Der Blutschwur

1269 Words
Kapitel 4 Crowes Sicht Der Wald verschluckte unsere Schritte. Blätter klatschten gegen meine Arme, als ich Scarlett tiefer in die Bäume zog. Ihre Hand zitterte in meiner, doch sie hielt Schritt, ihr Atem ging stoßweise, die Augen weit aufgerissen. Gut. Ihre Angst bedeutete, dass sie noch lebte. Hinter uns zerriss das Gebrüll des Wesens die Nacht und ließ die Äste erzittern. Vögel flüchteten aus den Baumwipfeln. Selbst der Wind schien zu fliehen. Scarlett blickte zurück. „Es kommt immer noch!“ „Schau es nicht an“, sagte ich und drückte ihre Hand fester. „Lauf einfach.“ Wenn sie zu lange hinsah, würde es ihre Panik spüren. Wenn es ihre Panik spürte, würde es sich schneller bewegen. Und wenn es sich schneller bewegte Nein. Das würde ich nicht zulassen. Nicht ihr. Die Bäume wurden dichter und tauchten den Boden in schmale, silberne Streifen. Ich führte sie auf den schmalsten Pfaden entlang, jenen, von denen nur Jäger wussten, dass hier nie ein Mensch einen Fuß gesetzt hatte. Dieser Wald hatte Wesen wie mir gehört, lange bevor das erste Dorf erbaut wurde. Das wusste Scarlett natürlich nicht. Noch nicht. Hinter uns knackte ein Ast laut. Schwer. Zu schwer. Scarlett stolperte. Ich zog sie hoch, noch bevor ihre Knie den Boden berührten. „Crowe“, keuchte sie, „du blutest, du bist verletzt –“ „Mir ging es schon schlimmer.“ Ich wurde nicht langsamer. „Schau geradeaus.“ Ein weiteres Brüllen ließ den Boden erbeben. Scarlett zuckte zusammen. „Was ist das?“ Einen Moment lang antwortete ich nicht. Denn die Wahrheit war nicht einfach. Oder eindeutig. „Es heißt Schleiergeborener“, sagte ich schließlich mit rauer Stimme. „Halb Schatten, halb Fleisch. Ein Jäger.“ „Ein Jäger wovon?“ „Von dir.“ Sie erbleichte und stolperte erneut. Diesmal packte ich sie an der Taille. „Es will dein Blut“, sagte ich. „Deshalb ist es uns durch die Ruinen gefolgt. Deshalb hat es dich nicht sofort getötet.“ Scarlett schluckte schwer. „Was hat mein Blut damit zu tun? Ich bin doch niemand –“ „Scarlett.“ Ich blieb so abrupt stehen, dass sie beinahe gegen mich rannte. Ich drehte sie zu mir um und hielt ihre Schultern fest. „Du bist nicht niemand. Und du hättest niemals allein dort unten sein sollen.“ „Ich verstehe nicht –“ Ein ohrenbetäubender Knall hallte hinter uns wider. Das Wesen hatte die Baumgrenze erreicht. Äste brachen auseinander, als sich sein massiger, zackiger Körper durch den Wald zwängte. Seine goldenen Augen leuchteten wie zwei Laternen in der Dunkelheit. Scarlett stockte der Atem. Das Wesen neigte den Kopf zu ihr … … und lächelte. Oder versuchte es zumindest. Sein Mund war nicht für menschliche Gesichtsausdrücke geformt, daher wirkte das Lächeln gebrochen, unecht, wie eine Nachahmung von Freude. Ihre Angst stieg in mir auf, ich spürte sie wie Hitze auf meiner Haut. Ich stellte mich vor sie. „Nicht mehr weglaufen“, sagte ich leise. Scarlett packte meinen Arm. „Crowe, du kannst das Ding nicht allein besiegen …“ „Ich werde nicht allein sein.“ Ich hob meine Hand ins Mondlicht. Schatten sammelten sich wie Tinte unter meiner Haut. Scarlett keuchte. „Dein Arm …“ Das Wesen brüllte auf und spürte die Veränderung in mir. Zu spät. Meine Knochen knackten zuerst – ein scharfer, klarer, vertrauter Schmerz. Meine Muskeln spannten sich an, dunkle Adern breiteten sich auf meiner Brust aus. Mein Blick wurde plötzlich schärfer, silbern und klar. Ich spürte, wie das Biest in mir erwachte. Scarlett taumelte zurück. „Crowe … was bist du?“ Die ehrliche Antwort blieb mir im Hals stecken. Ich war vieles. Ein Wächter. Eine Waffe. Ein Monster, geschaffen, um ein Mädchen zu beschützen, das keine Ahnung hatte, wie wichtig sie wirklich war. Das Wesen stürzte sich auf mich. Ich stürzte mich noch schneller auf es. Wir prallten mit einem Krachen zusammen, das die Bäume erzittern ließ. Krallen rissen über meinen Rücken; ich rammte meinen Unterarm in seine Kehle. Sein Atem roch nach verbranntem Metall und feuchter Erde. Ich trieb es zurück, tiefer in die Lichtung hinein, und scharrte mit den Fersen im Dreck. Hinter mir hörte ich Scarlett stolpern und meinen Namen flüstern. Das genügte, um ein Feuer in mir zu entfachen. Der Schleiergeborene schlug erneut zu, seine Zähne schnappten nur Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Ich packte ihn am Schädel und drehte ihn mit aller Kraft. Er kreischte, schlug mir in die Seite und versuchte, sich zu befreien. Nicht heute Nacht. Nicht, wenn sie zusieht. Ich stieß einen Laut aus, den keine menschliche Kehle hervorbringen konnte, und rammte ihn gegen einen Baum, dessen Stamm zersplitterte. „Bleib unten!“, knurrte ich. Er hörte nicht. Er hörte nie zu. Die Klauen des Wesens rissen über meine Rippen – brennend, aber nicht genug, um mich aufzuhalten. Ich packte seinen Arm, brach ihn am Gelenk, und das Wesen sank auf ein Knie. Scarlett keuchte. „Krähe –!“ „Alles gut“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. „Ich kann heilen.“ Das Wesen zischte ein verzerrtes, gebrochenes Geräusch und verschwand rückwärts in den Schatten zwischen den Bäumen. Verschwunden. Fürs Erste. Aber nicht besiegt. Ich taumelte und klammerte mich an einen Baum. Meine Sicht verschwamm. Scarlett eilte zu mir. „Du bist schwer verletzt, lass mich dir helfen …“ „Du darfst die Wunden nicht berühren“, sagte ich und packte ihr Handgelenk, bevor sie ihre Hand auf die blutende Wunde pressen konnte. „Mein Blut ist nicht … sicher.“ Sie erstarrte. „Crowe … sag mir die Wahrheit. Was bist du?“ Ich sah sie an, wirklich an. Ihr Haar war vom Laufen verstrubbelt. Schmutzstreifen zierten ihre Wange. Ihre Brust hob und senkte sich vor Angst und Erschöpfung. Aber ihre Augen … Diese Augen hatten dasselbe Feuer, dem ich vor langer Zeit Treue geschworen hatte. „Ich bin an dich gebunden“, sagte ich leise. „Durch einen Eid. Durch Blut. Durch das Schicksal.“ „Das beantwortet meine Frage nicht.“ Ich atmete langsam aus. Na gut. Sie verdiente die Wahrheit. „Ich bin kein Mensch“, sagte ich. „Und du auch nicht.“ Ihre Augen weiteten sich. Der Wald verstummte. Kein Wind. Keine Vögel. Kein Lebewesen. Nur ihr Herzschlag, der durch die Nacht pochte. „Scarlett …“ Ich trat näher, meine Stimme leise. „Du bist die letzte lebende Erbin der Schleierblut-Linie. Die einzige Blutlinie, die die Schatten nicht verderben können. Die, die sie fürchten … und die, die sie jagen.“ Sie schüttelte langsam den Kopf und wich einen Schritt zurück. „Ich? Nein, das ergibt keinen Sinn. Ich kann nicht …“ „Doch, bist du“, sagte ich. Ihre Stimme brach. „Was bist du dann für mich?“ Ich sah ihr in die Augen. „Meine Pflicht.“ „Meine Waffe.“ „Mein Fluch.“ „Mein einziger Lebenssinn.“ Aber ich sagte nur die einfachste Wahrheit. „Ich bin dein Beschützer.“ Ihr stockte der Atem. Bevor einer von uns etwas sagen konnte, hallte das Gebrüll des Wesens tiefer aus dem Wald wider, näher als zuvor. Scarlett drehte sich erschrocken zu dem Geräusch um. Ich stellte mich wieder vor sie. „Es wird nicht aufhören“, sagte ich. „Nicht, bis wir das Heiligtum erreichen.“ Sie schluckte schwer. „Wo ist das?“ „Weit weg.“ Ich reichte ihr meine Hand. „Lauf mit mir.“ Sie zögerte nur einen Augenblick. Dann nahm sie meine Hand. Und wir rannten wieder in die Dunkelheit.
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