Die Sanctum Road

838 Words
Ich rieb mir die Arme. „Und was ist dann das Heiligtum?“ Crowe rutschte unruhig hin und her, als ob ihm die Antwort nicht gefiel. „Der letzte sichere Ort. Uralt. Verborgen. Beschützt durch Blutschwüre, älter als Städte.“ „Und es kann mich beschützen?“ „Es kann dich lehren“, sagte er. „Und dich verstecken. Für eine Weile.“ „Für eine Weile“, wiederholte ich. Denn nichts bleibt ewig sicher. Eine leise Vibration durchfuhr den Höhlenboden. Unauffällig, aber spürbar. Crowe erstarrte augenblicklich. „Es ist nah“, murmelte er. Mir stockte der Atem. „Aber du hast gesagt –“ „Sicher heißt nicht unsichtbar.“ Die Höhlenwände pulsierten leicht. Ich stand auf. „Dann los. Ich habe genug gewartet.“ Crowe musterte mein Gesicht einen Moment lang; etwas Undurchschaubares lag in seinen Augen. „Du bist stärker, als du denkst“, sagte er leise. „Ich fühle mich nicht stark“, antwortete ich. „Ich habe panische Angst.“ „Beides kann gleichzeitig da sein.“ Wir gingen weiter, tiefer in die Höhle hinein, bis Mondlicht vor uns erschien. Als wir hinaustraten, sah der Wald … anders aus. Älter. Die Bäume waren massiv, ihre Stämme breit und verdreht, die Wurzeln brachen wie Adern durch den Stein. Die Luft fühlte sich schwer und aufgeladen an, wie kurz vor einem Gewitter. Da spürte ich es. Ein seltsames Ziehen in meiner Brust. „Crowe“, flüsterte ich. „Spürst du das?“ Er sah mich scharf an. „Du spürst den Pfad.“ „Den Pfad wohin?“ „Zum Heiligtum.“ Der Boden unter meinen Füßen summte leise, als ich einen Schritt nach vorn tat. Ich erstarrte. „Das habe ich nicht getan.“ „Doch, hast du.“ Panik stieg in mir auf. „Ich weiß nicht, wie!“ „Das brauchst du nicht“, sagte er. „Dein Blut erinnert sich.“ Das war irgendwie das Furchteinflößendste, was ich bis dahin gehört hatte. Wir folgten dem Sog, der sich durch Steinbögen und uralte, vom Wald verschluckte Ruinen schlängelte. Zerbrochene Säulen ragten aus dem Boden, verziert mit Symbolen, die mir Kopfschmerzen bereiteten, wenn ich sie zu lange anstarrte. Dann hörten wir es. Ein langsames Klatschen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Crowe wirbelte herum und stellte sich vor mich. Aus dem Schatten trat ein Mann. Zumindest … er sah aus wie ein Mann. Groß. Blass. Ganz in Schwarz gekleidet wie die Nacht selbst. Seine Augen leuchteten schwach golden, nicht wild wie die der Kreatur, sondern scharf. Intelligent. „Gut gemacht“, sagte er ruhig. „Du hättest es fast geschafft.“ Mein Herz hämmerte mir gegen die Rippen. Crowe knurrte leise und bedrohlich. „Geh weg von ihr, Elias.“ Der Mann lächelte. „Immer noch beschützerisch. Immer noch berechenbar.“ Ich flüsterte: „Kennst du ihn?“ Crowe ließ den Fremden nicht aus den Augen. „Leider.“ Elias neigte den Kopf und musterte mich. „Also, das ist sie. Die letzte Schleierblut.“ Ich zuckte zusammen. „Ich habe einen Namen.“ „Ich weiß“, sagte er freundlich. „Scarlett Hale.“ Mir lief es eiskalt den Rücken runter. „Du hast meinen Vater getötet“, sagte ich, ohne nachzudenken. Sein Lächeln verschwand ein wenig. „Nein. Ich habe nur zugesehen.“ Wut brach in mir aus. Crowe spannte sich an. „Scarlett, tu das nicht …“ „Warum?“, fragte ich. „Warum jagst du mich? Warum das alles?“ Elias seufzte, als hätte ich eine langweilige Frage gestellt. „Denn Gleichgewicht ist eine Lüge. Der Schleier ist ein Käfig. Und du bist das Schloss.“ „Und wenn ich sterbe?“ „Dann öffnet er sich“, sagte er nur. „Und die Welt wird … ehrlich.“ Crowe stürzte sich auf ihn. Elias verschwand in einem Schattenschleier und tauchte hinter ihm wieder auf. Mit übermenschlicher Kraft schleuderte er Crowe gegen eine Steinsäule. Ich schrie auf. „Crowe!“ Crowe schlug hart auf dem Boden auf und hustete. Elias wandte sich mir zu, seine Augen funkelten. „Komm freiwillig mit mir, Kind. Ich kann dich am Leben erhalten.“ „Nein“, sagte ich zitternd. „Ich werde dir nicht helfen, alles zu zerstören.“ Er lächelte wieder. „Das tust du bereits.“ Die Erde bebte heftig. Risse breiteten sich unter meinen Füßen aus und leuchteten dunkel. Ich spürte, wie etwas in mir aufbrach. Macht. Roh. Uralt. Furchterregend. Ich schrie auf, als eine gewaltige Energieexplosion Elias zurück in die Bäume schleuderte. Der Wald verstummte. Crowe starrte mich fassungslos an. Ich sank keuchend auf die Knie. „Was … was habe ich getan?“ Crowe stürzte auf mich zu und packte mich an den Schultern. „Du hast dich verteidigt. Der Schleier hat dir geholfen.“ Ich betrachtete meine zitternden Hände. Ich rannte nicht mehr einfach nur. Ich verwandelte mich in etwas anderes. Und irgendwo in der Dunkelheit wusste ich … Die Jagd hatte erst richtig begonnen.
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