Kapitel 3: Ein Gesicht aus der Vergangenheit

1340 Words
**Elenas Sicht** Der funkelnde Saal war ein Zeugnis für den Reichtum und Einfluss des Gastgebers. Kristalllüster warfen goldenes Licht auf eine Menge gut gekleideter Eliten, deren Lachen und Gespräche die Luft erfüllten. Ich stand mit Arm in Arm mit Adrian, mein Designerkleid und makelloses Make-up konnten kaum verbergen, welchen inneren Aufruhr ich fühlte. „Versuch nicht, mich zu blamieren,“ murmelte Adrian, seine Lippen bewegten sich kaum, während er einem vorbeigehenden Elite-Lächeln schenkte. Ich knirschte mit den Zähnen, widerstand dem Drang, scharf zu antworten. Die Demütigung meiner neuen Realität war schlimm genug, ohne eine öffentliche Szene hinzuzufügen. Adrian hatte darauf bestanden, dass ich ihn heute Abend begleite, nicht aus Zuneigung, sondern um den Schein zu wahren. Die Familie Hawthorne verhandelte eine wichtige Partnerschaft mit Everhart Enterprises, dem Gastgeber des luxuriösen Dinners, und Adrian war verzweifelt bemüht, sich als fähig zu beweisen, den Deal abzuschließen. „Bleib genau hier und mach nichts Dummes. Ich bin gleich zurück,“ sagte Adrian, bevor er davonging. Ich blickte mich im Raum um, suchte nach einer ruhigen Ecke, in die ich mich zurückziehen konnte. Doch dann schnitt eine vertraute Stimme durch den Raum und unterbrach meine Gedanken. „Elena?“ Ich erstarrte, der Atem blieb mir in der Kehle stecken. Langsam drehte ich mich zu der Stimme um, und mein Herz hämmerte gegen meine Rippen. Da stand er. Lucas Everhart. Er sah noch beeindruckender aus, als ich ihn in Erinnerung hatte – größer, breiter gebaut, sein maßgeschneiderter Anzug betonte seine eindrucksvolle Präsenz. Seine durchdringend blauen Augen trafen meine, voller einer Mischung aus Schock und etwas Tieferem... Schmerz. „Lucas...“ flüsterte ich, kaum hörbar. Bevor Lucas weitersprechen konnte, spürte ich Adrians Griff an meinem Arm, der sich fester zog, während er meinem Blick folgte. Sein Gesichtsausdruck wechselte von einem Anflug von Ärger zu einem gezwungenen Lächeln. „Ah, Herr Everhart,“ sagte Adrian glatt und streckte die Hand aus. „Ich bin Adrian Hawthorne. Es ist mir eine Ehre, Sie endlich kennenzulernen.“ Lucas schüttelte Adrians Hand kurz, ohne mich aus den Augen zu lassen. „Adrian, nicht wahr? Und... Elena?“ Adrians Lächeln stockte. „Du kennst meine Frau?“ „Frau?“ Lucas’ Stimme fiel, sein Schock war offensichtlich. Er wandte sich wieder mir zu. „Das hatte ich nicht erwartet...“ „Wie solltest du auch? Nach allem, was passiert ist?“ sagte ich mit angespannter Stimme. Ich spürte, wie Adrian mich scharf musterte, seine Gereiztheit kaum verbergen konnte. „Es tut mir leid... es ist so lange her,“ sagte Lucas leise, suchte in meinen Augen nach einer Antwort. „Wir sollten uns unterhalten.“ Adrian lachte scharf und durchbrach die Spannung. „Mach dir nichts aus den Worten meiner Frau. Elena ist momentan ziemlich beschäftigt. Ehe und so.“ Seine Herablassung ließ mich zusammenzucken, aber ich zwang mich zu einem gezwungenen Lächeln. „Es gibt nichts zu besprechen, Lucas. Nicht mehr. Schön, dich zu sehen.“ Lucas nickte, doch sein Blick blieb vorsichtig. „Ebenfalls.“ Adrian spürte die Spannung und wechselte schnell das Thema. „Ich glaube, wir haben einige Geschäfte zu besprechen, Herr Everhart. Vielleicht können wir ein Treffen vereinbaren?“ „Vielleicht,“ antwortete Lucas kühl. „Aber zuerst möchte ich ein Wort mit Ihrer Frau wechseln. Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Adrians Kiefer spannte sich an, doch er setzte ein falsches Lächeln auf. „Natürlich. Ich bin an der Bar.“ Während Adrian sich entfernte, trat Lucas näher. Seine Stimme war leise und ruhig. „Was ist los, Elena? Warum bist du mit ihm?“ Ich sah weg, mein Hals zog sich zusammen. „Es ist... kompliziert.“ „Kompliziert erklärt nicht, warum du mit jemandem wie Adrian Hawthorne verheiratet bist,“ sagte Lucas, sein Blick wurde weich. „Lucas, bitte,“ flüsterte ich, meine Augen huschten durch den Raum. „Ich kann hier nicht darüber reden. Und sollten wir das überhaupt tun? Du bist einfach gegangen und das Einzige, was dich interessiert, ist meine Ehe? Wer bist du jetzt? Du bist so anders als der Lucas, den ich kannte. Was ist passiert?“ Seine Hand strich sanft über meinen Arm. „Dann triff mich woanders. Du hast gesagt, du willst hier nicht reden. Lass uns woanders treffen, nur wir zwei, dann erzählst du mir, was mit dir passiert ist.“ „Lucas—“ „Elena!“ Adrians Stimme schnitt durch die Luft, scharf und vorwurfsvoll. Er ging auf uns zu, sein Gesicht dunkel vor Zorn. „Entschuldigen Sie, Herr Everhart. Die Zeit ist um. Ich muss bei meiner Frau sein. Ich bin ein Familienmensch, also kann ich nicht lange ohne meine Frau bleiben, richtig, Liebling?“ Ich trat zurück, mein Puls raste. „Natürlich,“ sagte ich schnell, vermied Lucas’ Blick. Adrians Hand umfasste besitzergreifend meine Taille, während er mich wegzog. Er beugte sich vor, seine Stimme war ein harsches Flüstern. „Was zum Teufel sollte das?“ „Nichts,“ antwortete ich, meine Stimme ruhig trotz des Sturms in mir. „Das sah nicht nach nichts aus,“ zischte Adrian. „Wie kennt ihr euch und was hast du ihm gesagt? Halte dich von ihm fern. Hast du mich verstanden?“ Ich nickte, meine Nägel gruben sich in meine Handflächen. Doch als Adrian sich abwandte, um einen anderen Gast zu begrüßen, wanderte mein Blick zurück zu Lucas, der am anderen Ende des Raumes stand und mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Entschlossenheit beobachtete. --- **Der nächste Tag** Ich konnte das Bild von Lucas’ Gesicht aus der vergangenen Nacht nicht abschütteln. Der Schock in seinen Augen, die sanfte Besorgnis in seiner Stimme – all das blieb und zog an einem Teil von mir, den ich begraben hatte. Doch so beunruhigend Lucas’ plötzliche Rückkehr auch war, es war Adrians Reaktion darauf, die mich nervös machte. „Erklär dich,“ bellte Adrian, sobald er auf mich zukam. Ich zuckte nicht zusammen. Ich wusste, dass er danach fragen würde, aber ich tat so, als wüsste ich nichts. „Worüber?“ „Warum du letzte Nacht so verdammt vertraut mit Lucas Everhart warst?“ knurrte Adrian, seine Augen funkelten. „Ich war mit niemandem vertraut, Adrian. Du hast mich gebeten, dich zum Dinner zu begleiten und mich wie eine Ehefrau zu verhalten. Das habe ich getan. Was willst du sonst noch von mir?“ „Was hast du dir dabei gedacht, so mit ihm zu reden?“ verlangte er, während er im Wohnzimmer auf und ab ging. „Ich habe nicht gedacht,“ sagte ich ruhig. „Wir sind alte Freunde. Mehr nicht.“ „Freunde?“ spottete Adrian. „Glaubst du, ich wüsste nicht, was du vorhast? Du willst ihn verzaubern, damit er mich sabotiert? Weißt du, was hier auf dem Spiel steht? Dieser Mann könnte über die Zukunft der Firma entscheiden. Hast du ihm gesagt, dass ich unverantwortlich bin? Hast du ihm Details über dieses Haus gegeben, um dich an der Familie Hawthorne zu rächen?“ Ich runzelte die Stirn. „Glaubst du wirklich, ich würde absichtlich deine Chancen ruinieren? Was hältst du von mir? Ich interessiere mich nicht für Lucas’ Meinung über dich oder deine Firma, und ich kann seine Entscheidung nicht beeinflussen.“ Adrian schnappte: „Ich glaube, du weißt nicht, wie man den Mund hält, und du würdest jede Möglichkeit nutzen, um mich zu ruinieren.“ Meine Brust zog sich zusammen, doch ich weigerte mich, ihm meinen Schmerz zu zeigen. „Ich habe nichts gesagt, Adrian. Glaub es oder nicht, ich mag es nicht, mich selbst oder andere zu demütigen.“ „Gut,“ sagte er kalt. „Denn wenn ich herausfinde, dass du ihm Dreck über mich erzählst und ich diesen Deal verliere, wirst du es bereuen.“ Als Adrian die Treppe hochstürmte, sank ich auf das Sofa, mein Geist raste. Lucas’ plötzliche Rückkehr hatte Gefühle geweckt, von denen ich dachte, sie längst begraben zu haben. Aber Adrians Drohungen blieben in meinem Kopf, eine Erinnerung an das zerbrechliche Fundament, auf dem ich stand. Wenn Adrian den Deal verliert, wird es meine Schuld sein. Ich muss Lucas um jeden Preis fernhalten.
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