Prolog
„Ist es das?“, brummte der große Mann mit den schwarzen Haaren und den grünen Augen, als er den kleinen Raum betrat.
„Ja“, antwortete der jüngere Mann mit dunklem Haar und haselnussbraunen Augen und schloss die Tür hinter seinem Gast.
„Sieht gut aus.“ Der Besucher drehte sich um und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.
„Ja?“, antwortete der jüngere Mann abwesend, wie eine Maschine, die eine vorprogrammierte Antwort gibt.
„Komm schon, Tyler, du musst das Leben ein bisschen mehr genießen!“, erwiderte der etwas ältere Mann beiläufig.
„Ja…“, hauchte Tyler, eine automatische Antwort, den Blick auf seinen Besucher gerichtet, die Gedanken woanders.
Der fröhliche Gast hielt inne.
Dann seufzte er.
Er trat auf seinen jungen Freund zu.
„Es ist nur vorübergehend“, erklärte er vertraulich, „du brauchst einen Ort abseits der Welt, bis wir deine Unterlagen für den neuen Job fertig haben. Abgelegener als die Sticks geht es kaum.“
„Ja…“
Der Mann packte Tyler an der Schulter.
Der jüngere Mann presste die Lippen zusammen, sein Blick wanderte zu seinem Paten.
„Ich halte es nicht aus, Lincoln“, sagte Tyler leise. „Sie alle leben ihr Leben. Alle. Und ich –“
„Du, Tyler, bereitest dich auf den Kampf vor. Wenn du das jetzt vermasselst, werden sie dich verschlingen. Nichts, was du versteckt hast, wird dich retten“, drängte Lincoln und verstärkte seinen Griff am Ende jedes Satzes.
Tyler schüttelte Lincolns schwere Hand ab und ging tiefer in den schummrigen Raum hinein.
Lincoln beobachtete ihn geduldig. Er musterte den jüngeren Mann auf dieselbe Weise, wie er zuvor den Raum begutachtet hatte.
Er hat sich verändert.
Völlig.
Lincoln musterte den großen Mann vor sich und nahm seine breiteren Schultern und seinen schlankeren Körperbau wahr.
Schlanker, aber nicht schwächer. Ganz und gar nicht. Damals waren seine Haare länger gewesen und hatten einen Großteil seines Gesichts verdeckt. Der Junge hatte sich wie die meisten niederen Diener gehalten … gekrümmt, als wolle er sich verstecken …
Lincoln schwelgte in Erinnerungen, während er den Mann mit den klaren Augen, dem markanten Gesicht, dem geraden Rücken und der kraftvollen Ausstrahlung beobachtete.
Lincoln schüttelte innerlich den Kopf. Das Gefängnis ist für die meisten Menschen kein leichter Ort. Aber dieser Junge … Er blühte dort auf …
Lincoln Brazer, der Anführer der mächtigsten Mafia-Gruppe in der Stadt Salvena, unterbrach seine Gedanken und kniff seine grünen Augen zusammen, als er Tyler Esteil ansah.
Der ehemals zottelhaarige, zögerliche, zurückhaltende Laufbursche der Familie Kramer, der reichsten Familie des Landes, direkter Nachkomme des ersten Herrschers des Königreichs.
„Woher hast du die Klamotten?“, bemerkte Lincoln beiläufig und atmete leise aus.
Tyler wandte sich von dem schmutzigen Fenster ab, seine glatte Stirn gerunzelt. „Hast du sie nicht geschickt?“
Lincolns Kiefer spannte sich an. „Nein“, antwortete er knapp.
Tyler zuckte mit den Schultern und wandte sich wieder dem Fenster zu. „Jemand hat mir während meines gesamten Aufenthalts im Vault Pakete geschickt, ich nahm an, du wärst es“, bemerkte Tyler abgelenkt.
Der Vault. Das Hochsicherheitsgefängnis des Landes. Ein Ort für die schlimmsten Verbrecher. Ein Ort, an den Tyler Esteil geschickt worden war, höchstwahrscheinlich, um zu sterben; vergessen, allein.
Aber er hatte überlebt.
Und vorzeitig entlassen. Nicht zuletzt dank des anderen Mannes im Raum. Seines Paten. Seines Freundes, wenn er es wagte, bildlich zu sprechen.
Aber Tyler Esteil war kein Mann der Farben.
Seine Gedanken schweiften ab. Sie hatten nicht aufgehört zu wandern, seit er das Vault verlassen und in das Auto gestiegen war, das sein Pate organisiert hatte. Er war draußen, und es war an der Zeit, eine sehr alte, sehr schmerzhafte Rechnung einzutreiben.
Bastarde. Meine Mutter in Knechtschaft sterben zu lassen und mich in den Vault zu schicken, nur weil ich euren Erben geschlagen habe?!
Kleingeistige, gehässige Bastarde!
Tyler grübelte düster vor sich hin, während sich seine Hände zu Fäusten ballten.
Lincoln starrte ihn an, dann ging er zu dem Einzelbett in dem winzigen Zimmer. Er setzte sich. Es knarrte.
Tyler drehte bei dem Geräusch den Kopf zu ihm.
Die beiden Männer befanden sich in einem abgelegenen Motel in einer Hintergasse eines der schlimmsten Viertel von Salvena – den Sticks.
„Ich halte das nicht aus“, sagte Tyler erneut, noch leiser als beim ersten Mal.
Lincoln nickte. „Wo willst du anfangen?“
„Ich will alles niederbrennen“, knurrte Tyler. „Angefangen bei ihrem Haus, dann ihr Anwesen. Ich werde alles zerstören. Ich werde ihre gesamte Familie auslöschen. Sie haben mir alles genommen!“
Tylers Stimme wurde lauter. „Sie haben die ganze Welt, und doch haben sie mir meine genommen. Ohne mit der Wimper zu zucken!“
Lincoln hielt seinem feurigen Blick stand.
„Sie wollten mir nicht helfen, eine verdammte Hausangestellte, die vierzehn verdammte Jahre für sie gearbeitet hat, ins verdammte Krankenhaus zu schicken! Weil ich mir eine bessere Schule finanziert habe als die, für die sie bezahlt hatten?!“, knurrte Tyler ungläubig.
„Du weißt, dass es nicht daran liegt“, brummte Lincoln. „Du hast sie belogen“, fuhr er fort, unbeeindruckt vom feurigen Blick seines jungen Freundes. „Nein. Tatsächlich hast du sie BETROGEN. Das ist der Punkt“, stellte er nüchtern fest.
„Bastarde!“, brüllte Tyler, während er sich umdrehte und gegen den Heizkörper trat. Er zersprang.
Der junge Mann verstummte.
Er senkte den Kopf, die Brust hob und senkte sich, während er Lincoln den Rücken zukehrte – nicht ganz. Kein Insasse mit Selbstachtung würde jemals jemandem den Rücken zukehren – niemals.
Dann atmete er tief ein und schloss die Augen. Er kniete sich neben das zerbrochene Gerät und verlangsamte seinen Atem.
Lincoln rührte sich nicht.
Der jüngere Mann atmete aus und fuhr mit der Hand über die beschädigten Teile. Das Gerät reparierte sich von selbst.
„Ich habe eine Idee“, brummte Lincoln in die Stille hinein.
Tyler ging in die Hocke, um seine Arbeit zu überprüfen; er antwortete nicht.
„Lass uns dich hier rausholen. Selbst wenn du jetzt ins Haus der Kramers gehen würdest, würde niemand wissen, dass du es bist. Du musst dich nicht so sehr verstecken.“
Tyler stand auf, seine haselnussbraunen Augen auf den Gangster gerichtet, mit dem er sich vor fast sechs Jahren angefreundet hatte, die Stirn gerunzelt.
„Du bist gerade aus dem Gefängnis gekommen. Und du bist ja nicht gerade einer von uns einfachen Leuten. Ihr Diener habt ein bequemes Leben, umgeben von Luxus.“
Tyler wirbelte herum.
Lincoln stand auf. „Und du bist der Chef des Auktionshauses Miran.“
Tyler warf Lincoln einen Seitenblick zu.
Lincoln trat einen Schritt vor. „Das hier ist kein Ort für dich“, fuhr er beschwichtigend fort, als Tyler ihm gegenüberstand.
„Deine Wut ist verständlich, aber wenn du Erfolg haben willst, musst du sie zügeln. Du hast dein eigenes Geschäft nicht aufgebaut, indem du deine Gefühle offen zur Schau gestellt hast. Beruhige dich. Nutze deine Wut, lass dich nicht von ihr nutzen“, erklärte Lincoln entschlossen.
„Du wirst bald bei der Belarnt-Tochtergesellschaft anfangen, du musst dich daran gewöhnen, mit Zivilisten umzugehen. Keine Gossenratten mehr“, fuhr er leichthin fort und winkte mit einer schlanken Hand in Richtung Fenster.
„Das Gefängnis ist hart, aber du hast dich daran gewöhnt. Jetzt bist du draußen. Und du musst unter dem Radar bleiben, mindestens ein ganzes Jahr lang, da sie nichts von deiner Entlassung wissen.“
„Wieder anpassen. Halte dich bedeckt. Bereite dich vor. Dein Feind ist, wie du sagst, jemand, dem die Welt gehört. Mach keine Fehler. Du bekommst deine Unterlagen innerhalb der Woche. Ausweis, Codenummern, das ganze Programm. Aber jetzt besorgen wir dir erst mal eine bessere Unterkunft“, brummte Lincoln mit einem leichten Lächeln im Gesicht.
Tyler hob leicht das Kinn. „Wohin gehen wir?“
Lincoln grinste, seine grünen Augen blitzten.