Gideon war rasend.
Er mied Werwolf-Veranstaltungen aus gutem Grund. Sie waren immer so … ermüdend. Diese lästigen Schwächlinge klammerten sich wie Blutegel an ihn und versuchten, ihm ihre Töchter oder Schwestern anzudrehen. Er verabscheute es.
Und doch war er hier.
Er saß auf einem privaten Balkon und beobachtete durch einen schmalen Spalt zwischen zwei Vorhängen jeden einzelnen, der zum Alpha-Ball eintraf. Er hatte dafür gesorgt, dass dieser Ort speziell für ihn vorbereitet wurde, um während der Veranstaltung notfalls über einen Rückzugsort zu verfügen. Er hasste es, im Mittelpunkt zu stehen. Er wollte diese ganze Party nur schnell hinter sich bringen, um nach Hause zurückzukehren – dorthin, wo ein Berg unerledigter Arbeit auf ihn wartete. An den Grenzen seines Königreichs war etwas im Gange. Er musste Berichte lesen, sie analysieren und eine Lösung finden.
Doch zwei Weibchen gingen ihm nicht aus dem Kopf.
Eines davon war seine Gefährtin.
Diejenige, auf die er sein ganzes Leben lang gewartet hatte. Diejenige, die ihm gehören sollte – nur ihm.
Er hatte sie erst vor wenigen Tagen gesehen – diese Schönheit, die nackt im See an der Grenze geschwommen war, als er in jener schicksalhaften Nacht dort patrouillierte. Er erinnerte sich noch genau daran, wie ihre Haut im Mondlicht schimmerte, wie ihre Brüste sich über der Wasseroberfläche hoben, als sie auf dem Rücken trieb, und wie ihr langes, blondes Haar sie umspielte.
Ein Bild, das sich in sein Gedächtnis gebrannt hatte.
Ein Bild, das ihn seitdem in den Wahnsinn trieb.
Doch was ihn noch verrückter machte, war, dass sie ihn nicht wahrnahm. Während ihr Duft sich überall auf ihm ausbreitete und ihn veranlasste, das Territorium der Werwölfe in ihrer Suche nach ihr zu betreten, bemerkte sie ihn nicht einmal. Aber schlimmer noch war, als sie ihn endlich bemerkte, erschrak sie und floh.
Da gab es kein Missverständnis. Er erkannte sofort, was sein war. Er konnte sie mit niemandem verwechseln. Warum konnte sie nicht dasselbe tun? Warum ist sie weggelaufen?
Er sagte sich viele Male, dass sie einfach Angst bekommen hat. Manche Frauen waren so. Besonders, weil er ein Lykan war und deutlich größer als ein gewöhnlicher Werwolf. Er wusste, welche Gerüchte über sein Volk kursierten. Wahrscheinlich war es das.
Er musste sie finden. Es gab drei Rudel in der Nähe des Sees, wo er der Nymphe begegnet war, die für ihn bestimmt war. Er hoffte, mit den Alphas oder Lunas dort sprechen zu können, um ihren Aufenthaltsort herauszufinden.
Es gab noch einen weiteren Grund, mit einer bestimmten Luna eines dieser Rudel zu sprechen. Aus irgendeinem Grund verfolgte ihn ihre Stimme. Und auch ihre Worte. Er war in einer sehr schlechten Stimmung, als er mit ihr am Telefon sprach, da seine Gefährtin ihm gerade entkommen war. Doch sobald sie aufgelegt hatte, bereute er alles, was er gesagt hatte. Als Alpha-König musste er verständnisvoller sein. Außerdem hatte sie einen guten Punkt.
Darüber hinaus schuldete er den Lykan ihr. Sie waren nicht so arrogant, zu glauben, dass es nur ein Gefallen sei, mit ihr zu reden.
Daher beschloss Gideon, den Argumenten der Luna zuzuhören. Wenn sie recht hatte, würde er ihr helfen, ihr Rudel bei der Scheidung zurückzubekommen. Es war nicht ihre Schuld, dass ihr Mann sein Wort nicht halten konnte. Ein Mann sollte eine Frau nicht markieren und sie zu seiner Luna machen, wenn er sich nicht sicher war, dass dies eine endgültige Entscheidung war.
„Siehst du sie?“, fragte der König seinen Beta und genoss sein Getränk in einem bequemen Sessel, der speziell für ihn bereitgestellt wurde.
„Nein“, antwortete Reid. „Aber ich sehe viele andere Fische im Meer und ich würde gerne angeln gehen. Darf ich?“
„Natürlich kannst du“, lachte Gideon. „Sobald du mir Luna Thorn bringst, kannst du so viel angeln, wie du willst.“
„In Ordnung!“, stöhnte sein bester Freund. „Ich habe übrigens meine Recherchen gemacht. Alle Rudel sprechen darüber.“
„Was sagen sie?“, interessierte sich der König und nahm einen weiteren Schluck von seinem Getränk.
„Sie sagen, dass ihr Mann seine wahre Gefährtin gefunden hat und ihre Bindung so stark zu sein scheint, dass er beschlossen hat, sie in sein Rudel zu bringen. Er behauptet, dass dies für das Wohl seines Wolfs notwendig ist.“ Reid schnaubte. „So ein Arschloch, wenn du mich fragst. Selbst ich würde das nicht tun.“
„Was hat sie getan?“, fragte der König und nahm einen weiteren Schluck von seinem Getränk.
„Sie hat keinen Wutanfall bekommen, das ist sicher.“ Sein Beta klang so, als würde er die Luna respektieren. „Sie sagen, dass sie ihn zunächst gebeten hatte, die andere Frau abzulehnen, aber als er ablehnte, war sie tatsächlich nett zu der armen Omega.“
„Seine Gefährtin ist eine Omega?“, Gideon fand dies nun lustig. „Lass mich raten, ein armes kleines Geschöpf, das von allen gequält wurde? Diese Geschichte ist alt wie die Zeit.“
„Aber anscheinend haben nicht alle aus den Märchen ihre Lehren gezogen.“ Reid rollte mit den Augen. „Der Alpha ist ziemlich vernarrt in seine Gefährtin. Er hat sie sogar als seine Begleitung hierher gebracht.“
„Ernsthaft?“ Der König beschloss, selbst nachzusehen, und stand auf, um seinem Freund näherzukommen. „Wo sind sie?“
„Wenn ich mich richtig an die Fotos aus dem Dossier erinnere ...“ Sein Beta wies mit dem Finger auf ein Paar - einen attraktiven Mann mit einem überlegenen Lächeln und eine niedliche kleine Rothaarige in einem kitschigen Kleid. „Das sind sie.“
„Das Mädchen ist nichts Besonderes“, stellte Gideon nüchtern fest.
„Das ist Geschmackssache.“ Reid zuckte mit den Schultern. „Sie ist mindestens eine Sieben, aber wenn ich mich richtig an meine Begegnung mit der Luna erinnere, ist sie eine verdammte Zehn.“ Sein Beta fuhr fort und sagte noch etwas, aber plötzlich war es dem König egal, denn er nahm wieder diesen Duft wahr, der ihm mittlerweile viel zu vertraut war, um ihn zu ignorieren.
Seine Gefährtin war hier, und er konnte sein Glück kaum fassen!
Die Türen öffneten sich, und eine wunderschöne Frau betrat den Raum. Sofort zog sie die Aufmerksamkeit aller auf sich. Sie hatte die Schönheit einer Porzellanpuppe und trug ein weinrotes Kleid, das sich genau an den richtigen Stellen um ihren Körper schmiegte. Für einen Moment schien es, als hätte er vergessen, wie man atmet – sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte.
Jeden Moment würde sie spüren, dass auch er hier war. Er war gespannt, wie sie diesmal reagieren würde. Würde sie wieder davonlaufen? Oder würde sie ihn suchen?
Zu seiner Überraschung tat sie gar nichts. Sie reagierte in keiner Weise auf seine Anwesenheit. Sie schritt die Treppe hinab, der Stoff ihres Kleides wehte wie eine rote Wolke hinter ihr, während die Augen jedes Mannes im Raum an ihr klebten. Gideon hörte ein paar besitzergreifende Knurrlaute, die ihn verdammt noch mal nervten.
Er stieß sein eigenes aus – kein einfaches Knurren, sondern ein Gebrüll, das alle anderen sofort verstummen ließ. Seine Gefährtin zuckte zusammen, doch sie ging weiter.
„Oh, da ist sie.“ Reid zeigte mit dem Finger auf die Frau. „Luna Riannon Thorn.“