Die Untergrund-Gesellschaft

1169 Words
Der Raum hinter der Eisentür war ganz anders, als Tasha es erwartet hatte. Sie hatte sich einen kerkerartigen Keller vorgestellt, kalt, leer, vielleicht sogar verlassen. Stattdessen trat sie in eine weite unterirdische Kammer, die vor Leben summte. Weiches Bernsteinlicht strahlte von Kronleuchtern, die tief von der Steindecke hingen. Die Luft fühlte sich warm an, aufgeladen mit Elektrizität, Flüstern und Spannung. Maskierte Studenten standen in Gruppen im Raum verteilt. Einige lehnten lässig an den Steinsäulen, andere beobachteten aus den Schatten. Ihre Masken waren identisch – weiß, glatt und ausdruckslos. Es fiel Tasha sofort auf. Niemand hier unten wollte erkannt werden. Nicht ihre Identitäten. Nicht ihre Absichten. Nicht ihre wahren Gesichter. Ein Mädchen mit silberner Maske kam mit einem Klemmbrett auf sie zu. „Name?“, fragte das Mädchen, die Stimme gedämpft. „Tasha Morgan“, antwortete sie und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Das Mädchen hielt inne, neigte leicht den Kopf. „Interessant. Wir haben heute Nacht keinen Neuling erwartet.“ Tasha wusste nicht, was das bedeutete, doch bevor sie fragen konnte, öffnete sich eine Tür am anderen Ende des Raums, und es wurde still. Damien Scott trat ein. Diese Version von ihm hatte nichts mehr mit dem beherrschten Professor von früher zu tun. Er strahlte absolute Autorität aus, sein Blick schweifte durch den Raum und ließ die Studenten sofort strammstehen. Er brauchte kein Wort, um sie in seiner Gegenwart zu beherrschen. Er trug keine Maske. Das machte Tasha mehr Angst als alles andere. Damiens intensive blaue Augen fanden sie sofort, als hätte er genau gewusst, wo sie stand. Ein Hauch von Erkenntnis? Interesse? Berechnung? huschte über sein Gesicht, bevor es wieder ausdruckslos wurde. „Heute Nacht“, verkündete Damien, „tritt eine neue Spielerin ins Spiel ein.“ Flüstern breitete sich in der maskierten Menge aus. „Unmöglich.“ „Sie ist Erstsemester.“ „Sie sollte nicht hier sein.“ „Wie wurde sie eingeladen?“ Tashas Kehle zog sich zusammen. Plötzlich fühlte sie sich sehr, sehr allein. Damien hob die Hand, und Stille kehrte ein. „Das Spiel hat sie gewählt“, sagte er schlicht. Der Raum explodierte wieder in Gemurmel. Selbst durch die Masken spürte Tasha den Schock, die Verwirrung, vielleicht sogar Wut. Sie gehörte nicht hierher. Zumindest nicht in ihren Augen. Doch Damien wandte den Blick nicht von ihr ab. Er deutete auf die Mitte der Kammer, wo eine kreisförmige Plattform leicht über dem Steinboden erhöht war, mit einem gemalten Wappen markiert: Eine Schlange, die sich um ein offenes Buch wand. „Die erste Herausforderung beginnt“, sagte Damien. „Ein Test der Wahrnehmung. Strategie. Haltung.“ Tasha spürte Hitze durch ihren Körper strömen – Angst, gemischt mit etwas Wildem. Entschlossenheit. Sie trat vor. Die Studenten wichen wie eine Flutwelle auseinander, als sie zur Plattform ging. Ihre Masken starrten stumm, ausdruckslos, und ließen sie sich fühlen wie Beute, die eine Arena betrat. Sie erreichte die Mitte und wandte sich Damien zu. „Was muss ich tun?“, fragte sie. Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. Damien stieg die Stufen herunter und umkreiste sie langsam, wie ein Lehrer, der eine Schülerin bewertet, oder ein Raubtier, das ein neues Tier in seinem Revier studiert. „Diese Prüfung“, sagte er, „geht um Kontrolle.“ Tasha schluckte. „Kontrolle worüber?“ „Über dich selbst“, erwiderte Damien. „Deine Reaktionen. Deine Gedanken. Und deinen Gegner.“ „Gegner?“, wiederholte sie. „Natürlich“, sagte er mit einem schwachen, kalten Lächeln. „Das Spiel hat immer Gegner.“ Die Türen am hinteren Ende der Kammer öffneten sich erneut. Tashas Magen sackte ab. Vanessa King trat ein. Sie trug keine Maske. Natürlich nicht. Vanessa wollte immer gesehen werden. Bewundert. Gefürchtet. In schwarzer Seide gekleidet, das blonde Haar perfekt über die Schultern fallend, schritt Vanessa herein, als gehörte der Raum ihr. Ihre eisblauen Augen fixierten Tasha mit Genugtuung – der Art von Genugtuung, die nur ein Raubtier empfindet, wenn die Beute freiwillig in die Falle läuft. „Nun“, sagte Vanessa mit einem langsamen, giftigen Lächeln, „das wird interessant.“ Tasha ballte die Fäuste, wich aber nicht aus. Damien trat zwischen sie. „Ihr kennt beide die Regeln“, sagte er. „Das ist eine psychologische Herausforderung. Ihr gewinnt nicht durch Kraft, sondern durch Einfluss. Bringt euren Gegner dazu, die Fassung zu verlieren. Wer zuerst reagiert… verliert.“ Tashas Herz hämmerte. Sie wusste genau, was Vanessa wollte: sie wieder demütigen, genau wie im letzten Jahr. Aber nicht diesmal. Damien nickte knapp. „Beginnt.“ Vanessa bewegte sich zuerst. Sie umkreiste Tasha langsam, ihre Stimme glatt wie Samt, getränkt mit Gift. „Nicht viele Erstsemester kommen so weit“, sagte Vanessa. „Eigentlich… gar keine.“ Tasha zuckte nicht zusammen. „Weißt du“, fuhr Vanessa fort, „als ich hörte, dass du nach Blackstone zurückkommst, habe ich fast Mitleid mit dir gehabt. Fast.“ Tasha hielt den Atem an, hielt ihr Gesicht ruhig. Vanessa trat näher. „Aber dich hier zu sehen, wie du so tust, als würdest du hierhergehören? Das ist süß. Und traurig.“ Ein Lachen ging durch das maskierte Publikum. Tasha schluckte schwer, brach aber nicht zusammen. Vanessas Augen funkelten. „Sag mir, Tasha… wie lange dauert es, bis dein Bruder dich wieder rettet? Das tut er doch immer, oder?“ Das traf tiefer, als Tasha erwartet hatte. Ethan. Ihre einzige Stabilität. Ihr Schild. Tashas Finger zuckten. Damiens Stimme schnitt scharf durch den Raum. „Kontrolle, Tasha.“ Sie zwang ihren Atem zur Ruhe. Sie würde Vanessa nicht die Genugtuung geben, zu gewinnen. Also hob sie das Kinn, starrte Vanessa direkt an und sagte leise: „Witzig. Denn der einzige Grund, warum du hier bist, ist, zu beweisen, dass du besser bist als jemand, von dem du behauptest, es wäre dir egal.“ Vanessa erstarrte. Das Publikum murmelte. Tasha fuhr fort, jetzt mit fester Stimme: „Wenn du wirklich selbstbewusst wärst, müsstest du nicht mit mir konkurrieren. Du müsstest mich nicht demütigen. Du bräuchtest dieses Spiel nicht, um dich mächtig zu fühlen.“ Etwas Kaltes blitzte in Vanessas Augen auf – nicht Wut, sondern Angst. Tasha hatte endlich etwas Echtes getroffen. Zum ersten Mal brach Vanessas Fassung. Sie öffnete den Mund, um zu sprechen, doch Damien hob die Hand. „Stopp.“ Stille. Er blickte Tasha an – nicht beeindruckt, nicht amüsiert, sondern mit etwas Schärferem: Anerkennung. „Tasha Morgan gewinnt die Herausforderung.“ Keuchen breitete sich in der Kammer aus. Vanessa trat zurück, der Kiefer angespannt. Sie protestierte nicht. Doch der Blick, den sie Tasha zuwarf, versprach Krieg. Damien wandte sich an den Raum. „Das Spiel hat eine neue Spielerin. Und sie hat ihren Platz verdient.“ Die maskierten Studenten neigten sich leicht als Zeichen der Anerkennung. Und als Damiens Blick einen Moment zu lange auf ihr verweilte, spürte Tasha ein seltsames Schaudern. Nicht Angst. Nicht Stolz. Etwas dazwischen. Was auch immer das Spiel war – sie steckte jetzt mittendrin, und es gab kein Zurück mehr.
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