Kapitel 3
Scarletts Sicht
Crowes Gebrüll vermischte sich mit dem des Wesens, als ich den engen Tunnel entlangrannte. Ich sah nicht zurück.
Ich konnte nicht.
Jeder Instinkt in mir schrie danach, mich umzudrehen, um sicherzugehen, dass er noch lebte. Um ihm zu helfen. Um etwas zu tun.
Doch seine letzten Worte hallten in meinem Kopf wider.
„Du lebst. Das ist alles, was zählt.“
Meine Beine bewegten sich wie von selbst, schlugen gegen den Stein, rutschten auf nassen Stellen aus und schrammten an den scharfen Kanten der Tunnelwände entlang. Meine Lungen brannten. Mein Hals fühlte sich wund an.
Hinter mir explodierte die Kammer mit dem Krachen der Krallen auf dem Stein, Crowes Schmerzensgrummeln und dem tiefen Knurren des Monsters hallten durch die Dunkelheit.
„Crowe!“, schrie ich, ohne es zu wollen.
Ein heftiger Knall antwortete.
Nicht seine Stimme.
Nichts Menschliches.
Etwas Großes schlug auf dem Boden auf.
Mit voller Wucht.
Ich stolperte, rannte aber weiter. Der Tunnel wand sich und bebte bei jedem Aufprall hinter mir. Steine fielen von der Decke. Staub brannte in meinen Augen. Scharfe, kalte Luft streifte mich, als würde mir jemand in den Nacken atmen.
Das Wesen war nicht mehr hinter Crowe.
Es war hinter mir her.
Ich spürte es, wie man ein Gewitter spürt, bevor es dunkel wird. Die Luft wurde stickig, schwer, voller Gefahr.
Ich trieb mich noch mehr an.
„Denk nach, Scarlett … denk nach“, keuchte ich. „Links, rechts – einfach bewegen!“
Der Tunnel gabelte sich vor mir. Zwei Wege. Beide stockfinster.
Keine Runen.
Keine Geräusche.
Keine Ahnung, welcher Weg sicher war.
Mein Herz hämmerte so laut gegen meine Rippen, dass es alles andere übertönte.
Ich wählte links.
Weil ich keine Wahl hatte.
Als ich mich umdrehte, zerriss ein lautes Kreischen den Tunnel hinter mir. Das Monster kratzte mit seinen Klauen über den Steinboden – wütend, hungrig, ganz nah.
Zu nah.
Ich rannte schneller, meine Beine zitterten, mein Atem stockte, meine Hände kratzten an der Wand entlang, um mich in der Dunkelheit festzuhalten. Der Tunnel verengte sich plötzlich und zwang mich zur Seite. Meine Schulter prallte hart gegen die Wand.
Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Arm.
„Weiter … weiter …“, flüsterte ich, mehr um mich selbst zu zwingen.
Der schmale Pfad öffnete sich wieder und führte in eine kleine Höhle, die von schwachem, blauem Moos erhellt wurde. Die Luft fühlte sich hier … leichter an, als ob das Wesen diesen Ort nicht mochte.
Gut.
Ich sank für einen Moment auf die Knie, meine Brust hob und senkte sich, Schweiß rann mir über das Gesicht.
„Crowe …“, meine Stimme versagte.
Ich wusste nicht, ob er noch lebte.
Ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wiedersehen würde.
Dann hörte ich es.
Ein leises, feuchtes Schnüffeln am Tunneleingang hinter mir.
Ich erstarrte.
Langsam, ganz langsam drehte ich den Kopf.
Die leuchtend goldenen Augen des Wesens erschienen im dunklen Gang und starrten mich an.
Kein Körper.
Nur Augen.
Beobachtend.
Studierend.
Berechnend.
Mir stockte der Atem.
Es kam näher.
Sein massiger Körper kroch auf allen Vieren aus dem Schatten – zu groß, um normal zu sein, zu verdreht, um natürlich zu sein. Seine Gestalt flackerte im Dämmerlicht, fast so, als wäre es nicht ganz da.
Seine Nüstern weiteten sich.
Es schnupperte erneut, lang, langsam, bedächtig.
Es roch mich.
Genau wie Crowe gesagt hatte.
„Du bist der letzte lebende Schlüssel zum Schleier.“
Ich rutschte rückwärts, bis mein Rücken gegen die Höhlenwand stieß. Das Wesen hob den Kopf, seine Ohren zuckten, seine Krallen kratzten leise über den Steinboden.
Es griff nicht an.
Noch nicht.
Es bestätigte etwas.
Mich.
Meinen Geruch.
Meine Blutlinie.
Meine Angst.
Mein ganzer Körper zitterte, doch ich presste die Worte hervor, zitternd, dumme Worte, über die ich nicht nachgedacht hatte.
„G-Geh weg von mir.“
Sein Kopf schnellte so schnell zu mir, dass ich nach Luft schnappte.
Es hörte es.
Es verstand.
Ein tiefes Knurren hallte durch die Höhle, erst leise, dann anschwellend, sich kräuselnd, sich windend zu einem Laut, der nicht … tierisch war.
Es klang fast wie ein Wort.
Ein gebrochener Versuch zu sprechen.
Eine Warnung.
Mir lief es eiskalt den Rücken runter.
Ich presste meinen Rücken fester gegen die Wand, meine Hände zitterten heftig.
„Wenn du näher kommst …“, flüsterte ich, „werde ich … werde ich schreien.“
Es blinzelte.
Dann trat es näher.
Ein langsamer, schwerer Schritt.
Ich schloss die Augen fest, bereit für Klauen, Zähne, alles.
Doch der Boden hinter dem Wesen explodierte.
Buchstäblich.
Stein zersprang, als hätte jemand eine Kanone abgefeuert. Eine gewaltige Kraft schleuderte das Wesen zur Seite und gegen die Höhlenwand.
Überall wirbelte Staub auf.
Ich hustete, meine Augen brannten, meine Sicht verschwamm, doch ich erkannte die Silhouette, die durch den Rauch trat.
Crowe.
Blutend.
Verletzt.
Atemlos.
Am Leben.
Seine Brust hob und senkte sich mit jedem Atemzug, und dunkles, dickes Blut tropfte seinen Arm hinunter, doch seine Augen … seine Augen brannten vor Wildheit.
Er sah mich nicht einmal an.
Seine Aufmerksamkeit blieb auf das Wesen gerichtet.
Und seine tiefe, scharfe, tierische Stimme hallte durch die Luft:
„Geh. Weg. Von ihr.“
Das Wesen knurrte lauter und wütender zurück und erreichte seine volle monströse Größe.
Crowe wich nicht zurück.
Im Gegenteil, seine Haltung veränderte sich – die Schultern wurden breiter, die Muskeln spannten sich an, etwas Urwüchsiges strömte von ihm aus wie Hitze.
Für einen Moment, nur einen Augenblick, glaubte ich, etwas unter seiner Haut sich verändern zu sehen.
Keine vollständige Verwandlung …
aber auch nicht menschlich.
Das Wesen stürzte sich auf mich.
Crowe wurde schneller.
Er packte mich an der Taille und schleuderte uns beide zur Seite, während die Klauen des Wesens durch die Luft schnitten, wo eben noch mein Kopf gewesen war.
Wir schlugen hart auf dem Boden auf. Mir stockte der Atem, doch Crowe zog mich mit einer einzigen Bewegung hoch.
„Beweg dich!“, bellte er.
Ich widersprach nicht.
Wir rannten durch eine weitere Öffnung – einen engeren, steileren Tunnel. Meine Hand klammerte sich an seinen Mantel, während er mich fast nach oben zerrte. Das Wesen brüllte hinter uns, wütend, hämmerte gegen die Steine und versuchte, sich in den engen Durchgang zu zwängen.
Aber es passte nicht.
Zumindest nicht ohne Weiteres.
Crowe bremste erst ab, als wir an einer Sackgasse ankamen – einer steilen Steinwand mit verblassten Symbolen.
„Crowe –“, keuchte ich, „Es ist ein totes –“
Bevor ich ausreden konnte, schlug er mit seiner blutenden Handfläche gegen die Inschriften.
Die Symbole leuchteten auf.
Die Wand löste sich auf.
Frische Luft strömte mir ins Gesicht, als wir in die offene Nacht hinausstolperten.
Bäume.
Himmel.
Kalter Wind.
Freiheit.
Crowe stieß mich vorwärts. „Weiter.“
Aber ich rührte mich nicht.
Noch nicht.
Nicht, bis ich sein Gesicht deutlich im Mondlicht sah.
Blut tropfte von seinem Kiefer. Tiefe Krallenspuren zogen sich über seinen Rücken. Seine Augen waren dunkler als zuvor, die Ränder brannten fast.
„Du bist wegen mir zurückgekommen“, sagte ich atemlos.
Er blinzelte mich an, als wäre die Antwort offensichtlich.
„Ich hab’s dir doch gesagt“, sagte er leise. „Du lebst. Mir ist egal, was mit mir passiert.“
Meine Brust schnürte sich schmerzhaft zusammen.
Bevor ich etwas sagen konnte, hallte hinter uns ein donnernder Krach wider, als die Kreatur die sich auflösende Wand durchbrach.
Crowes Gesichtsausdruck verhärtete sich.
Er packte meine Hand.
„Wir sind noch nicht in Sicherheit“, sagte er. „Aber ich schwöre dir, Scarlett, ich werde dir alles erklären. Wirklich alles. Nachdem wir die Nacht überlebt haben.“
Er zog mich in den Wald.
Das Wesen brüllte uns hinterher.
Und die Nacht verschlang uns.