Kapitel 1: Die Asche
Élianor
Der Spiegel im Eingangsbereich ist mein erster Feind des Tages. Ich senke die Augen zu spät. Ich habe bereits die unförmige Masse gesehen, das zu runde Gesicht, den beigen Pullover, der an allen Stellen schlabbert, die ich gerne verstecken würde. Ich bin siebzehn Jahre alt, und mein Spiegelbild ist das einer Schatten, d**k und undeutlich.
Ein Grunzen hinter mir.
— Du blockierst den Weg, Élianor. Wir können uns nicht einmal mehr in unserem eigenen Haus bewegen wegen dir.
Die Stimme meiner Schwester, Liora, ist wie ein Fallbeil. Sie schlüpft vor mir vorbei, dünn und gemein wie eine Schlange, ihr athletischer Körper gleitet mühelos durch den Raum. Ihr Blick mustert mich, ein angewidertes Grinsen auf den Lippen.
— Wirklich, versuche gerade zu stehen. Du siehst aus wie ein Kartoffelsack. Und dieser Pullover… was soll der eigentlich verstecken? Die Scham?
Ich presse die Zähne zusammen, das Herz schlägt mir bis zum Hals. Jedes Wort ist ein Stich, präzise und vertraut. Ich dränge mich gegen die Wand, die kalte Farbe durch den Stoff spürend, wünschend, ich könnte in den Blumen des Tapetenmusters verschwinden. Ich bin zuhause, und doch bin ich deplatziert. Ein störendes Möbelstück.
Am Tisch ist das Frühstück ein weiteres Minenfeld. Der Geruch von geröstetem Brot, der beruhigend sein sollte, ist ein Geruch des Urteils. Meine Mutter seufzt theatralisch, als sie sieht, dass ich eine Scheibe Brot nehme.
— Schon wieder Brot, mein Schatz? Weißt du, bei deiner… Statur wäre es vielleicht besser, an Obst zu denken. Ein Apfel ist so erfrischend.
Sie sagt „Statur“ wie man „schambehaftete Krankheit“ sagen würde. Sie sieht mich nie wirklich direkt an, ihr Blick gleitet über mich wie über einen hartnäckigen Fleck.
Mein Vater, hinter seiner Zeitung, stimmt zu, ohne auch nur die Augen zu heben. Seine Stimme ist ein Edikt, fern und ohne Widerspruch.
— Sie hat recht, Élianor. Fettleibigkeit ist eine Krankheit. Man braucht Disziplin. Willenskraft. Schau dir deine Schwester an.
Liora kichert gerade, während sie eine großzügige Schicht Butter und Marmelade auf ihr eigenes Brot streicht.
— Disziplin kennt sie nicht. Das einzige, was sie gut kann, ist, ihren Teller voll zu machen. Und oft landet auch etwas daneben.
Ihr Lachen, hoch und schneidend, durchdringt den Raum. Ich senke den Kopf, die Wangen brennen. Die Scheibe, die ich kaue, hat einen Geschmack von Asche und Schuld. Jeder Biss ist eine Sünde, jedes Kauen ein erdrückender Beweis für meinen Mangel an Willenskraft. Ich bin ihr auserwähltes Sündenbock, der Herstellungsfehler dieser Familie, die perfekt sein will. Ihre Verachtung ist ein Bleigewicht, das mich jeden Tag ein wenig mehr erdrückt, mich ein wenig tiefer vergräbt.
Die Straße zum Gymnasium ist eine Qual, die ich jeden Morgen mit einem verkrampften Bauch gehe. Ich bin siebzehn, und ich sollte von Freiheit, ersten Küssen, Zukunft träumen. Stattdessen träume ich von Unsichtbarkeit. Die Blicke der Passanten gleiten über mich hinweg, wenden sich mit grausamer Gleichgültigkeit oder schlecht verborgener Belustigung ab. Flüstern, das knistert wie ein Feuer aus Zweigen. Gedämpfte Lacher, die mir in den Nacken schneiden. Einige Gesichter erkenne ich. Ehemalige Klassenkameraden, die so tun, als würden sie mich nicht sehen. Nachbarn, die mit falschem Mitleid nicken.
— Achtung, es kommt, murmelt eine Stimme von einer Veranda.
— Beweg dich, das Boot kommt in den Hafen, ruft ein anderer, lauter, von der anderen Straßenseite.
Ich starre auf den Gehweg vor meinen Füßen, den rissigen Asphalt, die zerdrückten Kaugummis. Ich versuche, meinen Körper kleiner zu machen, weniger sichtbar, meine Schultern zusammenzuziehen, meinen Bauch einzuziehen. Vergeblich. Meine bloße Existenz ist eine Belästigung, eine Anomalie in der ordentlichen und sauberen Landschaft dieser kleinen Provinzstadt. Ich bin die Dicke. Die dicke Élianor. Diejenige, über die man zwischen zwei Unterrichtsstunden lacht. Diejenige, der man manchmal Mitleid zollt, mit einem flüchtigen, schnell abgewandten Blick, bevor man sich umdreht, um besser an der allgemeinen Verspottung teilzuhaben.
Ich gehe, den Kopf gesenkt, das Gewicht ihrer Blicke tragend. Das Gewicht meiner Familie tragend. Das Gewicht meines eigenen Körpers, der zu einem Gefängnis geworden ist, aus dem ich nicht weiß, wie ich entkommen soll. Jeder Schritt ist eine Demütigung. Jeder Atemzug, eine Schande. Mit siebzehn bin ich bereits eine Ruine, und der Tag hat gerade erst begonnen. Das Schlimmste, das weiß ich, wartet hinter den Türen des Gymnasiums.