Kapitel 2 Zurück bei meiner Mutter

828 Words
Der Zug hielt mit einem langen, quietschenden Geräusch im Bahnhof. Amelia blieb noch einen Moment sitzen, während die anderen bereits aufstanden und nach ihren Taschen griffen. Sie umklammerte den Griff ihres kleinen Koffers und starrte auf den dunklen Bahnsteig draußen. Sie wusste nicht, was schwerer war: Luna hinter sich zu lassen oder ihrer Mutter gleich ins Gesicht sehen zu müssen. Denn wie sollte sie ihr erklären, warum sie mitten in der Nacht mit drei Taschen zurückkam? Ihre Mutter wusste nichts. Nichts von den Blicken zwischen ihr und Luana. Nichts von der Nähe, die längst keine normale Freundschaft mehr gewesen war. Nichts von den Gefühlen, die Amelia selbst kaum benennen konnte. Für ihre Mutter war Luana einfach nur ihre beste Freundin. Nicht die Person, bei der Amelia sich zu Hause gefühlt hatte. Nicht die Person, die sie vielleicht geliebt hatte. Amelia schluckte und stand schließlich auf. Als sie auf den Bahnsteig trat, schlug ihr die kalte Nachtluft entgegen. Am Ende des Gleises stand ihre Mutter. Die Arme fest vor der Brust verschränkt, das Gesicht voller Sorge. Als Amelia näherkam, öffnete ihre Mutter sofort die Arme. „Amelia.“ Mehr sagte sie nicht. Amelia ließ den Koffer los und ließ sich umarmen. Die vertraute Wärme tat gut, und trotzdem fühlte sie sich angespannt. Als würde jede Berührung die Wahrheit nur schwerer machen. „Komm“, sagte ihre Mutter leise. „Es ist kalt.“ Die Fahrt nach Hause verlief fast schweigend. Amelia sah aus dem Fenster, doch sie nahm die Straßen kaum wahr. In ihrem Kopf kreiste nur ein einziger Gedanke: Sag einfach, es war ein Streit. Nur ein Streit zwischen Freundinnen. Das war leichter. Sauberer. Weniger gefährlich. Zu Hause angekommen, stellte ihre Mutter sofort eine Tasche in den Flur und ging in die Küche. „Hast du schon etwas gegessen?“, fragte sie. „Ich habe dir etwas vorbereitet.“ Amelia zog ihre Jacke aus und setzte sich langsam an den Tisch. Der Geruch von warmem Essen stieg ihr in die Nase, aber ihr Magen war wie zugeschnürt. Ihre Mutter stellte einen Teller vor sie, setzte sich gegenüber und sah sie lange an. „Also“, begann sie vorsichtig, „Luna hat dich wirklich rausgeschmissen? Nach all den Jahren?“ Amelia senkte den Blick. „Ich erinnere mich noch, wie ihr euch kennengelernt habt“, sagte ihre Mutter weiter. „Seit deiner Ausbildung wart ihr immer zusammen. Ich verstehe nicht, wie man jemanden einfach vor die Tür setzen kann.“ Sie machte eine Pause. „Aber was ist passiert?“ Amelia spürte, wie sich ihr Hals zusammenzog. Was hätte sie sagen sollen? Dass es nicht nur ein Streit gewesen war? Dass zwischen ihr und Luana längst etwas stand, das sie ihrer Mutter nie erklärt hatte? Dass sie selbst nicht einmal wusste, ob es Liebe gewesen war, Verlangen oder einfach die verzweifelte Hoffnung, endlich irgendwo dazuzugehören? „Wir hatten nur Streit“, sagte Amelia schließlich. Die Worte schmeckten falsch. Ihre Mutter zog leicht die Stirn zusammen, als würde sie spüren, dass das nicht die ganze Wahrheit war. „Nur Streit?“ Amelia nickte, ohne aufzusehen. „Mama, ich möchte gerade nicht darüber reden.“ Ihre Stimme war leise. Fast brüchig. Für einen Moment sagte ihre Mutter nichts. Dann senkte sie den Blick, stand auf und stellte ein Glas Wein auf den Tisch. „Hier“, sagte sie. „Trink erst einmal etwas.“ Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach. „Ich habe dir Bettdecke und Kissen oben auf die Treppe gelegt. Wir hatten keine Zeit, das Gästezimmer vorzubereiten.“ Amelia sah sie an. In den Augen ihrer Mutter lag Sorge, aber auch Vorsicht, als wüsste sie nicht, wie weit sie fragen durfte. „Nein, Mama“, sagte Amelia leise. „Das ist schon okay. Ich mache das selbst.“ Sie stand langsam auf. „Ich bin doch kein Gast.“ „Ich gehe schon mal nach oben. Ich bin müde.“ „Gute Nacht, mein Schatz“, sagte ihre Mutter leise. Amelia nahm ihre Sachen und ging die Treppe hinauf. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der davor. Im Badezimmer ließ sie das warme Wasser über ihren Körper laufen und schloss die Augen. Für ein paar Minuten versuchte sie, nicht zu denken. Nicht an Luna. Nicht an die Wohnung. Nicht an die Tür, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Als sie später mit nassen Haaren in den Flur trat, blieb sie stehen. Am Ende des Flurs lag ihr altes Kinderzimmer. Die Tür stand einen Spalt offen. Amelia blickte hinein, und sofort zog sich etwas in ihrer Brust zusammen. Sie erinnerte sich an das erste Mal, als sie Luna hierher mitgebracht hatte. An das erste gemeinsame Übernachten. An das Lachen. An diese unschuldigen Momente, die damals noch leicht gewesen waren. Ohne Hintergedanken. Ohne Angst. Ohne diese Gefühle. Amelia lehnte sich an den Türrahmen und schloss für einen Moment die Augen. Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass genau dort alles begonnen hatte.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD