Kapitel 1
Katys Perspektive
„Hey, ich mache mich jetzt auf den Weg! Kannst du die Bücher rausbringen, die ich liegengelassen habe?“
Ich drücke auf Senden und stecke mein Handy in meine Jackentasche, als Bryans Stadthaus in Sicht kommt und meine Schritte sich automatisch beschleunigen.
In dreißig Minuten habe ich Statistik und Frau Tompson würde eher im Boden versinken, als mich ohne mein Lehrbuch in ihren Unterricht zu lassen. Es ist dasselbe Lehrbuch, das ich im Zimmer meines Freundes liegengelassen habe.
Während ich schneller gehe, überprüfe ich mein Handy erneut. Ich erwarte eigentlich eine Antwort, aber da ist nichts. Ich frage mich, warum er mir nicht zurückschreibt.
Einen Moment überlege ich, ob er vielleicht schon gegangen ist, aber das ist unwahrscheinlich. Es ist erst 9:30 Uhr und Bryan verlässt sein Zimmer nie so früh. Es ist einer der Vorteile, ein Baseballspieler zu sein, dass er die Kurse an der Uni nicht so ernst nehmen muss. Ich hingegen genieße diesen Luxus nicht.
Ich erreiche sein Stadthaus und nehme zwei Treppenstufen auf einmal, während meine Tasche an meiner Hüfte hüpft. Je höher ich steige, desto mehr gerät mein Atem ins Stocken, obwohl das weniger mit den Treppen zu tun hat und viel mehr mit meiner schleichenden Frustration, weil er mir immer noch nicht zurückgeschrieben hat.
Als ich den dritten Stock erreiche, wo sich sein Zimmer befindet, stelle ich mir schon vor, wie ich hineingehen und einen sarkastischen Kommentar ablassen werde. Da es ja anscheinend so schwierig für ihn ist, auf eine einfache Nachricht zu antworten.
Meine Hand greift nach seinem Türknauf, als ich seine Stimme durch die Tür höre.
„Beeil dich! Meine Freundin wird bald hier sein!“
Ich erstarre.
„Du musst gehen!“
Mit wem redet er?
Die Frage formt sich kaum in meinem Kopf, bevor die Tür aufspringt, ein Mädchen herausstürzt und fast mit mir zusammenprallt. Mein Atem stockt. Sie keucht und ihre Augen sind weit aufgerissen. In ihnen erkenne ich eine Mischung aus Panik und Scham.
In dem Bruchteil einer Sekunde, bevor sie davonläuft, nehme ich ihr zerzaustes rotes Haar, das zerknitterte Oberteil und die offene Jeans wahr. Ein widerlicher, vertrauter Männerduft haftet an ihr.
Mein Blick schnellt zu Bryan, der nur in Boxershorts in der Mitte seines Zimmers steht. Seine Haare sind ebenfalls zerzaust.
Ein eiskalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter und raubt mir den Atem. Meine Knie werden weich und der Knoten in meinem Magen verwandelt sich in einen festen Eisblock.
Ohne ein Wort rast das Mädchen an mir vorbei und verschwindet den Flur hinunter. Meine Finger beginnen zu zittern und mein Herz hämmert so heftig, dass es sich anfühlt, als würde es durch meine Rippen brechen. Ich stolpere nach hinten und ein bitterer Geschmack steigt in meiner Kehle auf.
„Baby, warte!“ Bryans Stimme folgt mir, als er in den Flur tritt. Ich drehe mich um und renne los. Ich bin wild entschlossen, so viel Abstand wie möglich zwischen uns zu bringen. Denn meine Brust brennt vor Wut.
Aber er fängt mich ein und seine Hände klammern sich um mein Handgelenk, bevor ich entkommen kann. Er dreht mich zurück zu ihm und blockiert mir den Weg. „Baby, lass uns darüber reden!“
„Lass mich los!“, fauche ich mit zitternder Stimme. „Fass mich nicht an!“ Ich stoße gegen seine Brust, aber er weicht nicht zurück.
Er zieht mich in sein Zimmer, während er mich fest im Griff hat. „Es ist besser, wenn wir reingehen. Hier draußen können uns alle hören.“
Drinnen stoße ich ihn endlich weg. Meine Brust hebt und senkt sich schnell. Ich will Antworten, aber ich kenne die Wahrheit schon. Die Beweise sind überall: das zerknitterte Laken, der Duft ihres Parfüms und der verzweifelte, schuldbewusste Blick in seinen Augen.
Er läuft im Zimmer auf und ab und fährt sich mit der Hand durch die Haare, bevor er stehenbleibt und meine Schultern packt. „Ich habe Mist gebaut, okay?“ Er fährt sich mit der Hand über das Gesicht. „Es war ein Fehler!“
Meine Augen zucken. „Ein Fehler?“
„Ja, Baby“, sagt er, aber seine Augen weichen meinen aus. „Ein paar Jungs waren gestern Abend hier. Wir haben zu viel getrunken. Ich war so besoffen, dass ich, ähm, ich dachte, sie wäre du. Ich erinnere mich nicht mal an die Hälfte davon.“
Ich blinzle und kann kaum fassen, was er gerade gesagt hat. Mein Verstand stolpert über seine Worte, denn sie ergeben überhaupt keinen Sinn. Hat er das wirklich gerade gesagt? Erwartet er tatsächlich, dass ich ihm diese erbärmliche Lüge glaube?
Ich starre ihn an und mein Mund ist leicht geöffnet. Eigentlich erwarte ich, dass er seine Worte zurücknimmt. Aber das tut er nicht. Er hält einfach meinen Blick, als ob er sehen will, ob ich dumm genug bin, seiner lächerlichen Lüge zu glauben.
„Du, ähm, du dachtest, sie wäre ich?“, bringe ich wütend hervor. „Meinst du das ernst?“
„Ja, Baby! Ich meine es ernst! Ich wollte das alles nicht. Es war ein Fehler!“ Er beharrte darauf. „Und ehrlich gesagt hat sie auch zuerst mit mir geflirtet. Wie sollte ich ihr widerstehen? Ich war doch so betrunken! Ach, komm schon! Du weißt doch, dass ich dich liebe!“
Ein bitteres Lachen entfährt mir. „Dass du mir fremdgegangen bist, ist die eine Sache, Bryan“, fauche ich und mache einen Schritt auf ihn zu. „Aber dass du wirklich denkst, dass ich dumm genug bin, deine Lügen zu glauben, ist nochmal auf einer ganz anderen Ebene!“
„Katy, du darfst jetzt auch nicht so überreagieren“, sagt er und seine Stimme wird kälter. „Jasper und Hannah hatten die gleichen Probleme und sie haben es hingekriegt. Warum kannst du nicht ein bisschen mehr wie sie sein?“
Ich fühle, wie Hitze in mir aufsteigt. „Ich soll nicht überreagieren?“, schreie ich. „Vierzehn Monate, Bryan! Vierzehn Monate voller Versprechen! Du hast jedes einzelne gebrochen! Und jetzt besitzt du auch noch die Frechheit, mir zu sagen, dass ich nicht überreagieren soll?“
Er schnaubt und seine Maske fällt endlich. „Versprechen? Willst du dieses Thema wirklich ansprechen?“
Ich weiche zurück. „Was meinst du damit?“
Er verschränkt die Arme und kommt auf mich zu. „Du willst über Versprechen reden? Gut. Lass uns darüber reden!“ Er sticht mit einem Finger in mein Gesicht und seine Augen verdunkeln sich. „Du hast versprochen, dass dein Stundenplan unsere Beziehung nicht beeinflussen würde! Und wie sieht es jetzt damit aus? Jeden verdammten Tag bist du beschäftigt! Debattierclub, Zeitschriften gestalten und was weiß ich noch für langweilige, dumme Aktivitäten! Alles andere ist dir wichtiger als ich!“
„Das ist nicht ...“, fange ich an, aber er unterbricht mich.
„Ich habe jeden Tag Training und finde trotzdem noch Zeit für dich!“, schreit er und ich zucke zusammen. „Weißt du was? Das hier ist allein deine Schuld!“ Er stößt erneut gegen meine Schulter. „Das ist deinetwegen passiert! Du bist schuld daran!“
Ich trete zurück und Wut steigt in mir auf.
Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass die Person, die ich ein ganzes Jahr lang geliebt und der ich vertraut habe, sich so verhalten könnte. Er verdreht die Wahrheit und gibt mir die Schuld daran, dass er mir fremdgegangen ist!
„Du bist ein Feigling, Bryan“, flüstere ich, während ich meinen Kopf hebe, um ihm in die Augen zu sehen. „Das bist du. Du gibst mir die Schuld, obwohl du mir fremdgegangen bist? Ich bin fertig mit dir!“
Ich stürme zu seinem Schreibtisch und lasse Papiere und Bücher auf den Boden fallen, während ich nach meinem Lehrbuch suche. Ich muss hier raus, bevor meine Wut überhandnimmt. Bevor ich etwas tue, das ich bereuen werde.
„Du tust ja gerade so, als gäbe es da draußen jemand Besseren für dich. Den gibt es aber nicht! Und den wird es auch niemals geben!“ Er will mich nun auch noch verhöhnen. „Niemand sonst wird dich jemals so gut behandeln wie ich!“
Ich halte inne und starre ihn an. Er tritt näher und seine Stimme wird lauter, als er seine Behauptung wiederholt. „Bevor du mit mir zusammengekommen bist, warst du ein Niemand, Katy. Ich habe dich populär gemacht. Jetzt betrittst du einen Raum und die Leute kennen deinen Namen. Meinetwegen. Wegen Bryan Cooper.“
Jetzt reicht es mir. Ich verkürze den Abstand zwischen uns und atme gegen sein Gesicht. „Du wirst nie wieder mit mir reden! Hast du verstanden?“, zische ich. „Und merk dir meine Worte: Ich werde dich durch jemanden ersetzen, der heißer, klüger und einfach in allem besser ist, als du es je sein könntest!“
Ich reiße mir die Paar-Kette, die er mir geschenkt hat, von meinem Hals und werfe sie ihm vor die Füße. Ohne ein weiteres Wort stürme ich mit meinem Lehrbuch hinaus, während Tränen in meinen Augen brennen. Ich habe es geschafft, nicht vor ihm zu weinen, aber als ich die Treppe hinunterlaufe, bricht der Damm schließlich.
Ich breche an der Seite des Gebäudes zusammen und drücke meine Hände gegen meine Brust, während Schluchzer unkontrolliert aus mir herausbrechen. Es fühlt sich an, als hätte mir jemand mein Herz herausgerissen und es in tausend Stücke zerrissen. Unsere Erinnerungen und gemeinsamen Momente füllen meinen Geist und stechen mir direkt ins Herz.
Plötzlich summt mein Handy in meiner Tasche. Ich nehme es mit zitternden Händen heraus. „Katy?“ Die Stimme meines Bruders dringt an mein Ohr.
„Ja?“, schniefe ich und wische meine Tränen weg.
„Vergiss nicht, dass du versprochen hast, Braydon nach deiner Vorlesung Nachhilfe zu geben!“, sagt er und klingt genervt. „Er nervt mich schon!“
Ich beiße mir auf die Lippe und will ihm eigentlich sagen, dass ich das gerade echt nicht kann. Nicht in diesem Zustand. Aber ich habe ihm bereits versprochen, seinem Freund zu helfen. Also atme ich aus und schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter. Dann erhebe ich mich langsam.
„Okay.“ Das ist alles, was ich erwidern kann.