Ich wache auf und greife nach meinem Handy.
Es ist Muskelgedächtnis – der automatische Griff am Morgen, die Hand gleitet über den Nachttisch, noch bevor ich die Augen öffne, die Finger suchen nach dem vertrauten Gewicht und dem Leuchten. Ich finde nichts. Meine Hand trifft auf sauberes Holz und bleibt dort stehen. Ich liege einen Moment still da, die Augen offen, und starre auf eine fremde Decke. Mir wird wieder bewusst, wo ich bin.
Das sichere Haus. East Side. Saubere Laken, die nach nichts riechen.
Damien Coles Wohnung.
Ich setze mich langsam auf. Meine Wange ist steif, wo sie über Nacht angeschwollen ist, mein Knie schmerzt vom Asphalt, und meine Handflächen sind von dünnen Schorfstellen überzogen, die ziehen, wenn ich die Finger bewege. Draußen vor den Verdunkelungsvorhängen ist ein schmaler grauer Lichtstreifen am unteren Rand zu sehen. Morgen also. Irgendwo zwischen früh und spät.
Ich setze mich auf die Bettkante und betrachte meinen Skizzenblock auf dem Nachttisch, wo ich ihn hingelegt habe, bevor ich endlich eingeschlafen bin. Der Einband ist vom Regen leicht verzogen. Einige Seiten im Inneren kleben an den Rändern zusammen. Ich nehme es in die Hand, drücke es vorsichtig, so wie man etwas drückt, um zu prüfen, ob es noch lebt.
Es behält seine Form. Alles in Ordnung.
Ich atme aus.
Ich stehe auf, öffne leise die Schlafzimmertür und blicke in den Wohnraum. Das Sofa ist leer. Auf der Armlehne liegt eine graue Decke, ordentlich und glatt gefaltet, die Ecken bündig. Darauf ein Kissen mit glattgestrichenem Bezug. Wie im Hotel. Als wäre er nie da gewesen.
Der Wasserkocher ist warm, als ich meine Hand daran vorbeiführe. Und wieder stehen zwei Tassen auf der Küchentheke, die Henkel in dieselbe Richtung zeigend.
Er war schon aufgestanden. Er hat die Wohnung bereits durchquert und sie genau so hinterlassen, wie er sie vorgefunden hat, und ist spurlos verschwunden.
Ich stehe in der Küche in den Kleidern von gestern und denke darüber nach, was ich eigentlich über diesen Mann weiß.
Sein Name ist Damien Cole. Er ist, glaube ich, vierunddreißig, obwohl ich es nicht genau weiß – ich schätze es anhand seines Gesichtsausdrucks, an dieser besonderen Müdigkeit um seine Augen, die man von Menschen kennt, die die Welt schon lange im Blick haben. Er leitet eine private Sicherheitsfirma. Acht Jahre lang war er beim Militär. Er schläft schlecht. Er überprüft Schlösser dreimal. Er richtet die Henkel von Tassen aus.
Das ist alles.
Ich mache mir Tee, setze mich an den Tisch und klappe meinen Laptop auf.
Seine Firma hat eine Website. Cole Security Solutions. Schlichtes Design, dunkler Hintergrund, wenig Text. *Private Sicherheitsberatung und Schutzdienste für Privatpersonen und Unternehmen.* Eine Telefonnummer. Eine E-Mail-Adresse. Keine Fotos von Mitarbeitern. Keine „Über uns“-Seite mit einem lächelnden Porträt und einem Absatz über seine Leidenschaft für die Sicherheit der Menschen. Nichts Persönliches. Nichts Herzliches. Nur die Fakten über die Tätigkeit der Firma, präsentiert wie eine Bedienungsanleitung.
Ich suche direkt nach seinem Namen. *Damien Cole Sicherheit.* Es gibt eine Handvoll Treffer – eine Erwähnung in einer Fachpublikation über private Auftragnehmer, ein kurzes Zitat in einem Nachrichtenartikel über einen Fall von Firmenentführung vor drei Jahren, bei dem der Manager sicher befreit wurde und Herr Cole weitere Kommentare ablehnte, ein Handelsregisterauszug der Stadt, der die Existenz und Adresse des Unternehmens bestätigt, und sonst nichts.
Keine sozialen Medien. Kein einziges Profil auf irgendeiner Plattform. Kein LinkedIn, kein Twitter, nichts. In einer Zeit, in der jeder im Internet Spuren hinterlässt wie verstreute Brotkrumen, hat Damien Cole nichts hinterlassen. Nicht direkt eine Abwesenheit – eher eine bewusste Auslöschung. Wie jemand, der schon früh begriffen hat, dass Informationen eine Schwachstelle sind und sich deshalb entschieden hat, keine zu haben.
Ich klappe den Laptop zu.
Ich schaue zur Wand gegenüber und denke über Mauern nach – wie man sie baut, wie lange es dauert, wie viel Wert man darauf legen muss, andere draußen zu halten, um so viel Arbeit hineinzustecken.
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Mein Skizzenbuch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch neben meinem Laptop. Ich wollte es nicht öffnen, aber meine Hände tun manchmal Dinge, ohne mich zu fragen, besonders morgens, wenn mein Kopf noch etwas müde ist. Ich betrachte eine Zeichnung, die ich vor drei Monaten angefertigt habe – vor Daniel, streng genommen nach Daniel, aber in den ersten, rohen Wochen, als ich noch zitterte.
Es ist die Zeichnung einer Tür.
Nur eine Tür. Geschlossen. Gewöhnlich. Aber ich habe es von innen gezeichnet – der Betrachter befindet sich im Inneren und schaut auf die Tür. Licht fällt durch den Spalt unten, der Griff ist direkt daneben, und die Tür ist nicht verschlossen.
Ich habe es gezeichnet und wusste dann nicht, was ich damit anfangen sollte. Also blätterte ich um, zeichnete etwas anderes und vergaß es bis jetzt.
Ich starre es lange an.
„Du warst so gut“, sagte meine Professorin immer, während sie sich im Atelier über meine Schulter beugte und ihre Lesebrille auf dem Kopf trug. „Du warst so gut und dann hast du einfach aufgehört. Warum hast du aufgehört?“
Damals wusste ich keine Antwort. Jetzt schon.
Ich habe aufgehört, weil Daniel es süß fand, dass ich Bilder für Kinder zeichnete. Er sagte es so, wie man sagt, etwas sei süß, wenn man eigentlich meint, es sei kleinlich. *Das ist süß, Schatz.* Als mein erstes Buch von einem Verlag angenommen wurde und ich mit einer Flasche billigem Champagner und vor Aufregung zitternden Händen nach Hause kam, sagte er: *Das ist toll* und fragte dann, was es zum Abendessen gäbe.
Ich lernte, leise über meine Arbeit zu sprechen. Dann lernte ich, gar nicht mehr darüber zu sprechen.
Dann lernte ich, meine eigenen Zeichnungen so zu sehen, wie er sie sah – klein, süß, nicht ganz ernst. Ich hörte auf, mich zu drängen, denn irgendwo zwischen seinen Augen und meinem Spiegel hatte ich vergessen, dass ich Raum einnehmen durfte.
Ich blättere um. Ich nehme einen Stift. Ich fange an zu zeichnen.
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Ich höre ihn nicht zurückkommen.