EINS
Schweinefarm, St. Marcos, US-Jungferninseln
30. August 2014
Das 45-Kilo-Schwein quiekte, täuschte einen linken Haken vor, drehte nach rechts ab und mein Mann fiel drauf rein. Schlamm klatschte ihm gegen den Kopf und weitere Spritzer landeten auf unserem Dreijährigen hinter dem Zaun. Eine Kokospalme winkte dem Schwein aus der Ferne bekräftigend zu, zwei waschechte, gleichgesinnte Insulaner. „Mehr, Papa, mehr!“ Taylor hopste auf und ab, seine Hände umklammerten die mittlere Stange des Geländers über seinem Kopf.
In seinem verschlammten weißen T-Shirt sah er aus wie der 102. Dalmatiner, im Rückblick eine schlechte Wahl. Auch ein Jahr nachdem wir durch den Tod von Nicks Schwester für Taylor das Sorgerecht bekommen hatten, war ich in Sachen Mutterschaft immer noch nicht ganz auf der Höhe. Hinter mir hörte ich ein lautes chupse (westindischer Laut des Missfallens, Anm. d. Übers.), als der Besitzer des Schweins hämisch die Luft durch seine Zähne saugte. Schweinemann beschattete seine Augen vor der Sonne und starrte hinüber zu Nicks durchgerostetem Buick und ein paar umherirrenden Hühnern. Seine Stimme verriet fehlendes Vertrauen in die schweinefängerischen Fähigkeiten eines armseligen Festlandbewohners.
„Du musst die Arme um seinen Hals und hinter die Schultern kriegen, Mann. Halt mit den Händen deine Handgelenke fest. Schau her.“ Er demonstrierte den Vorgang indem er seine Hände über dem Kopf umklammerte. „Dann streifst du das Seil über seinen Kopf.“ Daraufhin drehte er meinem Mann den Rücken zu und machte mit dem weiter, was er getan hatte, nämlich nichts, oder auch Liming (westindischer Brauch des Abhängens, oft von Männern, mit Drinks, Klatsch und Tratsch, Anm. d. Übers.) wie man das auf St. Marcos nennt. Einzelne Musikfetzen von Jimmy Cliffs The Harder They Come drifteten aus seinem Radio. Nick warf mir einen Blick zu und rollte mit den Augen. „Jawohl. Ich glaub, diesmal hab ich‘s kapiert.“ Mein Mann stopfte die Schnur zurück in den Hosenbund und beschmierte sich dabei mit etwas, was vielleicht gar kein Schlamm war. Zum Glück waren wir mit zwei Autos gekommen.
Nicht zum ersten Mal wunderte ich mich, wie wir so schnell von dort hierhergekommen waren. „Dort“ war mein altes Leben in Dallas, eine alleinstehende Anwältin mit einer Vorliebe für Bloody Marys, „hier“ war mein neues Leben auf einer karibischen Insel, eine dreifache Mutter, verheiratet mit Nick Kovacs.
Ich drehte mich zu Nick um. Das Schwein hatte immer noch die Oberhand. Vielleicht kannte es sein Schicksal: Morgen würde man es als Hauptgang bei der Tauffeier für unsere drei Monate alten Zwillinge Jessica und Olivia servieren. Auf St. Marcos gab es keine Party ohne Spanferkel. Das bedeutete einen Besuch beim Schweinemann, um ein Ferkel zu kaufen – aber zuerst musste man es fangen.
Nick schien sich dem Ziel zu nähern. Taylor, der kleine Verräter, feuerte das Schwein an, das müde zu werden schien. Nick stürzte sich darauf, wie es ihm Schweinemann gesagt hatte und endlich glitt die Schlinge über den Kopf unseres Ferkels.
„Eine Stunde und sieben Minuten“, rief ich.
„In der ersten halben Stunde habe ich es erstmal ausfindig machen müssen“, erwiderte Nick.
Ich unterdrückte ein verstohlenes Grinsen. Die Alternative zu dem schweinefangenden Nick wäre ich im Pferch gewesen – es war ergo eher empfehlenswert, sich unterstützend, verständnisvoll und ehrfürchtig zu geben. „Juhuu, Nick, ich bin schwer beeindruckt. Du hast das Schweinchen gefangen. Wir braten Wilbur!“ (amerik. Kinderbuch und Film „Schweinchen Wilbur und seine Freunde“, Anm. d. Übers.)
„Papi hat Wilburn gefangen“, verkündete Taylor. Er wandte sich an mich. „Können wir Wilburn behalten?“
Ich überlegte, was wohl die Spinne Charlotte in Wilbur und Charlotte (Kinderbuch, Anm. d. Übers.) täte, wenn sie das gehört hätte. „Wilburn“ hatte einen netten Beiklang. (will burn = wird brennen, Anm. d. Übers.)
„Du hast damit angefangen, Katie“, sagte Nick und beugte sich vor, um mich zu küssen. Trotz des Schweinedrecks, der auf seinem Hemd verschmiert war und an seiner Hose klebte, ließ ich es zu. Ich tätschelte ihm im Gegenzug das Hinterteil.
Schweinmann nuckelte an einer Rum-Cola und fuhr mit dem Liming fort, während Nick das Schwein mühsam in den kleinen Anhänger zerrte, den wir für diesen Tag gemietet hatten. Taylors muffelnde Flecken bearbeitete ich mit Spucke und Muskelschmalz. Als Nick klirrend die Anhängertür zuschlug, rappelte sich Schweinemann auf. „Das macht dann hundertfünfzig Dollar.“ Er streckte die Hand aus. Nick stopfte sie mit Scheinen voll und wir verabschiedeten uns.
Schweinemann wohnte sogar noch weiter oben im Regenwald als wir. Wir steuerten also unseren Geländewagen zurück, die einspurige Piste hinunter, die über den Bergrücken zur Nordwestküste führte. Die Klippen fielen steil zu den blauen Brechern ab, wo sich das Meer wild schäumend gegen die Felsen warf. Oh Heimat, raue Heimat.
Nicks verbeulter, weinroter Montero kam vor einer kleinen, hölzernen Barrikade zum Stehen, die vorher noch nicht dagewesen war. Genauso wenig wie der Mann mit dem wilden Blick, der mit einem Heineken in der einen und einer Machete in der anderen Hand aus dem Busch auftauchte. Seine Haare standen ihm wirr von seinem Afro ab, ein zerrissenes Jamband-T-Shirt hing an seinem knochigen Körper. Das könnte sich interessant gestalten. Ich kurbelte das Fenster herunter.
„Dan-Dan, hallo“, sagte Nick
„Du musst den Straßenzoll zahlen, wenn du durchwillst“, erwiderte Dan-Dan.
„Kein Problem. Ich zahl auch gleich für die Dame im Auto hinter mir.“
„Das macht zwei Bier. Eins für jeden. Du musst zwei Bier an mich zahlen.“
Nick zog zwei der vier Bierflaschen aus der Halterung, die er genau aus dem Grund mitgenommen hatte. Dan-Dan musste vorhin noch den Rausch vom gestrigen Tribut ausgeschlafen haben; wir hatten die Hin- und Rückfahrt zum halben Preis bekommen. „Da.“ Nick händigte ihm die Biere aus zusammen mit einem abgepackten Mittagessen aus Brathuhn und Johnnycake (Fladenbrot aus Maismehl, Anm. d. Übers.), das wir vorher in der Pig Bar erstanden hatten. Als genesende Was-auch-immer (ich verweigerte die Bezeichnung Alkoholikerin) bestand ich darauf, dass wir ihn auch mit Nahrung versorgten, obwohl ich seine Forderung nach Bier erfüllt hatte. Hoffentlich würde es Dan-Dan auch essen. „Pass auf dich auf“, sagte Nick.
Dan-Dan zog die Barrikade gerade so lange zur Seite, wie unsere Autos zum Durchfahren brauchten, dann brachte er sie hastig wieder in Stellung. Ich winkte ihm im Vorbeifahren zu, aber er ließ sich nicht anmerken, ob er es gesehen hatte.
Taylor winkte und rief: „Hallo, Dan-Dan!“
Der Kopf des Mannes fuhr hoch. Er lächelte, wobei ein lückenhaftes Gebiss zum Vorschein kam und winkte mir, dass ich halten sollte. Ich stoppte, Nick fuhr weiter. Dan-Dan rannte in den Busch und wieder zurück zu meinem Laster. Er war keiner, der sich mit höflichem Small-Talk abmühte.
„Wer ist der Mann im Busch bei deinem Haus?“, fragte er.
„Meinst du Nick, meinen Mann? Oder vielleicht meinen Schwiegervater Kurt? Kurt ist zwar älter, aber er sieht aus wie Nick, und Nick kennst du doch, oder? Der gerade vorbeigefahren ist, Taylors Papa.“
Er schüttelte den Kopf. „Diese Männer mein ich nicht. So ein Mann wie ich, einer von hier. Ein Mann, der über tote Leute redet.“ A man who talk about dead people dem. Er verwendete den karibischen Plural, indem er den Artikel hinter das Hauptwort stellte und das englische „th“ wie „d“ aussprach.
Ich schluckte. „Keine Ahnung, aber wenn du ihn siehst, sag ihm, er soll verschwinden.“ Ich versuchte zu lachen. Es klang hohl.
Er zog eine Holzfigur aus der Tasche und gab sie mir. Ein Schwein. „Für den Jungen.“
Wie um alles in der Welt hatte der Mann das perfekte Geschenk für Taylor am perfekten Tag dafür geschnitzt?
Taylor zerrte an seinem Gurt. „Er hat Wilburn für mich gemacht. Ich will Willburn haben.“
Ich gab ihn ihm. „Wie sagt man, Taylor?“
„Danke, Dan-Dan!“
Ich drehte mich um und wollte mich auch bei Dan-Dan bedanken, aber er war dahin verschwunden, woher er gekommen war. Es gab Leute, die sich vor dem Alten fürchteten, aber er polterte bloß herum und hatte noch nie jemandem etwas zuleide getan. Er war einfach einer der bunt gemischten Originale, die St. Marcos so einzigartig machten – und einer der Gründe, warum Touristen und Snowbirds („Schneevögel“, Ausdruck für Amerikaner, die den Winter in warmen Regionen verbringen, Anm. d. Übers.) diesen Teil der Insel mieden. Ich fand das gut so.
Mein Handy läutete. Nick rief an, obwohl wir ihn schon eingeholt hatten. „Ich fahre in die Stadt zum Schlachthof“, sagte er.
„Ich bin froh, wenn du das machst, und nicht ich“, antwortete ich.
„Man kann mich durchaus zu was gebrauchen.“
„Das mit Sicherheit.“ Mein Tonfall ließ keine Zweifel daran, wozu man ihn sonst noch gebrauchen konnte.
„Behalte das mal im Kopf für später“, sagte er und legte auf.
Nick bog an der nächsten Abzweigung links ab, Taylor und ich hielten uns rechts, um zurück zu Annalise zu fahren. Wir holperten die unbefestigte Straße entlang, unter einem Dach aus grünen Ranken und rosa Blüten hindurch, vorbei an einer alten Zuckerrohrplantage, bis wir das Tor erreichten. Die Zufahrt war von einer wildwachsenden, tropischen Obstplantage gesäumt und ich bremste hier oft, machte das Fenster auf und atmete den Duft ein. Dann teilten sich die Bäume und gaben den Blick auf sie frei. Da stand sie, Annalise, groß und stolz, auf dem Kamm eines Hügels und blickte hinunter auf das Tal mit dem Wald aus Mangobäumen.
Wir wohnen in einem – am besten sage ich es gleich, damit Ruhe ist – Jumbie-Haus im Regenwald. Jumbie wie in Vodoo-Gespenst.
Ja, ja, ich weiß schon. Ich habe es zuerst auch nicht geglaubt. Ich schwöre hiermit, dass ich weder irre noch ein Fall für den Seelenklempner bin. Mein Leben auf Annalise hat mir nur gezeigt, dass es mehr gibt, als unsere fünf Sinne erfassen können. Auf St. Marcos entdeckte ich eine Art sechsten Sinn, der dafür sorgte, dass mir Dinge bewusst wurden. Dinge, die während meiner Zeit in Dallas so gut wie nicht wahrnehmbar waren, so als hätte jemand eine Stummschaltung aktiviert. Aber auf St. Marcos nahe am Meer konnte ich solche Dinge spüren. Ich konnte sie spüren. Annalise.
Das verrückte Gebell unserer Hundemeute riss mich aus meinen Tagträumen. Wir hatten ursprünglich mit sechs Hunden angefangen, aber jetzt waren es nur noch fünf, nachdem einer wegen eines Bienenschwarms das Zeitliche gesegnet hatte. Der Regenwald konnte genauso brutal wie herrlich sein. Unsere Hunde leisteten uns gute Dienste als Wächter und Begrüßungskomitee und beide Aufgaben erfüllten sie hervorragend. Heute machten sie meine Schwiegereltern auf uns aufmerksam und Julie kam an die Haustür.
„Hallo, Lise, hallo Oma“, begrüßte Taylor das Haus und Julie, dann überschüttete er unseren deutschen Schäferhund mit seiner Zuneigung. Poco Oso und Taylor waren beste Freunde.
„Psst, Kurt legt gerade die Mädels zu ihrem Nickerchen ab“, sagte Julie. „Habt ihr ein Schwein bekommen?“
„Wilbur ist auf dem Weg zum Schlachthof. Und ich bin seit kurzem vegan.“
Julie und ich schnitten beide eine Grimasse. Egal, wie abstoßend der Gedanke für mich auch war, Wilbur zu braten, so waren meine Mädels doch auf St. Marcos geboren und ihre Taufe verdiente einfach eine richtige Insel-Sause. Außer dem Spanferkel wurde das ganze restliche Essen von Miss B’s geliefert, wir hatten es für zwei Stunden vor dem wahren Partyanfang bestellt und damit bestand Hoffnung, dass es rechtzeitig eintraf. Das Leben war hier eher entschleunigt.
Auf Zehenspitzen schlich ich mich ins Zimmer meiner Töchter. Wenn man die Augen schloss und kurz schnüffelte, wusste man, dass es ein Baby-Zimmer war: Puder, Creme, Baby-Wischtücher und frische Windeln. Ich liebte den Duft. Natürlich roch es nicht immer so gut. Bei Zwillingen gab es doppelt so viele volle Windeln, aber ich habe eine klitzekleine Zwangsneurose, daher wurden die kleinen Stinkerinnen immer flugs saubergemacht. Kurt schaukelte Liv in der gelbblau-karierten Wiege, Jess schlief bereits in ihrer Kinderkrippe. Hoffentlich wurde ihr zartes Maunzen eines Tages nicht zu dem knurrenden Schnarchen ihres Vaters. Ich streichelte ihren Kopf und war ganz bezaubert von dem Haarflaum, der ihr gerade wuchs.
Kurt, Julie und ich verbrachten die nächsten paar Stunden damit, Annalise für die Party herzurichten, während Taylor sein Mittagessen bekam und auch ein Nickerchen machte. Annalise liebte tolle Feten und wird konnten spüren, wie ihr Energiepegel hochfuhr. Meiner hingegen nahm ab, als die Stunden vergingen und Nick nicht zurückkehrte. Wie lange konnte ein Metzger denn brauchen? Vielleicht hatte ich ja eine verspätete, postnatale Depression, aber mir kam der Gedanke, dass, was auch immer in der Stadt los war, wesentlich attraktiver sein musste als eine Ehefrau, die immer noch neun Schwangerschaftspfunde loswerden sollte. Ich schob den Gedanken zur Seite. Mein Nick doch nicht.
Es dämmerte bereits, als er samt Anhänger hinter dem Laster parkte. Kurt, Julie und ich schnappten uns jeweils ein Kind und rannten zur Begrüßung nach draußen. Papa brachte schließlich nicht jeden Tag ein großes, totes Schwein heim.
„Hallo, Papa“, brüllte Taylor.
Nick grinste uns an und stellte den Motor ab. Er streckte den Kopf aus dem Fenster. „Wer hilft mir, Wilbur reinzubringen?“
„Wilburn!“, sagte Taylor und hüpfte von einem Fuß auf den anderen.
„Nick …“, flehte ich, aber er ignorierte meine Andeutung, den wilburnschen Zustand zu vertuschen. Na gut, ich hatte damit angefangen, aber pfui Deibel.
Kurt gab Liv an Julie weiter und half Nick, das vorbereitete Schwein, das in unzählige Schichten Plastikfolie gewickelt war, ins Wohnzimmer zu tragen.
„Oh nein, Jungs. Nicht auf meinen Wohnzimmertisch. Auf gar keinen Fall“, sagte ich.
„Entweder hier oder auf den Kaffeetisch“, erwiderte Nick.
„Weder noch! Wie wär’s mit dem Garagenboden?“
„Willst du wirklich ein geschlachtetes Schwein über Nacht auf dem Garagenboden liegenlassen, und das im Regenwald? Ohne Witz?“
Ich dachte an die Fallen, die wir für Nager aller Größen, die sich auf Futtersuche hereinwagten, regelmäßig mit Ködern bestückten. Ich dachte an den allmonatlichen Termin mit dem Schädlingsbekämpfer. Auch an die „Mahagoni-Vögel“, in den Staaten auch als Kakerlaken bekannt. „Vielleicht keine so gute Idee“, gab ich zu.
„Sag bloß“, meinte Nick.
Bevor ich mir eine schlagfertige Antwort ausdenken konnte, klopfte es an der Küchentür. Ich ging mit Liv auf der Hüfte zur Tür. Wir bekamen hier oben nicht oft Besuch. Ich öffnete die Tür und sah einen Unbekannten, der schweigend im Lichtkegel stand. Kein Laut und keine Spur von unseren Hunden. Sehr seltsam.
„Guten Abend“, sagte ich.
Nick erschien und stellte sich vor Liv und mich. „Ebenfalls guten Abend. Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Nick.
Der abgerissene Einheimische trat einen Schritt vor und sah um Nick herum auf mich und das Baby. „Ich bin hier, um mit der Missus zu reden.“
„Und weiter?“, fragte Nick.
„Es ist privat.“ Er beugte den Kopf nach vorn in dem Versuch, respektvoll zu erscheinen.
Privat? Was zur Hölle könnte jemand nur mit mir besprechen wollen, was Nick nicht hören sollte? Wie komisch, dachte ich, aber ich wollte wissen, was der Mann zu sagen hatte.
„Nichts für ungut, aber –“ fing Nick an.
Oh-oh. Wenn Nick „Nichts für ungut“ sagte, kam danach nie etwas Freundliches aus seinem Mund. Ich mischte mich ein. „Ist schon gut, Nick. Du bist ja nur ein paar Meter weg in der Küche. Ich ruf dich, wenn ich dich brauche.“
Ich bereute meine Worte fast sofort. Dieser Mann besaß eine unangenehme Ausstrahlung. Ich wollte nicht alleine mit ihm reden, aber es war schon zu spät. Bei dem Blick, den mir mein Mann zuwarf, hätte mir das Blut in den Adern gefrieren sollen, wäre ich keine so waschechte Rothaarige gewesen. Er stolzierte steif in die Küche, seine Schritte hallten intensiv nach zum Ausdruck seines Missfallens. Ich vermutete, dass ich es später wohl wiedergutmachen müsste. Ich rief ihm beinahe hinterher, er solle zurückkommen, aber ich verdrängte meine Nervosität. Sei kein Waschlappen. Er ist doch nur sechs Meter entfernt.
„Sind Sie die Missis Katie, die das Haus gekauft hat?“
„Ja, bin ich.“
„Ich bin hier wegen den Toten.“
„Dem toten Schwein?“
„Ich weiß nix von einem toten Schwein. Ich bin hier wegen all den toten Leuten unter dem Haus.“
Liv wimmerte. „Psst, Schatz.“ Ich wiegte sie sacht. Sie schlief gerade ein, ich nicht. Dieser Mann hatte mir einen Schock versetzt wie ein dreifacher Espresso. Ich war auch nicht die einzige, die jetzt hellwach war, ich konnte spüren, wie Annalise aufmerksam wurde. Sie mochte diesen Mann genauso wenig wie ich. Die Hunde tauchten wieder im Garten auf. Wo zum Teufel waren sie denn gewesen? Sie hielten zwar Abstand, formten aber einen unregelmäßigen Kreis um den Unbekannten.
„Wie bitte?“ Ich redete mit lauter Stimme und hoffte, dass Nick zurückkommen würde, ohne meinen Besucher zu verscheuchen, bevor ich alles gehört hatte.
„Alle die toten Männer und Frauen, die unter dem Haus da begraben sind“, sagte er. „Ich hab hier vor langer Zeit gearbeitet, wie sie das Haus gebaut haben. Hab mit eigenen Augen Skelette gesehen. Der Boss – ein böser Mann – hat versucht, es zu vertuschen, damit es niemand weiß. Aber ich weiß es. Er hat dieses Haus auf heiligem Boden gebaut. Er hat keinen Respekt vor den Toten.“
Unheimliche nächtliche Klänge waren zu hören, als tausende von Fledermausflügeln die Luft durchschnitten, während sie Annalises Dachtraufen verließen, um auf nächtliche Jagd zu gehen. „Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen“, sagte ich zu dem Mann.
„Dieses Haus ist auf einem Sklavenfriedhof gebaut. Das Gesetz sagt, Tote darf man nicht ausgraben.“
Auf einem Friedhof gebaut? Gegen das Gesetz? Ich hatte keine Ahnung, weder vom einen noch vom anderen. Er redete weiter.
„Ich glaub also, dass Sie vielleicht nicht wollen, dass ich der Regierung was davon erzähl. Geben Sie mir halt eine Kleinigkeit dafür, dass Sie keinen Respekt vor meinen Leuten haben, dann sag ich nix. Ich geh jetzt erstmal, aber wenn ich wiederkomm, haben Sie ja vielleicht was für mich und meine Familie.“
Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zurück zum Gebüsch, aber als er den Hof überquerte, platzte die Beleuchtung über der Tür und es regnete Glasscherben, die einen großen Bogen über uns formten, damit Liv und ich nicht getroffen wurden. Scherben flogen hinter dem Mann her, er musste das Geräusch in seinem Rücken einfach hören, aber selbst wenn er getroffen wurde, zuckte er nicht mal zusammen.
Ich allein konnte die hochgewachsene Schwarze mit dem verknoteten Kopftuch sehen, die nur zwei Schritte von der Veranda entfernt stand. Ihr finsterer Blick machte ihr junges Gesicht ganz verkniffen, ihr wadenlanger Karo-Rock wehte um ihre bloßen Beine, als sie langsam wieder verschwand. Gut gemacht, Annalise! Ich hätte ihm gleich sagen können, dass er mein Haus nicht verärgern sollte.
Die Hunde machten ihm Platz, sie knurrten leise und ich verspürte das Bedürfnis zu wispern: I see dead people dem, „Ich seh tote Leute“, in meinem besten einheimischen Dialekt. Dieser Typ war gruselig. Was, wenn er die Wahrheit sprach? Mein Verstand schreckte vor der Möglichkeit zurück. Aber es war höchst unwahrscheinlich. Ich spürte Nicks Hand auf meiner Schulter und mich durchlief eine Welle der Erleichterung.
„Entschuldigung, wie war noch gleich Ihr Name?“, rief ich hinter dem alten Mann her, als seine schwarze Haut mit der Schwärze der Nacht verschmolz. Es kam keine Antwort.