Die Einladung

1077 Words
Tasha verbrachte den Rest des Nachmittags damit, so zu tun, als wäre alles normal, doch die Nachricht, die sie erhalten hatte, pochte in ihrem Kopf wie ein Herzschlag, den sie nicht zum Schweigen bringen konnte. Das Spiel. Mitternacht. Alte Bibliothek. Die Worte wiederholten sich endlos, während sie ihren Koffer auspackte, ihre Lehrbücher ordnete und Ethan zuhörte, wie er sie wegen ihrer Sicherheit belehrte. Ihr Bruder wusste nichts von der Nachricht, weil sie es ihm nicht erzählt hatte. Wenn sie es getan hätte, hätte er sie sofort aus der Blackstone University gezerrt und nach Hause gefahren. Also schwieg sie, nickte an den richtigen Stellen und plante stattdessen, was sie tun würde. Die Nacht fiel langsam herein. Der Himmel wechselte von Blau zu Grau zu Schwarz, und die alten Gebäude vor ihrem Wohnheimfenster leuchteten mit goldenen Lampen auf, die weiche Schatten über die Wege warfen. Studenten liefen noch in Gruppen herum, lachten laut, trugen Snacks bei sich und spielten Musik auf ihren Handys. Die Luft summte vor Aufregung – neues Jahr, neue Möglichkeiten. Doch für Tasha fühlte sich die Nacht schwerer an. Wie eine Schwelle. Als würde etwas auf sie warten. Um 23:30 Uhr zog sie leise ihre Jacke an und schnürte ihre Schuhe. Ethans Zimmertür war geschlossen; er war nach dem Fußballtraining früh eingeschlafen. Gut. Er würde nicht merken, dass sie ging. Sie trat in den Flur, das Herz pochte, als sie die Tür hinter sich zuzog. Vielleicht übertrieb sie. Vielleicht war dieses „Spiel“ nichts Ernstes, sondern eine harmlose Aufnahmezeremonie, ein Streich, eine Party. Das wäre fast enttäuschend. Denn tief in ihrem Inneren wollte Tasha etwas Echtes, etwas Mächtiges, etwas, das Vanessa Kings Herrschaft über ihr Leben endlich beenden würde. Sie ging über den Campus, die kalte Luft weckte ihre Sinne vollständig. Blackstone bei Nacht war anders – stiller, fast unheimlich. Die Gebäude ragten wie wachende Riesen über ihr auf. Die Lampen flackerten gelegentlich, als bewegten sich die Schatten selbst. Um 23:55 Uhr erreichte sie die alte Bibliothek. Sie sah uralt aus, älter als der Rest der Universität, mit schweren Steinsäulen und Buntglasfenstern, die von innen schwach glühten. Die meisten Studenten mieden sie nachts. Gerüchte sagten, sie sei verwunschen, verflucht oder beides. Doch heute Nacht floh Tasha nicht vor den Geschichten. Ihr Handy vibrierte erneut. „Kellereingang. Die Tür wird unverschlossen sein.“ Tasha ging um die Seite der Bibliothek herum, ihr Atem bildete Wolken in der kalten Nachtluft. In der hinteren Ecke, halb verborgen hinter einem verwilderten Strauch, stand eine kleine Holztür mit rostigen Metallbeschlägen. Sie sah aus, als hätte sie seit Jahrzehnten niemand mehr geöffnet. Außer heute Nacht… sie stand einen Spaltbreit offen. Ihr Herz schlug gegen die Rippen. Sie drückte die Tür auf und stieg eine schmale Steintreppe hinunter. Die Luft wurde kälter, je tiefer sie ging, und ein leises Geräusch – Stimmen? Musik? – hallte von unten herauf. Am Fuß der Treppe lag ein dämmriger Gang, gesäumt von Kerzen. Schatten flackerten an den Wänden wie greifende Hände. Eine Gestalt trat aus der Dunkelheit hervor. Tasha erstarrte. Es war Damien Scott. Ihr neuer Professor. Er trug jetzt keine formelle Kleidung, keinen makellosen Anzug, keine Krawatte. Er hatte ein dunkles Hemd an, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, was starke Unterarme enthüllte. Er stand mit müheloser Autorität da, als gehörte der gesamte Untergrund ihm. Seine durchdringenden blauen Augen fixierten sie. „Du bist gekommen“, sagte er leise. Es war keine Frage. Es war eine Feststellung – und fast… Anerkennung. Tasha schluckte. „Ich habe eine Nachricht bekommen.“ „Du hättest keine bekommen sollen“, erwiderte er und trat näher. „Das Spiel kontaktiert Erstsemester nie. Niemals.“ Ihr Atem stockte. „Warum dann ich?“ Etwas Unlesbares flackerte in seinen Augen. „Das“, sagte Damien, „ist genau das, was ich herausfinden will.“ Einen Moment lang sprach keiner von ihnen. Sie spürte das Gewicht seines Blicks – intensiv, abschätzend, berechnend –, das sie zugleich beunruhigte und faszinierte. Sie zwang sich, wegzusehen. „Was genau ist das Spiel?“ Er atmete langsam aus, als wählte er seine Worte sorgfältig. „Eine Gesellschaft. Älter als diese Universität. Gegründet, um die klügsten Köpfe herauszufordern. Um Ehrgeiz, Strategie und Kontrolle zu testen.“ „Kontrolle?“, wiederholte sie. Sein Kiefer spannte sich an. „Du wirst es bald verstehen.“ Eine Gruppe maskierter Studenten erschien hinter ihm, schwarz gekleidet, still und aufmerksam. Ihre Masken waren schlicht weiß, ausdruckslos, aber irgendwie bedrohlicher als alles Theatralische. Einer von ihnen sprach. „Professor, der Herausforderungsraum ist bereit.“ Damien nickte, dann wandte er sich wieder Tasha zu. „Wenn du durch diese Tür gehst“, sagte er und deutete auf einen schweren Eisenbogen hinter sich, „bist du nicht länger nur eine Studentin. Du wirst Teil von etwas, das alles von dir verlangt – deinen Verstand, deinen Mut und deine Grenzen.“ Tashas Puls beschleunigte sich. „Und wenn ich gehe?“ Damien musterte sie. „Dann weiß niemand, dass du auserwählt wurdest. Und das Leben geht weiter. Sicher. Vorhersehbar.“ Eine Pause. „Unbedeutend.“ Die Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte. Tasha hob das Kinn. „Warum kümmert es dich, ob ich bleibe oder gehe?“ „Weil ich schon Studenten wie dich gesehen habe. Brillant. Unterschätzt. Hungrig nach etwas, das du noch nicht benennen kannst.“ Seine Augen verdunkelten sich. „Aber was ich noch nie gesehen habe, ist eine Studentin, die das Spiel vor mir auswählt.“ Ihr Atem stockte. „Das Spiel… hat mich ausgewählt?“ „Es hat dir die Einladung ohne meine Zustimmung geschickt“, sagte er. „Das ist noch nie vorgekommen.“ Die Kerzen flackerten heftig, als reagierten sie auf seine Worte. Die maskierten Studenten stellten sich zu beiden Seiten des Eisenbogens auf. Damien hob die Hand und bot ihr die Wahl. „Tasha Morgan“, sagte er leise. „Willst du hindurchgehen?“ Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie dachte an Vanessa, an die Demütigung, an die Warnungen ihres Bruders, an ihre eigene Wut – still, aber mächtig –, an die Jahre, in denen sie überschattet, übersehen, unterschätzt worden war. Sie blickte Damien an – rätselhaft, unlesbar, gefährlich auf eine Weise, die sie nicht erklären konnte. Und sie entschied sich. Sie trat vor. Damiens Augen verengten sich, fast zufrieden. „Willkommen im Spiel.“ Die Eisentür fiel mit einem tiefen, hallenden Schlag hinter ihr zu. Tasha Morgan hatte den Punkt ohne Wiederkehr überschritten.
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