Seine Regeln, ihr Widerstand-1a

1002 Words
Das sichere Haus riecht nach sauberer Luft, sonst nichts. Das fällt mir als Erstes auf, als er die Tür öffnet und zurücktritt, um mich hereinzulassen. Kein Parfümduft in den Vorhängen. Keine Essensreste auf der Theke. Keine Schuhe, die wie immer in Daniels Wohnung quer vor der Tür standen, immer ein bisschen im Weg, immer eine Stolperfalle. Nur saubere Luft und ein Hauch von Holz und Kälte, und eine Stille, so vollkommen, dass sie fast greifbar ist. Ich bleibe im Türrahmen stehen und betrachte ihn. Er ist karg, so wie Räume wirken, wenn man sich genau überlegt hat, was man weglässt. Ein graues Sofa. Eine Küchentheke, auf der nur ein Wasserkocher und zwei Tassen stehen, die mit den Henkeln in dieselbe Richtung zeigen. Ein Tisch, unter dem zwei Stühle dicht aneinandergeschoben sind. Verdunkelungsvorhänge, dunkel, zugezogen. Eine einzelne Lampe in der Ecke, die ein sanftes, warmes Licht auf den Boden wirft. Keine Fotos. Keine Unordnung. Kein Anzeichen dafür, dass hier tatsächlich jemand wohnt. „Sie können Ihre Tasche dort hinstellen.“ Er nickt zu einem niedrigen Regal neben der Tür. Ich rühre mich nicht. „Wem gehört das hier?“ „Mir.“ „Wohnen Sie hier?“ „Ich bewahre die Wohnung auf.“ Er legt seine Schlüssel mit einem leisen, sauberen Geräusch auf die Theke. „Für solche Fälle.“ Ich sehe ihn an. „Sie haben eine Wohnung für solche Fälle?“ „Ja.“ Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, also höre ich auf, daran zu ziehen. Ich trete ein, stelle meine Tasche ins Regal und blicke mich in dem Raum um, der so bewusst und sorgfältig leer von jeglicher Persönlichkeit ist, dass er sich weniger wie ein Zuhause und mehr wie ein angehaltener Atemzug anfühlt. „Das Badezimmer ist da drüben.“ Er zeigt in die Richtung. „Das Schlafzimmer ist die Tür links. Frische Bettwäsche. Nehmen Sie es.“ „Wo werden Sie denn –“ „Alles gut.“ Ich betrachte die Couch. Sie ist nicht klein, aber er ist kein kleiner Mann. „Du musst nicht …“ „Mir geht’s gut“, sagt er noch einmal. Nicht unfreundlich. Einfach endlich. Das Thema ist erledigt, wie eine Aktenschublade – glatt und vollständig, ohne jede Lücke. Ich presse die Lippen zusammen. Er geht in die Küche, füllt den Wasserkocher und stellt ihn auf, ohne zu fragen, ob ich etwas möchte. Seine Bewegungen sind so sparsam, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe – keine überflüssige Bewegung, kein Zögern, alles geschieht auf direktem Weg von der Absicht zur Handlung. Es müsste sich roboterhaft anfühlen. Tut es aber nicht. Es wirkt wie jemand, der die Welt schon sehr lange sehr genau beobachtet. Der Wasserkocher beginnt zu zischen. „Ich muss dir erklären, wie das funktioniert“, sagt er, ohne sich umzudrehen. „Wie was funktioniert?“ „Das hier.“ Er deutet auf die Wohnung, ohne sie anzusehen. „Solange du hier bist.“ Mir schnürt es die Kehle zu. „Okay.“ Er dreht sich um, lehnt sich mit verschränkten Armen an die Küchentheke und sieht mich mit seinen ausdruckslosen, undurchschaubaren Augen an. „Du bleibst drinnen. Du gehst nicht raus, ohne mir vorher Bescheid zu sagen und ohne dass ich genau weiß, wohin du gehst und warum.“ Ich öffne den Mund. „Lass mich ausreden“, sagt er. Ich schließe ihn wieder. „Du kontaktierst niemanden. Nicht deine Freunde, nicht deine Familie, nicht deine Arbeit. Noch nicht. Nicht, bis ich weiß, wie er dich geortet hat.“ Er hält inne. „Du benutzt dein Handy für nichts, wofür man sich anmelden muss. E-Mails, soziale Medien, alles mit Passwort. Nichts.“ Die Enge in meiner Brust breitet sich aus. „Wie lange?“ „Bis es sicher ist.“ „Das ist keine Antwort.“ „Es ist die einzige, die ich im Moment habe.“ Er hält meinen Blick fest. Nicht herausfordernd. Nur ruhig. „Und du fragst nicht nach mir. Nach meiner Arbeit, meinem Leben, wer ich außerhalb dieser Wohnung bin. Das geht dich nichts an.“ Der Wasserkocher schaltet sich aus. Er dreht sich um und schenkt ein, und ich stehe mitten im Zimmer und spüre, wie mir ein heißes, unerwünschtes Gefühl im Hals hochkriecht. „Nein“, sage ich. Er hält mitten im Einschenken inne. „Nein?“ „Nein.“ Ich verschränke die Arme, genau wie er, spiegelbildlich, ohne dass er es bemerkt. „Ich stimme keinen Regeln zu, an deren Aufstellung ich nicht beteiligt war. Ich – ich habe gerade eine Situation verlassen, in der jemand alle Regeln aufgestellt und es Fürsorge genannt hat. Das mache ich nicht noch einmal.“ Er stellt den Wasserkocher langsam ab. Er dreht sich um und sieht mich an, und sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht. Nicht im Geringsten. Kein Anspannen der Kiefer. Kein Anzeichen von Irritation in den Augen. Nichts. Das ist es, was mich ein wenig aufwühlt. Denn Daniel hätte reagiert. Daniel wäre ganz still geworden, auf eine Art, die nicht ruhig war, sondern eine unterschwellige Spannung und Anspannung ausstrahlte, diese angespannte Stille, die mir ungefähr dreißig Sekunden Zeit ließ, meine Worte zurückzunehmen, bevor sich das Wetter änderte. Ich kannte diese Stille so gut wie meinen eigenen Namen. Ich hatte sie vier Jahre lang beobachtet. Damiens Stille ist anders. Sie ist keine Warnung. Sie ist einfach nur – still. Als hätte er mich gehört und würde nun über das Gesagte nachdenken, anstatt über eine Antwort. „Du hast recht“, sagt er. Ich blinzle. „Wie bitte?“ „Du hast recht, du hättest mitentscheiden sollen.“ Er nimmt eine der Tassen und hält sie mir hin. „Also, sag mir, über welche du streiten willst.“ Ich starre die Tasse einen Moment lang an und nehme sie dann, weil meine Hände kalt sind und ihre Wärme meine Handflächen hinaufsteigt und meine Augen aus Gründen, die ich nicht ergründen will, brennen lässt. Ich umschließe sie mit beiden Händen, blicke auf den Tee und atme tief durch.
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