Kapitel 2-1

2027 Words
ZWEI Gut Annalise, St. Marcos, US-Jungferninseln 30. August 2014 Nick und ich wechselten einen ungläubigen Blick. Ich drückte Liv fest an mich und presste meine Lippen auf ihre feinen roten Härchen. Plötzlich ertönte ein donnernder Knall, unsere Köpfe fuhren herum. Nick und ich rannten auf die Einfahrt, das war eindeutig ein Schuss gewesen. Meine Füße machten klatschende Geräusche auf der harten Erde, Liv hüpfte auf meiner Hüfte auf und ab. Mit einer Hand hielt ich ihren Nacken fest, mit dem anderen Arm umklammerte ich ihren Körper. Ich rannte ohne etwas zu sehen, das kohlschwarze Dunkel verwandelte sich zu Pechschwarz. Die Geräusche der Nacht wurden lauter, die klebrige Süße der Nachtluft machte das Atmen schwer. Nick überholte mich, er legte die Strecke im Eiltempo zurück. Über die Schulter rief er mir zu: „Du und Mama bleibt mit den Kindern im Haus. Schick Paps her. Und sperr die Türen ab.“ Ich hörte das Pochen meines Herzschlags, es hallte in meinen heißen Ohren wider. Ich hielt an, um Atem zu schöpfen. Mir lag schon eine scharfe Antwort auf der Zunge, aber ich verschluckte sie. Was für eine hirnlose Idiotin rannte denn auf ein Geräusch zu, das wie ein Schuss klang und hielt dabei noch ihr Baby im Arm? Zwei Herzschläge später wirbelte ich herum. Ich sprintete zurück zum Haus, auf dem Weg stieß ich auf Kurt. „Hat sich wie ein Schuss angehört“, sagte er. „Ja! Nick hat gesagt, du sollst bitte kommen – und zwar schnell“, sagte ich. Kurt hielt sich nicht mit einer Antwort auf. Er rannte hinter Nick her in die Nacht. Julie stand herum wie erstarrt und hielt Jess fest. Ich tätschelte Taylors Schulter und führte ihn zum Sofa im großen Wohnzimmer. „Taylor, willst du Disney Channel gucken?“ Ich schaltete ihn ein und wusste gleichzeitig, dass es ein Wunder wäre, wenn das reichte, um dieses umtriebige Kind ruhigzustellen. Ich sah mich nach meiner Schwiegermutter um, die sich immer noch nicht rührte. Ich brauchte ihre Hilfe, also stupste ich sie sanft. „Julie, ich kümmere mich um die Türen und Fenster. Suchst du bitte einen Platz für die Mädels?“ Julie zögerte, ihre Augen waren geweitet, dann nickte sie und legte eine Decke für die Babys auf den Teppich im Wohnzimmer. Sie redete beruhigend auf sie ein und nach kurzer Zeit spielte sie mit den Kindern. Ich raste von der Tür zum Fenster und wieder zurück zur nächsten Tür, ich schloss Fenster und sperrte Türen ab. Außer bei schlechtem Wetter stand gewöhnlich alles offen, damit die Passatwinde durchwehen und das Haus kühlen konnten. Heute hatten wir sie so weit wie es nur ging geöffnet. Ich verfluchte Annalises Bauweise: 7 Türen und 37 Fenster. Hier handelte es sich mitnichten um ein Unterfangen, bei dem man einfach mal zur Haustür ging und den Riegel vorschob. „Annalise, ich wäre dir echt dankbar, wenn du lernen würdest, das selber zu machen“, murmelte ich. Keine Antwort, ich hatte auch keine erwartet. Ihr Schweigen war ermutigend. Wenn sie eine Bedrohung spürte, übermittelte sie normalerweise ihre Erregung durch vibrierende Tassen und Untersetzer sowie Knacklaute in den Stromleitungen. Gerade war ich mit dem Absperren fertig geworden, da hörte ich jemanden dreimal an die Küchentür klopfen. „Wer ist da?“ „Wir sind’s, Katie“, antwortete Nick. Ich sperrte wieder auf und öffnete weit die Türe für Nick und meinen Schwiegervater. Kurt war aschfahl. Das war ein ganz schlechtes Zeichen. „Wir müssen die Polizei anrufen“, sagte Nick. Ich starrte meinen Mann an. Nick ist von Beruf Privatdetektiv, aber meiner Meinung nach ist er eine Art einsamer Cowboy, immer hart an der Grenze, Gesetze zu übertreten. Das traf zu, als er noch in den Staaten tätig war. Hier auf St. Marcos rief niemand die Polizei, wenn es irgendwie vermeidbar war. Polizisten und Verbrecher waren fast nicht zu unterscheiden. Auf der Titelseite der St. Marcos Daily News standen mehrmals im Monat Berichte über kriminelle Bullen, wobei sich die Verbrechen von Drogenhandel über Entführung bis hin zu Mord erstreckten. Dazu kam noch, dass unsere einheimischen Freunde uns als Nicht-Einheimischen geraten hatten, einen Eindringling niemals zu verletzen. Wenn die Polizei eingeschaltet wurde, stellten sie sich unweigerlich auf die Seite des Einheimischen, selbst wenn er bewaffnet war. Einige Freunde hatten sogar noch drastischere Ratschläge auf Lager: Nicht nur solle man dem potentiellen Eindringling/Vergewaltiger/Mörder/Entführer nichts zuleide tun, man solle ihn vielmehr umbringen und die Leiche hinter dem Damm vor der Küste ins Meer schmeißen, wo der Meeresboden in eine Tiefe von etwa 2000 Meter abfällt, circa 1,5 Kilometer vor dem nördlichen Inselrand. Nick und ich waren übereingekommen, dass wir im Fall eines Eindringlings unseren Freund Rashidi zu Hilfe rufen würden und nicht die Polizei. Unser Schutz setzte sich aus fünf Hunden, einem Aluminium-Baseballschläger, einer Leuchtpistole und einem Jumbie-Haus zusammen und seit wir vor einem Jahr wieder nach St. Marcos gezogen waren, hatte es noch keinen einzigen Zwischenfall gegeben. Bis heute. „Was ist los?“, fragte ich. „Auf der Straße bei unserem Tor parkt ein Auto“, sagte Nick. „Mit einem sehr toten Typen drin. Noch ganz frisch.“ Meine Selbstbeherrschung kämpfte mit Millionen von Fragen, aber ich behielt sie für mich und gab Nick das Telefon. Er erklärte dem Beamten am anderen Ende mehrfach die Lage. „Wir wohnen abseits der Panoramastraße an der Nordseite des Regenwalds. Wir haben einen Schuss gleich beim Haus gehört.“ „Nein, ich war mir nicht sicher, dass es ein Schuss war, aber es klang so. Ich bin rausgegangen, um nachzusehen. Vor unserem Tor parkt ein Auto.“ „Okay, also, in dem Auto ist eine Leiche.“ „Nein, ich weiß nicht, wer das ist. Nein, ich weiß nicht hundertprozentig, ob es ein „Er“ ist, aber die Leiche ist sehr groß. Ich schätze mal über 1,80 und mehr als 90 Kilo und sie sieht nicht aus wie der Körper einer Frau.“ Und so ging es endlos weiter. Während er dem Beamten antwortete, wurden meine Fragen auch gleich beantwortet. Ich drehte an meinem goldenen Ehering herum, der meiner Mutter und zuvor meiner Großmutter gehört hatte. Nick sah völlig erschlagen aus, als er auflegte. „Du lieber Gott, wie ich Jacoby vermisse“, sagte er und nahm damit Bezug auf einen befreundeten Polizeibeamten, der im Dienst ermordet worden war. „Aber sie sind auf dem Weg. Ich dusche mal, bevor sie kommen – es könnte Minuten oder auch Stunden dauern.“ Ich folgte ihm ins Bad. Er drehte das heiße Wasser ganz auf und stieg in die Dusche. Die Trockensaison fing gerade erst an und eine Duschorgie bei vollem Wasserdruck, wenn man von einer Zisterne abhängig ist, zeugt entweder davon, dass man ein Idiot oder sehr aufgeregt ist. Nick war kein Idiot. Das Bad füllte sich mit Dampfschwaden und ich schrieb „Ich liebe dich“ auf den Spiegel, während er sich einseifte. Er sagte: „Ich bin kaputt von der Jagd auf dieses verdammte Schwein und jetzt müssen wir uns auch noch damit herumschlagen. Du weißt doch, wie das mit den Bullen laufen wird.“ „Ich weiß“, sagte ich. „Du lieber Himmel, ich habe Wilbur auf dem Tisch vergessen.“ „Kannst du ihn auf Eis legen? Tut mir leid, dass ich dir nicht groß helfen kann, aber ich habe auf dem Heimweg ein paar Packungen Eis gekauft.“ „Eis. Daran hab ich nicht mal gedacht. Wilbur zersetzt sich auf meinem brandneuen Wohnzimmertisch.“ Meine Schultern und meine Stimme wurden angespannt. „Katie . . . “ „Auf dem Tisch liegt ein totes Schwein, in der Einfahrt eine Leiche und eine Legion von Toten wird bestimmt gleich durch unsere Zisternen ins Haus geschwemmt. Scheiße, hier geht’s zu wie bei Zombie 2.“ „Er liegt nicht wirklich in der Einfahrt“, sagte Nick und stellte die Dusche ab. „Und du weißt genau, dass unter dem Haus keine Toten liegen. Dieser Typ war nur auf schnelle Kohle aus.“ Er wickelte sich in ein Handtuch und schlang die Arme um mich. „Und morgen schmeißen wir eine ganz tolle Party für unsere zwei perfekten Töchter.“ Mit der Rückseite meines Handgelenks verbarg ich ein Lächeln. „Wie ich es hasse, wenn du mir einen schönen Wutanfall kaputtmachst. Ich bin grade in Schwung gekommen.“ Er küsste mich auf die Lippen. „Machst du mir jetzt das eklige Zeug drauf oder nicht?“ Ich setzte eine ernste Miene auf und holte die teure Feuchtigkeitscreme heraus, auf die Nick insgeheim ganz scharf war. Ich vollführte mein Ritual der Gesichtspflege, wobei mein eigenes nur Zentimeter von seinem entfernt war und summte dabei You’re so vain. (Hit von 1972 von Curly Simon, Anm. d. Übers.) Nick verdrehte die Augen. „Schon besser. Ich habe förmlich gespürt, wie sich tiefe Falten eingraben, wie norwegische Fjorde.“ „Alles klar, Methusalem.“ Als ich fertig war tätschelte ich ihm energisch die Wange. „Ich kümmere mich jetzt um Wilbur, und du schlägst dich mit den Freunden und Helfern von St. Marcos herum.“ „Klingt gut.“ Nick sah nicht aus wie Methusalem. Er sah ausgesprochen gut aus. Ich blickte nach unten auf mein Strickkleid von Sloop Jones, mein Standardaufzug. Ich liebte einfach die aufgemalten Farben und den Blusenschnitt des ärmellosen Minikleids. Ich hatte sieben Exemplare mit unterschiedlichen Mustern, für jeden Wochentag eines. Konnte ich mit meinem gutaussehenden Mann mithalten? Ich machte mir Gedanken. Nick wurde mit jedem Jahr noch attraktiver und er hatte nicht vor drei Monaten Zwillinge geboren. Manchmal vergaß ich unter den formlosen Kleidern meine schlaffe Figur, aber ich wusste, dass ich nicht mehr so aussah wie die Frau, in die er sich verliebt hatte. Das war eine Anwältin gewesen, die zur Arbeit Klamotten von Donna Karan und St. Johns und Slingback-Pumps mit 7-Zentimeter-Absätzen trug, ein String-Bikini-Star an den Stränden von St. Marcos, mit so vielen sonnenbraunen Sommersprossen, dass es fast als richtige Bräune durchging. Ich musste unbedingt an etwas anderes denken. Ich ging hinaus und stieß auf Julie und Kurt, die die drei jüngsten Kovacs fütterten: einen aus einer Schachtel Cheerios und zwei mit der Flasche. Nein. Ich stillte nicht. Ich wäre bei der La Leche Liga (Gemeinnützige Organisation zur Unterstützung des Stillens, Anm. d. Übers.) eine Riesenversagerin. „Danke, dass ihr euch vorhin um die Kids gekümmert habt“, sagte ich zu meiner Schwiegermutter. „Tut mir leid, dass ich in Panik geraten bin, Katie“, sagte sie. „Jetzt geht’s mir besser. Obwohl mich der Tote schon schwer beunruhigt.“ „Mich auch.“ Mehr als ich mich traute zu zeigen oder zuzugeben. Ich überlegte, ob sich der Mörder aus dem Staub gemacht hatte oder sich immer noch im Wald versteckte. Oder hatte sich der Tote umgebracht? Wie auch immer, eine Leiche in der Einfahrt war einfach extrem schlechtes Karma. Während Nick und Kurt zu der Leiche hinausgingen, um mit der Polizei zu reden, machte ich mich auf den Weg ins Wohnzimmer, um das Wilbur-Projekt in Augenschein zu nehmen. Plüsch-Kuscheltierchen waren rund um „Wilburn“ gestopft, Taylor war fleißig gewesen. Mein lieber Bub hatte ein Plüschschwein direkt neben den Kopf des toten Schweins platziert. Die Tierchen würden zu einem antibakteriellen Waschgang in der Maschine versenkt werden, jetzt gleich. Meine Tischplatte war aus Glas. Ich war nah dran gewesen, einen Tisch mit Mahagoniplatte zu kaufen, aber jetzt wäre Mahagoni eine Katastrophe. Ich stopfte eine wasserundurchlässige Tischdecke unter Wilburs plastikumwickelten Körper und stopfte zusammengerollte Handtücher um ihn herum. Dann bedeckte ich ihn mit zwei Beuteln Eis und wickelte noch mehr Plastik um das Ganze, damit es auch hielt. Ich flitzte in die Küche, machte eine Notiz, mehr Plastikfolie zu kaufen und ging zurück ins Wohnzimmer, um mein Werk zu begutachten. „Sieh einer an, du hast ja ungeahnte Fähigkeiten, Katie Kovacs, wirklich toll“, lobte ich mich selber, dann ging ich in die Küche, um unser sehr spätes Abendessen zuzubereiten. Als sich Nick endlich zwei Stunden später ins Haus zurückschleppte, sah er aus, als bräuchte er noch eine Dusche bei vollem Wasserdruck. Er kam zu mir in die Küche und ich machte ihm einen Teller mit dem restlichen Essen.
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