Logan - Die neue Routine

550 Words
Es war erst Montag, und ich hatte schon genug von dieser Woche. Ich saß auf der Tribüne, auf meinem üblichen Platz, zur gewohnten Zeit. Die Jungs waren noch beim Umziehen, und die Trainer schrien irgendwo auf dem Nebenplatz. Ich kaute Kaugummi, ohne Musik in den Ohren, nur mit meinen Gedanken. Normalerweise sind meine Tage einfach: Aufstehen, Joggen, Schule, Baseball, Essen, Schlafen und dann wieder von vorne. Wenig Gerede, kaum Nähe, keine Erwartungen. ›Routine schützt dich‹, hat mein Dad immer gesagt. Er hatte nicht unrecht, aber er hatte auch keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn die Routine anfängt, sich wie ein Käfig anzufühlen. Und dann hatte ich ihr geschrieben. Tessa Carter, die Cheerleaderin. Strahlend, laut, makellos – und trotzdem irgendwie... Müde. Ich wusste nicht, warum ich ihre Nummer besorgt hatte. Vielleicht wollte ich sehen, ob sie antwortet, vielleicht wollte ich wissen, ob sie zurückkommt. Oder vielleicht hatte ich einfach das Gefühl, dass sie gerade genauso wenig schlief wie ich. »Wenn du mal keine Lust auf Applaus hast – Tribüne ist frei.« Einfach so rausgeschickt, ohne Plan, ohne Hoffnung. Sie hatte nicht geantwortet, kein Punkt, kein Herz, keine Reaktion. Aber ich hatte gesehen, dass sie's gelesen hatte. Und das reichte. Ich nahm den Baseball in meiner Hand und ließ ihn immer wieder gegen meine Fingerspitzen tippen. Dreimal, Pause, wieder dreimal. Der Rhythmus beruhigte mich, die Geräusche auch, aber meine Gedanken nicht so sehr. ›Sie kommt nicht‹, sagte ich mir. ›Warum sollte sie auch?‹ Und dann hörte ich Schritte. Leicht, schnell. „Ich habe sie nicht sofort bemerkt. Erst als sie neben mir langsamer wurden, drehte ich mich um. »Der Applaus war heute besonders laut«, sagte sie und setzte sich hin. Ich drehte mich leicht zu ihr um. Sie trug einen Hoodie, nicht ihr Schulshirt. Ihre Haare waren hochgesteckt und sie trug kein Make-up. »Vielleicht war's auch nur der Wind.« Ich sagte es leise, fast grinsend. Sie lachte kurz, aber es klang echt. »Tut mir leid, dass ich gestern nichts geschrieben hab.« Ich zuckte mit den Schultern. »Hätte mich nur gewundert, wenn du's getan hättest.« »Wieso das?« Ich sah sie direkt an. »Weil du nicht der Typ bist, der sich gern erwischen lässt, wenn er mal echt ist.« Sie sagte nichts und sah geradeaus. Dann zog sie die Knie an ihre Brust und stützte das Kinn darauf ab. »Vielleicht will ich nicht, dass jemand sieht, was unter dem Lächeln ist.« Ich nickte. »Vielleicht sehen's aber sowieso schon alle. Sie schauen nur nicht hin.« Ein Moment lang war nur Wind da. Leicht. Kühl. Aber nicht unangenehm. Ich merkte, dass mein Fuß sich leicht bewegte. Tippen, tippen, tippen. Routine, wieder. Auch, wenn sie jetzt direkt neben mir saß. »Ich mag die Tribüne«, sagte sie. »Hier ist es ruhig. Niemand erwartet was von mir.« »Deshalb bin ich hier.« Sie sah mich wieder an. »Und? Hilft's?« Ich dachte kurz nach. »Nicht immer. Aber es ist besser als alles andere.« Sie lächelte. Nicht fröhlich. Mehr... Dankbar. Wir saßen noch eine Weile da. Ohne Zeitdruck. Ohne Plan. Ich fragte mich, wann aus einem Ort einfach nur ein Ort wird – und wann er plötzlich ein Treffpunkt ist. Vielleicht war das hier die neue Routine. Nicht geplant. Nicht perfekt. Aber echt. Und das war mehr, als ich seit langer Zeit hatte.
Free reading for new users
Scan code to download app
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Writer
  • chap_listContents
  • likeADD