Die erste Begegnung

808 Words
Es war ein sonniger Freitagmittag. Amelia hatte ihre erste Woche in der Ausbildungsstätte fast hinter sich. Als die Mittagspause begann, tastete sie in ihrer Jackentasche nach ihrem Geld. Heute reichte es leider nicht für die Kantine. Sie überlegte kurz, wo sie in der Nähe ein billiges Sandwich kaufen könnte. Die Stadt war noch neu für sie, und sie kannte kaum jemanden. Gerade als sie losgehen wollte, hörte sie plötzlich eine Stimme hinter sich. „Hey du, warte kurz!" Amelia drehte sich überrascht um. Für einen Moment blieb sie einfach stehen. Das Mädchen vor ihr hatte hellblonde Haare, die im Sonnenlicht fast golden wirkten. Ihre grünen Augen funkelten, als sie Amelia ansah. Amelia brauchte einen Moment, bis sie sie einordnen konnte. Dann fiel es ihr ein. Sie war aus der Parallelklasse. Sie hatten manchmal gemeinsam Sportunterricht. Amelia hatte sie schon ein paar Mal gesehen - meistens umgeben von anderen Leuten, laut lachend. Aber sie hatten noch nie miteinander gesprochen. Und eigentlich war sie Amelia bis jetzt nie wirklich aufgefallen. Amelia biss sich leicht auf die Lippe. „Gehst du zur Kantine?", fragte das Mädchen. Amelia schüttelte den Kopf. „Nein... ich wollte mir gerade ein Sandwich holen." Das Mädchen lächelte. „Dann komme ich mit." Sie streckte Amelia die Hand entgegen. „Ich bin übrigens Luana." Amelia nahm ihre Hand. „Amelia." Luana grinste leicht. „Aber ehrlich gesagt nennen mich die meisten einfach Luna." Amelia nickte. „Luna passt." Luna sah sie einen Moment lang an. Dann sagte sie plötzlich: „Du bist mir schon im Sportunterricht aufgefallen." Amelia blinzelte überrascht. „Mir?" Luna zuckte mit den Schultern. „Du redest nie." Sie lächelte. Dann sagte sie etwas, womit Amelia nicht gerechnet hatte. „Ich habe mich schon ein paar Mal gefragt, wie du wohl wirklich bist." Da vorne gibt es einen kleinen Laden“, sagte Luana plötzlich und zeigte auf die andere Straßenseite. „Die Sandwiches dort sind billig, aber ganz okay.“ Amelia nickte. Als sie über die Straße gingen, streifte Luanas Arm kurz ihren. Es war nur ein flüchtiger Moment. Doch Amelia spürte plötzlich ein unerwartetes Kribbeln in ihrem Bauch. Sie runzelte leicht die Stirn und schob das Gefühl sofort beiseite. Seltsam, dachte sie. Luana bemerkte nichts davon. Sie redete weiter, erzählte irgendeine Geschichte aus der Klasse und lachte dabei laut. Dabei warf sie immer wieder ihre hellblonden Haare nach hinten. Amelia beobachtete sie einen Moment lang. Und plötzlich fragte sie sich, warum ihr Luanas Lachen auf einmal so auffiel. Bei der Kasse bemerkte Amelia, dass Luana nichts weiter als eine Packung Chips in der Hand hielt. „Nimmst du kein Sandwich?“, fragte Amelia verwundert. Luana schüttelte leicht den Kopf. „Für mehr reicht es heute nicht“, sagte sie leise. Ein paar Minuten später standen sie wieder draußen. „Komm“, sagte Luana. „Ich kenne einen ruhigen Platz am See.“ Als sie dort ankamen, umgab sie plötzlich eine ganz andere Ruhe. Der ständige Lärm der Stadt und die gestressten Menschen schienen weit weg zu sein. Amelia setzte sich ins Gras, nahm ihr Sandwich aus der Tüte und betrachtete es kurz. Dann riss sie es in zwei Teile. „Hier“, sagte sie und reichte Luana die Hälfte. „Wir teilen.“ Luana sah sie kurz überrascht an. „Bist du sicher?“ „Klar“, antwortete Amelia. Luana lächelte. „Dann teilen wir auch die Chips.“ Amelia lachte schüchtern. „Perfekt. Chips und Sandwich zum Mittag.“ Luana lachte laut. „Ja, ein richtiges Luxusessen.“ Die Sonne schien warm über den See und ließ Amelias hellbraune Haut leicht golden wirken. Luana betrachtete sie einen Moment lang. Ihr Blick wanderte von Amelias Hals zu ihren vollen, leicht rosafarbenen Lippen. „Ich mag deine Haut“, sagte Luana plötzlich. Amelia sah sie überrascht an. „Wirklich?“ Luana zuckte mit den Schultern. „Ja. Ich mag braune und schwarze Haut. Viele meiner Freundinnen sind schwarz.“ „Ach so“, sagte Amelia leise. Von wo kommst du eigentlich? Aus welchem Land?“, fragte Luana. „Aus der Dominikanischen Republik“, sagte Amelia. „Ah, cool“, antwortete Luana. „Ich habe Kolleginnen aus Brasilien und vor allem aus afrikanischen Ländern.“ „Wow, du kennst ja viele Leute“, erwiderte Amelia. Luana lächelte. „Ja, Bern kann klein sein.“ Amelia blickte auf ihr Handy. „Wir sollten in ein paar Minuten schon zurück sein“, sagte sie plötzlich erschrocken. „Das schaffen wir niemals.“ Luana sah sie an. Ihre Haut war fast durchsichtig hell, und ihre Wangen hatten einen leichten rötlichen Ton. „Entspann dich“, sagte Luana und grinste. „Herr Müller wird schon keine Szene machen.“ Amelia lächelte. Doch irgendetwas sagte ihr, dass dieser Nachmittag mehr war als nur eine gewöhnliche Mittagspause.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD