1: Unausgesprochenes Versprechen
MoonFang-Rudel
Elara Moonstone
Ich stand am Fenster und sah zu, wie die Sonne langsam am Horizont versank und das Land in ein warmes Licht tauchte. Ich konnte nicht anders, als dem rhythmischen Geräusch der geschäftigen Aktivitäten des Rudels zu lauschen. Alle waren mit ihrem Alltag beschäftigt, Geschäfte schlossen, Kinder spielten und gelegentlich bellten diejenigen, die sich in ihre Wolfsgestalt verwandelt hatten.
Es lag eine Ruhe in der Luft, eine Energie, die alles, was sie berührte, zu beflügeln schien. Aber nichts davon spielte eine Rolle. Mein Herz war schwer, und obwohl überall Ruhe herrschte, konnte ich nicht anders, als in meinem Zimmer auf und ab zu gehen, in der Hoffnung, bald Neuigkeiten über Rowan zu erfahren.
Gerade als ich mich ganz meinen Gedanken hingeben wollte, quietschte die Tür zu meinen Gemächern, als sie geöffnet wurde, und ich blickte von meinem Platz am Fenster auf. Maera, eine der Dienerinnen, die mich seit meiner Kindheit begleitete, stand in der Tür und ihre Augen waren vor Aufregung weit aufgerissen.
Ich hob die Augenbrauen, da ich ihr Klopfen wohl überhört hatte und sie deshalb den Raum betreten hatte, bevor sie dazu aufgefordert worden war.
„Luna“, sagte sie atemlos, ihre Stimme voller Freude und Dringlichkeit. „Er ist zurück. Der Alpha ist von seiner Mission zurückgekehrt.“
Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Rowan. Mein Ehemann, zwar noch nicht dem Namen nach, aber in jeder anderen Hinsicht. Der Mann, mit dem ich aufgewachsen war. Der Mann, den ich liebte, solange ich mich erinnern konnte. Der Mann, der mir immer wieder versprochen hatte, dass wir auf jeden Fall zusammenbleiben würden, der mein Herz vor Angst, nicht zu wissen, was mit ihm geschehen war, zum Stillstand gebracht hatte, war zurück.
Ich hielt nicht einmal inne, um nachzudenken. Das Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, bevor ich es verhindern konnte. Die Schwere, die sich seit seiner Abreise in meiner Brust festgesetzt hatte, schien sich zu lichten und wurde durch eine Flut von Wärme ersetzt.
„Rowan...“, flüsterte ich leise.
Ich wartete nicht darauf, dass Maera noch etwas sagte. Ich eilte an ihr vorbei, meine Füße berührten kaum den Boden, als ich durch die Hallen lief. Ich hatte mir tagelang solche Sorgen gemacht, und sobald ich ihn sah, blieb ich stehen. Er stand aufrecht und stark da, sein dunkles Haar fiel in unordentlichen Wellen über seine Stirn.
Meine Schritte stockten, als ich mich der Eingangstreppe näherte.
Ich bemerkte seine starken Hände, die auf den Schultern einer anderen Frau ruhten. Sie klammerte sich an ihn wie eine zweite Haut, ihre Finger waren mit seinen verschränkt, ihre Augen waren nur auf ihn gerichtet, ein Blick der Bewunderung ... Nein. Nicht Bewunderung. Es war Zuneigung. Es war Liebe.
Mein Herz erstarrte, und das Lächeln, das mein Gesicht erhellt hatte, verschwand augenblicklich.
„Rowan?“, rief ich mit zitternder Stimme. Er sah zu mir auf, seine strahlenden Augen trafen meine. Sein Lächeln war warm, ich sah die Frau an und dann wieder ihn. Warum hielt ihn eine andere Frau so fest?
„Elara“, begrüßte er mich, sein Tonfall war formeller als ich ihn je gehört hatte.
Ich konnte meinen Blick nicht von der Frau neben ihm abwenden. Sie war eine sehr schöne Frau mit einer anmutigen Haltung, die sie wie die Verkörperung der Perfektion erscheinen ließ. Sie war alles, was ich nicht war.
„Wer ist sie?“, fragte ich mit zitternder Stimme. Mein Magen verkrampfte sich, und mit jeder Sekunde überkam mich eine Übelkeit.
Rowan warf ihr einen Blick zu, räusperte sich und machte einen Schritt auf mich zu. „Das ist Lyra“, sagte er. „Meine Gefährtin.“
Ich hatte das Gefühl, als hätte sich der Boden unter mir plötzlich aufgetan und ich würde in die Dunkelheit stürzen. Seine Gefährtin? Er hatte seine Gefährtin gefunden?
Mir wurde schwindelig und ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Ich machte einen Schritt zurück und versuchte verzweifelt, die Worte zu verarbeiten, die gerade aus seinem Mund gekommen waren.
„Du ... hast deine Gefährtin gefunden?“, flüsterte ich mit brüchiger Stimme, die Worte kamen mir kaum über die Lippen.
Rowan nickte langsam, ohne mir in die Augen zu sehen. „Ich habe das nicht geplant, Elara. Es war während der Mission ... Ich wusste es nicht. Aber sie ist meine Gefährtin. Das kann ich nicht ignorieren.“
Mir stockte der Atem. Das konnte nicht wahr sein. Das durfte nicht wahr sein. „Aber ... Rowan“, begann ich mit erhobener Stimme, in der sich Verzweiflung bemerkbar machte. „Du hast es mir versprochen. Du hast mir versprochen, dass wir zusammenbleiben würden, auch wenn wir nicht miteinander verbunden sind. Du hast mir versprochen, dass du keine andere finden würdest. Du hast mir geschworen, dass wir gemeinsam das Rudel anführen würden.“
Rowans Blick wurde weicher, aber die Schuld, die ich erwartet hatte, war nicht da. Stattdessen schien ihm die Konfrontation unangenehm zu sein. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, warf einen Blick auf Lyra und sah mich dann wieder an.
„Ich weiß, Elara. Ich erinnere mich an das Versprechen, das ich dir gegeben habe. Aber ich kann nicht ignorieren, was diese Verbindung bedeutet. Ich kann meiner Gefährtin nicht den Rücken kehren. Es war dumm von mir, diese Dinge zu sagen ... Du kannst nicht verstehen, was das bedeutet, weil du noch nie eine solche Verbindung erlebt hast.“
Ich spürte einen stechenden Schmerz in meiner Brust, seine Worte drangen tief in mich ein. Wie konnte er so etwas sagen? Die Tatsache, dass ich niemals einen Gefährten finden würde – war ich verflucht?
Tränen brannten in meinen Augen, aber ich kämpfte sie zurück. Ich würde nicht weinen. Nicht vor ihnen. Nicht vor jemandem, der mich lächerlich macht!
Ich zwang mich, mit fester Stimme zu sprechen, obwohl es mir schwerfiel. „Und jetzt? Das war's? Du wirst mich einfach verlassen? Alles hinter dir lassen, was wir aufgebaut haben?“
Rowan kam einen Schritt näher, streckte seine Hand aus, aber ich wich zurück und schüttelte den Kopf. Ich wollte seinen Trost in diesem Moment nicht.
„Nein, Elara“, sagte er leise,
„ich verlasse dich nicht. Aber Lyra ... sie bleibt. Das musst du akzeptieren.“
„Akzeptieren?“, flüsterte ich, kaum in der Lage zu atmen. „Wie kannst du von mir verlangen, das zu akzeptieren, Rowan? Wie kannst du von mir verlangen, sie zu akzeptieren? Du ... du warst mein bester Freund. Du warst der einzige Mensch, dem ich mehr vertraut habe als allen anderen. Wir hatten ein gemeinsames Leben. Wir hatten eine Zukunft.“
„Ich habe mir das nicht ausgesucht. Aber ich kann diese Verbindung nicht ignorieren, Elara. Und sie ... sie braucht mich. Ich muss bei ihr sein. Das bin ich ihr schuldig, genauso wie ich dir etwas schuldig bin.“
Ohne ein weiteres Wort drehte ich mich um und ging zurück in mein Zimmer. Die Tür schlug hinter mir zu und schloss sich, als würde sie mich vor der Verzweiflung schützen, die mich auffraß.
Ich sank auf den Boden und die Tränen kamen. Zuerst leise, nur ein Rinnsal, aber bald kamen sie in Wellen und benetzten mein Gesicht, meine Brust, meine Seele.
Ich schlang meine Arme um meine Beine und rollte mich zu einem Ball zusammen. Die Erinnerungen an alles, was wir durchgemacht hatten, überfluteten mich. All die Opfer, die ich gebracht hatte, all die Male, die ich mein Vertrauen in ihn, in uns gesetzt hatte. Die Momente, die wir geteilt hatten, die Versprechen, die wir uns zugeflüstert hatten, ihm dieses Rudel zu überlassen, damit wir für immer zusammenbleiben konnten.
Ich konnte nicht anders, als immer wieder an die Worte zu denken, die er zu mir gesagt hatte. „Es ist mir egal, wer meine Partnerin ist, Elara, ich weiß nur, dass ich mit dir zusammen sein will, und selbst wenn ich sie jetzt finden würde, würde ich sie ablehnen, nur um für den Rest meines Lebens mit dir zusammen zu sein.“
Was für ein erbärmlicher Lügner er doch war!