Die Nacht, in der alles zerbrach-1b

1060 Words
Er ist groß. Breit gebaut, ohne dass es aufgesetzt wirkt. Dunkle Jacke, kurz geschnittenes, dunkles Haar, ein Kiefer wie aus einem unnachgiebigen Material gemeißelt. Sein Gesichtsausdruck ist ruhig, aber nicht freundlich – die Ruhe eines Mannes, der jede Variante dieses Szenarios schon durchgespielt hat und genau weiß, wie jede endet. Sein Blick wandert kurz zu mir. Nur ein kurzer Blick. Als würde er mich mustern, ob ich verletzt bin. Dann wendet er sich wieder Daniel zu und verharrt dort. Daniel ist wie erstarrt. „Wer sind Sie?“ „Unwichtig.“ Der Mann tritt vor, und ich weiche instinktiv zurück und presse mich an die Wand des nächsten Gebäudes. Er kommt nicht auf mich zu. Er geht an mir vorbei, stellt sich genau zwischen mich und Daniel und bleibt stehen. Er ist vielleicht zehn Zentimeter und 15 Kilo größer als Daniel, aber es geht nicht um die Größe. Es geht um seine Haltung – als gehöre ihm der Boden unter den Füßen persönlich. „Sie hat Sie gebeten zu gehen“, sagt er. Daniels Kiefer verkrampft sich. „Das ist eine private Angelegenheit.“ „Es war eine öffentliche Straße. Jetzt ist es mein Problem.“ Der Mann verschränkt die Arme. „Gehen Sie einfach.“ „Ich weiß nicht, wer Sie sind –“ „Ich glaube, ich bin der Mann, der zwischen Ihnen und ihr steht.“ Er hält inne. „Gehen Sie.“ Es ist keine Drohung. Das ist das Seltsame. Es schwingt keine Aggression mit, keine Wut, nichts von der aufgestauten Wut, die ich sonst in solchen Konfrontationen sehe. Es ist nur eine Feststellung. Klar und unmissverständlich. Und irgendwie ist das so viel schlimmer als eine Drohung, denn eine Drohung bedeutet, dass jemand zurückrudern, es sich anders überlegen, etwas zu verlieren haben könnte. Dieser Mann klingt, als hätte er sich bereits entschieden. Daniel sieht mich über die Schulter des Mannes hinweg an. Sein Gesichtsausdruck ist etwas Kompliziertes – verletzt und kalt zugleich, eine Kombination, die ich nur zu gut kenne. „Wir reden morgen“, sagt er zu mir, als ob der Mann zwischen uns nicht existierte. Als ob ich zustimmen würde. Ich sage nichts. Daniels Blick hält meinen drei Sekunden lang fest. Dann dreht er sich um und geht die Birch Street zurück, die Hände in den Hosentaschen, gemächlich, als hätte er das so entschieden. Als wäre das Weggehen seine Idee gewesen. Ich sehe ihm nach, bis der Regen ihn mitreißt. Meine Hände umklammern meinen Skizzenblock so fest, dass die Kanten in meine Handflächen schneiden. „Er kommt wieder.“ Ich schaue auf. Der Mann hat sich umgedreht. Er sieht mich nicht mitleidig an, was mir als Erstes auffällt. Er sieht mich einfach nur an, ruhig und gelassen, als wäre ich eine Information, die er verarbeitet. „Wie bitte?“ Meine Stimme klingt leiser, als ich möchte. „Männer wie er gehen nicht einfach weg. Sie sammeln sich neu.“ Er sagt es so, wie man sagen würde: *Es wird regnen* – pragmatisch, ohne Drama. „Ist er dein Ex?“ „Ja.“ „Wie lange geht das schon so?“ Ich blinzle. Ich brauche einen Moment, um die Frage zu begreifen, denn niemand hat mich das je gefragt. Nicht *Geht es dir gut?*, nicht *Was ist passiert?* – *Wie lange geht das schon so?*, als ob er schon wüsste, dass es verschiedene Phasen gab. „Schon eine Weile“, sage ich. Er nickt einmal, als würde das etwas bestätigen. „Hast du irgendwohin zu gehen?“ Die Frage liegt wie ein Damoklesschwert über uns. Ich denke an meine Wohnung – die, deren Adresse Daniel jetzt kennt, weil er schon da war, weil er einen Schlüssel hat, obwohl ich das Schloss zweimal ausgetauscht habe und er trotzdem immer wieder reingekommen ist. Ich denke an Priyas Wohnung am anderen Ende der Stadt und daran, dass ich sie um elf Uhr abends unmöglich da mit reinziehen kann, und dass Daniel auch weiß, wo sie wohnt. Ich denke an meine Mutter, die drei Bundesstaaten entfernt wohnt und von all dem nichts ahnt, weil ich vier Jahre lang alles so aussehen lassen habe, als wäre alles in Ordnung. Ich denke daran, dass ich nirgendwohin gehen kann, wo er es nicht schon längst weiß. „Ich …“, beginne ich. Halte inne. „Ich kriege es hin.“ „Das tust du nicht.“ Es sollte mich wütend machen, dass jemand, den ich noch nie getroffen habe, mir das mit solcher Gewissheit sagt. Ein kleiner Teil von mir sträubt sich – der Teil, der immer noch darauf besteht, dass ich alles im Griff habe, dass ich damit klarkomme, dass es mir gut geht. Aber ein größerer, erschöpfterer Teil von mir betrachtet diesen Mann, der mit seinem ruhigen Gesicht und seinem bestimmten Blick im Regen steht, und spürt etwas Seltsames und Unerwünschtes. Erleichterung. „Ich habe eine Unterkunft“, sagt er. „Sicher. Sauber. Niemand kennt sie.“ Er greift in seine Jacke und hält etwas hoch. Eine Visitenkarte. Schlichtes Weiß, schwarze Schrift. *Damien Cole. Privater Sicherheitsdienst.* Eine Telefonnummer. Das ist alles. „Sie können kommen oder laufen. Ihre Entscheidung.“ Ich starre die Karte an. „Ich kenne Sie nicht.“ „Nein.“ „Genau deshalb sollte ich nicht mit Ihnen in ein Auto steigen.“ „Ja.“ Er hält die Karte ruhig. Regentropfen perlen darauf. Er zieht sie nicht zurück. Ich schaue auf die Straße, wo Daniel verschwunden ist. Ich betrachte meine aufgeschürften Hände, meine ruinierten Schuhe und den Skizzenblock, den ich wie ein Kind in den Armen halte. Ich sehe den schwarzen SUV mit laufendem Motor, aus dem warmes Licht dringt. Ich sehe Damien Cole an. Sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht. Er versucht nicht, mich zu überzeugen. Er lächelt nicht, sein Blick wird nicht weicher, er tut nichts von dem, was man tut, um Vertrauen zu gewinnen. Er steht einfach nur im Regen, die Karte ausgestreckt, und wartet auf meine Entscheidung. Und vielleicht greife ich deshalb danach. Er wirkt nicht zufrieden. Er wirkt überhaupt nicht. Er geht einfach zurück zur Fahrerseite, öffnet die Beifahrertür von außen, hält sie fest und wartet. Ich gehe zum Auto. Mein Knie schmerzt bei jedem Schritt, meine Wange schwillt an, der Regen prasselt unaufhörlich, und ich fühle mich wie eine Papiertüte auf nassem Asphalt – durch und durch weich, kaum noch formstabil. Ich steige ein.
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