*Elena's Perspektive*
Ich saß in meinem alten Kinderzimmer, das nun jeglicher Wärme und jedes Luxus’ beraubt war. Kartons stapelten sich an den Wänden, rote Aufkleber klebten an allem – Zeichen dafür, dass es beschlagnahmt worden war. Ich erkannte mein eigenes Leben kaum wieder. Der Vertrag lag auf meinem Schreibtisch, sein schwarzer, nüchterner Text verspottete mich regelrecht. Wie kann ein Status, für den eine Familie Tag und Nacht gearbeitet hat, sich über Nacht in Luft auflösen, als wäre er nie real gewesen?
Ein leises Klopfen ertönte an der Tür, bevor meine Mutter Margaret eintrat, ihr Gesicht von Sorgen gezeichnet.
„Elena, Liebling, hast du dich entschieden?“
„Welche Wahl habe ich denn?“ Meine Stimme war kaum hörbar, als ich auf den Vertrag deutete. „Entweder das, oder wir sehen dabei zu, wie sie uns auch noch das Letzte nehmen und wir wie Flüchtlinge leben müssen, bis wir sterben. Wenn die Presse davon erfährt, werden wir auch noch strafrechtlich verfolgt. Ich will nicht, dass du das durchmachen musst, Mum.“
Ihre Hände zitterten, als sie sie auf meine Schultern legte.
„Ich wünschte, ich könnte es für dich tun. Ich wünschte, dein Vater würde einfach wieder auftauchen und sagen, dass er unschuldig ist. Ich hasse es, dass es so weit gekommen ist. Aber vielleicht… vielleicht hat Adrian sich verändert. Er mochte dich doch einmal, oder? Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber wir waren wie eine Familie… Vielleicht behandeln sie dich ja gut.“
Ich lachte bitter.
„Er mochte mich genug, um Lügen über mich zu verbreiten, als ich ihn auf dem College abgewiesen habe. Er ist arrogant, verwöhnt, verantwortungslos und—“ Ich hielt inne und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht fassen, dass ich das überhaupt in Erwägung ziehe. Was soll daran gut sein? Sie werden mich gut behandeln? Ich verkaufe mich buchstäblich selbst. Wenn ich seine Frau werde, darf ich nicht einmal mehr arbeiten. Ich werde nutzlos.“
„Es tut mir so leid, Elena. Victor hat es unmissverständlich klar gemacht“, sagte meine Mutter, ihre Stimme brach. „Ohne diese Ehe bleibt uns nichts. Und… ich verliere dich auch. Du willst nicht, dass ich unter dem Druck der Medien zusammenbreche – ich will nicht, dass du es musst. Du bist noch jung, du hast so viel Potenzial.“
Ich umarmte sie fest, meine Tränen rannen über mein Gesicht.
„Ich werde es tun, Mom. Für dich. Für uns. Für den Namen unserer Familie.“
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Die Hochzeit war eine überstürzte Angelegenheit, abgehalten im Standesamt – nur die Hawthornes waren anwesend. Victor leitete das Ganze wie ein Geschäftsmann, der einen Deal abschloss, während Adrian mit einem selbstzufriedenen Grinsen neben mir stand, das ihm während der ganzen Zeremonie nicht aus dem Gesicht wich. Er schien zufrieden, vielleicht sogar glücklich mit der Abmachung.
Ich starrte auf den Ring, den Adrian mir an den Finger steckte. Er fühlte sich schwer an – eher wie eine Fessel, die mich niederhielt, als ein Symbol der Verbindung.
„Lächel für die Kameras“, flüsterte Adrian mir ins Ohr, als wir hinaustraten. Victor hatte Paparazzi eingeladen, damit sie Fotos machten und Schlagzeilen über das Ereignis schrieben. Sein Sohn brauchte dringend ein besseres Image.
Ich zwang mir ein steifes Lächeln auf, wissend, dass alles nur Fassade war. Jetzt war ich also offiziell Adrians Ehefrau. Die Öffentlichkeit würde sich freuen und plötzlich positiv über ihn sprechen. Aber für mich? Mein Leben war zerstört.
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Das Hawthorne-Anwesen war so kalt wie Adrian selbst. Es erinnerte mich an unser früheres Zuhause – prachtvoll und luxuriös – doch es würde sich niemals so anfühlen. Adrian führte mich halbherzig herum, zeigte mir die Räume ohne großes Interesse.
„Das ist dein Zimmer“, sagte er und blieb vor einer Tür am Ende eines langen Flurs stehen.
„Nicht… unser Zimmer?“ fragte ich zögerlich.
Er lachte leise. „Du warst so vehement gegen diese Ehe. Und jetzt willst du plötzlich mit mir im selben Zimmer schlafen? Elena… ich wusste, dass du eine dunkle Seite hast. Willst du mich etwa?“ Seine Hand strich über mein Kinn.
Ich trat zurück und schob seine Hand weg. „Ich war nur überrascht, dass du nicht bei mir bleiben willst. Mir gefällt diese Lösung.“
Er schnaubte. „Ja, lass uns nicht so tun, als wäre das hier irgendwas anderes als ein Geschäft. Du bleibst hier, ich bleibe dort, wo es mir passt. Klar soweit?“
Ich ballte die Fäuste. „Dann lass uns einander einfach aus dem Weg gehen.“
Er zuckte mit den Schultern. „Ich mach in meinem Haus, was ich will, klar? Aber mach dir keine Sorgen – du gewöhnst dich schon dran.“
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Tage wurden zu Wochen, die sich alle gleich anfühlten. Mein neues Leben war erdrückend. Adrian kam und ging, wie es ihm passte, brachte Frauen mit ins Haus, veranstaltete laute Partys bis in die Morgenstunden. Er beachtete mich kaum – es sei denn, um mich zurechtzuweisen oder eine gemeine Bemerkung loszuwerden.
Eines Nachmittags besuchte mich meine Mutter, brachte mein Lieblingsessen mit – ein kleiner Trost in diesem Gefängnis, das nun mein Zuhause war.
„Dieses Haus fühlt sich so leer an“, sagte sie, während sie sich im Wohnzimmer umsah.
Ich nickte. „Es fühlt sich wie ein Gefängnis an, aber ich denke, ich hab mich daran gewöhnt. Es ist nicht mehr fremd. Und du, Mum? Geht es dir gut in deiner neuen Wohnung?“
Sie lächelte schwach. „Ich gewöhne mich daran, allein zu leben. Es fühlt sich an wie in meiner Jugend, als ich arm und unverheiratet war. Ich denke jeden Tag an dich und deinen Vater. Ich gehe sogar zu unseren Lieblingsplätzen in der Stadt. Vielleicht… finde ich ihn dort.“
Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. „Warum nach jemandem suchen, der uns im Stich gelassen hat? Der uns mit den Folgen seiner Taten allein gelassen hat?“
„Elena, glaubst du wirklich—“
Bevor sie den Satz beenden konnte, trat Adrian ein. Seine Anwesenheit füllte den Raum sofort. Sein Blick glitt spöttisch über uns.
„Ich wusste gar nicht, dass wir Besuch haben“, sagte er mit triefendem Sarkasmus.
„Meine Mutter hat etwas zu essen gebracht“, sagte ich vorsichtig.
Er verschränkte die Arme. „Das hier ist kein Café. Vielleicht sollte sie beim nächsten Mal vorher fragen, bevor sie auftaucht.“
„Wie bitte?“ fuhr meine Mutter auf, aber ich packte schnell ihren Arm.
„Mom, es ist okay“, sagte ich, um die Situation zu entschärfen.
Adrian grinste. „Braves Mädchen. Halte ihre Besuche besser auf ein Minimum. Wir wollen ja nicht, dass die Leute einen falschen Eindruck bekommen, wie es hier läuft.“
Ich starrte ihn an, mein Kiefer angespannt. „Du hast dich deutlich ausgedrückt. Sie war ohnehin gerade im Begriff zu gehen.“
Ich führte meine Mutter hinaus, ihr Gesicht blass vor Sorge. „Behandelt er dich immer so? Elena, bist du sicher, dass du hierbleiben kannst?“
Ich nickte, obwohl mein Herz schwer war. „Ich schaff das, Mom. Aber versprich mir, dass du nicht wiederkommst, außer ich rufe dich.“
Nachdem ich sie verabschiedet und beruhigt hatte, dass es mir gut geht, ging ich wieder ins Haus. Adrian fand mich in der Küche, wo ich gerade nach dem Essen aufräumte.
„Du musst dich nicht wie die Haushälterin aufführen“, sagte er, lässig an den Türrahmen gelehnt.
Ich sah ihn nicht an. „Ich beschäftige mich lieber, als untätig herumzusitzen.“
Adrian lachte. „Wie du willst. Aber vergiss nicht – das ist nicht dein Zuhause. Es ist meins. Du bist hier, weil ich es erlaube.“
Ich drückte den Schwamm fester, meine Nägel gruben sich in das Material. „Ich bin hier, weil ich keine Wahl hatte.“
Adrian trat näher, sein Grinsen verschwand. „Jeder hat eine Wahl, Elena. Du hast dich für das hier entschieden.“
Ich begegnete seinem Blick, meine grünen Augen funkelten. „Nein. Mein Vater hat sich entschieden. Du bist nur die Strafe dafür.“
Adrian sah mich lange an, bevor er sich abwandte.
„In der Tat – eine Strafe für all die Jahre, in denen du dachtest, du wärst zu gut für mich. Und jetzt? Jetzt bist du meine Frau.“
Ich schwieg. Egal, was ich sagte – ich war in der schwächeren Position.
„Mach dich bereit. Morgen gehen wir gemeinsam zu einem Dinner. Versuch, dich wie eine richtige Ehefrau zu benehmen“, sagte Adrian und verließ die Küche.
Ich blinzelte heftig, um die Tränen zurückzuhalten.
Das war jetzt mein Schicksal.