Ankunft an der Blackstone University

1027 Words
Tasha Morgan hatte sich ihren ersten Tag an der Blackstone University immer anders vorgestellt. In ihren Träumen kam sie selbstbewusst an, mächtig, endlich bereit zu beweisen, dass sie zu Londons Besten gehörte. Doch jetzt, vor den Toren stehend, drohte die Pracht des Ortes sie ganz zu verschlingen. Der uralte Steinbogen ragte über ihr auf, mit lateinischen Inschriften verziert, die sie nicht übersetzen konnte, die sie aber dennoch spürte. Studenten strömten an ihr vorbei, in teuren Mänteln, lachten zu laut, schlossen bereits Freundschaften und Allianzen, von denen sie fürchtete, zu spät zu kommen. Die Atmosphäre war elektrisierend – nicht einladend, sondern herausfordernd, als würde die Universität selbst jeden Neuankömmling auf die Probe stellen. Tasha umklammerte ihren Koffer fester und trat ein. Blackstone war mehr als eine Universität. Es war altes Geld, verborgene Traditionen, Geflüster von Dingen, die Außenstehende nie zu sehen bekamen. Der Ort, an dem Ruf in einem einzigen Semester gemacht oder zerstört werden konnte. Und diesmal schwor sie sich, nicht mehr das Mädchen zu sein, das Vanessa King vor der ganzen Fakultät gedemütigt hatte. Sie erinnerte sich noch genau an den Stich. Vanessas spöttisches Lächeln, das Lachen aus der Menge, der Moment, in dem Tasha sich gewünscht hatte, der Boden würde sich unter ihr auftun. Diese Demütigung hatte sie monatelang verfolgt, und selbst jetzt zog sich ihre Brust zusammen, wenn sie nur daran dachte. Nicht diesmal, dachte sie. Diesmal schlage ich zurück. „Tasha!“ Sie drehte sich um und sah ihren Bruder Ethan auf sie zujoggen, von den Stufen des Wohnheims her. Seine vertraute beschützende Energie durchschnitt die Nervosität in ihrer Brust. Ethan, groß und athletisch, mit einer lockeren Selbstsicherheit, die sie bewunderte, zog sie in eine kurze Umarmung. „Schau dich an“, sagte er, trat zurück und musterte sie. „Neuer Anfang, oder?“ „Ja“, antwortete sie mit einem Lächeln, das sie nicht ganz fühlte. „Versuch’s zumindest.“ Ethans Blick wurde weicher. „Ich weiß, dass du nervös bist. Aber halt dich an die richtigen Leute und meide die falschen. Vor allem…“ „Vanessa“, beendete Tasha für ihn. „Du hast es mir tausendmal gesagt.“ „Und ich sag’s noch tausendmal“, murmelte er und blickte sich um, als erwarte er, dass sie jeden Moment auftauchte. „Nur… lass dich dieses Jahr nicht in irgendwas Seltsames reinziehen. Blackstone hat seine Geheimnisse. Manche Gesellschaften hier sind nicht gerade freundlich.“ Tasha verdrehte die Augen. „Nicht alles ist eine Verschwörung, Ethan.“ „Du wärst überrascht“, sagte er leise. Bevor sie nachhaken konnte, schnitt eine scharfe, kühle Stimme durch die Luft. „Oh, seht mal. Die Morgans sind da.“ Tashas Magen sackte ab. Da stand sie. Vanessa King. So glamourös wie eh und je, blondes Haar glänzend, als hätte es einen eigenen Scheinwerfer, der Designer-Mantel makellos um die Schultern drapiert. Ihre grünen Augen musterten Tasha wie ein Insekt unter Glas. Vanessas Lippen kräuselten sich. „Immer noch so tun, als würdest du hierhergehören?“ Ethan trat instinktiv vor Tasha. „Vanessa, nicht heute.“ Sie wedelte mit einer manikürten Hand ab. „Entspann dich, Held. Ich heiße meine… Rivalin nur willkommen zurück.“ Tasha spürte die alte Wut in sich aufsteigen, brennend von innen. Aber diesmal wich sie nicht aus. „Ich brauche deine Willkommensgrüße nicht“, sagte Tasha leise, aber fest. Vanessas Brauen schossen hoch. Sie war es nicht gewohnt, herausgefordert zu werden. Ihr Lächeln wurde schärfer. „Wir werden sehen“, sagte sie einfach, dann ging sie davon, ihre Absätze klickten mit bewusster Eleganz. Tasha atmete zitternd aus. Ethan drehte sich zu ihr. „Ignorier sie. Konzentrier dich auf dein Studium. Und bleib aus Schwierigkeiten raus.“ Aber Schwierigkeiten, ahnte Tasha, beobachteten sie bereits. Die Orientierung verging in einem Nebel aus halb gehörten Reden und kalten Auditoriums-Sitzen. Tasha versuchte wirklich zuzuhören… aber etwas an dem Campus nagte an ihr. Die Gebäude wirkten zu alt, zu voller Geschichten. Studenten flüsterten über geheime Clubs und uralte Rituale, als wäre das normal. Blackstone war nicht nur elitär. Es lebte. Und es verbarg etwas. Nach der letzten Einführungsveranstaltung trat sie allein in den Innenhof. Ein kühler Wind fegte durch die Bäume und wirbelte gelbe Blätter um ihre Füße. Sie blickte hinauf zur ragenden Bibliothek, deren hohe Fenster schwach glühten wie Augen, die sie beobachteten. Ihr Handy vibrierte. Unbekannte Nummer: „Wenn du Macht willst… mach mit beim Spiel.“ Tasha erstarrte. Sofort kam eine weitere Nachricht: „Heute Nacht. Mitternacht. Alte Bibliothek. Kellertür.“ Ihr Herz hämmerte. Ein Scherz? Eine Drohung? Eine Chance? Sie blickte sich um, erwartete, dass jemand aus den Schatten trat. Niemand tat es. Das Spiel. Sie hatte Gerüchte gehört, nur im Vorbeigehen. Geflüster zwischen Studenten bei der Orientierung. Gedämpfte Gespräche in den Fluren. Eine geheime Gesellschaft, die ihre Mitglieder mit Herausforderungen testete, die die Grenzen zwischen Ehrgeiz, Moral und Manipulation verwischten. Es klang lächerlich. Es klang gefährlich. Es klang auch nach genau dem, wovor Vanessa Angst hatte, dass Tasha es werden könnte. Ethans Warnung hallte in ihrem Kopf wider: Blackstone hat seine Geheimnisse. Lass dich nicht in etwas Seltsames reinziehen. Aber was, wenn „seltsam“ der einzige Weg war, endlich ihre Würde zurückzuholen? Ihre Demütigung hatte ihr etwas genommen – Selbstvertrauen, Stolz, Stimme. Sie wollte es zurück. Und wenn das Spiel ihr Einfluss, Macht, Rache bot… war sie sich nicht sicher, ob sie einfach weggehen konnte. Sie las die Nachricht noch einmal. Ihre Hände zitterten, aber nicht nur vor Angst. Neugier zerrte an ihr. Und Wut. Und etwas anderes, das sie noch nicht benennen konnte. Ein anderer Student ging lachend hinter ihr vorbei und riss sie aus ihren Gedanken. Sie schloss schnell ihr Handy. Das konnte nichts sein. Ein Witz. Ein Irrtum. Oder eine Tür, die sich nur für sie öffnete. Sie starrte ein letztes Mal zur alten Bibliothek hinauf. Ein Treffen um Mitternacht. Eine verborgene Gesellschaft. Eine Chance, ihre Geschichte umzuschreiben. Tasha Morgan atmete langsam und tief ein. „Ich laufe nicht mehr weg.“ Und während der Abendhimmel über der Blackstone University dunkel wurde, traf sie ihre Entscheidung. Heute Nacht würde sie hingehen. Ob sie bereit war oder nicht, ihr Leben würde sich ändern.
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