Als General Gao dies sah, zog sich seine Brust schmerzhaft zusammen.
Sein ältester Sohn musste glauben, dass er selbst nach dem Thron gegriffen hatte.
Dass das Verschwinden des Kaisers und das Edikt Teil seines grausamen, berechneten Verrats gewesen seien, dass er all dies von Anfang an geplant hatte.
Doch so war es nicht.
Er wollte sprechen. Wollte die Wahrheit durch die Halle rufen. Doch manche Wahrheiten sind nicht dazu bestimmt, ausgesprochen zu werden.
Er hatte jemandem ein Versprechen gegeben, und daran musste er sich halten.
Manche Wunden muss man allein tragen, und manche Freundschaften… sind dazu bestimmt, zu zerbrechen.
Er atmete tief ein und richtete seinen Blick auf das Meer der knienden Untertanen.
Das Reich konnte nicht auf Trauer warten. Das Volk brauchte einen Herrscher, sonst würde Chaos ausbrechen.
Berater Yang trat vor und bot ihm das Tigersiegel an.
General Gao nahm es langsam entgegen und spürte das Gewicht seiner Autorität in der Handfläche. Das eingravierte Tier blickte ihm entgegen.
„Ist es wirklich das, was er wollte?“
Berater Yang nickte.
„Von ganzem Herzen.“
Ohne ein weiteres Wort trat General Gao zum Altar und drückte das Siegel auf das Edikt. Der Abdruck klang scharf auf dem Pergament auf.
Und in diesem Augenblick ging der Thron in seine Hände über.
Bis zum Sonnenuntergang hatte der Palast seinen gewohnten Rhythmus wieder aufgenommen.
Doch nichts fühlte sich mehr gleich an.
Goldenes Licht floss über die zinnoberroten Dachränder wie lackiertes Blut warm und schwer, und doch vermochte es nicht, die Kälte zu vertreiben, die unter den Korridoren lauerte.
Schatten zogen sich lang über die geschnitzten Säulen.
Alle Diener bewegten sich mit gesenkten Köpfen und vorsichtigen Schritten, ihr Schweigen abgemessen, als könnten selbst die Böden sie tadeln, wenn sie zu laut gingen.
Der Thronsaal, einst ein Ort von Verkündungen und Befehlen, hallte nun von einer seltsamen Leere wider.
Die Drachenbanner hingen noch immer an ihrem Platz.
Doch jeder wusste, dass sie nicht länger dem Mann gehörten, der spurlos verschwunden war.
Der Duft von Weihrauch lag noch in der Luft, schwach und süßlich, wie eine Trauer, die sich nicht auflösen wollte.
Bestimmte Korridore sollten gemieden werden und durften nur mit Erlaubnis betreten werden.
Der Garten nahe den Gemächern des ehemaligen Kaisers blieb unberührt, frei von Staub und Rost.
Nachts, wenn der Wind durch die hohen Gitterfenster strich, trug er Flüstern mit sich, denen niemand eine Stimme zu geben wagte.
Der Mond stieg auf, blass und fern, und überzog die Dächer des Palastes mit silbernem Licht.
Von den äußeren Wandelgängen kamen das leise Rascheln von Gewändern, das plötzliche Schweigen, wenn sich Wege kreuzten, und das gedämpfte Murmeln von Dienern, die zu viel wussten, aber zu wenig sagten.
Niemand sprach vom ehemaligen Kaiser.
Und niemand fragte, wohin er gegangen war oder was mit ihm geschehen war.
Die Ordnung war zurückgekehrt.
Doch Fragen blieben in manchen Herzen zurück.
Was konnte mit dem ehemaligen Kaiser geschehen sein?
Warum war er plötzlich verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen?
Hatte ihn jemand entführt?
Wer hätte einen so schwer bewachten Ort überwinden können?
Wer wäre kühn genug für eine solche Tat?
Jenseits der Mauern ging das geschäftige Leben der Hauptstadt weiter.
Innerhalb jedoch stand die Zeit still.
Fünf Tage vergingen.
Doch für Kaiserin Sui Xi, die Gemahlin Kaiser Gaos, vergingen sie nicht – sie schleppten sich dahin.
Jeden Morgen erhob sie sich vor der Morgendämmerung und lauschte dem leisen Rascheln der Zofen, die die seidigen Vorhänge zurückzogen.
Sie nahm ihre Mahlzeiten schweigend ein, doch sie beendete keine davon.
Die Küchen des Palastes wurden zunehmend unruhig. Niemand wusste mehr, ob man beruhigende Brühen oder herzhaften Reisbrei zubereiten sollte.
Es spielte keine Rolle.
Ihr Appetit war mit ihrem erstgeborenen Sohn verschwunden.
Im Blumengarten, wo Pflaumenbäume blühten, schritt Kaiserin Sui rastlos auf und ab.
Ihre Hände klammerten sich an ihre Ärmel, fest gegen ihre Brust gedrückt, als versuchte sie zu verhindern, dass ihr Herz herausglitt.
Ihr Blick blieb immer wieder an den fernen Toren hängen.
Sie musterte jede vorbeigehende Gestalt—Soldaten, Diener, Beamte und Gelehrte.
Doch jedes Mal wandte sie sich schließlich enttäuscht ab.
„Gibt es irgendeine Nachricht?“ fragte sie am zweiten Tag.
„Nein, Eure Hoheit.“
Am dritten Tag fragte sie erneut.
Am vierten und fünften Tag begann ihre Stimme zu zerfransen.
„Er war noch nie so lange fort“, sagte sie mit zittriger Stimme.
„Nicht ohne ein Wort.“
Sie wandte sich zu ihrem Mann, der unter den Pflaumenblüten saß.
Die blassen Blütenblätter fielen lautlos auf den Steinweg zu seinen Füßen.
Kaiser Gao, einst der General, antwortete nicht sofort.
Seine Augen folgten einem einzelnen Blütenblatt, das langsam zu Boden schwebte und neben seinen Stiefeln liegen blieb.
Dann sprach er.
„Lass ihn.“
Kaiserin Sui blinzelte.
„Lass ihn? Hörst du dir eigentlich selbst zu?“
Der Kaiser sah sie ruhig an.
„Er ist unser Sohn. Mein Blut“, sagte er.
„Wenn er verschwinden will, werden selbst die Sterne ihn nicht finden.“
„Aber er würde Prinzessin Yan nicht im Stich lassen. Das werde ich nicht zulassen“, erwiderte Kaiserin Sui.
„Er hat versprochen—“
„Sui.“
Ihr Mann griff nach ihrer Hand und schloss sie in seine eigene, rau und warm.
„Unser Sohn ist aus uns hervorgegangen. Doch sie gehören uns nicht vollständig.“
„Ihr Leben gehört ihnen selbst. Ebenso ihre Entscheidungen.“
Sie schluckte den Protest hinunter, den sie bereits vorbereitet hatte.
Ihre Augen glänzten, doch sie sagte nichts.
In diesem Moment trat ihr jüngerer Sohn, Alhan Wu, in den Hof. Die Sorge stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Vater, sie konnten meinen Bruder noch immer nicht finden. Lass mich nach ihm suchen. Ich kann nachts reiten, Leute befragen—“
„Nein.“
Kaiser Gao wies den Vorschlag sofort zurück.
Seine Stimme war sanft, aber unnachgiebig.
„Du hast hier Pflichten. Er hat diesen Weg gewählt. Lass ihn ihn allein gehen.“
„Aber—“
„Genug.“
Sein Ton ließ keinen Raum für Widerspruch.
„Dein Bruder muss aus eigenem Willen zurückkehren. Wenn wir ihm nachjagen, wird er nur noch weiter fortlaufen.“
Kaiserin Sui wandte den Blick ab. Ihr Griff um die Hand ihres Mannes wurde fester.
„Und Min Yan?“, sagte sie schließlich.
„Sie wartet noch immer.“
Ein schwaches Lächeln berührte die Lippen des Kaisers.
„Dann tu, was jede gute zukünftige Schwiegermutter tun würde.“
Sie sah ihn verwirrt an.
„Und das wäre?“
„Bereite das Hochzeitsgemach vor“, antwortete er.
„Ob Tie morgen zurückkehrt oder nicht er muss wissen, dass sein Platz hier bleibt.“
„Als Sohn. Als Bruder. Und vor allem als zukünftiger Ehemann.“
Die Nacht wurde tiefer, und der Mond hing nun tief über der kaiserlichen Hauptstadt.
Ein kühler Wind bewegte die Blätter um den abgelegenen Pavillon und trug den schwachen Duft von blühenden weißen Tulpen und frisch aufgebrühtem Jasmintee mit sich.
Laternen flackerten sanft, ihr warmes Licht sammelte sich auf dem polierten Holz.
Jenseits der Palastmauern war die Stadt zur Ruhe gekommen.
Familien versammelten sich zum Abendessen.
Freunde und Liebende flüsterten Geschichten unter den Sternen.