Ich weiß nicht, warum ich mich zu ihm gesetzt habe. Eigentlich tue ich das nie. Spontane Entscheidungen sind nicht mein Ding. Ich plane. Ich strukturiere. Ich funktioniere.
Aber da saß ich. Neben Logan Reyes, dem stillsten Typen auf dieser ganzen Schule. Auf der Tribüne, während alle anderen ihre Masken längst wieder aufgesetzt hatten. Und plötzlich fühlte sich mein Gesicht seltsam nackt an, ohne das Dauerlächeln.
›Nicht denken. Weiterlaufen.‹ So war das eigentlich. Nach dem Spiel. Nach dem Applaus. Nach dem perfekten Cheer.
Doch diesmal war es anders. Und ich war anders. Für ein paar Minuten.
Er hatte nicht viel gesagt. Und trotzdem war da... Etwas gewesen. Nicht flirty. Nicht creepy. Nur... Still. Still, aber nicht leer.
Als ich nach Hause kam, fragte Mom nicht viel. Sie war am Handy, wie immer. Mein kleiner Bruder schrie nach Aufmerksamkeit, wie immer. Ich murmelte, etwas von ›Spiel war gut‹ und schob mich ins Bad.
Ich schloss die Tür ab, stellte mich vor den Spiegel und betrachtete mein Gesicht.
Mascara leicht verschmiert. Lippenstift blasser als vorher. Und die Augen – müde.
Nicht von heute. Von immer.
Ich zog die Mundwinkel hoch.
»Tessa Carter«, sagte ich zu meinem Spiegelbild. »Cheer Captain. Top of the class. All smiles, no flaws.«
›Lächeln auf Befehl.‹ ›Lächeln, damit niemand fragt.‹ ›Lächeln, weil du sonst zerfällst.‹
Ich ließ das Gesicht wieder fallen. Nur ich. Ohne Make-up, ohne Haltung.
Und dann, ohne dass ich es wollte, tauchte sein Gesicht in meinem Kopf auf.
Diese ruhige Art. Die Stimme, tief und trocken. Diese verdammten Blasen auf seinen Händen. Wer zeigt schon freiwillig seine Schwächen?
Ich schüttelte den Kopf. ›Nicht romantisieren, Tessa. Du hast keine Zeit für sowas.‹
Ich hatte Termine. Prüfungen. Cheertraining. Erwartungen.
»Du darfst nicht weich werden«, flüsterte ich. »Weich ist gefährlich.«
Ich duschte schnell, zog mir Shorts und ein altes Camp-Shirt an und warf mich auf mein Bett. Ich scrollte durch mein Handy. 92 neue Benachrichtigungen. Gruppenchat. Kommentare. Likes. Ich tippte kurz etwas, setzte zwei Emojis, stieg wieder aus.
Ich hatte keine Lust, irgendwas zu sagen. Zu niemandem.
Und dann war da diese Nachricht. Von einer Nummer, die ich nicht gespeichert hatte.
»Wenn du mal keine Lust auf Applaus hast – Tribüne ist frei.«
Ich starrte auf den Bildschirm. Mein Herz machte einen kurzen Sprung.
›Wie kommt er an meine Nummer?‹ Ich wusste es eigentlich. In dieser Schule kommt jeder an alles, wenn er will. Aber die Frage war eine andere: Warum schreibt er mir?
Ich legte das Handy weg, ohne zu antworten.
Aber ich wusste, ich würde morgen nach ihm suchen. Nicht, um zu flirten. Nicht, um ihn zu küssen. Nicht mal, um mit ihm zu reden.
Sondern weil ich das Gefühl hatte, dass er mich vielleicht für ein paar Minuten nicht bewertet.
Und das allein war mehr, als ich von fast allen anderen hier bekam.