Ist das ein Windhund oder ein Pferd?
Aus der Sicht des Autors
Vor langer Zeit, als Peter noch ein Kind war, las ihm sein Vater Lucian immer geheimnisvolle Gutenachtgeschichten über die Königreiche vor, die sie umgaben.
Während der nachmittelalterlichen Ära existierten im Herzen Europas vier verlorene Königreiche, nämlich Dazak, Baha, Stinth und Temah. Lucian war der Herrscher von Temah, doch in diesen Regionen lebten auch einige mystische Kreaturen. Diese Wesen waren jedoch nicht jedem bekannt, besonders den Menschen, die in der Stadt lebten. Die meisten Bewohner ländlicher Gebiete begegneten ihnen unerwartet und überlebten diese Begegnung in den meisten Fällen nicht.
Mit der Zeit wurden diese Geschichten für manche Menschen zu einem Mythos, jedoch nicht für König Lucian, denn er begegnete in jungen Jahren einem abscheulich aussehenden Ork, als er im Alter von nur siebzehn Jahren als Soldat aus Temah eingezogen wurde. Mitten in einem eisigen Schneesturm waren er und sein Trupp dabei, das Eis unter dem Schnee aufzutauen, um Eisblöcke zu gewinnen.
Im Jahr 1874 n. Chr., mit schmerzenden Rücken und hämmernden Werkzeugen, war der junge Lucian, ein kräftiger jugendlicher Lykaner voller Tatendrang, kurz davor, zum Major des Militärs aufzusteigen, weshalb er eine Reihe harter und zermürbender Ausbildungen durchlief.
Sie marschierten in den Schneesturm, um Eisblöcke zu holen, damit sie ihre Lebensmittel wie Lachs und Ziegenfelle konservieren konnten.
Lucian taute zusammen mit seinen anderen lykanischen Kameraden mehrere Minuten lang das Eis auf der Eisfläche auf, obwohl sie zitterten und ihr Fell bereits eisig blau geworden war.
Sie waren von Nebel umgeben; die Luft war dicht und grau, als einer der betrunkenen Soldaten im schwachen Morgenlicht den Schatten einer Kreatur bemerkte. Er starrte eine Weile darauf, bevor er die anderen aufmerksam machte, während er leise zu sich selbst flüsterte:
„Ist das ein Windhund oder ein Pferd? Irgendetwas kommt auf mich zu, aber ich bin mir sicher, dass ich nicht so betrunken bin, um nicht erkennen zu können, was es ist.“
Dieser betrunkene Kadett hoffte, dass das Wesen, das sich ihnen näherte, keine Bedrohung war, also schlug er keinen Alarm – ein dummer Fehler für einen ausgebildeten Soldaten.
Plötzlich begann die Kreatur, von hinten auf sie loszuspringen und sie anzugreifen. Es war ein Ork – ein grünliches, abscheuliches und dämonisches Wesen mit Klauen. Es war viel zu stark, um überwältigt zu werden, selbst als die Soldaten versuchten, sich in ihrer stärksten Werwolfgestalt zu verteidigen. Es war vergeblich. Ihre einzige Hoffnung war die Flucht. Lucian und nur ein weiterer Soldat konnten um ihr Leben rennen und diesem Biest entkommen.
Als Lucian und der andere Soldat ins Lager zurückkehrten, um das Verschwinden ihrer Kameraden zu erklären, die durch dieses Monster ums Leben gekommen waren, wurden sie von den Soldaten, die nicht an dieser tödlichen Expedition teilgenommen hatten, verspottet und ausgelacht. Ihr Hauptmann bezeichnete sie als schwach, betrunken und töricht, obwohl die Narben auf ihrer Haut deutlich sichtbar waren. Deshalb wurden Lucian und der andere Soldat aus dem Militär verbannt und degradiert.
Es schien, als glaube das Militär nur an Logik und nicht an Aberglauben.
Als sie einige Stunden später das Lager verließen, starb der andere Überlebende neben Lucian im kalten Schneesturm, als sie davongingen. Ursache war das langsam wirkende und tödliche Gift, das ihm durch den Biss des Orks während ihres kurzen Ringkampfes injiziert worden war.
Nun war Lucian der Einzige, der übrig geblieben war, um diese unglaubliche Geschichte eines Tages seinen ungeborenen Kindern zu erzählen, während er am Bett seines Sohnes Peter saß, in Erinnerungen schwelgte und sich traurig fühlte.
„Papa, ist das alles wirklich passiert?“, fragte Peter mit einem hellen und neugierigen Gesicht.
„Natürlich, mein Junge. Weißt du, im Königreich Temah wurden viele solcher Ereignisse aufgezeichnet, doch niemand glaubt daran. Nicht, weil es keinen Grund dafür gäbe, sondern weil sie es selbst noch nicht erlebt haben. Aber weißt du was, Peter…“
„Was denn, Papa?“, antwortete Peter, während er seinen Vater ansah, dessen Blick auf die leuchtende Lampe gerichtet war.
„Deine verstorbene Mutter und ich hatten das Glück, diesen Kreaturen zu begegnen, und noch größeres Glück, ihnen unversehrt zu entkommen… obwohl deine Mutter es letztendlich nicht tat“, sagte König Lucian.
„Was bedeutet das, Papa? Ich habe mich immer gefragt, was mit meiner Mutter passiert ist und warum du es immer vor mir geheim gehalten hast. Komm schon, Papa, ich möchte es wissen. Ich bin doch kein Baby mehr“, erwiderte Peter voller Neugier.
Doch sein Vater antwortete mit ernster Miene. Er küsste seinen Sohn auf die Wange und sagte, bevor er wegging:
„Schlaf jetzt, mein Junge. Morgen hast du bei Sonnenaufgang Fechtunterricht.“
Dann blies er die Flamme der Lampe aus.
Der wahre Grund, warum er die Geschichte über die Begegnung seiner Frau mit dem Monster nicht erzählen konnte, war seine Angst. Er fürchtete, zu emotional zu werden und vor seinem Sohn zusammenzubrechen. Das wollte er nicht. Er wollte in den Augen seines Sohnes immer mutig und stark erscheinen – als der allmächtige König von Temah, der im ganzen Land als der Schlächterkönig bekannt war.
König Lucian war mit einer wunderschönen jungen Frau namens Flora verheiratet, einer schlanken und charismatischen Frau, die vom gesamten Königreich geliebt wurde. Sogar Diebe und andere Verbrecher in Temah sprachen voller Bewunderung über ihre Gastfreundschaft und Freundlichkeit. Sie war eine Pazifistin, während ihr Ehemann aufgrund seiner Erziehung ein brutaler Mann war, der keinerlei Gnade zeigte.
Doch leider starb Flora zwei Jahre nachdem sie Peter zur Welt gebracht hatte. Sie wurde von einem Monster getötet – einer Zahnfee.
In Temah treten Monster in den unterschiedlichsten Formen und Größen auf, und im Fall von Flora war es eine Zahnfee, die sie tötete. Auch das hielten viele Menschen für einen Mythos, denn sie konnten nicht glauben, dass eine so gute Frau wie die Königin von einer Zahnfee getötet worden sein sollte – einem Wesen, das eigentlich Glück bringen sollte. Doch in diesen Königreichen stehen Gut und Böse nicht im gleichen Gleichgewicht.
Einige Tage nach Floras Tod erschien ein Wahrsager im Palast, um König Lucian den wahren Grund für den Tod seiner Frau mitzuteilen. Niemand im Schloss – weder die Ältesten noch die Alphas – glaubte dieser Nachricht, außer Lucian, der in seiner Jugend bereits genügend solcher Begegnungen erlebt hatte.