Kapitel 6

1522 Words
Tie Gens Kiefer spannte sich an. In einem Anflug von Zorn schlug er mit der Faust gegen den Stamm eines nahegelegenen Pflaumenbaums. Die Rinde riss unter seinem Schlag auf, und binnen Sekunden quoll Blut aus seinen Knöcheln hervor und färbte die blassen Blütenblätter, die zu seinen Wurzeln gefallen waren. Schmerz? So hätte es sein sollen. Doch alles, was er spürte, war Verzweiflung, Zorn und die Verwirrung über alles, was geschehen war. Noch an diesem Morgen, bevor er nach Hause zurückgekehrt war, um sich auf seine Hochzeit vorzubereiten, erinnerte er sich lebhaft daran. Er war im Morgengrauen aufgestanden. Einen nach dem anderen hatte er die Palastwachen inspiziert, ihre Wachwechsel überprüft und ihre Posten bestätigt. Er hatte selbst die Mauern des Palastes abgeschritten, die Wachtürme überprüft und sich vergewissert, dass jedes Tor gesichert war. Er war durch Korridore und Höfe gegangen, durch Gärten und selten genutzte Durchgänge, stets auf der Suche nach der geringsten Unregelmäßigkeit, die auf Gefahr hindeuten könnte. Wie sein Vater es ihm aufgetragen hatte, hatte er seine Befehle mit Sorgfalt und Genauigkeit gegeben. Er erinnerte die Hauptleute an ihre Pflichten, betonte Wachsamkeit und stärkte die Disziplin innerhalb der inneren Residenz. Er hatte nichts ungeprüft gelassen. Er hatte keine Auffälligkeiten bemerkt. Alles war gewesen, wie es sein sollte. Und doch war Bai Yun verschwunden, als die Sonne unterging. Wie? Diese Frage nagte an ihm. Wenn die Wachen nicht versagt hatten, wenn die Tore nicht durchbrochen worden waren, wenn es keinen Kampf gegeben hatte wie konnte sein bester Freund innerhalb der gesicherten Mauern einfach verschwinden? Es widersprach jeder Vernunft. Tie Gen hatte seiner eigenen Wachsamkeit vertraut. Er hatte geglaubt, dass, solange er selbst Wache hielt, nichts Katastrophales unbemerkt geschehen könne. Und doch war es geschehen. Dieser Widerspruch quälte ihn mehr als jede Unwissenheit. Wenn er nichts übersehen hatte was hatte er dann nicht gesehen? Tie Gens Atem verlangsamte sich, als die Frage sich wie ein Stein in seiner Brust niederließ. War Bai Yun wirklich entführt worden? Oder hatte er sich selbst getäuscht, indem er an eine Entführung glaubte, weil es leichter war, gegen einen verborgenen Feind zu kämpfen, als eine grausamere Wahrheit zu akzeptieren? Die Wahrheit, dass Bai Yun sich entschieden hatte zu gehen. Zu verschwinden, ohne dass er es wusste. Ohne Erklärung. Ohne ihm den Grund anzuvertrauen. Das schmerzte ihn weit tiefer als jede erdachte Verschwörung. Tie Gen biss die Zähne zusammen. Lieber wollte er an Verrat glauben als an Verlassenwerden. Aber was, wenn es doch so war? Er schlug erneut gegen den Baum, diesmal ohne innezuhalten, als könnte gerade dieser Baum den Zorn in seinem Inneren lindern. Erst als ein Gefühl von Erschöpfung durch seine Adern strömte, hielt er inne. Schwer atmend hob sich seine Brust, und seine Augen waren dunkel wie Eisen. „Ich weigere mich“, murmelte er, seine Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. „Ich werde nichts davon glauben.“ Denn wenn er es täte, wenn er sich erlaubte, es zu akzeptieren, dann wäre er ein Narr ein Mann, der Schatten nachjagte und Lügen statt Wahrheit spann. Das konnte er nicht. Und das würde er nicht. Seine Finger fuhren durch sein Haar, verfingen sich in Schweiß und Staub, zogen daran, als könne er aus dem Chaos seines Geistes irgendeinen Sinn herausreißen. Sein Atem kam stoßweise, sein Körper war angespannt, jeder Teil seines Wesens schrie gegen die unerträgliche Möglichkeit an, dass er sich die ganze Zeit selbst belogen hatte. Und dennoch weigerte er sich, daran zu glauben. Tie Gen erreichte die südliche Stadt MongHe mit Staub auf seinen Stiefeln und kaum noch Kraft in den Knochen. Seine Entschlossenheit wurde schwächer, während seine verbleibenden Tage immer weniger wurden. MongHe war kein Ort, den man sich merkte. Reisende kamen im Morgengrauen und verschwanden wieder bis zum Abend. Es gab nur ein einziges Gasthaus, dessen hölzernes Schild leise knarrte, sobald der Abendwind es bewegte. Abgesehen davon gab es nur schmale Straßen und gedämpfte Laternen. Manche nannten MongHe eine Geisterstadt, doch das war weit von der Wahrheit entfernt. Obwohl sie ruhig und unscheinbar war, blühte hier das Leben. Das Meer erstreckte sich gleich hinter dem Rand der Stadt, seine Wellen schlugen gegen die hölzernen Docks, an denen die Fischer täglich ihren Fang einholten. Die Menschen lebten hier, atmeten hier und fanden Freude in einfachen Gewohnheiten. Händler priesen ihre Waren an kleinen Ständen an, und gelegentliche Reisende hielten inne, um die Aussicht zu genießen. Kinder liefen durch die engen Straßen und jagten einander lachend hinterher. Es war eine Stadt ohne großen Ruhm, aber reich an Leben, beständig und ausdauernd genau wie jeder andere Ort, an dem Menschen ihre Tage in stiller Mühe verbringen. Tie Gen hatte jeden dort befragt, doch wie erwartet gewann er nichts. Wieder einmal nichts. In jener Nacht saß er allein im Speisesaal des Gasthauses. Der Tisch vor ihm war mit leeren Schüsseln und Weinkrügen übersät. Seine Augen waren trüb, seine Haltung erschlafft von Erschöpfung und Wein. Plötzlich schlug seine Hand so heftig auf den Tisch, dass das Geschirr klirrte. Das Geräusch hallte durch den Raum. Die Gespräche verstummten sofort. Gäste zuckten zusammen, Essstäbchen erstarrten mitten in der Luft. „Warum?“, verlangte er zu wissen. „Warum habe ich nicht gut genug auf dich aufgepasst…?“ Ein bitteres Lachen brach aus ihm hervor, während er einen Weinkrug hob und ihn in einem Zug leerte. „Bin ich überhaupt würdig, dein Freund genannt zu werden?“ Seine Stimme brach, heiser vor Verzweiflung. „Aber wer würde es wagen, dich zu entführen? Und warum?“ Niemand antwortete. Doch er sprach weiter, als würde irgendjemand ihm antworten. „Diese Bastarde werde ich töten!“ Seine Stimme erhob sich, scharf und ungebändigt. „Ich werde sie töten! Sie werden schon sehen!“ Dann, als hätte ein Gedanke den Nebel seines Geistes durchbrochen, murmelte er: „Aber es ist seltsam…“ Er schlug den Krug wieder auf den Tisch. „Warum kann ich nicht einmal die geringste Spur von dir finden? Bist du wirklich entführt worden… oder betrüge ich mich nur selbst?“ Ein hohles Lachen folgte, durchzogen von Wahnsinn. „Bai Yun… im Palast sagen sie, du seist aus eigenem Willen verschwunden. Und… ich beginne, es zu glauben. Denn wie sonst könnte ich nichts finden?“ Mit dem Handrücken wischte er sich den Wein vom Kinn, ohne sich um die Blicke der anderen Gäste zu kümmern. „Aber warum? Warum würdest du gehen? Hast du vor etwas Angst?“ Seine Worte stolperten beschämt hervor. „Warum? Vertraust du mir nicht? Bin ich nicht dein bester Freund? Du Schurke warum konntest du mir nicht vertrauen?“ Seine Stimme brach erneut, und Müdigkeit mischte sich in seinen Zorn. „Mein Vater hat mir nur zwei Monate gegeben“, murmelte er. „Mir gehen die Tage aus… mir läuft die Zeit davon. Wenn du wirklich aus eigenem Willen gegangen bist… lass mich dich wenigstens einmal sehen.“ Seine Augen glänzten vor zurückgehaltenen Tränen. „Nur einmal… tritt vor mich… und sag mir mit deinem eigenen Mund, dass du wirklich freiwillig verschwunden bist.“ Sein Atem bebte. „Verschwinde nicht wie Rauch und lass mich nach Schatten greifen…“ Ein Schluckauf unterbrach seine Worte. Er wischte sich grob über den Mund und lachte erneut, doch diesmal klang das Geräusch gebrochen. All die Gefühle, die er zurückgehalten hatte Zorn, Verzweiflung, hilflose Sehnsucht brachen hervor wie eine Flut. „Wenn du nicht erscheinst“, lallte er mit zitternder Stimme, „werde ich deine Zwillingsschwester nicht heiraten.“ Einige Gäste, die ihm zugehört hatten, keuchten erschrocken. „Hört ihr mich?“, bellte er und starrte in die leere Halle, als könnte Bai Yun aus den Schatten hervortreten. „Du bist gegangen, ohne ein Wort. Ein Brief nur einer! Weißt du überhaupt, was ich diesen Monat durchgemacht habe? Suchen… jagen… hoffen?“ Seine Stirn zog sich zusammen, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. Seine Hand glitt in den Ärmel. Er zog eine verwelkte weiße Blume hervor. „Siehst du diese arme Tulpe? Ich habe sie aus deinem Garten genommen.“ Er hob sie hoch, seine Stimme bebte. „Deine Lieblingsblume… erinnerst du dich?“ Die Tränen liefen nun unaufhaltsam. „Wenn du dich nicht zeigst… werde ich jede einzelne Blume in deiner Residenz ausreißen, wenn ich zurückkehre. Ich werde nichts zurücklassen… so wie du mir nichts zurückgelassen hast.“ Seine Schultern zitterten. „Ich sollte dein bester Freund sein“, flüsterte er leise und gebrochen. „Was habe ich falsch gemacht? Warum hast du mich so zurückgelassen… sodass ich an allem zweifle?“ Er drückte die zerbrechliche Blume an seine Brust. „Bai Yun… lass mich dich einmal sehen… bitte… nur einmal.“ Seine Stimme war nicht mehr laut, nicht mehr wütend nur noch flehend. „Yun-a… ich vermisse dich.“ Der Wein überwältigte ihn schließlich vollständig. Sein Kopf sank nach vorne, sein Körper erschlaffte, als er das Bewusstsein verlor. Im Gasthaus kehrte schließlich wieder Ruhe ein. Nur das Murmeln der Gäste blieb, manche besorgt, andere schüttelten den Kopf darüber, wie bemitleidenswert das Leben des jungen Mannes sein musste. Ein Diener eilte herbei, streckte die Hand aus, um ihm zu helfen. Doch er hielt plötzlich inne, als jemand vortrat. „Ich kümmere mich um ihn.“
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