Kapitel 1: Risse im Imperium
Die Stimme des Arztes war weich, die Art und Weise, wie die Leute sprechen, wenn sie Nachrichten liefern, die nicht zurückgenommen werden können.
"Fräulein Sterling... Es tut mir leid, aber wir können die Behandlung Ihrer Mutter nicht fortsetzen, es sei denn, die Zahlung erfolgt."
Bianca starrte ihn an. Die Worte wirkten distanziert, abstrakt. Die fluoreszierenden Lichter summten über ihnen.
"Es muss einen Fehler geben", sagte sie.
Dr. Harrison schob einen Ordner über den Schreibtisch. Sie öffnete es. Die Zahl auf der ersten Seite traf sie wie einen physischen Schlag. Eine Behandlung kostet mehr, als die meisten Menschen in einem Leben verdient haben. Sie konnte bereits spüren, wie sich die Berechnung bildete: das Auto verkaufen, den Schmuck verkaufen, alles verkaufen, und trotzdem würde es nicht ausreichen.
"Wie viel Zeit haben wir?" Sie fragte.
"So schnell wie möglich."
Sie schloss den Ordner. "Ich werde das Geld finden."
"Ich hoffe, du tust es."
"Ich auch."
Sie dankte ihm und ging, bevor ihre Tränen fließen konnten. Sie würde nicht vor ihm weinen.
Außerhalb von Zimmer 814 blieb sie stehen. Ihre Mutter schlief, friedlich und ahnungslos, dass die Zeit ablief. Frau Sterling sah kleiner aus als noch vor ein paar Wochen. Die Krankheit hatte ihr Gewicht und Farbe von ihren Wangen und ihrer Haut genommen.
Bianca legte eine Hand gegen das Glas. "Ich werde dich retten", flüsterte sie. "Ich verspreche es."
Ihr Telefon vibrierte. Papa.
"Wie geht es Mama?" Fragte Richard Sterling. Seine Stimme war müde. Keine gewöhnliche Müdigkeit, sondern etwas Tieferes.
"Sie schläft."
"Gut."
"Hat die Bank das Darlehen genehmigt?"
Stille. Dann sprach Richard. "Nein."
"Was meinst du?"
"Sie weigerten sich. Alle von ihnen."
"Was werden wir tun?"
"Ich werde einen anderen Weg finden."
"Das sagst du schon seit Wochen."
"Ich weiß." Seine Stimme knackte. "Ich weiß, dass ich es habe."
Der Regen hatte begonnen, als sie das Krankenhaus verließ. Die Stadt trieb am Fenster vorbei. Restaurants summten vor Lachen. Niemand wusste, dass die Familie Sterling auseinanderfiel. Niemand schaute auf das schwarze Auto und dachte: Da ist eine Familie am Rande des Ruins.
Als sich der Verkehr verlangsamte, kam ein hoher Glasturm in Sicht. Silberne Buchstaben über die Oberseite gespannt: VANCE INTERNATIONAL HOLDINGS. Der Name bedeutete ihr nichts. Einen Moment später verschwand das Gebäude hinter dem Regen.
Sterling Manor fühlte sich seltsam ruhig an. Im Inneren waren mehrere Mitglieder des Haushaltspersonals verschwunden. Richard saß allein am Tisch, umgeben von Akten.
"Wie geht es deiner Mutter?"
"Sie tut immer wieder so, als wäre sie stärker als sie ist."
"Das klingt nach deiner Mutter."
Bianca ging in die Küche. Der Kühlschrank war fast leer. Die Haushälterin erschien leise. "Unsere Lieferanten haben die Lieferung eingestellt. Sie sagten, dass das Firmenkonto gesperrt wurde."
Bianca spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Ausgesetzt. Nicht verzögert. Ausgesetzt.
Sie machte zwei einfache Sandwiches. Richard berührte kaum sein Essen. Seine Augen blieben auf den Darlehensbescheiden der Dokumente, überfälligen Zahlungen und den letzten Warnungen gerichtet.
"Dad... Ich helfe. Wir sind zusammen dabei."
Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte Richard. Ein echtes Lächeln. Nur für einen Moment. Dann klingelte sein Telefon. Unbekannte Nummer.
"Ich muss das nehmen."
Er ging auf sein Arbeitszimmer zu. Eine Sekunde später klickte die Tür auf Schloss. Bianca runzelte die Stirn. Ihr Vater hatte diesen Raum noch nie abgeschlossen.
Als sie in den Flur trat, hörte sie seine Stimme durch die Tür.
"Nein... das ist unmöglich. Wir haben bereits alles verkauft." Stille. Dann: "Ich habe um eine weitere Woche gebeten." Eine weitere Pause. Dann leiser: "Meine Frau liegt im Sterben."
Biancas Brust zog sich zusammen. Sie hatte ihn noch nie so verzweifelt klingen hören.
Dann änderte sich seine Stimme. Fest. Entschlossen. "Ich werde Sterling Holdings nicht an Elliot Vance übergeben."
Bianca runzelte die Stirn. Elliot Vance. Der Name hallte in ihrem Gedächtnis die silbernen Buchstaben auf dem Glasturm wider. Wer war er? Warum hatte ihr Vater Angst vor ihm?
Sie machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne. Der alte Holzboden knarrte.
Das Gespräch hörte auf. Stille.
Die Tür des Arbeitszimmers öffnete sich. Richard stand da, das Telefon noch in der Hand.
"Wie lange stehst du schon da?"
"Ich habe gerade den letzten Teil gehört."
"Was hast du gehört?"
"Ein Name. Elliot Vance."
Richard schloss langsam die Tür. "Hör mir gut zu. Wenn jemand nach Sterling Holdings fragt... sagen Sie nichts."
"Du erschreckst mich."
"Ich weiß." Er griff nach ihrer Hand. "Dann sag mir, was los ist."
Er sah sie einen langen Moment lang an. Schließlich sprach er. "Das Unternehmen bricht zusammen."
Bianca spürte, wie die Worte wie ein körperlicher Schlag einschlug. "Nein..."
"Wir schulden mehr Geld, als wir zurückzahlen können. Die Banken haben alle Türen geschlossen. Die Investoren sind weggegangen."
Plötzlich ergab alles einen Sinn. Der leere Kühlschrank. Das vermisste Personal. Das abgelehnte Darlehen. Nichts davon war ein Zufall gewesen.
Die Türklingel klingelte. Einmal. Zweimal. Dann schüttelten heftiges Klopfen die Haustür.
Knall! Knall! Knall!
Eine tiefe Stimme rief von draußen. "Herr Richard Sterling! Wir haben offizielle Dokumente, die Ihre sofortige Aufmerksamkeit erfordern!"
Richard schloss seine Augen. Sein Gesicht verlor alle Farbe. "Sie sind hier."
Richards Hand zitterte auf der Türklinke. "Bleib hier."
Er öffnete die Tür. Zwei Männer in dunklen Anzügen standen auf der Veranda. Einer hielt einen dicken Umschlag.
"Herr Richard Sterling? Ich bin der Bankanwalt, der die Eastbrook National Bank vertritt." Er streckte den Umschlag aus. "Dies ist die endgültige Forderung der Bank. Wenn Ihr ausstehender Saldo nicht innerhalb von fünf Werktagen beglichen wird, beginnt die Bank mit der Rückforderung aller gesicherten Vermögenswerte."
Fünf Tage. Die gleiche Frist, die das Krankenhaus ihnen gesetzt hatte.
Der Anwalt zögerte. "Es gibt noch eine weitere Angelegenheit. Mehrere Gläubiger haben Ihre Schulden verkauft."
"An wen?"
Der Anwalt senkte seine Augen. "Vance Internationale Beteiligungen."
Der Name landete wie ein Schlag.
Richard faltete den Umschlag. Seine Bewegungen waren langsam. "Ich verstehe."
Die beiden Männer nickten und gingen zurück zu ihrem Auto. Augenblicke später verschwanden die Scheinwerfer hinter den Toren.
Richard blieb auf der Veranda stehen. Regen tränkte seinen Anzug, aber er bewegte sich nicht.
"Da... lass uns reingehen."
Er starrte immer wieder in die Dunkelheit. "Ich erinnere mich, als sich dieses Haus unantastbar anfühlte."
"Wir können es immer noch retten."
Er lächelte schwach. "Ich wünschte, die Hoffnung wäre genug."
Am nächsten Morgen fühlte sich Sterling Holdings anders. Die Mitarbeiter flüsterten in kleinen Gruppen. Die Gespräche hörten auf, als Richard durch die Lobby ging.
"Sie wissen es", sagte sie.
Richard nickte. "Nachrichten verbreiten sich schnell."
Als sich die Aufzugstüren öffneten, eilte Richards Assistent auf sie zu. "Herr Sterling. Die Banken rufen seit heute früh an." Sie zögerte. "Sie fragen nicht mehr nach dir. Sie fragen nach Miss Sterling."
Bianca blinzelte. "Ich?"
"Sie sagten, Sie hätten Firmenverhandlungen geführt."
Richards Gesichtsausdruck verhärtete sich. "Ich habe diese Informationen nie weitergegeben."
"Es tut mir leid, Sir. Sie wussten es bereits."
Ein Schauer lief Bianca über den Rücken. Jemand beobachtete jede ihrer Bewegungen.
Richard schloss seine Bürotür. "Du musst mir etwas versprechen. Wenn jemand von Vance International Sie kontaktiert... treffen Sie ihn nicht."
"Warum?"
"Weil Elliot Vance nicht verhandelt. Er gewinnt."
Bianca runzelte die Stirn. "Wer ist er?"
Richard wandte sich dem Fenster zu. "Ein Mann, der glaubt, dass meine Familie seine zerstört hat."
"Was bedeutet das?"
"Es bedeutet, dass die Vergangenheit uns endlich eingeholt hat."
Das Telefon klingelte. Richards Assistent sprach durch die Gegensprechanlage. "Sir, das Krankenhaus ruft an."
Richard drückte die Lautsprechertaste. Die Stimme des Arztes erfüllte den Raum. "Frau Sterling ist stabil. Aber wir können die neue Behandlung nicht länger aufschieben. Die Frist bleibt fünf Tage. Ohne Bezahlung können wir nicht anfangen."
Richard schloss seine Augen. "Wir tun alles, was wir können."
Ein Klopfen unterbrach sie. Die Vorstandsmitglieder waren hier. Sechs Direktoren traten mit grimmigen Gesichtsausdrücken ein.
"Wir glauben, dass es Zeit ist zu verkaufen", sagte einer.
"An wen?"
"Es gibt nur einen ernsthaften Käufer." Bianca schaute auf den Ordner. VANCE INTERNATIONAL HOLDINGS.
Richards Gesicht blieb ruhig. "Meine Antwort hat sich nicht geändert."
"Die Banken haben eine weitere Verlängerung abgelehnt. Lieferanten kündigen Verträge. Investoren ziehen sich zurück."
Richard sah sich im Raum um. "Ich weiß genau, wie ernst das ist."
"Dann nimm das Angebot an."
"Nein. Weil Elliot Vance kein Unternehmen kauft. Er kauft Rache."
Der Raum verstummte. Das Treffen endete. Nur Bianca blieb.
Sie hob den Ordner auf. Im Inneren befand sich eine einzelne Seite. Absichtserklärung zum Erwerb von Sterling Holdings. Unten saß eine Unterschrift. Elliot Vance.
Sie sah ihren Vater an. "Was will er wirklich?"
Richard starrte auf die Skyline. "Etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann."
"Was ist dann auf der anderen Seite?"
Er antwortete nicht sofort. "Wenn Menschen lange Zeit Hass tragen, hören sie auf, sich um Geld zu kümmern. Sie kümmern sich nicht mehr um Macht. Sie hören auf, sich um alles zu kümmern, außer um die eine Sache, die die Leere in ihnen füllen wird."
"Was ist zwischen dir und Elliot Vance passiert?"
Richard drehte sich schließlich zu ihr um. "Eines Tages werde ich dir alles erzählen. Aber nicht heute."
"Warum nicht?"
"Denn wenn du die ganze Geschichte kennst... wirst du mich vielleicht nie wieder auf die gleiche Weise ansehen."
An diesem Nachmittag kehrte Bianca nach St. Catherines medizinisches Zentrum. Sie lächelte, als sie Zimmer 814 betrat. Frau Sterling blickte auf. "Da ist mein schönes Mädchen."
Sie sprachen über gewöhnliche Dinge. Ein Lieblingsrezept. Eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Keiner erwähnte die Krankenhausrechnungen. Keiner von beiden erwähnte Sterling Holdings. Für eine Weile taten sie so, als wäre alles normal.
Ein sanftes Klopfen brach den Moment. Eine Krankenschwester trat ein. "Fräulein Sterling? Unten ist jemand, der nach dir fragt."
Bianca runzelte die Stirn. "Haben sie einen Namen hinterlassen?"
"Nein."
"Wer sind sie dann?"
Die Krankenschwester überprüfte den Zettel. "Sie sagten, sie seien von Vance International Holdings."
Richards Warnung hallte durch Biancas Kopf. Treffen Sie sie nicht.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Sie hatten sie gefunden.
Die Lobby des Krankenhauses brummte von leisen Gesprächen. Bianca entdeckte ihn sofort. Ein Mann in einem anthrazitfarbenen Anzug stand in der Nähe der Rezeption. Als er sie näher kommen sah, trat er vor.
"Fräulein Sterling?"
"Ja."
Er bot ihr eine Visitenkarte an. "Ich bin Elliot Vances Rechtsberater."
Bianca warf einen Blick darauf, bevor sie es zurückzog. "Was willst du?"
"Herr Vance hat mich gebeten, eine Nachricht zu übermitteln. Er würde gerne ein Treffen vereinbaren."
"Mein Vater hat ihm bereits seine Antwort gegeben."
"Dieses Treffen ist nicht mit deinem Vater. Es ist bei dir."
"Es ist die gleiche Antwort."
Der Rechtsberater blieb höflich. "Ich glaube nicht, dass Sie von dem Angebot gehört haben."
"Das brauche ich nicht." Sie gab die Karte zurück. "Bitte sagen Sie Herrn Vance, dass wir nicht interessiert sind."
Der Rechtsberater hat es nicht genommen. "Fräulein Sterling. Die Situation Ihrer Familie hat sich geändert."
"Die Situation meiner Familie geht dich nichts an."
"Es wurde unser Geschäft, als Vance International die Schulden Ihrer Familie kaufte."
"Was genau versucht Ihr Chef zu kaufen?"
"Sterling Holdings."
"Nein." Bianca schüttelte den Kopf. "Er versucht, Leute zu kaufen. Er versucht, uns zu besitzen."
Zum ersten Mal lächelte der Rechtsberater. "Sie sind genau so, wie Herr Vance es beschrieben hat."
Sie runzelte die Stirn. "Wir haben uns noch nie getroffen."
"Nein. Aber er sagte, du würdest nicht weggehen."
Ein Schauer lief ihr über den Rücken. "Er hat uns beobachtet?"
Der Rechtsberater antwortete nicht. Stattdessen legte er einen versiegelten Umschlag auf einen nahe gelegenen Tisch. "Mein Rat? Lesen Sie dies, bevor Sie Entscheidungen treffen."
"Das werde ich nicht."
Der Rechtsberater hat es abgeholt. "Dann überlasse ich es der Rezeptionistin." Er legte höflich den Kopf schief. "Guten Tag, Miss Sterling."
Ohne ein weiteres Wort ging er zum Ausgang. Eine schwarze Limousine fuhr hoch. Innerhalb von Sekunden verschwand das Auto im grauen Nachmittag.
Bianca blieb dort, wo sie war. Die Lobby fühlte sich plötzlich kälter an. Woher wusste Elliot Vance so viel über sie? Woher wusste er, dass sie nicht weggehen würde?
Sie drehte sich um und ging zurück zum Aufzug. Die Fahrt zurück zum Sterling Manor fühlte sich an, als würde sie Stunden dauern. Sie starrte auf ihr Spiegelbild blass, hohläugig, älter als sie es an diesem Morgen gewesen war, und fragte sich, wie viele Teile ihrer Familie brechen würden, bevor dies vorbei war.
Der Regen hatte wieder begonnen, als ihr Auto durch die Tore fuhr. Das Herrenhaus erhob sich gegen den Sturm, dunkel und still.
Richard wartete im Flur auf sie. "Sie haben mich gefunden", sagte sie leise.
"Ich weiß."
"Wie?"
"Ich weiß es nicht. Aber sie werden weiter kommen."
"Vater"
Er unterbrach sie, seine Stimme war dringend. "Versprich mir, dass du dich nicht mit ihm treffen wirst."
"Ich habe bereits abgelehnt."
"Hier geht es nicht darum, sich zu weigern. Hier geht es darum, sicherzustellen, dass Sie niemals zustimmen." Er packte ihre Schultern. "Elliot Vance ist kein Mann, mit dem man verhandeln kann. Er ist kein Mann, mit dem man argumentiert. Er ist ein Mann, der nimmt, was er will, und er hört nicht auf, bis er es hat."
Sie starrte ihn an. "Was ist zwischen euch beiden passiert?"
Für einen langen Moment antwortete er nicht. "Eines Tages werde ich dir alles erzählen. Aber nicht heute Abend."
"Warum nicht?"
"Weil wir heute Nacht überleben müssen."
Er löste ihre Schultern und ging auf das Arbeitszimmer zu. Sie sah zu, wie er ging.
Die Standuhr tickte in der Stille. Häkchen. Häkchen. Häkchen.
Und dann kam das Klopfen.
Knall. Knall. Knall.