Kapitel 1
DER DUFT DES SCHICKSALS
Lyra
„Kael ist da!“
Das Gebrüll der Wache hallte von den Steinmauern wider, als könnte es irgendwie helfen. Tat es aber nicht.
Ein Pfeil zerschnitt die Luft neben meiner Wange. Ich spürte die Hitze, bevor ich ihn hörte, und dann schlug mein Rücken hart auf den kalten Boden. Meine Hände pressten sich an meine Brust, mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.
„Verdammt“, hauchte ich.
Natürlich war es Kael. Mein eigener Bruder. Selbst inmitten des Chaos, des klirrenden Stahls, der Schreie und des dichten Rauchgeruchs konnte ich das Versprechen unter all dem hören. Er würde sich zurückholen, was er für sein Eigentum hielt, selbst wenn er dafür über meinen Körper steigen musste. Wahre Familienwerte.
Ich zog mich am Fenster hoch und presste meinen Rücken gegen die Wand, als könnte mich der Stein selbst schützen.
Unten im Hof blitzten Schwerter auf und Männer fielen. Kael stieß seine Klinge ohne zu zögern in die Brust eines Wächters, der Mann sackte zusammen, und dunkles Blut breitete sich auf dem Kopfsteinpflaster aus. Mir wurde übel. Ich schluckte es schwer hinunter.
*Meine Schuld.* Der Gedanke lag wie Kohle in meinem Hals. Hätte der Rat ihn nur gewählt, wäre das alles nicht passiert. Sinnloses Denken, aber es kam trotzdem.
Irgendwo unten heulte ein Wolf. Ein zweiter antwortete. Kael hatte seine Hunde mitgebracht. Als ob das nicht schon brutal genug wäre.
Ich hätte fliehen können. Oder ich hätte wie der hilflose Omega, für den mich alle hielten, zurück in mein Zimmer kriechen und die Alphas sich um eine Krone streiten lassen können, die ich nie gewollt hatte. Beides brachte mich nicht vom Fleck.
Ich stand wie erstarrt da und sah zu, wie Menschen für etwas starben, das ich ohne zu zögern hergegeben hätte.
Dann drehte der Wind.
Er kam von unten, pfiff durch Blut und Rauch, und er war ganz anders als beides. Wild. Elektrisierend. Sauber, wie es in diesem Hof nicht sein durfte. Mein Wolf erstarrte, jeder Instinkt war auf Hochtouren.
Ich bekam keine Luft.
*Nein.* Ich krallte mich an die Fensterbank, meine Knöchel wurden weiß. *Nicht jetzt. Nicht hier.* Meine Nase hatte mich noch nie angelogen, nicht ein einziges Mal in meinem Leben, und auch jetzt log sie nicht. Ich biss mir auf die Lippe, bis ich den Geschmack von Kupfer spürte, und versuchte, meinen Körper zur Vernunft zu bringen. Er gehorchte nicht. Hitze durchströmte meine Adern wie ein Strom, langsam und unaufhaltsam und völlig außerhalb meiner Kontrolle.
Mein Gefährte war hier. Irgendwo in diesem Blutbad unten, unter den Männern, die mein Volk töteten, war derjenige, den die Mondgöttin für mich auserwählt hatte.
Ich zwang meinen Blick in das Chaos.
Er bewegte sich durch Kaels Soldaten wie Rauch, fließend und gemächlich, als ob sich die Schlacht um ihn herum teilte, anstatt ihn zu bedrohen. Groß. Dunkelhaarig. Vollkommen selbstsicher, auf eine Weise, die etwas Tiefes in meiner Brust zusammenziehen ließ.
Dann blickte er auf.
Seine Augen trafen meine über die Distanz hinweg, und der Lärm des Hofes verstummte für einen Herzschlag. Nur kurz. Gerade lang genug, damit etwas zwischen uns geschah, wofür ich keine Worte fand.
„Du“, flüsterte ich.
Sein Mundwinkel zuckte, kaum merklich, als hätte er mich trotz allem gehört.
*Götter.* Marcus Thornfield. Winterwolf. Der meistgehasste Feind meines Bruders und der Mann, dessen gesamtes Rudel Kael abgeschlachtet hatte. Er sollte nur eine Geistergeschichte sein, ein Name, den Kaels Soldaten murmelten, wenn sie glaubten, unbeobachtet zu sein. Und nun stand er da und bahnte sich mit stiller, methodischer Wut seinen Weg durch die Überreste meiner Wache.
Er blickte wieder auf, und diesmal weiteten sich seine Nüstern.
Er hatte meine Witterung aufgenommen.
Der Kampf stockte. Für einen unmöglichen Moment rührte sich niemand.
Wir starrten uns durch das Gemetzel hindurch an, Feinde auf dem Papier, doch darunter verbarg sich etwas ganz anderes. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nur minimal, wie der eines Mannes, dem etwas Unerwartetes in die Hand gedrückt worden war und der noch nicht wusste, was er damit anfangen sollte.
Ein Pfeil schlug neben seinen Füßen in den Boden ein. Er wirbelte herum, und ich sah, wie seine Alpha-Instinkte die Oberhand gewannen. Sein Blick huschte zurück zum Turm, zu mir, bevor ihn die Vernunft einholte.
„Prinzessin!“
Captain Reynolds stürmte hinter mir durch die Tür, blutend aus mehr Wunden, als ich zählen wollte, seine Brust hob und senkte sich heftig.
Ich drehte mich um. „Wie schlimm?“
„Euer Bruder hat sich zurückgezogen, Eure Hoheit.“ Er holte tief Luft. „Das war eine Botschaft. Morgen ist der eigentliche Angriff.“
Morgen. Marcus würde da sein. Mein Seelenverwandter, draußen jenseits dieser Mauern, verbündet mit dem Mann, der mich tot sehen wollte. *Gut gemacht, Schicksal.*
„Du bist blass“, sagte Reynolds und musterte mich zu genau.
„Mir geht’s gut“, sagte ich, etwas schärfer als beabsichtigt. Ich verschränkte die Arme, um das Zittern zu unterdrücken, obwohl ich wusste, dass es nichts half. „Müde. Mehr nicht.“
Er sah mich lange an, als lese er etwas, das ich nicht laut aussprechen wollte. Dann ein langsames Ausatmen. „Heute Nacht doppelte Wachen vor Eurer Tür, Eure Hoheit.“
„Das ist unnötig.“
„Ist es auch nicht.“ Seine Stimme wurde etwas härter. „Wenn Kael heute Nacht nicht den Thron erobern kann, ist Ihr der Nächste. Unterschätzt ihn nicht.“
Das traf mich mitten ins Herz. *Kommt zu mir.* Ich wandte mich wieder dem Fenster zu und gab meinen Händen etwas zu tun, anstatt sichtbar zu zittern. „Natürlich“, sagte ich.
Er verharrte einen Moment, dann senkte er den Kopf. „Versucht zu schlafen, Eure Hoheit.“
Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und ich schwebte zurück zum Fenster. Der Hof war nun still, leer bis auf die Toten und das fahle Mondlicht, das über die Steine fiel. Alle anderen waren gegangen, um ihre Klingen zu schärfen und den nächsten Schritt zu planen. Das war in Ordnung. Ich musste meine eigenen Gedanken ordnen.
Kaels Botschaft war eindeutig genug gewesen. Ich könnte die Nächste sein.
Ich presste meine Stirn gegen den kühlen Stein und schloss die Augen.
In den Geschichten wurde immer davon gesprochen, seinen Seelenverwandten zu finden, als wäre es ein in Gold gehülltes Geschenk. Vorbestimmte Liebe. Das Universum, das sich nur für einen selbst ausrichtet. Aber was, wenn das Universum einen grausamen Sinn für Humor hat? Was wäre, wenn derjenige, den man mir vorschlug, derjenige wäre, den ich nur haben könnte, ohne alles andere zu verlieren? Was, wenn die Wahl auf ihn bedeutete, mein Königreich niederzubrennen?
„Marcus Thornfield“, murmelte ich in die Dunkelheit.
Seinen Namen auszusprechen, fühlte sich an wie ein brennendes Streichholz. Entweder es erlosch von selbst oder es riss alles mit sich.
Morgen sollte ich mich mit den vom Rat ausgewählten Kandidaten treffen: mächtige Alphas, politisch vorteilhafte Partien, Männer, die fähig waren, sich zwischen Kael und den Thron zu stellen. Die verantwortungsvolle Wahl. Die Wahl der Königin. Ich hatte ihre Namen, ihre Blutlinien und die sorgfältig ausgearbeiteten, praktischen Gründe, warum jeder einzelne von ihnen Sinn machte, auswendig gelernt.
Keiner von ihnen ließ meinen Wolf so still und scharf werden wie Marcus. Keiner von ihnen trug diesen Duft in sich. Keiner von ihnen sah mich an, als kenne er mich schon.
Ich stieß mich von der Wand ab, die Zähne zusammengebissen. Entschlossenheit war meine einzige Rüstung in dieser Nacht.
„Ich bin Lyra von Raven Crest“, sagte ich leise in den leeren Raum, zu mir selbst, zu dem Teil von mir, der mir noch zuhörte. „Und ich werde mein Volk beschützen. Um jeden Preis. Selbst wenn das bedeutet, den Rest meines Lebens darüber nachzudenken, was hätte sein können.“
Die Worte hatten Gewicht. Knapp.
Ich verließ den Turm und ging durch den kalten Korridor zu meinen Gemächern. Meine Gedanken kreisten um Kael, den Krieg, die unfassbare Tatsache, dass es Marcus gab, und all die Möglichkeiten, wie sich das alles auflösen könnte. Eines war von all dem Lärm, der Politik und dem Blut befreit worden:
Er war da draußen. Mein Gefährte, vorherbestimmt und real, auf der falschen Seite eines Krieges, den ich mir nicht ausgesucht hatte. Und egal, wie sehr ich mich an die Vernunft klammerte, ich konnte nicht so tun, als hätte der Moment, als sich unsere Blicke trafen, nicht etwas für immer in mir verändert.
Die Wachen nahmen ihre Posten ein, als ich meine Tür erreichte. Ihre Rüstungen klirrten schwer und vertraut.
Diese Nacht hatte alles umgeschrieben.
Es gab kein Zurück mehr.