Kapitel 1
In den frostigen Hallen des alten Packhauses von Silvercrest existierte Harley wie ein Schatten, den niemand wirklich wahrnahm. Sie war die uneheliche Tochter des Alphas, geboren ohne das heilige Mondsichelmal, das bei jedem wahren Mitglied des Rudels auf der linken Schulter erschien. Dieses silberne, gebogene Zeichen leuchtete bei der Geburt auf und verkündete die Gunst des Mondes, die Reinheit des Blutes, die Würdigkeit für höhere Rollen. Harley trug nichts davon. Ihre Haut blieb blass und leer. Ihre Augen hingegen hatten zu viel gesehen, zu viel Schmerz, zu viel Gleichgültigkeit.
Alpha Viktor, ihr Vater, hatte sie nie offiziell anerkannt. Stattdessen hatte er sie in die niedrigste Position gedrängt, die es im Rudel gab. Sie war die Dienerin in ihrem eigenen Elternhaus. Sie schrubbte die Steinböden bis sie glänzten, trug schwere Eimer mit heißem Wasser durch die langen Gänge, polierte das Silberbesteck für die großen Tafeln und hielt den Blick gesenkt, wenn jemand sie ansprach. Man sprach sie selten mit ihrem Namen an. Meist war es einfach „Du“ oder „Mädchen“ oder gar nichts.
Ihre Halbschwester Quinn hingegen war das lebende Ideal des Rudels. Das Mondsichelmal prangte makellos auf ihrer Schulter, ein perfektes, schimmerndes Symbol ihrer Bestimmung. Quinn besaß langes, goldenes Haar, das im Licht wie gesponnenes Sonnenlicht aussah, smaragdgrüne Augen und eine Anmut, die selbst die ältesten Wölfe innehalten ließ. Das Rudel verehrte sie bereits jetzt als zukünftige Luna. Man flüsterte von der großen Allianz, die durch ihre Verbindung mit dem mächtigen Erben des BlackthornRudels besiegelt werden sollte. Quinn wurde in die feinsten Stoffe gekleidet, mit Juwelen geschmückt und in allen Künsten unterrichtet, die eine Herrscherin beherrschen musste.
Harley beobachtete dies alles aus den dunklen Ecken. Sie sah die Dienerinnen, die Quinns Haare flochten, die Schneiderinnen, die ihre Gewänder anpassten, die Wachen, die sie mit Ehrfurcht umgaben. Und jedes Mal, wenn Quinn lachte oder lächelte, spürte Harley einen kleinen, scharfen Stich in der Brust. Nicht nur Neid. Sondern auch etwas Warmes, etwas, das sie fast vergessen hatte.
Denn Quinn hatte sie nie wie Dreck behandelt.
Trotz der Kluft zwischen ihnen, trotz der offensichtlichen Bevorzugung, hatte Quinn immer wieder kleine Gesten der Güte gezeigt. In stillen Momenten, fernab der neugierigen Blicke, hatte sie Harley ein Stück warmes Brot zugesteckt, eine Decke gebracht, wenn die Nächte besonders kalt waren, oder einfach nur mit ihr gesprochen. Als wäre Harley eine Person. Als wäre sie jemand wert.
„Du bist mehr als das, was sie dir antun“, hatte Quinn einmal leise gesagt, als sie Harley dabei ertappt hatte, wie sie allein in der Speisekammer saß und stille Tränen vergoss. „Dein Herz ist stärker als ihres alle zusammen. Vergiss das nie.“
Harley hatte damals nur genickt. Sie glaubte nicht wirklich daran. Doch die Worte hatten sich in ihr festgesetzt wie ein Funke in trockenem Laub.
Nun stand das große Bankett bevor. Das Bankett, das die Allianz zwischen Silvercrest und Blackthorn endgültig besiegeln sollte. Der junge AlphaErbe Daniel war mit seinem Gefolge eingetroffen. Die Gerüchte über ihn hatten das Rudel seit Monaten in Aufruhr versetzt. Man erzählte, Daniel sei kalt wie der Winterwind, unbarmherzig im Kampf und von einer Schönheit, die Männer erzittern und Frauen erröten ließ. Seine Augen sollen die Farbe von Gewitterwolken haben, tief grau und durchdringend. Niemand hielt seinem Blick lange stand.
Harley hatte die Aufgabe erhalten, die Gästezimmer vorzubereiten. Sie trug Stapel frischer Leinentücher, füllte Krüge mit klarem Wasser, stellte Blumen in Vasen und prüfte, ob die Kamine richtig loderten. Ihre Hände waren rau vom vielen Arbeiten, ihre Fingernägel kurz und abgebrochen. Als sie an der schweren Eichentür zu Daniels Gemach vorbeiging, bemerkte sie, dass diese einen Spaltbreit offen stand.
Stimmen drangen heraus. Tief. Ernst. Gefährlich.
Sie hätte weitergehen sollen. Jeder vernünftige Diener hätte den Kopf gesenkt und wäre verschwunden. Doch etwas hielt sie fest. Ein Instinkt. Ein Flüstern in ihrem Blut.
Harley drückte sich gegen die kalte Steinwand und lauschte.
„Die Verbindung muss unzerbrechlich sein“, sagte Alpha Viktor mit seiner gewohnten, befehlsgewohnten Stimme. „Quinn trägt das Mal. Sie ist die perfekte Wahl. Das Rudel wird die Allianz akzeptieren. Dein Vater und ich haben lange genug verhandelt.“
Eine Pause entstand. Dann antwortete eine andere Stimme. Tief. Rau. Mit einem Timbre, das Harley einen Schauer über den Rücken jagte.
„Ich brauche keine Perfektion, Viktor. Ich brauche Kontrolle. Und Nachkommen. Je schneller, desto besser.“
Das war Daniel. Kein Zweifel.
Viktor lachte kurz und trocken. „Quinn wird dir beides geben. Sie ist gehorsam, gesund, fruchtbar. Die Heiler haben es bestätigt. Sie wird dir starke Welpen schenken.“
Wieder Stille. Dann Daniels Stimme, diesmal kälter, schärfer.
„Ich rede nicht von Quinn.“
Harley erstarrte. Ihr Herz hämmerte plötzlich so laut, dass sie fürchtete, man könne es hören.
„Sondern?“, fragte Viktor misstrauisch.
„Von der anderen“, sagte Daniel ruhig. „Der Unmarkierten. Harley.“
Der Name fiel wie ein Stein in stilles Wasser.
Viktor schnaubte ungläubig. „Meine Bastardtochter? Sie ist wertlos. Ohne Mal. Ohne Status. Eine Dienerin, nichts weiter.“
„Genau deshalb“, erwiderte Daniel. Seine Worte klangen wie ein endgültiges Urteil. „Niemand wird sie vermissen. Niemand wird nachfragen. Ich nehme sie. Ich benutze sie. Ich schwängere sie. Nach der offiziellen MatingZeremonie mit Quinn entsorge ich sie. Das Kind wird das Blut beider Rudel in sich tragen. Die Allianz ist durch Blut besiegelt. Und Quinn bleibt die makellose Luna für die Augen der Welt.“
Harley presste die Faust gegen den Mund. Übelkeit stieg in ihr auf. Ihr Körper zitterte unkontrollierbar. Wut, Entsetzen, blanke Angst vermischten sich zu einem Sturm in ihrer Brust.
Viktor schwieg lange. Schließlich sagte er leise: „Du bist ein kaltblütiges Monster, Daniel.“
„Und du bist ein schwacher Narr, wenn du glaubst, Gefühle würden ein Rudel regieren“, gab Daniel zurück. „Nur Macht zählt. Und Blut. Ich nehme, was ich brauche. Der Rest ist unwichtig.“
Harley wich zurück. Ihre Ferse stieß gegen den Eimer, den sie abgestellt hatte. Wasser schwappte über den Boden.
Die Stimmen verstummten abrupt.
Die Tür flog auf.
Daniel stand da.
Größer, als die Gerüchte ihn beschrieben hatten. Breite Schultern unter einem schwarzen Mantel, dunkles Haar, das ihm lässig in die Stirn fiel. Und diese Augen. SturmGrau. Intensiv. Gefährlich.
Sein Blick traf ihren.
Die Welt kippte.
Etwas riss in Harley auf. Ein Band. Ein Feuer. Ein uraltes, wildes Etwas, das sich um ihre Seele schlang und zog. Sie spürte es bis in die Knochen. Ein Sehnen. Ein Hunger. Ein Erkennen.
Unmöglich.
Sie war unmarkiert. Sie konnte keine Gefährtin sein.
Doch Daniels Pupillen weiteten sich. Sein Atem stockte. Ein tiefes, animalisches Knurren stieg in seiner Kehle auf. Nicht aggressiv. Sondern hungrig. Besitzergreifend.
„Du“, flüsterte er heiser.
Harley drehte sich um und floh.
Sie rannte blindlings durch die Gänge, die Treppe hinunter, durch die Küche, hinaus in die eisige Nacht. Schnee fiel in dichten Flocken. Der Wind heulte. Ihre Lungen brannten. Tränen gefroren auf ihren Wangen.
Hinter dem alten Stall sank sie in den Schnee. Sie schlang die Arme um sich und zitterte.
Der Vollmond stand hoch und hell am Himmel.
„Warum?“, flüsterte sie in die Dunkelheit. „Warum ich? Warum jetzt?“
Keine Antwort kam.
Doch tief in ihr wusste sie es bereits.
Sie würde Quinn schützen.
Egal, was es kostete.
Sie würde nicht zulassen, dass Daniel oder ihr Vater Quinn zerstörten. Quinn verdiente das Leben, das man ihr versprochen hatte. Sie verdiente Liebe. Sicherheit. Einen Thron.
Und Harley? Sie war gewohnt, nichts zu besitzen.
Doch dieses Band... dieses verbotene, unmögliche Band... es änderte alles.
Schwere Schritte näherten sich im Schnee.
Harley hob den Kopf.
Daniel trat um die Ecke.
Er trug nur Hemd und Hose trotz der beißenden Kälte. Dampf stieg von seiner Haut auf. Seine Augen glühten silbern im Mondlicht.
„Lauf nicht vor mir weg“, sagte er leise, fast sanft.
Harley kämpfte sich auf die Beine. Ihre Knie zitterten. Doch sie reckte das Kinn.
„Ich habe alles gehört“, sagte sie mit brechender Stimme. „Du wirst Quinn nicht anrühren. Und mich... mich wirst du nicht brechen.“
Daniel kam näher. Langsam. Wie ein Raubtier, das seine Beute nicht verscheuchen wollte.
„Ich habe meine Pläne geändert“, sagte er rau.
Harley lachte bitter. „Weil du dieses Ding zwischen uns gespürt hast? Weil das Band erwacht ist?“
Er blieb stehen. Nur einen Atemzug entfernt.
„Weil du meine Gefährtin bist“, knurrte er. „Und ich habe noch nie etwas so sehr gewollt wie dich. Genau jetzt. Genau hier.“
Harley schüttelte den Kopf. Tränen liefen über ihre Wangen. „Ich bin nichts. Unmarkiert. Wertlos.“
Daniel hob die Hand. Seine Finger strichen federleicht über ihre Wange. Die Berührung war wie ein Blitz. Hitze explodierte in ihr. Verlangen. Sehnsucht. Verbotenes Feuer.
„Du bist alles“, sagte er mit rauer Stimme. „Und ich werde dich nehmen. Heute Nacht. Und jede Nacht danach. Für immer.“
Harley wich zurück. „Nein. Nicht so. Nicht für deine Intrigen.“
Daniel lächelte. Ein dunkles, wissendes Lächeln.
„Du kannst nicht widerstehen“, murmelte er. „Dein Körper ruft bereits nach mir. Ich rieche es. Ich fühle es.“
Er hatte recht.
Die Hitze zwischen ihren Schenkeln war nicht zu leugnen. Das Pochen in ihrem Blut. Das Verlangen, das sie fast zerriss.
Doch sie dachte an Quinn.
An das Mädchen, das ihr einmal Güte geschenkt hatte.
„Ich werde kämpfen“, flüsterte Harley.
Daniel neigte den Kopf. Seine Augen funkelten.
„Dann kämpfe, kleine Wölfin. Aber wisse eines: Ich verliere nie.“
Er drehte sich um und verschwand in der Nacht.
Harley sank zurück in den Schnee.
Der Morgen graute bereits am Horizont.
Mit ihm kam die Gewissheit.
Es würde einen Krieg geben.
Zwischen Pflicht und Verlangen.
Zwischen Schwester und Gefährte.
Zwischen Leben und Untergang.
Und Harley stand genau dazwischen.
Sie ballte die Fäuste im Schnee.
„Ich werde dich nicht gewinnen lassen“, flüsterte sie zum Mond.
Doch in ihrem Herzen wusste sie bereits die Wahrheit.
Der Kampf hatte begonnen.
Und er würde sie beide verzehren.