Kapitel Vier

1266 Words
Der erste Schrei durchschnitt die Nacht wie eine Klinge. Scharf. Roh. Er zerriss die Stille des Rudelgebiets, noch bevor überhaupt das Alarmhorn ertönen konnte. Diana war bereits unterwegs. Sie wartete nicht auf Befehle. Das tat sie nie. Ihre Stiefel hämmerten über die Steinstufen der nördlichen Mauer, während die kalte Nachtluft schneidend in ihre Lungen drang. Ihre Wahrnehmung schärfte sich augenblicklich. Jedes Geräusch wurde lauter. Jeder Geruch schrie nach Gefahr. Der Wind trug den Geruch von Blut. Verwesung. Wut. Rudelose. Nicht einer oder zwei. Dutzende. Sie strömten aus der Baumgrenze hervor wie Schatten, die Fleisch angenommen hatten. Ihre Körper waren mager und ausgezehrt, ihre Augen glühten vor wilder Raserei. Ihre Bewegungen waren unberechenbar und ungeschult, aber brutal. Das waren keine verlorenen Werwölfe, die Zuflucht suchten. Das waren Mörder. Diana kam an der Mauer abrupt zum Stehen und überblickte mit einem einzigen Blick das Schlachtfeld. Die Krieger hasteten auf ihre Positionen. Einige befestigten noch ihre Rüstung, andere umklammerten ihre Waffen mit Händen, die gerade stark genug zitterten, um ihre Angst zu verraten. „Was sind die Befehle?“, rief ein Krieger durch das zunehmende Chaos. „Wo ist der Alpha?“ Diana zögerte nicht. „Was wurde angeordnet?“, verlangte sie zu wissen. Gleichzeitig berechnete sie bereits Entfernungen, Gegnerzahlen und Schwachstellen. „Wo ist Alpha Asher?“ Obwohl hier jeder die Wahrheit kannte, war Diana die stärkste Kriegerin unter ihnen. Trotzdem beförderte Asher sie nie. Er ernannte sie nie zur Delta. Er gab ihr nie einen Rang, der ihren Fähigkeiten entsprach. Sie blieb eine gewöhnliche Kriegerin. Diana beschwerte sich nie. Der Rang spielte keine Rolle. Das Rudel zu beschützen, spielte eine Rolle. Ihre Eltern zu beschützen, spielte eine Rolle. „Wir bilden die erste Verteidigungslinie“, antwortete der Krieger außer Atem. „Die Deltas sind die zweite. Alpha, Beta und Gamma bilden die letzte Verteidigungslinie. Die Luna hat alle in den Bunker gebracht.“ Die Worte trafen Diana wie ein Schlag. „Alle?“, fragte sie scharf. „Auch meine Mutter und meinen Vater?“ Eine vertraute Präsenz drängte sich sanft in ihr Bewusstsein. Sie sind sicher, sagte Artemis bestimmt und beruhigend. Sie sind im Bunker. Diana stieß scharf den Atem aus und zwang sich zur Ruhe. Gut. Ohne zu zögern kappte sie alle unnötigen Gedankenverbindungen. Sie schottete sich gegen Panik und Angst ab. Nur die Stimmen der Rudelführung und ihrer Wölfin ließ sie noch zu. Volle Konzentration. Aber Artemis, sagte Diana in Gedanken, während ihr Blick auf den heranstürmenden Rudellosen lag, wir müssen dich weiterhin verbergen, oder? Ja, antwortete Artemis. Aber ich helfe dir, soweit ich kann. Und wenn es darauf ankommt ... gibt es nichts Wichtigeres als Mama, Papa und das Rudel. Dianas Kiefer spannte sich an. Sie kommen, warnte Artemis. Die ersten Rudellosen erreichten die Lichtung. Knurrend stürmten sie nach vorn. „HALTET DIE LINIE!“, brüllte Diana. Ihre Stimme donnerte durch die Nacht. Die Krieger gingen augenblicklich in Formation. Niemand stellte ihre Autorität infrage. Nicht mehr. Unter den Kriegern galt inzwischen eine einfache Regel: Wenn Diana sprach, hörte man auf sie. Stahl klirrte, als Klingen gezogen wurden. Krallen fuhren aus. Die Nacht versank im Chaos. Der erste Rudellose sprang auf die Mauer zu. Diana stellte sich ihm frontal entgegen. Sie verwandelte sich nicht. Vor anderen tat sie das nie. Doch Artemis drängte unter ihrer Haut nach vorn und verlieh ihr Geschwindigkeit, Präzision und Kraft. Diana duckte sich unter den zuschnappenden Kiefern hinweg, rammte dem Rudellosen den Ellbogen gegen die Kehle und drehte ruckartig zu. Knorpel brach. Der Körper sackte lautlos zusammen. Weitere kamen. Diana bewegte sich wie lebendig gewordenes Mondlicht. Kalt. Unerbittlich. Unaufhaltsam. Ihre Klinge blitzte silberblau auf und schnitt mit brutaler Effizienz durch Fleisch und Knochen. Keine Bewegung war überflüssig. Sie zögerte nie. Jeder Schlag hatte ein klares Ziel. Eine Gruppe brach in Richtung des Osttors durch. Diana bemerkte es sofort. „Osttor! Zurückziehen!“, rief sie. „Zu mir!“ Ohne zu zögern sprang sie von der Mauer. Sie landete hart, rollte sich einmal ab und war sofort wieder auf den Beinen. Der Boden bebte unter ihr, während sie sich durch die Angreifer kämpfte. Jeder Atemzug blieb kontrolliert. Jeder Schlag war tödlich. Die Krallen eines Rudellosen rissen über ihre Schulter. Gleißender Schmerz schoss durch ihren Körper. Diana knurrte. Nicht aus Angst. Aus Wut. Genug, knurrte Artemis. Für einen Herzschlag wurde das Mondlicht heller. Nur ein wenig. Nicht genug, damit die anderen es bemerkten. Nicht genug, um ihr Geheimnis zu enthüllen. Aber genug. Kraft durchströmte Dianas Glieder. Mit einer brutalen Drehung entwaffnete sie einen Rudellosen. Dem nächsten zertrümmerte sie mit einem Tritt das Knie. Das Geräusch klang wie brechendes Holz. Einen dritten schleuderte sie mit einem einzigen vernichtenden Schlag rückwärts zwischen die Bäume. Das Rudel sammelte sich um sie. Wie immer. Die Krieger kämpften härter, wenn Diana in ihrer Nähe war. Die jüngeren Werwölfe übernahmen instinktiv ihre Bewegungen und vertrauten ihrem Urteil ohne jede Frage. So sieht eine wahre Beschützerin aus, murmelte Artemis. Der Kampf tobte weiter, bis die Morgendämmerung den Himmel erreichte und ihn in dunkles Violett und Gold tauchte. Die Leichen der Rudellosen lagen über den Waldboden verstreut. Die Überlebenden flohen und heulten ihre Wut in die Ferne hinaus. Dann kehrte Stille ein. Nur schweres Atmen war noch zu hören. Diana stand an der vordersten Verteidigungslinie. Ihre Klinge hing gesenkt an ihrer Seite, während sich ihre Brust gleichmäßig hob und senkte. Blut – ihr eigenes und das ihrer Gegner – färbte ihre Rüstung dunkel. Ihre Schulter brannte. Doch Diana wankte nicht. Dann – Diana! Die Stimmen ihrer Eltern streiften ihr Bewusstsein. Und verschwanden. Die Verbindung riss ab. Diana stockte der Atem. Mama?, rief sie verzweifelt. Papa? Keine Antwort. Panik brach mit voller Gewalt über sie herein. Mama! Papa! Diana versuchte es erneut und drängte mit aller Kraft gegen die Verbindung. Doch sie war fort. Leer. Still. Diana drehte sich um und rannte. Sie jagte durch den Wald in Richtung des Rudelhauses. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ihre Lungen brannten. Die Angst übertönte alles andere. Bitte. Bitte lass mich falschliegen. Sie brach durch die Baumgrenze auf die Lichtung. Und blieb stehen. Alpha. Beta. Gamma. Sie standen um mehrere Körper herum. Als sie Diana sahen, lag Mitleid in ihren Augen. „Nein“, flüsterte Diana. Ich kann sie riechen, sagte Artemis. Ihre Stimme brach in einem schmerzerfüllten Heulen. „Nein!“, schrie Diana. „Wie können sie hier sein? Sie waren im Bunker! WIE KÖNNEN SIE HIER SEIN?“ Niemand antwortete. Diana sank neben ihren Eltern auf die Knie. Sie zog den Körper ihrer Mutter in die Arme und presste die Stirn gegen ihre Brust. Ein Laut brach aus ihrer Kehle. Roh. Gebrochen. Tierisch. „Mama! Papa!“ Ihr Heulen hallte über das gesamte Rudelgebiet. Darin lag ein Schmerz, so tief, dass die Werwölfe mitten in der Bewegung erstarrten. „Wie konnte das passieren?“, schluchzte Diana und blickte zu den drei Anführern auf. „Sie sollten sicher sein. Im Bunker. WIE?“ Keiner von ihnen hatte eine Antwort. Hinter Diana trafen weitere Krieger ein. Sie verstummten vor Schock. Dianas Eltern waren tot. Von einem Rudellosen abgeschlachtet, dem es irgendwie gelungen war, jede einzelne Verteidigungslinie zu überwinden. Wie? Wie konnte ein Rudelloser an den Kriegern vorbeikommen ... an den Deltas ... am Alpha, Beta und Gamma? Wie konnte so etwas geschehen, wenn doch alle bei der Luna in Sicherheit sein sollten? Niemand sprach. Die bittere Ironie traf sie alle. Diana – die stärkste Beschützerin des Rudels – stand an der Front und kämpfte mit allem, was sie hatte. Und trotzdem ... hatte sie alles verloren.
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