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MONDGEBUNDEN: DER LYKAN BEHAUPTET

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Katherine Vale kannte nichts als Verlust und Schmerz. Als junge Waise wuchs sie am Rande des Silverstone-Rudels auf, beschämt darüber, keinen Wolf zu haben – zumindest glaubten das alle. Doch die Mondgöttin schenkte ihr einen Gefährten, nur um ihn ihr im selben Moment wieder zu nehmen, als ihr Gefährte, Alpha Caden, sie vor dem gesamten Rudel zurückwies und ihr sagte, sie sei ihrer nicht würdig. Verzweifelt gönnte sich Katherine eine wilde Nacht der Freiheit – eine Nacht, die alles verändern sollte. Ein Fremder, ein Maskenball, eine Leidenschaft, die zu stark war, um sie jemals zu vergessen, und sie erwachte allein, drei Leben in sich tragend.

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Kapitel Eins(1)
Das Grab war der einzige Ort im Silverstone-Rudel, wo Katherine Vale ungestört war. Sie kniete in der feuchten Erde, die Finger um einen Strauß Wildblumen gekrallt, den sie vor Tagesanbruch am Waldrand gepflückt hatte – bevor irgendjemand wach war und sie sehen und einen Grund zum Hohn finden konnte. Die Grabsteine ​​waren schlicht: zwei graue Granitplatten, in die Namen eingraviert waren, die der Rest des Rudels vergessen hatte. Margaret und Daniel Vale. Geliebte. Verstorben. Katherine wurde heute einundzwanzig. Sie erzählte es niemandem. Sie erzählte es niemandem, weil es niemanden gab, dem es etwas ausmachen würde. Sie legte die Blumen mit stiller Ehrfurcht nieder, die Augen geschlossen, als betete sie. „Alles Gute zum Geburtstag für mich.“ Der Nebel stieg vom Boden auf, als atmete er. Sie presste die Hand flach auf den Namen ihrer Mutter und ließ sie dort liegen. Sie spürte, wie die Kälte des Granits durch ihr Handgelenk, ihren Arm, bis hinauf zu ihrem Brustbein kroch, wo ihre Trauer wohnte und immer wohnen würde. Sie war vier, als sie starben. Alt genug, um sich an den Geruch von Mutterhaaren zu erinnern, der wie Regen auf warmem Stein roch, und an das Lachen ihres Vaters, das aus tiefstem Herzen kam und den ganzen Raum erfüllte. Nicht alt genug, um zu verstehen, was sie dachten, als sie in ein brennendes Haus rannten, um einen Fremden zu retten, und nie wieder herauskamen. „Ein Wolf ohne Wölfe“, sagte das Rudel über sie. Wolflos. Ohne Gefährtin. Eine Schande für das Andenken ihrer Eltern. Sie stand da, unfähig zu weinen. Weinen hatte sie sich auf einmal im Monat aufgehoben, und dieses Monatskontingent hatte sie bereits an einem Dienstag aufgebraucht, als Beta Holt den Eimer umgestoßen hatte, den sie gerade eine Stunde lang mit Wischwasser gefüllt hatte, und ihr befohlen hatte, von vorn anzufangen. Die Sonne stieg höher am Himmel, dünn und blass durch die Bäume. Sie musste bis sieben Uhr die Böden schrubben. Und wenn sie zu spät kam, würde das Konsequenzen haben. Katherine richtete ihren Rücken auf, etwas, das ihr so ​​tief eingeprägt war, dass es fast zur zweiten Natur geworden war, und wandte sich von den Gräbern ab. Sie hatte zehn Schritte getan, als es ihr dämmerte. Es war nicht direkt Schmerz. Es war eher, als würde sich die Welt um sie herum auftun, ein warmes, rauschendes Gefühl, das in ihrer Brust begann und sich bis in ihre Nervenenden ausbreitete. Sie holte tief Luft und klammerte sich an den nächsten Baum. Die Rinde schnitt in ihre Handflächen, und ihre Knie gaben fast nach. Der Nebel um sie herum schien zu flimmern und zu tanzen, die Farben des Waldes intensivierten sich augenblicklich, als hätte jemand die Farbsättigung der Realität selbst aufgedreht. Und dann spürte sie es. Ein Faden, golden und erfüllt von einer Energie so alt wie die Zeit selbst, spannte sich straff von der Mitte ihres Brustkorbs in eine Richtung, die sie nicht genau bestimmen konnte, eine Richtung, die irgendwie Norden und Süden und alle Himmelsrichtungen dazwischen umfasste. Die Seelenverbindung. Katherine legte eine Hand auf ihre Brust und starrte blindlings ins Leere, während sie tief Luft holte. Nach einundzwanzig Jahren hatte die Mondgöttin sie endlich bemerkt. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie entschied sich gegen beides. Sie beschloss, einen Fuß vor den anderen zu setzen, die Richtung der Verbindung zu spüren – hin zum Hauptgelände des Rudels, hin zum Territorium des Alphas – und ganz vorsichtig, ganz leise den Weg zurückzugehen, den sie gekommen war. Sie würde ihren Gefährten heute finden. Alles würde sich bald ändern. Sie war noch nicht weise genug, um zu verstehen, dass Veränderung und Erlösung nicht dasselbe waren. Auf dem Hauptgelände des Silverstone-Rudels herrschte bereits reges Treiben – die Mitglieder gingen ihren täglichen Routinen nach, Krieger waren auf dem Weg zum Trainingsplatz, Omegas trugen Vorräte, Kinder liefen von einem Bein zum anderen, während die Erwachsenen vorbeigingen, ohne die Streiche der Kleinen zu bemerken. Niemand von ihnen sah Katherine an. Oder besser gesagt, sie sahen sie an und wandten den Blick dann ab. Es war eine Geste, a die sie sich so gewöhnt hatte, dass sie das kleine Zusammenzucken, das sie in ihr auslöste, vergessen hatte. Sie folgte ihm wie von einem Magneten angezogen, drängte sich durch die Menge. Der goldene Faden zog sie mit einer unnachgiebigen Kraft, die ihr Herz unregelmäßig schlagen ließ. Die Verbindung wurde stärker, fast summend, und etwas in Katherines Blut summte als Antwort darauf – etwas, das sie noch nie zuvor erlebt hatte, ein Teil von ihr, der geschlummert und darauf gewartet hatte, erweckt zu werden. Sie bog um die Ecke zum Trainingsgelände. Und blieb wie angewurzelt stehen. Alpha Caden Ashford stand mitten auf dem Trainingsgelände, die Brust trotz der kühlen Morgenluft unbedeckt. Er fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes, schwarzes Haar, während er mit seinem Beta sprach. Er war auf eine Art schön, wie manche Männer schön sind, sein Kinn wie aus einem Architekturbüro gemeißelt, seine Schultern wie geschaffen für das Leben, für das er geboren war. Die Hälfte der unverpaarten Frauen im Rudel war seit mindestens fünf Jahren in ihn verliebt. Die Verbindung spannte sich an. Katherine empfand es wie einen Schlag in die Brust. Und dann sah Caden Ashford sie an. Einen Augenblick lang, nur einen Augenblick, sah sie etwas in seinen Augen aufblitzen. Erkenntnis. Dieselbe Kraft, die ihr gerade das Gefühl gab, ihr gesamtes Nervensystem sei neu verdrahtet worden. Dann verzog er die Lippe. „Das ist doch nicht dein Ernst“, sagte er, und seine Stimme hallte durch die morgendliche Stille. Das Training kam abrupt zum Erliegen, überall um sie herum. Köpfe drehten sich um. Katherine blieb stehen, als könnte die Stille sie irgendwie schützen. „Die Mondgöttin“, sagte Caden nun lauter, „hat einen furchtbaren Sinn für Humor.“ Jemand lachte, dann lachten mehrere. Katherine sah Caden Ashford auf sich zukommen und wusste mit einer Klarheit, die sich anfühlte, als würde ihr eiskaltes Wasser direkt in die Adern gespritzt, was kommen würde. Trotzdem hob sie das Kinn, denn wenn es so kommen sollte, würde sie verdammt noch mal nicht zulassen, dass er auch nur mit der Wimper zuckte. Caden blieb etwa einen halben Meter vor ihr stehen, und sie spürte, wie die Verbindung mit verzweifeltem, drängendem Verlangen an ihr zog. Ihr Körper verriet ihm ihre Reaktion vollständig, während ihr Verstand eiskalt und hart wurde. „Katherine Vale“, sagte er mit verächtlicher Stimme, seine Augen funkelten amüsiert, seine Lippen verzogen sich zu einem grausamen, falschen Lächeln. „Das wolfslose Waisenkind.“ Er schnaubte, sein Gesichtsausdruck ungerührt, seine Augen funkelten vor boshafter Freude. „Ich, Caden Ashford, Alpha des Silverstone-Rudels, weise dich als meine Gefährtin zurück. Du bist meines Wolfes, meines Rudels und meiner Zeit unwürdig. Die Mondgöttin hat einen Fehler gemacht.“ Das Band, dieser liebliche, singende Goldfaden, zerbrach wie ein Zweig im Hurrikan. Das Geräusch drang nur in Katherine, und es war das lauteste, das sie je gehört hatte. Sie atmete tief ein und wieder aus. Drei volle Sekunden lang sah sie ihm in die Augen, bevor sie sich umdrehte und ging. Denn wäre sie länger geblieben, hätte sie ihm etwas gezeigt, das er niemals hätte sehen sollen. Hinter ihr begann jemand zu applaudieren, dann stimmten andere ein, sodass es höhnisch und verächtlich klang. Dieses Geräusch begleitete Katherine bis zurück in den leeren Flur vor den Dienerquartieren. Dort setzte sie sich mit dem Rücken an die Wand, die Arme fest um die Knie geschlungen, auf den Boden und ertrug den Schmerz, bis er erträglich wurde. Heute Abend, beschloss sie. Heute Abend würde sie das Rudel für ein paar Stunden verlassen. Sie würde in die Stadt gehen. Für eine Nacht würde sie niemand sein: nicht die wolfslose Katherine Vale, nicht die verschmähte Gefährtin, nicht die Handlangerin, die die Fehler anderer Leute ausbügelte. Nur eine Frau mit Maske auf einem Ball. Nur sie selbst. Was auch immer das war.

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