auf dem Tisch vibrierte ununterbrochen ihr Handy.
Nachricht um Nachricht von Kane.
Wo bist du?
Warum antwortest du nicht?
Komm sofort nach Hause!
Die Tür des Cafés öffnete sich.
Eine elegante Frau trat ein.
Groß, selbstbewusst und wunderschön.
Scarlett.
Marys Augen weiteten sich überrascht.
Scarlett kam direkt zu ihrem Tisch und setzte sich ihr gegenüber.
Sie musterte Mary einige Sekunden.
Dann sagte sie leise:
„Du siehst genauso aus, wie er es wollte.“
Mary schluckte.
„Was meinst du?“
„Erschöpft. Verängstigt. Als würdest du jeden Moment darauf warten, wieder verletzt zu werden.“
Die Tränen kamen sofort.
„Ich wusste nicht mehr, an wen ich mich wenden sollte“, schluchzte Mary.
„Ich habe das Tagebuch in Janes Tasche gefunden. Eigentlich habe ich nur nach einem Notizbuch gesucht. Und plötzlich musste ich feststellen, dass mein ganzes Leben auf einer Lüge aufgebaut war.“
Scarlett griff nach ihren Händen.
„Ich weiß.“
„Ich bin nicht krank“, flüsterte Mary. „Jane vergiftet mich.“
„Ich weiß.“
Scarlett drückte ihre Hände fester.
„Kane hat mit mir dasselbe gemacht. Er hat mir eingeredet, ich wäre wertlos. Dass alles meine Schuld sei.“
Ihre Stimme wurde härter.
„Aber es war nie meine Schuld. Und es ist auch nicht deine.“
Mary senkte den Blick.
„Er will deine Kinder.“
„Ich weiß.“
„Jane redet ihm das ein. Sie will dich leiden sehen.“
Scarletts Gesicht wurde vollkommen ruhig.
„Er wird uns nicht bekommen.“
Mary blinzelte überrascht.
„Mein Mann hat bereits alles vorbereitet.“
Dann öffnete Scarlett ihre Handtasche.
Sie zog ein schwarzes Smartphone hervor und schob es über den Tisch.
„Was ist das?“
„Eine direkte Verbindung zu Jasons Sicherheitsteam und zu einem Anwalt, den wir für dich engagiert haben.“
Mary starrte sie an.
„Von jetzt an bist du nicht mehr allein.“
„Warum würdet ihr das für mich tun?“
„Weil niemand verdient, so behandelt zu werden.“
Scarlett lächelte leicht.
„Außerdem hat Jason bereits ein Konto auf deinen Namen eröffnet. Dort befindet sich genug Geld, damit du neu anfangen kannst.“
Mary konnte kaum atmen.
Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie etwas.
Hoffnung.
„Was muss ich tun?“
Scarletts Augen verdunkelten sich.
„Spiel weiter mit.“
„Was?“
„Lass Kane glauben, dass er die Kontrolle hat. Lass Jane glauben, dass ihr Plan funktioniert.“
Mary nickte langsam.
„Und dann?“
„Dann beschaffst du uns Dokumente.“
„Welche Dokumente?“
„Alles aus Kanes Büro. Jason vermutet seit Monaten, dass Kane Geld aus seiner Firma verschwinden lässt.“
Mary schluckte.
„Und wenn ich sie bekomme?“
Ein kaltes Lächeln erschien auf Scarletts Lippen.
„Dann nehmen wir ihm alles.“
„Alles?“
„Sein Unternehmen.“
„Sein Haus.“
„Seine Freiheit.“
Mary spürte, wie ihre Angst langsam verschwand.
Acht Jahre lang war sie ein Opfer gewesen.
Vielleicht war es Zeit, zurückzuschlagen.
„Ich werde die Dokumente besorgen.“
„Gut.“
„Er trifft sich heute Abend mit seinen Anwälten“, fügte Mary hinzu. „Sein Büro wird bis Mitternacht leer sein.“
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Spät in der Nacht kam Kane nach Hause.
Er roch nach Alkohol.
Er lachte laut.
Hinter ihm trat Jane ins Haus.
Ruhig.
Selbstzufrieden.
„Ich sag's dir, Jane“, prahlte Kane. „Der Anwalt hatte Angst, als ich Jasons Namen erwähnt habe. Morgen wird die Presse sich auf die Geschichte stürzen.“
Mary kam mit gesenktem Blick aus dem Wohnzimmer.
Ihr Haar wirkte zerzaust.
In ihren Händen hielt sie ein Tablett mit einer Tasse Tee.
„Ich habe dir Tee gemacht, Jane.“
Jane lächelte.
„Danke, Mary. Wenigstens für irgendetwas bist du nützlich.“
Mary erwiderte nichts.
Vor zehn Minuten hatte sie sämtliche Dateien aus Kanes Büro auf Jasons gesicherten Server hochgeladen.
Das verschlüsselte Handy lag in ihrer Manteltasche.
Kane trat auf sie zu.
Er packte ihr Kinn.
„Wenn du morgen irgendetwas tust, das mir schadet, werfe ich dich aus diesem Haus.“
Mary sah ihm direkt in die Augen.
Zum ersten Mal hatte sie keine Angst.
Sie fühlte nichts als Kälte.
„Verstanden.“
Kane ließ sie los und ging die Treppe hinauf.
Jane folgte ihm.
Oben angekommen, drehte sie sich noch einmal um und schenkte Mary ein selbstgefälliges Lächeln.
Mary wartete, bis beide verschwunden waren.
Dann zog sie das schwarze Handy hervor.
Eine neue Nachricht von Jason war eingegangen.
Mary öffnete sie.
Und ihr Herz blieb stehen.
Kanes Firma ist bankrott.
Er hat jahrelang Geld veruntreut.
Aber wir haben ein neues Problem.
Jane hat soeben Geld an eine Sicherheitsfirma in Houston überwiesen.
Morgen werden sie versuchen, Carlos und Ken direkt von der Schule abzuholen.