4.

1544 Words
Kapitel 4: Das Ungesagte Die Tage nach der Weihnachtsfeier verschwimmen in einem Nebel aus Unsicherheit und zu vielen Gedanken, die in meinem Kopf umherwirbeln. Es ist, als wäre ich plötzlich hyperbewusst für alles um mich herum – jeden Blick, jedes Wort, jede Geste. Die Winters-Brüder sind überall, und ich kann ihnen nicht entkommen. Aber seltsamerweise will ich das auch gar nicht. Es ist merkwürdig. Ich habe noch keine Entscheidung getroffen, was ich fühle oder was sie mir bedeuten, und doch sind sie da, allgegenwärtig, auf eine Weise, die mein Herz stolpern und meine Gedanken rasen lässt. Meine Gefühle sind wie eine Achterbahn, und ich weiß nicht, ob ich aussteigen oder weiterfahren will. Der Montagmorgen kommt mit dem üblichen Gefühl von Unbehagen. Ich schleppe mich aus dem Bett und ziehe mich hastig an. Es bleibt keine Zeit, zu viel über das Chaos in meinem Kopf nachzudenken – ich bin ohnehin schon spät dran für die Schule. Die kühle Winterluft sticht in mein Gesicht, als ich nach draußen trete, und die Last des Tages drückt auf mich. Die ganze Woche wird wahrscheinlich genauso wie die vorherige: mehr Verwirrung, mehr Warten, mehr Ungewissheit. Auf dem Schulhof herrscht das übliche Gedränge. Ich bahne mir meinen Weg durch den Hof und versuche, die Gerüchte und das Getuschel der anderen Schüler zu ignorieren, die mir nachsehen. Sicherlich kursieren schon die ersten Geschichten über die drei Jungs, die mich auf der Party geküsst haben. Und obwohl es mich nicht stören sollte, tut es das doch – nicht wegen der Aufmerksamkeit, sondern weil ich selbst noch nicht weiß, was das alles bedeutet. „Clara!“ Ich bleibe stehen, als ich Rachels Stimme höre. Sie kommt auf mich zugestürmt, ihre Arme wild gestikulierend vor lauter Aufregung. „Du wirst nicht glauben, was passiert ist!“ ruft sie aus. Ich seufze und lächle über ihre Begeisterung. „Was?“ „Ich habe heute Morgen ein Gespräch belauscht“, fährt sie fort, fast platzend vor Spannung. „Weißt du, was ich gehört habe? Stone, Raphael und Nathaniel? Sie versuchen herauszufinden, für wen du dich entscheiden wirst. Kannst du das glauben? Sie schmieden einen Plan, Clara!“ Ich kann nicht anders, als zu lachen, obwohl sich ein Knoten in meinem Magen zusammenzieht. „Einen Plan?“ „Ja! Sie haben alle darüber gesprochen. Sie sind fest entschlossen, dein Herz zu gewinnen. Aber pass auf – keiner von ihnen will nachgeben. Es ist wie ein richtiger Wettstreit.“ Sie grinst. „Ich hab dir doch gesagt, dass sie es ernst meinen. Du hast dir ein richtiges Liebesdreieck eingefangen – oder sollte ich sagen, ein Liebesviereck?“ Eine Hitzewelle steigt mir ins Gesicht, und ich schüttele ungläubig den Kopf. „Rachel, das ist verrückt. Ich weiß doch selbst noch nicht einmal, was ich will. Wie können sie da schon Pläne schmieden?“ Sie zuckt mit den Schultern, völlig unbeeindruckt von meinen Protesten. „Keine Ahnung, Clara. Aber offensichtlich stehen sie alle total auf dich. Und ehrlich gesagt, wenn ich du wäre, würde ich das genießen. Du hast hier die ganze Macht.“ Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken. „Ich weiß nicht, ob sich das nach Macht anfühlt, Rachel. Es fühlt sich eher wie eine Menge Druck an.“ Rachel lächelt wissend. „Ich versteh das. Aber glaub mir, das ist genau die Art von Problem, die man haben will. Willst du nicht wissen, wie es sich anfühlt, wenn alle um dich kämpfen? Ich glaube, das willst du.“ Bevor ich antworten kann, läutet die Schulglocke, die den Beginn des Unterrichts ankündigt. Rachel zwinkert mir zu und geht Richtung Eingang, während ich mit meinen Gedanken allein zurückbleibe. Als ich mich auf den Weg zu meinem ersten Unterricht mache, versuche ich, das Gespräch mit Rachel aus meinem Kopf zu verdrängen. Aber es bleibt hängen, eine Erinnerung an das Chaos, das mein Leben in den letzten Tagen geworden ist. Stone, Raphael und Nathaniel – jeder von ihnen hat auf seine Weise eine Macht über mich, und ich weiß nicht, wie lange ich mich dem noch entziehen kann. Ich lasse mich gerade noch rechtzeitig auf meinen Platz fallen, als der Lehrer die Stunde beginnt, und versuche, mich auf den Unterricht zu konzentrieren. Aber es ist unmöglich. Meine Gedanken schweifen immer wieder zu ihnen. Zu Stones schelmischem Lächeln. Zu Raphaels ruhiger Präsenz, die mich sicher fühlen lässt. Zu Nathaniels spielerischem Grinsen, das mir immer das Gefühl gibt, ihn wirklich zu verstehen. Als der Schultag weitergeht, bin ich in Gedanken versunken, bis mich das Klingeln der Glocke wieder zurückholt. Die Flure sind voller Schüler, aber Rachel sehe ich nirgends. Stattdessen entdecke ich Stone, der lässig an einem Schließfach lehnt, die Arme verschränkt, und mich mit einem Blick ansieht, der mein Herz kurz aussetzen lässt. Ich bleibe stehen, unsicher, was ich tun soll. Ich will weglaufen, so tun, als wäre nichts. Aber dann erinnere ich mich an den Kuss – an die Hitze dieses Moments. Mein Magen flattert bei der Erinnerung. „Hey, Clara“, ruft Stone, seine Stimme tief und neckend. „Hätte nicht gedacht, dich hier im Flur zu erwischen. Ich dachte, du würdest mich nach der Party meiden.“ Ich verdrehe die Augen, kann das Lächeln aber nicht unterdrücken. „Warum sollte ich dich meiden?“ Er grinst und tritt näher. „Ich weiß nicht. Vielleicht, weil ich dich geküsst habe.“ Mein Herz rast bei der Erinnerung. „Ich habe dich nicht gemieden“, sage ich und versuche, gleichgültig zu klingen, doch meine Stimme zittert leicht. „Ich hatte einfach viel im Kopf.“ Er hebt eine Augenbraue, als hätte er die Spannung in meinen Worten bemerkt. „Du weißt, dass du mit mir über alles reden kannst, oder?“ Ich wende meinen Blick ab und suche nach den richtigen Worten. Die Wahrheit ist, ich weiß nicht, was ich sagen soll. „Es ist einfach… diese ganze Situation. Ich weiß nicht einmal, was ich fühlen soll. Oder was ich will.“ Stones Ausdruck wird weicher, seine Augen dunkler vor Ernsthaftigkeit. „Du musst nicht alles sofort herausfinden, Clara. Ich verlange das nicht von dir. Aber schließ uns nicht aus. Keinen von uns.“ Ein Schuldgefühl breitet sich in meiner Brust aus. „Ich versuche niemanden auszuschließen“, sage ich leise und sehe ihm in die Augen. „Ich will nur niemanden verletzen.“ Er tritt einen Schritt näher, seine Stimme sinkt zu einem Flüstern. „Das wirst du nicht. Nicht, wenn du ehrlich bist. Zu dir selbst. Und zu uns.“ Bevor ich etwas sagen kann, unterbricht uns eine Stimme von hinten. „Clara“, ruft Raphaels tiefe Stimme, und ich erstarre. Ich drehe mich um und sehe ihn ein paar Schritte entfernt stehen, mit diesem ruhigen, intensiven Blick, den ich mittlerweile kenne. Es liegt eine leichte Spannung in der Luft, und ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er, sein Blick wechselt zwischen Stone und mir. Stone sieht zu Raphael, dann zurück zu mir, sein Lächeln verschwindet nicht. „Ja, alles gut“, sagt er mit leichter Stimme. „Wir haben uns nur unterhalten.“ Raphael scheint nicht überzeugt, drängt aber nicht weiter. Stattdessen tritt er näher, seine Präsenz ruhig, aber eindringlich. „Clara, kann ich kurz mit dir sprechen?“ Ich sehe zu Stone, der mir ein kaum merkliches Nicken gibt, das signalisiert, dass es okay ist. Ich drehe mich zu Raphael um und nicke. „Ja, klar.“ Wir gehen zusammen den Flur entlang, das Schweigen zwischen uns fühlt sich schwer an. Ich bin unsicher, was ich sagen soll, unsicher, wie ich mit der Spannung umgehen soll, die sich zwischen uns aufbaut. „Clara“, beginnt Raphael, seine Stimme sanfter als sonst. „Ich will nicht, dass du dich unter Druck gesetzt fühlst. Aber ich muss, dass du weißt, dass es mir ernst ist. Mit dir.“ Ich bleibe abrupt stehen, mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. „Ich weiß nicht, was das alles bedeutet, Raphael“, gebe ich zu, meine Stimme zittert. „Ich weiß nicht, was ich fühlen soll.“ Er bleibt ebenfalls stehen, dreht sich zu mir um. In seinen Augen liegt eine Verletzlichkeit, die ich nicht erwartet habe. „Ich verlange nicht, dass du alle Antworten hast. Ich möchte nur, dass du weißt, dass ich dich wirklich mag. Ich werde nicht verschwinden.“ Ich sehe ihn an, lasse seine Worte auf mich wirken. Und zum ersten Mal lasse ich mich auf den Gedanken ein, dass das hier echt sein könnte. Dass es hier vielleicht etwas gibt, das es wert ist, erkundet zu werden. Aber ich kann keine Versprechen machen. Noch nicht. „Ich weiß nicht, ob ich dir jetzt geben kann, was du willst“, sage ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Aber ich werde es versuchen. Ich werde versuchen, es herauszufinden.“ Raphael lächelt, ein kleines, aber echtes Lächeln, und tritt näher. „Das ist alles, worum ich bitten kann.“ Bevor ich etwas sagen kann, durchbricht Nathaniels Stimme die Luft. „Clara, ich habe dich gesucht.“ Ich drehe mich um und sehe ihn auf uns zukommen, sein gewohntes Grinsen im Gesicht, aber da ist etwas anderes in seinen Augen. Etwas Ernsthaftes. „Ich glaube, wir müssen auch reden.“
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