Kapitel 1: Der Mann, an den sie sich nicht erinnern sollte
Die Seide unter ihren Fingern war die erste Warnung.
Arias Augen öffneten sich schlagartig, bevor ihr Verstand nachkam. Goldene Decke. Kristallleuchter. Bettwäsche, die mehr kostete als ihre monatliche Miete. Nichts in diesem Zimmer gehörte ihr. Nichts in diesem Zimmer gehörte jemandem, den sie kannte.
Sie setzte sich abrupt auf. Das Laken rutschte bis zur Hüfte.
Dann sah sie ihren Körper.
Blutergüsse bedeckten ihre Rippen. Ihre Hüften. Die empfindliche Haut an beiden Handgelenken. Ein dunkler Halbmond saß tief an ihrem Hals, geformt von einem Mund, den sie sich nicht vorstellen konnte. Ihre Kleidung war nirgends zu sehen. Ihr Handy. Ihre Handtasche. Ihre Schuhe. Alles weg.
Was ist mit mir passiert?
Sie presste die Handflächen gegen die Schläfen und suchte verzweifelt nach Erinnerungen. Die letzte Nacht kam in Bruchstücken – eine Bar namens The Half Moon. Zwei Shots Tequila. Ein dritter, den sie nicht bestellt hatte. Dann nichts. Eine Leere, wo Stunden hätten sein sollen.
Das Badezimmer war aus Marmor und blendend weiß. Hinter der Tür fand sie einen Bademantel und wickelte sich hinein. Der Gürtel schnürte so eng, dass ihre Rippen schmerzen.
Der Spiegel zeigte eine Fremde.
Ihre Lippen waren geschwollen. Ihre Augen glasig und abwesend. Die Markierung an ihrem Hals lag direkt über dem Puls, lila, das sich zu einem Bluterguss vertiefte. Jemand war in diesem Körper gewesen, während sie fort war. Jemand hatte überall berührt. Jemand war geblieben.
Eine einzelne Rose in einer Kristallvase stand auf dem Nachttisch. Daneben lag eine Hotelkarte. Keine Notiz. Kein Name. Nur das Logo eines Hotels, das sie noch nie betreten hatte.
Jemand hatte das arrangiert.
Jemand hatte zugesehen, wie sie schlief.
Sie fand die Tür und trat in einen Flur, der so still war, dass er inszeniert wirkte. Keine Stimmen. Keine Schritte. Nur geschlossene Türen und Teppich, der jeden Laut verschluckten.
„Hello?“
Ihre Stimme starb an den Wänden.
Sie ging zum Aufzug. Ihre Beine bewegten sich seltsam – nicht schwach, sondern wissend. So erinnerte sich ihre Muskulatur an Positionen, die ihr Gehirn gelöscht hatte.
Der Aufzug öffnete sich, bevor sie den Knopf drückte.
Er war drinnen.
Dunkler Anzug. Offener Kragen. Haar, das auf eine Weise zerzaust war, die Mühe kostete. Sein Kiefer hätte aus Marmor gemeißelt sein können, und seine Augen – grau, scharf, hungrig – fixierten sie, als wären sie das Einzige auf der Welt, das zählte.
Er wirkte nicht überrascht, sie zu sehen.
Er wirkte, als hätte er gewartet.
„Du bist wach.“ Seine Stimme war tief. Rau. Benutzt.
Arias Füße wurzeln am Boden. „Wer bist du?“
Etwas huschte über sein Gesicht. Schnell. Fast ein Zusammenzucken. Dann verschwand sie hinter einer Maske, die so glatt war, dass sie wie eine Drohung wirkte.
„Steig ein, Aria.“
Er kannte ihren Namen.
Sie trat einen Schritt zurück. „Nein. Du sagst mir, wer du bist. Du sagst mir, was passiert ist. Du sagst mir, warum ich einen Bademantel in einem Hotelzimmer trage, an das ich mich nicht erinnere, mit Blutergüssen, an die ich mich nicht erinnere—“
Seine Augen sanken auf ihrem Hals.
Die Maske barst.
Nur einmal. Nur genug.
„Die waren nicht—“ Er hielt inne. Schluckte. Als er wieder sprach, war seine Stimme leiser. „Bitte. Wir können nicht im Flur reden. "Steig in den Aufzug.“
„Wir können gar nicht reden, bis du mir deinen Namen sagst.“
Er schwieg drei Herzschläge lang. Dann trat er aus dem Aufzug. Auf sie zu.
Arias Rücken traf die Wand.
Er blieb einen Schritt entfernt stehen. Nah genug, dass sie Zeder, Whiskey und etwas Dunkleres darunter riechen konnte. Seine Hand hob sich. Sie zuckt zusammen. Er drückte nur erneut den Rufknopf.
Die Türen blieben offen.
„Mein Name ist Damian." Seine Stimme sank tiefer. „Und ich werde dir nichts tun. Aber du musst jetzt mit mir kommen. Weil jede Sekunde, die du in diesem Flur stehst, jemand zuschaut. "Jemand, der dich gegen mich benutzen will.“
„Wie benutzen?“
Sein Blick strich über ihr Gesicht, als würde er es auswendig lernen. Als hätte er das schon einmal getan. Als er es zum letzten Mal täte.
„Du hättest nicht allein aufwachen sollen“, sagte er. „Ich hätte da sein sollen. Ich habe einen Fehler gemacht. "Und jetzt muss ich ihn korrigieren, bevor es jemand anderes tut.“
Die Worte ergeben keinen Sinn. Nichts davon ergab Sinn. Und doch—
Ihr Körper hatte keine Angst vor ihm.
Das war der erschreckendste Teil.
Ihr Puls hatte sich verlangsamt, als er näher trat. Ihre Schultern waren gesunken. Etwas tief in ihren Knochen erkannte ihn, während ihr Verstand Gefahr schrie.
Was hat er mit mir gemacht?
Was habe ich zugelassen?
Der Aufzug piepste erneut.
Damien streckte die Hand aus. Handfläche nach oben. Finger leicht gekrümmt. Nicht greifend. Fragend.
„Ich kann dir deine Erinnerungen nicht zurückgeben“, sagte er. „Aber ich kann dir eines versprechen – du wirst die Antworten nicht allein finden. Und weglaufen wird nicht helfen. Ich werde dich finden, Aria. "Ich habe es schon einmal getan.“
Sie sollte wegrennen.
Jeder rationale Instinkt sagte: dreh dich um, sprint, suche die Treppe, flieh.
Aber ihre Hand hob sich.
Ihre Finger streckten sich nach ihnen aus.
Sie wusste nicht warum. Sie konnte es nicht erklären. Aber etwas unter ihrer Angst – etwas Älteres als Erinnerung – flüsterte, dass dieser Mann kein Fremder war. Es war eine Frage, die ihr Körper bereits beantwortet hatte.
In dem Moment, als ihre Handfläche seine berührte, schlossen sich seine Finger um sie. Warm. Fest. Absolut.
„Da bist du“, murmelte er.
Er zog sie in den Aufzug.
Die Türen schlossen sich.
Ihr Spiegelbild starrte aus dem polierten Stahl zurück – geschwollene Lippen, blutunterlaufener Hals, hohle Augen. Sie erkannte die Frau nicht, die sie ansah.
Der Aufzug begann zu sinken.
Damien ließ ihre Hand nicht los.
Und irgendwo zwischen dem neunzehnten Stock und der Lobby begriff Aria, dass sie gerade eine Entscheidung getroffen hatte, die sie nicht mehr rückgängig machen konnte. Sie ist mit einem Mann in einen Aufzug gestiegen, dessen Namen sie vor dreißig Sekunden erfahren hatte. Sie hatte keine Erinnerung an die letzte Nacht. Keine Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen ist. Keine Erinnerung daran, warum ihr Körper jemandem gehörte, den sie fürchten sollte.
Aber sein Daumen zeichnete langsame Kreise auf ihrer Haut.
Und sie zog sich nicht zurück.
Die Türen öffneten sich zu einer Tiefgarage. Dunkel. Leer. Ein schwarzes Auto wartete mit einem laufenden Motor.
Damien führte sie hinüber.
„Wohin fahren wir?“
Er öffnete die Beifahrertür. Wartete.
„Nach Hause“, sagte er. „Nicht deins. Meins. "Du bist heute Nacht nicht sicher allein.“
„Ich kenne dich nicht einmal.“
Er sah sie dann wirklich an. Seine Maske rutschte für eine rohe Sekunde vollständig ab. Darunter sah sie Erschöpfung. Reue. Etwas, das erschreckend nach Liebe aussah.
„Du kanntest mich einmal“, sagte er. „Für eine Nacht. "Und ich habe seitdem jeden Tag versucht, sie mir zu verdienen.“
Aria stieg ins Auto.
Sie wusste nicht warum.
Aber als Damien die Tür schloss und um das Auto herum zum Fahrersitz ging, fing sie ihr Spiegelbild im Fenster ein letztes Mal ein.
Die Frau, die zurück starrte, hatte keine Angst.
Sie war neugierig.
Und das war weit gefährlicher.
Der Motor surrt an. Die Gartenlichter flimmerten über ihnen. Damien warf ihr einen Blick zu, bevor er aus der Parklücke fuhr.
„Schnall dich an“, sagte er. „Das wird eine lange Nacht.
Aria legte den Sicherheitsgurt an.
Das Auto fuhr auf die Straße.
Und irgendwo im hinteren Teil ihres Geistes, hinter der Leere, wo ihre Erinnerungen hätten sein sollen, flüsterte eine Stimme:
Du hast das schon einmal getan.
Du hast ihn schon einmal gewählt.
Du wirst ihn wieder wählen.
Sie wusste nicht, ob die Stimme die Wahrheit sagte.
Aber als Damiens Hand über die Mittelkonsole griff und auf ihrem Knie ruhte – warm, besitzergreifend, vertraut – wurde ihr klar, dass sie es heute Nacht nicht herausfinden wollte.
Morgen.
Morgen würde sie Antworten verlangen.
Heute Nacht wollte
sie nur etwas anderes fühlen als Verlorenheit.
Die Stadtlichter verwischten am Fenster vorbei.
Damiens Hand blieb, wo sie war.
Und Aria ließ sich von ihm in die Dunkelheit fahren.