Eintritt ins Spiel

1111 Words
Der Gang, der zum alten Flügel des Gebäudes führte, fühlte sich kälter an als der Rest der Universität, als wüssten die Wände selbst Geheimnisse, die sie nicht teilen wollten. Tasha hielt am Fuß der Treppe inne und starrte auf das Zeichen, das in die Holztür geschnitzt war: ein Kreis, der sauber in der Mitte von einer scharfen Linie geteilt wurde. Sie hatte die Bücher gesehen, die Gerüchte gehört, die über den Campus flüsterten… Doch es hier eingraviert zu sehen, fühlte sich anders an – real, schwer, endgültig. Tasha holte langsam Luft und warf einen Blick in den Flur hinter sich. Er war leer. Das übliche Geräusch von Schritten, Gesprächen und summenden Lichtern der Universität schien hier gedämpft, verschluckt von den alten Steinwänden. Es wäre klüger, einfach wegzugehen. Ethan hätte ihr gesagt, sie solle es lassen. Aber Ethan war nicht hier, und er verstand nicht, was Vanessas Demütigung mit ihr gemacht hatte. Er wusste nicht, warum sie es satt hatte, das Ziel von jemandem zu sein, satt, so zu tun, als würde es nicht wehtun. Tasha drückte die Tür auf. Ein kalter Luftzug wehte an ihr vorbei, trug den schwachen Geruch alter Bücher und Kerzenwachs mit sich. Eine Treppe führte in die Dunkelheit hinab, nur beleuchtet von flackerndem Bernsteinlicht irgendwo unten. Leises Murmeln von Stimmen drang herauf – zu leise, um verstanden zu werden, doch zu absichtlich, um ignoriert zu werden. Jeder Schritt, den sie tat, schien lauter als der vorherige. Als sie unten ankam, war sie sich nicht sicher, ob sie zu schnell atmete oder gar nicht. Der unterirdische Raum war weiter, als sie erwartet hatte. Er wirkte wie ein verborgenes Kapitel aus einem alten akademischen Mysterium: ein gewölbtes Gewölbe über ihr, gestützt von altersgezeichneten Steinsäulen. Laternen hingen an Metallhaken und warfen warme Muster aus Gold und Schatten auf Artefakte, die sie nicht einmal ansatzweise identifizieren konnte. Studenten standen in kleinen Gruppen, meist in dunklen Farben gekleidet. Ihre Haltung unterschied sich von der lockeren Selbstsicherheit, die sie in der Cafeteria oder den Hörsälen sah. Hier wirkten sie schärfer. Kontrollierter. Sich ihrer Position und der aller anderen bewusst. Und in der Mitte des Raums stand Damien Scott. Selbst ohne zu sprechen, beherrschte er den Raum. Sein Anzug war dunkel, perfekt geschneidert, und seine Augen fanden sie in dem Moment, als sie eintrat – auffallend und kalt. „Tasha Morgan“, sagte er, seine Stimme glatt und tief, trug mühelos durch den Raum. „Ich sehe, deine Neugier hat gesiegt.“ Er lächelte nicht. Das musste er auch nicht. Tasha blieb ein paar Schritte entfernt stehen und zwang ihre Stimme zur Ruhe. „Du hast mich eingeladen.“ „Ich habe die Möglichkeit eröffnet“, korrigierte Damien. „Du hast sie gewählt.“ Einige Studenten warfen ihr Blicke zu, manche neugierig, andere amüsiert. Ein paar flüsterten hinter vorgehaltener Hand. Tasha ignorierte sie, doch das Gewicht ihrer Aufmerksamkeit lastete auf ihren Schultern. Damien musterte sie schweigend, als würde er Gedanken sezieren, von denen sie selbst nichts wusste. „Dieser Ort“, sagte er schließlich und machte eine weite Geste, „ist bekannt als das Spiel. Eine Gesellschaft, die nicht auf Vergnügen gebaut ist, wie die Gerüchte behaupten, sondern auf Strategie. Einfluss. Hebelwirkung.“ Die Studenten um ihn herum strafften sich, als hätten die Worte selbst Autorität. „Menschen treten bei, weil sie etwas wollen“, fuhr Damien fort. „Ruf. Macht. Flucht. Manchmal Rache.“ Das letzte Wort traf sie härter, als es sollte. Ihr Kiefer spannte sich an, doch sie hielt ihr Gesicht ruhig. Damiens Blick wurde einen Hauch weicher – die Art subtile Veränderung, die nur ein aufmerksamer Beobachter bemerkte. „Du bist nicht zufällig hier“, sagte er. „Deine Wunden haben dich hergeführt. Dein Ehrgeiz hält dich aufrecht.“ Bevor Tasha antworten konnte, ertönte ein klares, scharfes Glockenspiel, das jedes Gespräch durchschnitt. Sofort formten die Studenten einen großen Kreis in der Mitte des Raums. Bücher wurden von Tischen geräumt. Stühle zurückgeschoben. Laternen justiert. Die Luft veränderte sich. Etwas Leises, Erwartungsvolles stieg auf. Damien trat vor und sprach alle an. „Heute Nacht beginnt ein neuer Zyklus. Jeder Zyklus prüft Charakter, Intelligenz und Willen.“ Sein Blick wanderte zu Tasha. „Teilzunehmen bedeutet, sich zu verpflichten. Sich zu verpflichten bedeutet, nach den Regeln zu spielen.“ „Und wenn ich gehe?“, fragte sie. Damien blinzelte nicht. „Das wirst du nicht.“ Es war keine Arroganz. Es war Gewissheit – die Art, die aus dem besseren Verständnis von Menschen kommt, als sie sich selbst verstehen. Und er hatte recht. Tasha würde nicht gehen. Nicht, solange Vanessa noch so selbstsicher über den Campus schritt. Nicht, solange Ethan sie weiter wie jemanden behandelte, der Schutz brauchte statt Freiraum. Nicht, solange sie endlich etwas hatte, mit dem sie zurückschlagen konnte. Damien hob die Hand und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. „Für diesen Zyklus haben wir eine neue Teilnehmerin.“ Sofort ging ein Flüstern durch den Kreis. „Ist das die?“ „Das Mädchen, das Vanessa gedemütigt hat?“ „Die hält nicht lange durch.“ Tasha tat so, als hörte sie es nicht. Damien fuhr fort: „Wie die Tradition es verlangt, beginnt die Neue mit der Ersten Prüfung.“ Ihr Magen zog sich zusammen. „Ich?“ „Ja“, antwortete er schlicht, als wäre die Entscheidung schon vor Stunden gefallen. Damien ging zu einer in die Steinwand eingelassenen Platte. Er drückte auf einen verborgenen Riegel, enthüllte ein kleines Fach. Darin lag eine Marmorschachtel, verziert mit demselben Symbol, das sie oben gesehen hatte. Er nahm einen gefalteten Zettel heraus und reichte ihn ihr. Er hielt das Papier fest, ließ es nicht sofort los. „Tasha“, sagte er leise, „das Spiel geht nicht um Stärke. Oder darum, gefürchtet zu werden. Es geht um den Teil von dir, den andere unterschätzen.“ Ihre Finger streiften seine, als sie den Zettel nahm. Seine Hand verweilte eine halbe Sekunde – nicht anzüglich, nicht intim, nur genug, um sie zu stabilisieren. Weil er wusste, dass der Rest des Raums hoffte, sie würde scheitern. Tasha entfaltete das Papier. Jeder Kopf im Kreis neigte sich leicht vor. Damien trat zurück und gab ihr das Wort. „Die Erste Prüfung“, verkündete er, „beginnt jetzt.“ Tasha hob den Blick. Die Worte auf dem Papier waren einfach, doch ihre Bedeutung konnte alles verändern – ihren Ruf, ihren Status, den eigentlichen Grund, warum sie hier war. Der Raum beobachtete. Wartete. Urteilte. Maß. Tasha trat in die Mitte des Kreises. Nicht zitternd. Nicht zögernd. Was auch immer das Spiel verlangte, sie würde es stellen. Denn sie war nicht hier, um zu spielen. Sie war hier, um zu gewinnen.
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