Im Büro des Alphas fühlte sich die Luft schwerer an als sonst. Sie war erfüllt von alter Macht, dem Geruch polierten Holzes und jener unausgesprochenen Hierarchie, die jeder Werwolf verstand, sobald er die Schwelle überschritt.
Eigentlich hätte Talon als Alphakönig Ashers Platz einnehmen können.
Der massive Schreibtisch in der Mitte des Raumes war ein Symbol für Herrschaft, Autorität und Macht. Er war für den Alpha bestimmt, der über das Rudel herrschte. Jeder andere Alpha hätte diesen Platz ohne Zögern für sich beansprucht und allein durch seine Position seine Dominanz demonstriert.
Doch Talon war nie ein solcher Alphakönig gewesen.
Stattdessen blieb er zunächst am Fenster stehen. Die Hände hatte er hinter dem Rücken verschränkt, während sein Blick auf der fernen Baumgrenze hinter der Scheibe ruhte. Schwaches Mondlicht fiel herein und zeichnete silberne Konturen auf seine breiten Schultern.
Als er sich schließlich umdrehte, nahm er auf einem der Stühle vor dem Schreibtisch Platz.
Nicht weil man ihm diesen angeboten hatte.
Sondern weil er keine Symbole brauchte, damit man ihm gehorchte.
Solange der Alpha, mit dem er zu tun hatte, ihm den nötigen Respekt entgegenbrachte, spielte der Sitzplatz keine Rolle.
Talons Aura allein füllte den gesamten Raum.
Seine Macht breitete sich in langsamen, kontrollierten Wellen aus.
Uralte Macht.
Diszipliniert.
Tödlich.
Sie drang in die Wände und den Boden und erreichte sogar die Werwölfe, die draußen vor dem Büro Wache hielten.
Jedes Rudelmitglied in Reichweite erkannte die Wahrheit, ohne dass jemand sie aussprechen musste.
Der mächtigste Alpha in diesem Raum war nicht der Mann hinter dem Schreibtisch.
Es war Talon.
Asher blieb hinter seinem Schreibtisch stehen. Seine Haltung war steif, die Schultern angespannt.
Als Alpha stellte er sich bereits vielen Bedrohungen. Doch vor dem Alphakönig zu stehen, weckte stets etwas Ursprüngliches in ihm.
Eine Erinnerung daran, welchen Platz er in der Rangordnung der Werwölfe wirklich einnahm.
Talons scharfer Blick richtete sich schließlich auf ihn.
„Also“, sagte Talon ruhig. Seine Stimme war tief, aber gebieterisch. „Erzähl mir, was bei dem Angriff der Rudellosen passiert ist.“
Asher holte einmal Luft und sammelte sich.
„Mitten in der Nacht wurden wir an unserer nördlichen Grenze angegriffen. Die Wachen schlugen schnell Alarm. Unsere Krieger fingen die Rudellosen ab, bevor sie tiefer in unser Gebiet eindringen konnten. Wenn ihnen das nicht gelungen wäre ...“
Er hielt kurz inne.
„... hätten wir deutlich mehr Tote gehabt.“
„Wie viele?“, fragte Talon.
„Wir haben zwei Rudelmitglieder verloren“, antwortete Asher leise.
Die Temperatur im Raum schien zu sinken.
Talons Augen verengten sich kaum merklich.
Doch selbst das genügte, um erfahrene Krieger nervös werden zu lassen.
Rudelmitglieder?, erklang Enzos Stimme über ihre Gedankenverbindung. Sein Ton war voller Unglauben. Wie konnte das passieren? Das Rudelprotokoll ist eindeutig. Sobald Alarm geschlagen oder eine rudelweite Gedankenverbindung hergestellt wird, müssen alle Nichtkrieger sofort in den Bunker.
Talon antwortete zunächst nicht.
Sein Schweigen war bewusst.
Er lehnte sich leicht zurück. Seine Finger ruhten locker auf der Armlehne, während sein Blick Asher keinen Moment verließ.
„Wo wurden diese beiden Rudelmitglieder angegriffen?“, fragte Talon. „Und warum waren sie nicht im Bunker?“
Asher zögerte.
Nicht lange genug, um offensichtlich zu wirken.
Aber lange genug, dass Talon es bemerkte.
„Sie lebten in der Nähe unserer südlichen Grenze“, sagte Asher. „Luna Hazel stellte sofort eine rudelweite Gedankenverbindung her, nachdem der Angriff bestätigt worden war. Alle Rudelmitglieder erhielten den Befehl, sich unverzüglich in den Bunker zu begeben.“
„Und sie taten es nicht“, stellte Talon kühl fest.
„Nein“, antwortete Asher. „Wir wissen nicht, warum. Später wurden sie im Wald gefunden. Wir gehen davon aus, dass sie vor dem Angriff noch draußen unterwegs waren ... oder dass sie die Dringlichkeit der Nachricht nicht rechtzeitig verstanden.“
Talons Blick wurde schärfer.
„Sie waren Gefährten“, fügte Asher hinzu. „Fest miteinander verbunden.“
Stille folgte.
Keine angenehme Stille.
Sie zog sich in die Länge und war schwer von Gedanken und unausgesprochenem Urteil.
Talon sagte nichts.
Sein Gesichtsausdruck blieb neutral und undurchdringlich, doch in seinem Kopf setzte er bereits jedes Detail präzise zusammen.
Nur zwei Tote.
Beide Rudelmitglieder.
Beide ignorierten eine direkte rudelweite Gedankenverbindung.
Beide wurden im Wald gefunden statt in Sicherheit.
Zu sauber.
Zu bequem.
Jedes Rudelmitglied kannte die Regeln.
Ausnahmslos jedes.
Wenn während eines Angriffs ein Befehl vom Alpha oder von der Luna kam, war er nicht freiwillig.
Schon der Instinkt zwang einen Werwolf beinahe dazu, zu gehorchen.
Ungehorsam war in einer solchen Situation nahezu undenkbar.
Und Gefährten?
Gefährten trennten sich nicht einfach voneinander.
Sie liefen auch nicht blindlings in Gefahr, wenn sie den Befehl erhalten hatten, Schutz zu suchen.
„Jedes Rudelmitglied weiß, dass es den Anweisungen seiner Anführer folgen muss“, sagte Talon schließlich und richtete sich auf. „Vor allem bei einer unmittelbaren Bedrohung.“
Sein Blick traf Ashers.
Scharf.
Unnachgiebig.
„Das werde ich nicht einfach übergehen.“
Die Worte klangen ruhig.
Doch darunter lag eine deutliche Warnung.
Talon kannte nun den offiziellen Bericht.
Überzeugt war er davon nicht.
„Ich verstehe, Alphakönig“, sagte Asher vorsichtig und wählte jedes Wort mit Bedacht. „Aber wir haben eine vollständige Untersuchung durchgeführt. Das mussten wir.“
Talons Blick blieb unverändert auf ihm ruhen.
„Ihre Tochter verlangte Antworten“, fuhr Asher fort. „Und wenigstens das schuldete man ihr. Wir befragten die Wachen, überprüften die Patrouillenprotokolle und rekonstruierten den Ablauf des Angriffs. Jedes einzelne Rudelmitglied bestätigte dasselbe: Luna Hazels rudelweite Gedankenverbindung war klar und deutlich zu hören. Der Befehl war unmissverständlich. Alle sollten sofort in den Bunker.“
Asher atmete langsam aus.
„Und das taten sie auch.“
„Alle?“, fragte Talon.
„Ja“, sagte Asher. „Jedes Rudelmitglied wurde erfasst. Bis auf die beiden, die starben.“
Die folgende Stille lastete schwer im Raum.
„Wir suchten nach jedem Hinweis auf Zwang“, fuhr Asher fort. „Nach Spuren eines Kampfes. Nach dem Geruch von Rudellosen. Nach ungewöhnlicher Energie. Nach irgendetwas, das erklären konnte, warum sie sich im Wald aufhielten, statt Schutz zu suchen.“
Sein Kiefer spannte sich an.
„Aber da war nichts. Keine verdächtigen Spuren. Keine Hinweise auf äußeren Einfluss. Der einzige Schluss, zu dem wir kommen konnten, war, dass sie selbst entschieden hatten, den Befehl zu missachten.“
Talons Augen verdunkelten sich.
Nicht vor Wut.
Aus Berechnung.
„Ihre Tochter wollte Antworten?“, fragte er leise. „Erklär das genauer.“
Asher nickte einmal.
„Diana. Sie war Kriegerin. Als sie erfuhr, dass ihre Eltern unter den Toten waren, verlangte sie zu wissen, warum sie nicht im Bunker gewesen waren.“
„War?“, wiederholte Talon.
Sein Ton wurde kaum merklich schärfer.
„Ja“, sagte Asher. „Kurz danach trat sie als Kriegerin zurück.“
Jetzt hatte er Talons volle Aufmerksamkeit.
Ein Rücktritt war selten.
Vor allem bei Kriegern, die durch Disziplin, Loyalität und Pflichtbewusstsein geprägt waren.
Noch seltener war er bei jemandem, der bei einem Angriff seine Familie verloren hatte.
Die meisten suchten nach Rache.
Nach einer Aufgabe.
Nach einem neuen Sinn.
Sie zogen sich nicht zurück.
Enzos Stimme erklang leise, aber wachsam in Talons Kopf.
Wusste die Tochter etwas, das der Alpha nicht weiß? Oder ist sie einfach nur misstrauisch und sucht nach einer Erklärung, obwohl es vielleicht keine gibt?
Talon antwortete nicht sofort.
Sein Blick wanderte kurz zum Fenster.
Zum Wald, in dem die Leichen gefunden worden waren.
Das Mondlicht strich über seine markanten Gesichtszüge und unterstrich die regungslose Ruhe eines Raubtiers, das tief in Gedanken versunken war.
Schließlich antwortete er Enzo über die Gedankenverbindung.
Das können wir nicht wissen. Und in einem Punkt hat Asher recht. Die Toten können wir nicht mehr befragen.
Er bewegte sich leicht in seinem Stuhl.
Seine Macht breitete sich erneut aus.
Nicht aggressiv.
Nur mit stiller Autorität.
Wenn jedes Rudelmitglied die Gedankenverbindung gehört hat und alle anderen dem Befehl folgten, fuhr Talon fort, lässt die Logik nur einen Schluss zu.
Seine Augen richteten sich wieder auf Asher.
„Der einzige Grund, warum sie im Wald waren“, sagte Talon laut, „ist, dass sie einen direkten Befehl ihrer Luna missachtet haben.“
Die Worte wogen schwer.
Während eines Angriffs einen Befehl zu missachten, war nicht nur leichtsinnig.
Es war nahezu undenkbar.
Und trotzdem ...
blieben Talons Instinkte unruhig.
Zu vieles passte zu perfekt zusammen.
Zu viele Erklärungen endeten mit Wir wissen es nicht.
Zu viele Antworten stützten sich darauf, dass die Toten nicht mehr widersprechen konnten.
Talon erhob noch keinen Vorwurf.
Noch nicht.
Doch tief in seinem Inneren merkte sich der Alphakönig den Namen Diana und die Umstände des Todes ihrer Eltern.
Das war etwas, an das er sich erinnern musste.
Denn Talon wusste aus Erfahrung, dass die Wahrheit sich nur selten auf einmal offenbarte.
Und wenn etwas zu einfach erschien ...
war es das niemals.
„Alpha“, sagte Enzo schließlich vorsichtig.
Seine Stimme blieb ruhig, während sein scharfer Blick durch den Raum wanderte und dann wieder auf Talon ruhte.
„Ich denke, wir können die Angelegenheit mit dem Angriff von vor einigen Monaten fürs Erste ruhen lassen. Wir sind nicht hier, um alte Wunden wieder aufzureißen.“
Er hielt kurz inne und ließ die Stille gerade lange genug wirken.
„Wir sind hier, um dir zu helfen, deine Gefährtin zu finden.“
Das Wort Gefährtin traf Talon wie ein Donnerschlag.
Sein Atem stockte.
Nur kaum wahrnehmbar.
Doch in seinem Inneren explodierte alles.
Fenrir erwachte mit wilder Intensität.
Seine Präsenz prallte wie eine Flutwelle gegen Talons Bewusstsein.
Gefährtin.
Der Instinkt war augenblicklich da.
Gewaltsam.
Alles verzehrend.
Ja, knurrte Fenrir und richtete seine gewaltige Präsenz vollständig auf. Rudelose sind unwichtig. Alte Angriffe sind unwichtig. Nichts davon zählt.
Talons Gesicht blieb sorgfältig neutral, obwohl sein Puls in seinen Ohren donnerte.
Unsere Gefährtin zählt, fuhr Fenrir fort.
Rastlos bewegte er sich durch Talons Bewusstsein, während seine Sinne nach außen griffen.
Sie war nicht im Rudelhaus. Sobald wir hineingingen, wurde ihr Geruch schwächer. Ich kann sie nicht mehr riechen.
Seine Unruhe schlug in Ärger um.
Dann in Abscheu.
Ich rieche nur diese selbstgefällige Luna, knurrte Fenrir. Parfümierte Lügen. Gier, die sich hinter Anmut versteckt. Ihr Geruch ist falsch. Unter der Süße ist er sauer.
Talons Kiefer spannte sich an.
Wir müssen gehen, drängte Fenrir. Jetzt. Raus aus diesem Rudelhaus. Wir müssen suchen. Sie finden. Sie beschützen.
Wir können nicht einfach wie Raubtiere durch das Gebiet eines fremden Rudels streifen, antwortete Talon sofort. Seine Stimme blieb in ihrem gemeinsamen Bewusstsein bestimmt. Das hier ist nicht unser Land.
Fenrir bäumte sich auf.
Wir sind der Alphakönig.
Und trotzdem sind wir an Gesetze gebunden, entgegnete Talon. Die Hierarchie existiert aus einem Grund. Selbst Könige müssen Grenzen respektieren. Wenn wir dieses Rudel destabilisieren—
Das ist mir egal, fuhr Fenrir ihn an. Mir geht es um unsere Gefährtin. Sie hat noch keinen Gefährten. Sie ist schutzlos. Jede Sekunde, die wir verschwenden, bringt sie in Gefahr.
Talon atmete langsam aus und zwang Geduld in seine Gedanken.
Und genau deshalb müssen wir vorsichtig sein, erwiderte er. Wer Macht unbedacht einsetzt, verursacht Chaos. Und Chaos schafft Feinde.
Fenrirs tiefes Knurren vibrierte durch Talons Knochen.
Dann bringen wir sie von hier weg, drängte er weiter. Wir nehmen sie mit in unser Gebiet. Wir müssen nur so lange suchen, bis wir sie finden. Dann nehmen wir sie als Gefährtin an. Dann beschützen wir sie.
Talon schloss für einen flüchtigen Herzschlag die Augen.
Wir werden sie finden, sagte er ruhig, aber gebieterisch. Nur nicht auf diese Weise.
Fenrir wurde still.
Er hörte zu.
Der Ball wird Werwölfe aus allen Teilen dieses Gebiets zusammenbringen, fuhr Talon fort. Unverpaarte Werwölfe. Ich bin sicher, dass sie unter ihnen sein wird. Sie gehört zu diesem Rudel. Wir haben sie vorhin gerochen, wenn auch nur schwach. Wahrscheinlich hält sie sich einfach nicht oft in der Nähe des Rudelhauses auf.
Eine lange, angespannte Pause folgte.
Fenrirs Frustration brodelte weiter.
Doch langsam und widerwillig beruhigte er sich.
Hab Geduld, fügte Talon hinzu. Nur noch ein wenig.
Die Stille zwischen ihnen spannte sich an.
Voller zurückgehaltener Instinkte.
Voller Erwartung.
Talon hob den Blick und konzentrierte sich wieder vollständig auf den Raum.
Zuerst sah er Enzo an.
Dieser beobachtete ihn aufmerksam und kannte Talon gut genug, um den Sturm hinter dessen ruhigem Blick zu spüren.
Dann wandte Talon seine Aufmerksamkeit Asher zu.
Dieser stand aufrecht und beherrscht da, doch seine Schultern waren angespannt.
Als könnte er das Gewicht von Talons Autorität körperlich spüren.
„Also gut“, sagte Talon laut.
Seine Stimme war ruhig.
Königlich.
Unanfechtbar.
„Wir lassen alle anderen Angelegenheiten fürs Erste ruhen.“
Er richtete sich etwas auf.
„Kann uns jemand zu einem Zimmer bringen, das wir nutzen können?“, fragte Talon Asher. „Wir brauchen Privatsphäre. Außerdem müssen wir uns auf die Feier später vorbereiten.“
„Natürlich, Alpha“, antwortete Asher sofort.
Für einen kurzen Moment wurde sein Blick unscharf.
Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er über eine Gedankenverbindung jemanden aus dem Rudel rief.
Als sein Blick wieder klar wurde, blieb sein Ausdruck respektvoll und kontrolliert.
„Jemand wird euch gleich hinbringen“, fügte er hinzu.
Talon neigte einmal den Kopf.
In seinem Inneren regte sich Fenrir erneut.
Diesmal nicht voller Wut.
Sondern mit tiefer, rastloser Erwartung.
Sie ist ganz nah, murmelte Fenrir. Ich spüre, wie der Sog stärker wird.
Talon sagte nichts.
Doch seine Brust zog sich zusammen.
Der Ball war längst keine bloße Formalität mehr.
Und auch kein Vorwand.
Er war der Ort, an dem das Schicksal darauf wartete, sich endlich zu offenbaren.