KAPITEL 1

1387 Words
Die Asche des dritten Luna lag noch in der Luft, als die Wachen Frauen in den Hof brachten. Der Innenhof war breit und sauber, umgeben von hohen Steinmauern. Der Boden war glatt und poliert, als wäre dort nichts Schlimmes passiert. Große Säulen standen auf beiden Seiten und hielten Balkone darüber. Fackeln brannten an den Wänden und verliehen dem Ort ein warmes Licht. Der offene Raum in der Mitte war für Zeremonien gedacht, aber jetzt war er ruhig und leer. Die Frauen mussten am Rand des Innenhofs sitzen. Sie saßen dicht beieinander, die Knie angezogen, die Hände fest in den Schoß. Einige trugen zerrissene Kleidung und wirkten vor Hunger dünn. Andere waren sauberer, aber ängstlich, hielten ihre Kleider fest. Einige starrten zu müde auf den Boden, um zu weinen. Andere beobachteten die Wachen mit Angst in den Augen. Niemand sprach. Der Innenhof war still, abgesehen von leisem Atmen und dem Geräusch von Asche, die auf den Steinboden fiel. Jede Frau wusste, warum sie dort war. Und jede Frau hatte Angst. Einige waren Witwen oder Waisen – Frauen, die niemand vermissen würde. Einige wurden direkt aus ihren Häusern genommen. Niemand hatte eine Wahl. Das war keine Feier. Es war eine Auswahl. Niemand sprach über Liebe. Niemand lächelte. Jeder wusste, was das war: die nächste Frau auszuwählen... Das nächste Opfer. Drei Ehefrauen waren bereits gestorben – jede vor dem zehnten Vollmond. Die Leute flüsterten über einen Fluch, aber niemand wagte es, Alpha Ryder zu hinterfragen. Er sagte nichts. Er hat nur nach einer anderen Frau gerufen. Und das Rudel gehorchte. Kira sollte nicht dort sein. Sie war nur gekommen, um Kräuter an den Heiler in der Nähe des Innenhofs zu bringen. Doch als sie sich zum Gehen wandte, packte ein Wächter ihren Arm. "Du. Stellt euch an", befahl er. "Dafür bin ich nicht hier", versuchte Kira zu sagen. "Jetzt", schnappte der Wächter. Kira erstarrte. Um sie herum standen Frauen in zerrissenen Kleidern, ihre Gesichter schmutzig, die Augen voller Angst. Eine Frau schluchzte leise. Ein anderer starrte schweigend auf den Boden. Sie sahen alle aus, als hätten sie schon aufgegeben. Bevor Kira wieder sprechen konnte, ertönte eine Trompete. Alpha Ryder betrat die Plattform. Groß und schweigend blickte er zur Menge. Er sagte nichts, starrte nur jede Frau an. Dann fiel sein Blick auf Kira. Sie trug einen einfachen Umhang und hielt einen Korb mit Kräutern. Ihr Herz pochte. "Wähle mich nicht", dachte sie verzweifelt. Aber er hob die Hand und zeigte direkt auf sie. Stille legte sich. Dann verbreiten sich Gerüchte. "Sie kann sich nicht verwandeln", sagte eine ältere Frau, die saß. "Sie ist schwach." Die Frau machte sich keine Sorgen um den Fluch, sie wollte einfach nur ausgewählt werden. Eine Frau in der Nähe von Kira weinte vor Erleichterung, als wäre sie einem schrecklichen Schicksal entkommen. Aber es war zu spät. Alpha Ryder drehte sich um und ging davon, sodass die Wachen seine Wahl treffen konnten. Kira stand wie erstarrt da. Ihr Korb rutschte ihr aus den Händen und fiel zu Boden. Ihre Beine fühlten sich wie Stein an. Kiras Herz raste, und ihr Kopf schwirrte vor Angst. Um sie herum flüsterten die anderen Frauen und starrten. Einige waren erleichtert, dass sie nicht ausgewählt wurden. Einige sahen sie mit Angst oder Neid an. Kira wollte fliehen oder verschwinden, aber die Wachen kamen bereits zu ihr. Einer packte fest ihren Arm. "Beweg dich", sagte er kalt. Kiras Kehle schnürte sich zu. "Warum ich?" flüsterte sie. "Ich gehörte nicht hierher. Ich habe das nicht verlangt." Der Innenhof fühlte sich leer an, abgesehen von der schweren Stille nach Alpha Ryder. Kira sah ihm nach, wie er von der Plattform verschwand. Sie wusste, dass sie nicht widersprechen konnte. Kein Flehen würde ihr Schicksal ändern. Ihre Gedanken wanderten zurück nach Hause, zu allem, was sie liebte. Jetzt fühlte sich alles weit entfernt an. Die Wachen zogen sie zu den großen Türen im hinteren Bereich. Kira stolperte, hielt aber das Gleichgewicht, ihre Hände zitterten. "Bitte", dachte sie. "Ich kann das nicht. Nicht ich." Aber es gab keine Wahl. Der Hof hallte von den Schluchzern der anderen Frauen wider. Kira erkannte eine erschreckende Wahrheit: Sie war nun Teil dieser grausamen Auswahl. Es gab kein Zurück mehr. Die Türen schlossen sich hinter ihr mit einem schweren Geräusch, das durch die steinernen Hallen hallte. Kira zuckte zusammen. Die Luft drinnen war kalt. Fackeln brannten an den Wänden, doch ihr Licht fühlte sich leer an. Die Schatten wurden lang und dunkel. Als die Wachen sie nach vorne zogen, klangen ihre Schritte zu laut. "Bitte", flüsterte sie erneut. Ihre Stimme war schwach. Niemand antwortete. Sie führten sie durch lange Flure. Alte Symbole waren in die Wände gemeißelt – Wölfe, Monde, Zeichen von Macht. Sie hatte sie seit ihrer Kindheit gesehen, aber heute Nacht fühlten sie sich wie eine Warnung an. Schließlich hörten sie auf. Ein Wächter öffnete eine Tür. "Geh rein", sagte er. Kira trat ein. Ihre Hände zitterten. Der Raum war groß und still. In der Mitte stand ein Bett, bedeckt mit dunklem Fell. Auf einem kleinen Tisch stand eine Schale mit Wasser und ein sauberes Tuch. Der Raum sah freundlich aus, aber das war er nicht. Es fühlte sich an wie ein Käfig. "Warte hier", sagte der Wächter. Er ging und schloss die Tür ab. Kira war allein. Ihre Beine wurden schwach, und sie fiel zu Boden. Ihr Korb mit den Kräutern war weg. Kiras Brust schmerzte, als sie versuchte zu atmen. "Also ist das das Ende", flüsterte sie. Sie dachte an ihr kleines Zuhause. Sie dachte an die Heilerin, die ihr vertraute. Kira dachte an das ruhige Leben, das sie aufgebaut hatte. Jetzt fühlte sich alles weit entfernt an, wie ein Traum, den sie verloren hatte. Die Zeit verging langsam. Jedes Geräusch ließ sie zusammenzucken. Ihr Herz schlug schnell. Dann hörte sie Schritte. Die Tür öffnete sich. Alpha Ryder trat ein. Er war größer, als sie erwartet hatte. Seine Präsenz fühlte sich schwer an. Sein Gesicht war ruhig, und seine Augen kalt und alt. Er beobachtete sie einen langen Moment. "Du hast Angst", sagte er. Sie war still und starrte ihn einfach nur an "Du bettelst nicht", sagte er. "Was würde das ändern?" fragte sie leise. "Du hast dich schon entschieden." Etwas bewegte sich in seinen Augen, aber es verschwand schnell. "Du bist nicht wie die anderen", sagte er. "Du willst keine Macht." "Ich habe das nicht gewählt", sagte Kira. Ihre Stimme zitterte, aber sie blieb standhaft. "Ich wäre lieber nicht deine Luna." Der Raum wurde still. Alpha Ryder trat näher. "Das", sagte er, "ist der Grund, warum du ausgewählt wurdest." Kira spürte, wie ihr das Herz sank. Er drehte sich um und ging zur Tür. "Ruhe dich aus", sagte er. "Morgen wirst du zum Rudel gehören." Die Tür schloss sich. Kira starrte es an. Ihr Körper zitterte. Morgen. Tränen liefen, während sie sich an die Brust hielt. Was auch immer als Nächstes kam, sie wusste eines – Dieser Ort würde sie entweder zerstören oder ihr Leben für immer verändern. Kira blieb lange nach dem Schließen der Tür auf dem Boden liegen. Der Raum war still. Die Stille fühlte sich schwer an. Kira umklammerte ihre Knie und wiegte sich hin und her. Sie versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. "Morgen", flüsterte sie. Das Wort machte ihr Angst. Sie stand auf und ging zum Bett. Das Fell auf dem Bett war weich, aber es ließ sie sich nicht besser fühlen. Dieser Raum war nicht für Komfort gemacht. Es wurde gemacht, um sie zu kontrollieren. Sie legte sich nicht hin. Sie ging zu einem kleinen Tisch und berührte das Wasser in einer Schale. Es war kalt. Sie spritzte sich etwas ins Gesicht und atmete tief durch. "Nein", sagte sie leise. "Ich werde nicht zerbrechen." Ihr ganzes Leben lang ignorierten die Leute Kira. Sie sagten, sie sei schwach und klein. Sie konnte sich nicht wie die anderen in einen Wolf verwandeln. Aber sie blieb am Leben. Sie lernte etwas über Heilpflanzen. Sie wurde auf ihre stille Art stark. Dieser Ort würde sie nicht leicht besiegen. Die Nacht verging langsam. Das Licht draußen wurde dunkler. Kira blieb wach und hörte zu. Jedes Geräusch erschreckte sie, aber nichts geschah. Als der Morgen kam, war ihr Körper müde, aber ihr Geist war klar. Die Tür öffnete sich. Zwei ältere Frauen kamen herein. Sie trugen einfache Kleidung und sahen sie nicht an. "Steh auf", sagte einer.
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