Der Fall von Ashclaw**
Blut.
Es bedeckte ihre Zunge wie Eisen und Salz, ein Geschmack, den sie längst nicht mehr fürchtete. Der Stich auf ihrer Wange brannte noch von dem Schlag, scharf und präzise. Vivienne hielt sich nie zurück.
„Wie kannst du es wagen, mich so anzusehen?“ Viviennes Stimme tropfte vor Gift, als sie sich vorbeugte, die Finger um Kaelas Kiefer klammernd. Nägel bissen tief genug, um Blut zu versprechen. „Für wen hältst du dich eigentlich? Wie kannst du es wagen, deinen Namen für die Selection einzureichen?“
Kaela spuckte. Die Mischung aus Blut und Speichel zog sich über Viviennes sorgfältig geschminktes Gesicht und zerstörte die perfekte Maske aus Foundation.
„Du—“
„Habe ich nicht“, schnitt Kaela ihr das Wort ab, die Stimme tief und ruhig. „Glaub, was auch immer dir besser schlafen hilft.“
Viviennes Lippe kräuselte sich. Sie stieß hart. Kaela prallte auf den kalten Steinfußboden, die Handflächen schabten sich roh an der rauen Oberfläche auf, als sie rutschte. Bevor sie sich erheben konnte, bohrte sich ein Stilettabsatz in den Rücken ihrer Hand. Knochen und Fleisch gaben unter dem Druck nach. Ein roher Schrei riss sich aus ihrer Kehle.
„Du bist nichts“, zischte Vivienne. „Halbblut-Müll. Kein eigener Wolf und trotzdem schwach gegen Wolfsbann wie der Rest von uns. Deine menschliche Mutter hat dich weich gemacht. Du hast Glück, dass Vater dich als Dienerin behält, statt dich in die Gosse zu werfen.“
Finger verwickelten sich in Kaelas Haar und rissen ihren Kopf in einem brutalen Winkel zurück. Warmer Atem streifte ihr Ohr.
„Bleib an deinem Platz, Kaela. Greif noch einmal nach etwas, das über dir liegt, und ich werde mehr als nur deine Hände zerbrechen.“
Der Griff verschwand. Absätze klickten den Korridor hinunter und verklangen in der Stille.
Kaela drückte sich hoch, Blut tropfte von ihrer gespaltenen Lippe auf den Stein. Verrückte, eifersüchtige Schlampe. Vivienne reagierte immer über, sobald jemand ihren Anspruch als zukünftige Luna von Ashclaw bedrohte. Hunderte von Mädchen hatten sich für die Selection eingetragen. Selbst ohne Kaelas Namen wäre Vivienne nie gewählt worden. Ihr Rudel war zu klein, zu schwach, als dass der Alpha-König von Nightreign es bemerken würde.
Wer auch immer ihren Namen eingereicht hatte, hatte es aus nur einem Grund getan: um Vivienne explodieren zu sehen. Und Vivienne fand es immer heraus.
Die Kriegsglocken begannen zu läuten.
Kaelas Kopf schnellte hoch. Der Klang rollte durch das Rudelhaus wie ferner Donner.
„Kaela!“
Lena bog um die Ecke, rannte, die Augen weit aufgerissen. „Dank dem Mond – da bist du!“
„Lena. Was ist los?“ Kaela wischte sich Blut vom Mund. „Das sind die Kriegsglocken.“
„Wir müssen gehen. Jetzt.“ Lena packte ihr Handgelenk. Schmerz flammte durch die frischen Wunden, aber Lena merkte es nicht. Sie zerrte Kaela zur Tür. „Es ist Nightreign.“
„Nightreign? Die Selection ist erst in einer Woche. Warum—“ Kaelas Gesicht verhärtete sich. „Greifen sie uns an?“
Lena schüttelte heftig den Kopf. „Nightreign wurde angegriffen. Der Alpha-König ist tot. Gestürzt. Jedes benachbarte Rudel brennt. Ashclaw ist als Nächstes dran. Wir rennen oder wir sterben.“
Die Worte trafen wie Eiswasser. Nightreign hatte jahrhundertelang geherrscht. Keine Herausforderung war je erfolgreich gewesen. Die Selection für ihre Luna war die höchste vorstellbare Ehre gewesen – Prestige, Macht, ein Leben weit entfernt von Dienerquartieren und Stilettabsätzen.
Sie rasten durch die Kellergänge, dann die Treppen hinauf. Möbel lagen umgestürzt. Rauch zog bereits durch die Hallen. Durch zersplitterte Fenster sah Kaela das Gelände: Flammen verschlangen Baracken und Lagerhäuser, Körper lagen verstreut über die Erde – Krieger, Mütter, Kinder. Niemand war verschont worden.
Ein Heulen zerriss die Nacht, tiefer und kälter, als es je ein Ashclaw-Wolf hervorgebracht hatte.
Einer nach dem anderen fielen ihre Kämpfer.
Sie hatten fast die untere Halle erreicht, als die Wand explodierte.
Die Explosion schleuderte sie beide über den Korridor. Kaelas Rücken krachte gegen Stein. Die Welt dröhnte. Wärme tropfte die Seite ihres Gesichts hinunter. Als ihre Finger wegnahmen, waren sie rot.
Lena stöhnte unter einer Streu von Trümmern, schob dann die Steine beiseite und taumelte herüber. Die Werwolfsheilung knüpfte bereits die schlimmsten ihrer Verletzungen. Sie zog Kaela hoch, legte den Arm um ihre Schultern und trug sie halb vorwärts.
Sie schafften nur ein paar Schritte, bevor der Duft sie traf.
Er schnitt durch Rauch, Blut und Staub wie eine Klinge. Etwas Wildes und Dunkles und unmöglich Vertrautes. Kaelas Beine verriegelten sich. Ein Instinkt, älter als der Gedanke, brüllte durch ihr Blut und verlangte, dass sie die Quelle fand.
Lenas Stimme zerfiel in Statik. Die Luft wurde heißer. Jedes Haar an Kaelas Armen stellte sich auf.
Sie drehte sich um.
Über den brennenden Hof hinweg, durch das Chaos sterbender Wölfe und zusammenbrechender Balken, stand eine Gestalt unbewegt von dem Gemetzel. Groß. Still. Sie beobachtete sie, als hätte der Rest der Welt bereits aufgehört zu existieren.
Selbst über die Entfernung hinweg erreichte seine Stimme sie mit perfekter Klarheit – tief, rau und gewiss.
„Endlich habe ich dich gefunden, kleines Kaninchen.“
….
„Du…“
Kaela machte einen unsicheren Schritt rückwärts, während jeder Nerv in ihrem Körper schrie, vorwärts zu gehen. Der Sog war gnadenlos – ein Schmerz, der in ihren Knochen lebte, in der Höhlung ihrer Brust, in der plötzlichen Hitze, die ihre Adern überflutete. Dieser Duft. Diese Stimme. Es gab nur noch eine Erklärung.
Dieser Mann war ihr Mate.
Jeder Werwolf wusste, was das bedeutete, selbst ein Halbblut-Versager wie sie. Die andere Hälfte einer Seele. Die eine Person, die dich bis zum letzten Atemzug lieben und schützen sollte. Als niedrigste Dienerin des Rudels hatte sie längst jede Hoffnung aufgegeben, ihren innerhalb der Mauern von Ashclaw zu finden. In den schlimmsten Nächten hatte sie sich auf ihrer dünnen Matratze im Keller zusammengerollt und ihn erfunden – einen starken, gütigen Alpha aus irgendeinem fernen Rudel, der sie forttragen und zu seiner Luna machen würde. Der Traum starb immer mit dem ersten Morgenlicht.
Nun stand der Traum vor ihr, und er hatte Zähne.
Ein schwaches, gebrochenes Lachen glitt aus ihrer Kehle. Von all den Wegen, wie ihre Fantasie wahr werden konnte, hatte sie sich das nie vorgestellt: ihr Mate, der mitten im Gemetzel des einzigen Zuhauses stand, das sie je gekannt hatte.
Sie hatte Ashclaws Grausamkeit gehasst. Sie hatte nie gewollt, dass seine Leute wie Tiere abgeschlachtet wurden. Wenn jemand diese Rache verdient hatte, dann sie. Selbst das war ihr gestohlen worden.
Ihr Herz hämmerte so hart, dass sie es in den Zähnen spürte. Die Mate-Bindung krallte sich an ihre Selbstbeherrschung und verlangte, dass sie die Distanz schloss. Sie zwang sich, verwurzelt zu bleiben, als er begann, auf sie zuzugehen. Jeder Schritt zog die unsichtbare Kette um ihre Rippen enger. Der Atem wurde flach. Die Sicht weichte an den Rändern.
„Was… was hast du mich genannt?“ brachte sie hervor und machte einen weiteren Schritt zurück. Ihre Beine zitterten unter der Anstrengung des Widerstands.
Er blieb erst stehen, als er vor ihr stand, nah genug, dass sein Duft alles andere ertränkte – Rauch, Blut, brennendes Holz. Sie konnte nicht anders, als hinzusehen. Wenn das das Gesicht ihres Todes war, war es ein schönes.
Schwarzes Haar in der Farbe einer sternenlosen Nacht. Augen wie Wintereis. Ein Körper, gebaut für den Krieg, die Kraft davon schlecht verborgen unter dunkler Kleidung. Und die linke Seite seines Gesichts hinunterlaufend eine dünne, blasse Narbe – der einzige Makel in einem ansonsten verheerenden Gesicht. Das Mal ruinierte ihn nicht. Es schärfte ihn. Machte die Kälte in seinen Augen verdient.
„Kleines Kaninchen“, sagte er, die Stimme tief und rau. „Lügen ist eine Sünde. Ich kann dein Herz hören. Du willst mich.“
Ein weicher, unwillkürlicher Laut entwich ihrer Kehle. Allein der Klang seiner Stimme reichte aus, dass ihre Knie drohten nachzugeben.
„Ich habe nur gefragt, wie du mich genannt hast“, antwortete sie und versuchte vergeblich, ihre Stimme ruhig zu halten.
„Du kämpfst gegen den Teil von dir, der näher kommen will.“ Sein Mund krümmte sich, langsam und wissend. „Du wirst das Feuer nie spüren, wenn du zu viel Angst vor dem Brand hast.“
Sie runzelte die Stirn und trat erneut zurück. „Ich kenne dich nicht einmal.“
Ein Flackern von Missfallen zog über sein Gesicht. Etwas tief in ihr zuckte zusammen, ein instinktiver Drang, auf die Knie zu fallen und um Verzeihung zu bitten. Sie zerdrückte ihn. Sie war bereits tot. Es hatte keinen Sinn, so zu tun, als wäre es anders. In dem Moment, in dem er erfuhr, dass sie keinen Wolf hatte, würde er beenden, was der Rest von Nightreign begonnen hatte.
„Ich bin Ronan Kingsley“, sagte er.
Der Name landete wie ein Stein in stilles Wasser. Die Erkenntnis traf eine Sekunde später.
„Ronan Kingsley – du bist Cassius Kingsleys Sohn?“ Schock zerbrach ihre Stimme. „Wie lebst du noch? Deine Familie wurde ausgelöscht, nachdem dein Vater—“
Der Rest des Satzes verließ ihren Mund nie.
Er bewegte sich schneller als der Gedanke. Einen Moment stand er ein paar Schritte entfernt; im nächsten war seine Hand um ihre Kehle geschlossen und hob sie rein vom Boden. Mate-Kontakt hätte sich wie Vergnügen anfühlen sollen. Stattdessen brannte er – Verlangen und Terror so eng verflochten, dass sie sie nicht mehr unterscheiden konnte. Ihre Füße traten nutzlos gegen die Luft. Ihre Hände kratzten an seinem Handgelenk.
„W-warum… lass… los…“ Die Worte kamen als gebrochene Keuchen.
Er schüttelte sie einmal, hart genug, dass ihre Sicht weiß aufblitzte. „Sprich. Niemals. Von. Meinem. Vater.“
Jedes Wort war eine separate Strafe. Sie konnte nur ein hektisches, ruckartiges Nicken schaffen.
„Hör auf! Lass sie los!“
Lenas Stimme schnitt durch das Brausen in Kaelas Ohren. Kaela versuchte, eine Warnung zu schreien, ihr zu sagen, sie solle wegrennen, aber kein Laut kam.
Ronans Blick glitt an Kaela vorbei zu dem Mädchen hinter ihr. Etwas Hässliches und Amüsiertes verzerrte seinen Mund.
Mit einem letzten, verächtlichen Druck warf er Kaela beiseite. Sie prallte hart gegen die Wand und sackte zusammen, die Lungen schrien nach Luft, die nicht schnell genug kam.
„Kaela!“ Lena sprintete auf sie zu.
Kaelas Augen weiteten sich. Hinter Lena hatte Ronan sich bereits gebückt und einen langen Stahl-Schüreisen aus den Trümmern gegriffen. Er bewegte sich mit der beiläufigen Grazie eines Raubtiers, das den Ausgang bereits entschieden hatte.
„Lena – hinter dir!“ Kaelas Stimme war kaum mehr als ein Krächzen.
Zu spät.
Das Schüreisen stieß mit einem nassen, schrecklichen Geräusch durch Lenas Rücken und platzte aus ihrem Bauch in einer Fontäne von Rot. Blut bemalte Kaelas Gesicht in warmen Tropfen. Lenas Körper zuckte einmal, dann faltete er sich zusammen wie eine Puppe, deren Fäden durchgeschnitten worden waren.
Kaela starrte, unfähig, den Blick von dem sich ausbreitenden Scharlachrot zu wenden, von der stillen Gestalt der einzigen Person, die je versucht hatte, sie zu schützen.
„Du Monster!“